Kleinfritzchen und wie es die Welt sieht. Ein Roman mit unermüdlich vielen Folgen
von Kusanowsky
Die unaufhörliche Beschwerde über die Dummheit der anderen, gemeint ist damit Kleinfritzchen und wie es die Welt sieht, ist, auch wenn der Gedanke schwer fällt, höchst bedeutungsvolle soziale Leistung der Gesellschaft. Das sei so erklärt:
Wer sich durch die Dummheit der anderen bedrängt, übervorteilt, gestört oder sich sonst wie in Sachen Freiheit, Vernunft und Frieden unzumutbar belästigt fühlt, macht damit nicht eigentlich auf die eigene Dummheit aufmerksam, wie man das landläufig sehen möchte, sondern bekennt sich zum Einverständnis mit einer sozialen Chancenlosigkeit, von der man nur selbst betroffen ist und mit der man nur selbst zurecht kommen will.
Denn wenn die Dummheit der andern das störende Element wäre, das zum eigenen Nachteil führe, so wäre gar nicht zu erkennen, warum diejenigen, die solches behaupten, in den Nachteil geraten, wenn sie sich selbst für klüger halten wollten. Gesetzt, die Beschwerdeführer wären die Klügeren, wie könnten sie durch ihre Klugheit einen Nachteil erfahren? Geschieht dies nicht aufgrund, sondern trotz ihrer Klugheit? Klugheit wäre dann nicht das, woraus sich ein Vorteil ergeben könnte, weil man sich ja aufgrund der Dummheit der anderen im Nachteil sieht. Klugheit wäre dann für etwas anderes zu gebrauchen, jedenfalls nicht um Vorteile zu erlangen.
Müsste das nicht heißen, dass die Dummheit der anderen keineswegs der Grund für den Vorteil der Dummen ist? Dass vielleicht auch hier das gleiche gelten mag: nicht aufgrund ihrer Dummheit sind sie im Vorteil, sondern trotz dieser? Im Vorteil sind also immer die anderen – sagt, wer sich selbst für klüger halten darf, ohne die eigene Klugheit zum Vorteil nutzen zu können (oder zu wollen).
Was heißt das denn, wenn man nicht einfach behaupten will, dass diejenigen, die sich selbst für klüger halten, sich nur darin irrten? In dem Fall lautet die Einsicht: sie nutzen ihre Klugheit um eine soziale Chancenlosigkeit, obgleich sie nicht zu rechtfertigen ist, hinzunehmen, zu akzeptieren, um mit ihr einverstanden sein zu können; ja sie gleichsam als Geschenk Wert zu schätzen. Eine solche Klugheit ist reine Faulheit und eigentlich ein gutes Zeichen: sie wird nicht dazu genutzt, Vorteile zu erlangen, sondern den Vorteil der anderen zu legitimieren, zu bestätigen und zu akzeptieren. Und man bedenke bitte: noch hat sich jeder über die Dummheit der anderen beschwert, jeder also nutzt die eigene Klugheit um die Chancenvorteile der anderen zu schätzen, ohne sie gleichwohl genießen zu können.
Gestützt wird diese Überlegung dadurch, dass sich alle über die Dummheit der anderen beschweren, aber keiner beschwert sich über die eigene Dummheit. Dass sich alle, was ihre eigene Klugheit angeht, im Irrtum befinden, ist höchst unwahrscheinlich. Mit einem Wort: diese Klugheit (die Beschwerde über die Dummheit der anderen) ist eine Art soziale Selbstlosigkeit. Die rechtschaffende Empörung über die Dummheit der anderen ist nur der legitime Preis für eine Wohltat, die jeder jedem antut.
Jetzt ist mir aber ziemlich schwindelig im Kopf: Wer hat das verstanden, fragt mein innerer Klassenlehrer? Alle schauen bedeppert nach unten, ich, wie immer vorlaut, hebe Arm und Zeigefinger, zu spät, der Leher hat’s gesehen, also stehe ich langsam und etwas gequält auf und beginne:
1) Alle anderen sind dumm, nur ich nicht.
2) Das ist ja das Dümmste, was einer denken kann.
3) Schon mal etwas von Blindem Fleck oder Selbstüberschätzung gehört?
4) Da wird ein Trottel Bürgermeister: ich schreie empört auf!
5) Wie kann das sein, wo der doch blöd ist?
6) Junge, überlege man: Warum bist du nicht Bürgermeister geworden?
7) Weil ich nicht kandidiert habe: ich bin klug genug, zu wissen, dass ich
als Bürgermeister nicht geeignet wäre. Deshalb.
8) Der gewordene Bürgermeister wusste das schliesslich auch, aber:
er spekulierte auf die Dummheit (Unwissenheit) der anderen, die
das (noch) nicht so sahen. Er wollte einfach die Stellung erringen,
getragen von der Überlegung, für einen Legislaturperiode würde seine
geistige Kapazität schon reichen. Dann könnte man ja schliesslich
weiter sehen. Auf jeden Fall hätte man für sich einen Mindestpensions-
anspruch in der Tasche. Das ist doch zumindest strategisch klug, oder?
9) Wenn jeder so denken würde, dann hätten ja die wirklich Klugen fast
gar keine realen Chancen mehr. Das ist doch ungerecht.
10) Wenn ein Dummer, der etwas riskiert, es dann auch noch zu etwas
bringt, das ist doch dann gerecht, oder? Erfolg zählt eben.
11) Das stimmt auch wieder, das ist einzuräumen: ich hätte diesen Dummen
nicht dumm schimpfen dürfen, denn das war dumm von mir und
folglich auch ungerecht. Ich schäme mich. Ich gönne ihm also seinen
Erfolg. Aber es bleibt dabei: Der gewählte Bürgermeister ist sehr
dumm, wenn er glaubt, man würde seine Dummheit nicht bemerken.
Sogar ich habe es ja bemerkt, obwohl ich nun weiss, dass ich selber
dumm bin.
12) Na, wie man sieht, so dumm bist du also gar nicht. Du solltest als der
nächste Bürgermeister kandidieren.
13) Nee, so dumm bin ich wieder nicht: das merken die doch, ich ver-
zichte, damit die wirklich Klugen eine echte Chance bekommen.
hmmmm… ich glaub, ich weiss jetzt niht, ob ich klug sein soll
Die Lösung ist doch ganz einfach:
Überambitionierte Neurowissenschaftler habe kürzlich entdeckt, daß es nicht nur emotionale, sondern auch Intelligenz-Spiegelneuronen gibt. Aus diesem Grund passiert beim Klugen, wenn er Dummen ausgesetzt ist, folgendes: Beim Beobachten von Dummheit feuern seine Grips-Spiegelneuronen Dummheitssignale im eigenen Hirn ab, was in ihm, auf Ebene der Selbstbeobachtung, dann eine psychologische Dissonanz erzeugt: Bin ich nun dumm oder klug? Da er merkt, daß ihm das nur bei Kontakt mit Dummen passiert, wird er ihnen gegenüber genervt und aggressiv.
Man müsste mal zwei kluge und überambitionierte Neurowissenschaftler zusammenführen und überprüfen, ob das bei dieser Begegnug auch noch so funktioniert.
https://twitter.com/SciencePorn/status/358940842490208256
Dummheit kann immer nur die der Anderen sein, weil selbst das Selbst selbst, wollte man es (als Selbst selbst) addressieren, inkriminieren, denunzieren, im deiktischen Akt immer nur fremdreferentiell erreichbar ist.
Daher auch die Scheinheiligkeit, zwischen Koketterie und Subalternität, aller Selbstbezichtigung: Ach, ich bin mal wieder so blöd! Voraussetzung ist die Differenz zwischen mir und mir: dem mir das spricht und dem, das sich selbst nennt.
Die Dummheit ist die sonderbarste aller Krankheiten. Der Kranke leidet niemals an ihr. Aber die anderen leiden.
„Dummheit kann immer nur die der Anderen sein, weil selbst das Selbst selbst, wollte man es (als Selbst selbst) addressieren, inkriminieren, denunzieren, im deiktischen Akt immer nur fremdreferentiell erreichbar ist.“
Das Selbst selbst kann gerade im Kontext des Internets ebenfalls eine Fremdreferenz werden. Temporale aber auch z.T. dissoziative oder erratische (aktuell bspw. thatcan.be/my/next/tweet) Effekte machen dies möglich. Daher kann es durchaus klug sein, dumm zu sein (s. Blinder Fleck); vorausgesetzt man kann dies vor sich lang genug vor sich geheimhalten…
„vorausgesetzt man kann dies vor sich lang genug vor sich geheimhalten“
Was glaubst du wie lang du das noch durchhalten kannst?
Der wirklich „Kluge“ lernt auch von den „Dummen“…
Alles Andere ist wohl Missverständnis.
Auch die Beschwerde gründet auf Irrtum oder Missverständnis.
Wer versteht lernt.
Und wenn man versteht muss man sich nicht beschweren…
(Bei wem denn auch?)
Wenn ein Irrtum bewusst wird, dann können Missverständnisse geklärt werden. (und so weiter…)
Aber nicht jeder Hinweis auf Dummheit/ Unsinn oder Irrtum muss als Beschwerde verstanden werden… Man muss die Einsichten, die man aus der Beobachtung vermeintlicher Dummheiten und Irrtümer trifft doch nicht unbedingt geheim halten…
Im Gegenteil:
Wenn man Dummheiten und Klugheiten nicht kommuniziert, dann geht ein potenzieller gesellschaftlicher Lernprozess nur schleppend vor sich…
Auch im Hinweis auf Dummheiten findet ein Kulturbildungsprozess statt.
Und in der Beurteilung von Dummheiten kann man leicht einem Irrtum aufsitzen, wenn man die eigenen Ansichten verschweigt.
Dann kann es sein, dass man Andere fälschlich als „dumm“ oder „unklug“ kategorisiert, und den Balken im eigenen Auge übersieht.
„Auch im Hinweis auf Dummheiten findet ein Kulturbildungsprozess statt.“
Ja, das sehe ich auch so. Deshalb ja der Artikel oben.