Die unsichere Reputation #wissenschaft #whistleblowing

von Kusanowsky

„Die DFG und die Whistleblower, oder: Mein Versuch, eine Empfehlung zu verstehen“ von Stefan Heßbrüggen bei Carta.

In dem verlinkten Artikel geht es um die Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Sicherung „guter wissenschaftlicher Praxis“, die am 4. Juli um weitere Punkte ergänzt wurden. In dem Artikel wird versucht, aus den Ergänzungen der DFG schlau zu werden, was nicht sehr gut gelingt. Die Analyse zeigt, welche unüberwindbaren Schwierigkeiten sich ergeben, wenn sich durch Forschung, Verdacht, Beweis, Vertrauchlichkeit und Öffentlichkeit Verwicklungen ergeben, die an keiner Stelle eine widerspruchsfreie Behandlung von Beschwerden, die sich auf Verstöße gegen die Regeln der sog. „guten wissenschaftlichen Praxis“ beziehen, zulassen.

Man bemerkt in diesem Artikel wie unheilvoll das Verhältnis von Öffentlichkeit und Verschwiegenheit in der Wissenschaft ist: Wissenschaft kann ohne Öffentlichkeit nicht funktionieren, weil sie keine Geheimveranstaltung sein darf. Aber jede Öfffentlichkeit ist zugleich diejenige Instanz, durch die nicht mehr sicher gestellt werden kann, was eigentlich jeder Wissenschaft voraus gehen sollte, nämlich: sicheres Wissen. Denn sicheres Wissen bezieht bezieht sich ja nicht nur auf die Ergebnisse von Forschungen, sondern auch auf Forschungen, die diese Ergebnisse prüfen.
Viel besser erkennt man aber, dass weniger Verschwiegenheit, Öffentlichkeit oder sicheres Wissen die entscheidenden Probleme sind, sondern die Behandlung von Reputation und Reputationsverlust. Darum geht es hauptsächlich, nicht um Wissen oder Wissenschaft.

Solche Verwicklungen und unauflösbaren Probleme haben eine wichtige Funktion: sie machen immer deutlicher darauf aufmerksam,  dass eigentlich die Bürokratie als staatlich legitimiertes Verfahren der Exklusion von Personen das Problem ist und nicht die Relevanz des Wissens. Nicht das Wissen wird problematisch, sondern das Nichtwissen hinsichtlich der Behandlung von Personen. Dieses Nichtwissen kann allerdings von der Wissenschaft selbst nicht vermindert werden, sondern wird durch Rechtfertigung verkompliziert. Von diesen Verkomplizierungen spricht der oben verlinkte Artikel.

Und es scheint, dass es immer noch nicht kompliziert genug ist. Eigentlich müssten diese Regelungen eines „Wissenschaftsstrafrechts“ so kompliziert sein, dass jede Veröffentlichung von Schriften riskant wird, riskant nicht in Hinsicht auf die Haltbarkeit des Gewussten, sondern auf die Haltbarkeit der Person. War ehedem die Gewinnung sicheren Wissens die Aufgabe wissenschaftlicher Methoden, so scheitert die Wissenschaft heute daran, dass sie für die Verteidung von Reputationssicherheit keine geeigneten Methoden hat.

Der Ausweg könnte sein, eine Wissenschaft ohne Bürokratie zu finden.

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