Differentia

Monat: Juni, 2013

Sensation! Twittern verstößt gegen die Kommunikation

Eine schöne Verwirrungsfalle, wie sie durch eine systemtheoretische Scholastik entsteht, findet sich in dem Facebook-Kommentar, auf den in diesem Tweet verlinkt wird. In dem Facebook-Statement heißt es:

In den meisten Fällen scheint mir dass das, was da auf Twitter passiert, wenig mit Kommunikation im Luhmannschen Sinne zu tun hat. Was für eine Erlebens- & Handlungskoordination kann man schon erwarten, wenn man dazu pro Mitteilung gerade mal 140 Zeichen zu Verfügung hat? Vermutlich keine sehr präzise. Ein Hashtag reicht nicht aus, um genügend Informationen über den Kontext zu geben, in dem ein Tweet einen Sinn machen könnte. So kann man auf Twitter zwar das freie Spiel der Formen beobachten und wie sie sich zu neuen Informationen verbinden und wieder zerfallen. Twitter ist so was wie eine kommunikative Ursuppe, die chaotisch vor sich hin prozessiert.

Via Twitter wird mitgeteilt, dass man via Twitter eigentlich nichts mitteilen kann, das den Ansprüchen der „Schola“ genüge tut. Die Schola verlangt, dass die Kommunikation so funktionieren sollte, dass die Schola an die Kommunikation anschließen kann. Und wenn dies der Schola nicht gelingt, sie sich folglich auf diese Weise nicht plausibel machen kann, so kann die scholastische Kommunikation nicht fortgesetzt werden, auch dann nicht, wenn diese Mitteilung via Twitter wiederum verbreitet und zur Kenntnis gebracht werden kann. Es wird die Kommunikation durch Thematisierung der Ablehnung der Kommunikation fortgesetzt.

Was soll das eigentlich?

Ich tippe in diesem Fall auf einen anspruchsvollen Versuch, Trollkommunikation beobachtbar zu machen, was ja sehr schwierig ist, da in einer ablaufenden Kommunikation keine Außenseite, keine andere Seite operativ erreichbar ist, von der aus die Unterscheidung Kommunikation/Nicht-Kommunikation anschlussfähig wäre. Keine Kommunikation kann nicht passieren. Insofern ist Kommunkation, gerade weil sie nichts anderes vermag als Anschlussfähigkeit herzustellen, nicht mit der Unterscheidung von Kommunikation/Nicht-Kommunikation beobachtbar, weil ja auch diese Unterscheidung schlechterdings nur wieder anschlussfähig ist. Dies führt nun aber nicht dazu, dass eine Theorie, die sich solchermaßen selbstbeobachtbar macht, an Attraktivität verliert, im Gegenteil: sie muss hoch komplex und voraussetzungsreich gestaltet werden, um der beständigen und unhintergehbaren Selbstparadoxierung zu entkommen. Aber dadurch wird sie für sich selbst schwer beobachtbar.

Interessant ist nun aber, dass diese Luhmannsche Theorie nicht unter beliebigen Bedingungen zustande kommen kann, sondern nur unter solchen Bedingungen, die in der Ermessung ihrer Anschlussmöglichkeiten bereits enthalten sind. Eine dieser Bedingungen ist, dass die Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis der Kommunikation keine Relevanz hat, weil ja auch die Theorie nur durch Kommunikation sozial wirksam werden kann. So ist die Theorie der Kommunikation durch Kommunikation ihre eigene Praxis und hat außerhalb dieser Tatsache keine Relevanz, weil nämlich außerhalb entweder immer nur Kommunikation festzustellen ist, und dann gilt für diese Kommunikation dasselbe wie für die Kommunikation der Theorie, also die Ununterscheidbarkeit von Theorie und Praxis, oder es ist keine Kommunikation festzustellen, dann auch keine Ununterscheidbarkeit.
Entsprechend hätte die Theorie eigentlich gar kein scholastisches Problem, weil sie alle Kommunikationen auch als Kommunikation über Kommunkation auffassen kann, egal in welcher „ontischen Sphäre“ sie operieren. Ob akademisch oder nicht, ob intelligent oder nicht, ob komplex oder nicht ist dabei völlig gleichgültig, denn in allen Fällen handelt es bei Kommunkationen um soziale Operationen, die für eine universale Theorie jederzeit unterscheidbar sein können, weil die Theorie selbst in keiner ontischen Sphäre, d. h. nur durch Kommunikation verhandelt werden kann.

Hier aber zeigt sich ein trotziges Beharren auf Schulmeinung, Schulwahrheit, oder wenn nicht das, dann ein Beharren auf Anforderungen übergeordneter Ansprüche und den darin eingeklammerten Differenzen der Beobachtung, die aber, aufgrund ihres performativen Selbstwiderspruchs, ihre eigene Gültigkeits- und Überzeugungsfähigkeit einbüßt.
Denn rein sachlich sind alle in dem Facebook-Statement mitgeteilten Gründe für die Ablehnung auf der Basis der eigenen Argumente völlig blödsinnig:

  • „Was für eine Erlebens- & Handlungskoordination kann man schon erwarten …“ Man könnte Nichterwartbarkeit erwarten. Aber man muss nicht.
  • „Twitter bleibt für mich nur eine Art Versuchslabor für Ideosynkrasie.“ (Noch niemand hätte je etwas anderes überzeugend behaupten wollen.)
  • „Mit Kommunikation hat das wenig zu tun.“ (Zunächst kümmert sich die Twitter-Kommunikation nicht um die Ideosynkrasie der Scholastik. Warum sollte sie das tun?)
  • „Für akademische Kommunikation kann Twitter daher nur ein Verbreitungsmedium für weiterführende Links sein.“ (Twitter ist auf keine besondere Art der Kommunikation festgelegt, siehe dazu: „Jeder kann zum Thema seinen Senf abgeben und dann ist auch wieder gut.“ – Genau.

Und am letzten Absatz kann man feststellen, dass all das tatsächlich, wenn auch paradox, mit Überzeugungsfähigkeit versehen wird:

Nachahmung, Ansteckungseffekte und Verbreitung hat nichts mit Kommunikation zu tun, weil dafür keine Unterscheidung von Mitteilung und Information nötig ist. Soziologisch wird Twitter daher nur unter dem Aspekt interessant, wie trotz dieses prä-kommunikativen mithin prä-sozialen Charakters trotzdem der Eindruck einer gelungenen Kommunikation entstehen kann.

Twittern ist parasoziale Interaktion. Was wäre, wenn dieser Ausnahmefall von kommunikativer Interaktion durch Twitter zum Normalfall wird? Den Scholastiker erkennt man daran, dass er seine Schulbücher hinein guckt und mitteilt, dass parasoziale Interaktion nur ein Ausnahmefall ist und kein Normalfall. Aber will er damit auch sagen, dass das so bleiben muss, weil die Welt, die der Scholastiker versteht, so aussieht wie seine Unterscheidungsvorschriften glaubhaft machen wollen? Wenn ja, dann ist alles in Ordnung. Der Scholastiker betreibt nur eine Re-Ontologisierung. Wenn aber nicht, und der Scholastiker setzt diese parasoziale Interaktion fort, dann ist er ein geeigneter Benutzer und Beobachter, ein intelligenter Troll, der mit solchen Dummheiten helfen kann das Problem, um das es geht, in Erfahrung zu bringen.

Was wäre denn, wenn diese parasoziale Interaktion nicht etwa eine falsche Erfindung der Kommunikation wäre?

Die Überlegung könnte sein, dass durch diese parasoziale Interaktion, also durch die Umkehrung des Verhältnisses von Normalität und Rarität, das Problem der Unbeobachtbarkeit der Kommunikation gelöst werden könnte.

Das Plagiieren in der #Wissenschaft #plagiatsskandale

Bei Spektrum.de findet man in der Rubrik „Wissenschaftliche Ethik“ ein etwas längeres Gespräch mit Bernhard Kempen, dem Vorsitzenden des Deutschen Hochschulverbands, und dem Rektor der Universität Heidelberg, Bernhard Eitel zum Thema „Fehlverhalten in der Forschung“. Hauptsächlich geht es in dem Gespräch um Täuschung, Betrug und Schwindel in der Wissenschaft, wie sich dieses Fehlverhalten zeigt und was man dagegen unternehmen kann.

Im Laufe des Gesprächs kommt auch die Frage auf, ob man einheitliche Richtlinien für die Vermeidung von Plagiaten schaffen soll. Zu der Frage, wie solche Richtlinien aussehen könnten, wurde von den Gesprächsbeteiligten folgendes geäußert:

Kempen: Der Hochschulverband schlägt vor, eine Art „Standardwerk des wissenschaftlichen Publizierens“ zu entwickeln. Dieses müsste fächerübergreifende Standards aufführen und auch Kapitel über Grauzonen des wissenschaftlichen Fehlverhaltens enthalten, zum Beispiel über Eigenplagiate und Ehrenautorschaften. Wichtig wäre, dass so ein Werk auch anschauliche Beispiele schlechter wissenschaftlicher Praxis enthält. Dieses Buch sollte dann jedem Studenten zu Studienbeginn in die Hand gedrückt werden. Im Fall Annette Schavan hieß es ja, die Standards in den verschiedenen Fächern seien unterschiedlich. Solch eine Diskussion könnten wir damit zum Verstummen bringen.

Eitel: Ich bin skeptisch, ob solche Richtlinien – insbesondere im internationalen Kontext – als verbindlich akzeptiert würden. Die Zitierstandards sind ja nicht nur eine Frage der Universitäten und Wissenschaftler, sondern auch der Publikationsorgane. Diese sind bei vielen Fachzeitschriften sehr uneinheitlich. Bei amerikanischen und auch zunehmend bei deutschen Lehrbüchern darf man im Text als Autor kaum mehr zitieren – die Literatur wird dann nur noch im Anhang des Buchs aufgeführt. Das ist eine Fehlentwicklung, die von den Wissenschaftsverlagen ausgeht!

Kempen: Bei Veröffentlichungen jenseits von Dissertation und Habilitation haben Sie recht, da wird es schwierig. Aber bei Doktorarbeiten oder Habilitationsschriften haben wir eine Erwartungshaltung an die Verfasser und müssen diese Erwartung schriftlich festhalten. Denn wenn wir am Ende eine Note vergeben und dabei auch handwerkliche Leistungen wie korrektes Zitieren beurteilen, müssen wir vorab klar verdeutlichen, was wir darunter verstehen. Und ich bin optimistisch, dass wir das schaffen!

Ich genieße solche Texte sehr. Am besten gefällt mir diese Stelle:

„Denn wenn wir am Ende eine Note vergeben und dabei auch handwerkliche Leistungen wie korrektes Zitieren beurteilen, müssen wir vorab klar verdeutlichen, was wir darunter verstehen. Und ich bin optimistisch, dass wir das schaffen!“

Dieser Optimismus ist fantastisch.
In der Wissenschaft soll also nicht nur korrekt zitiert werden, wie das in der Vergangenheit immer schon der Fall war, sondern jetzt soll in der Wissenschaft auch noch klar gemacht werden was darunter zu verstehen ist.
Das ist neu. Bislang musste nur korrekt zitiert werden ohne, dass klar sein musste, was korrektes Zitieren bedeutet. Jetzt kommen zusätzliche Maßnahmen in Frage, um zu verdeutlichen, was eigentlich schon immer schon klar sein müsste, denn wie könnte man sonst korrekt zitieren?
Irgendwie kann man aber den Eindruck gewinnen, dass es ziemlich egal ist, was klar ist und was nicht. Denn am Anfang des Gesprächs heißt es, dass das Plagiieren in der Wissenschaft eine große Ausnahme sei und nicht die Regel. Wenn das so ist, so muss man sich doch fragen, ob diese aufwändige Sorge um die Ausnahmen gerechtfertigt ist. Denn wenn bis heute noch nicht klar ist, was korrektes Zitieren bedeutet, aber in der Regel dennoch korrekt zitiert wird, so gibt es doch gar keinen Grund, Klarheit für den normalen Fall zu schaffen. Denn wenn bis jetzt auch noch nicht deutlich werden konnte, was korrektes Zitieren ist, so ist diese Unklarheit doch offensichtlich gar kein Hindernis! Es wird angeblich auch dann korrekt zitiert, wenn bis jetzt noch nicht deutlich geworden ist, was das heißt. Es funktioniert trotzdem. Und wenn das so ist, warum ist dann die Sorge um die Ausnahme so wichtig?
Irgendwie erkennt man doch, dass hier etwas nicht stimmt. Aber was?

Die Antwort könnte lauten, dass das Plagiieren erstens häufiger vorkommt als behauptet und eher normal ist und zweitens, dass diese Normalität die Wissenschaft gar nicht behindert, sondern im Gegenteil eher befördert. Denn wenn unklar sei, was korrektes Zitieren bedeutet, dann ist auch nicht deutlich, was ein richtiges Plagiat ist. Und das könnte auch erklären, warum diese Plagiate auffallen. Der Grund ist, dass diese Fälle Zufälle sind und nicht durch eine klare Regel bestimmt werden. Denn wenn es klare Regeln gäbe, müsste man keine schaffen. Wenn aber welche geschaffen werden müssen, dann doch nur deshalb, weil es keine gibt. Und, wenn es keine gibt, was soll’s? Es klappt doch meistens, und manchmal eben nicht.

Das heißt, dass die Gründe für dieses Plagiieren nicht in Täuschungs- oder Betrugsabsichten zu finden sind, sondern nur im Zufallsgeschehen der kommunikativen Selektion. Auch das wäre ganz okay. Schlimm ist nur, dass die Wissenschaft das nicht zugeben darf. Denn gerade darin besteht ja der moderne Mythos der Wissenschaft: die Möglichkeit, der Welt des Zufalls zu entkommen.

Schön übrigens und nur nebenbei ist auch die Feststellung, dass auch die Frage was Zufall ist, in der Wissenschaft nicht wirklich klar ist.

%d Bloggern gefällt das: