Sensation! Twittern verstößt gegen die Kommunikation

von Kusanowsky

Eine schöne Verwirrungsfalle, wie sie durch eine systemtheoretische Scholastik entsteht, findet sich in dem Facebook-Kommentar, auf den in diesem Tweet verlinkt wird. In dem Facebook-Statement heißt es:

In den meisten Fällen scheint mir dass das, was da auf Twitter passiert, wenig mit Kommunikation im Luhmannschen Sinne zu tun hat. Was für eine Erlebens- & Handlungskoordination kann man schon erwarten, wenn man dazu pro Mitteilung gerade mal 140 Zeichen zu Verfügung hat? Vermutlich keine sehr präzise. Ein Hashtag reicht nicht aus, um genügend Informationen über den Kontext zu geben, in dem ein Tweet einen Sinn machen könnte. So kann man auf Twitter zwar das freie Spiel der Formen beobachten und wie sie sich zu neuen Informationen verbinden und wieder zerfallen. Twitter ist so was wie eine kommunikative Ursuppe, die chaotisch vor sich hin prozessiert.

Via Twitter wird mitgeteilt, dass man via Twitter eigentlich nichts mitteilen kann, das den Ansprüchen der „Schola“ genüge tut. Die Schola verlangt, dass die Kommunikation so funktionieren sollte, dass die Schola an die Kommunikation anschließen kann. Und wenn dies der Schola nicht gelingt, sie sich folglich auf diese Weise nicht plausibel machen kann, so kann die scholastische Kommunikation nicht fortgesetzt werden, auch dann nicht, wenn diese Mitteilung via Twitter wiederum verbreitet und zur Kenntnis gebracht werden kann. Es wird die Kommunikation durch Thematisierung der Ablehnung der Kommunikation fortgesetzt.

Was soll das eigentlich?

Ich tippe in diesem Fall auf einen anspruchsvollen Versuch, Trollkommunikation beobachtbar zu machen, was ja sehr schwierig ist, da in einer ablaufenden Kommunikation keine Außenseite, keine andere Seite operativ erreichbar ist, von der aus die Unterscheidung Kommunikation/Nicht-Kommunikation anschlussfähig wäre. Keine Kommunikation kann nicht passieren. Insofern ist Kommunkation, gerade weil sie nichts anderes vermag als Anschlussfähigkeit herzustellen, nicht mit der Unterscheidung von Kommunikation/Nicht-Kommunikation beobachtbar, weil ja auch diese Unterscheidung schlechterdings nur wieder anschlussfähig ist. Dies führt nun aber nicht dazu, dass eine Theorie, die sich solchermaßen selbstbeobachtbar macht, an Attraktivität verliert, im Gegenteil: sie muss hoch komplex und voraussetzungsreich gestaltet werden, um der beständigen und unhintergehbaren Selbstparadoxierung zu entkommen. Aber dadurch wird sie für sich selbst schwer beobachtbar.

Interessant ist nun aber, dass diese Luhmannsche Theorie nicht unter beliebigen Bedingungen zustande kommen kann, sondern nur unter solchen Bedingungen, die in der Ermessung ihrer Anschlussmöglichkeiten bereits enthalten sind. Eine dieser Bedingungen ist, dass die Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis der Kommunikation keine Relevanz hat, weil ja auch die Theorie nur durch Kommunikation sozial wirksam werden kann. So ist die Theorie der Kommunikation durch Kommunikation ihre eigene Praxis und hat außerhalb dieser Tatsache keine Relevanz, weil nämlich außerhalb entweder immer nur Kommunikation festzustellen ist, und dann gilt für diese Kommunikation dasselbe wie für die Kommunikation der Theorie, also die Ununterscheidbarkeit von Theorie und Praxis, oder es ist keine Kommunikation festzustellen, dann auch keine Ununterscheidbarkeit.
Entsprechend hätte die Theorie eigentlich gar kein scholastisches Problem, weil sie alle Kommunikationen auch als Kommunikation über Kommunkation auffassen kann, egal in welcher „ontischen Sphäre“ sie operieren. Ob akademisch oder nicht, ob intelligent oder nicht, ob komplex oder nicht ist dabei völlig gleichgültig, denn in allen Fällen handelt es bei Kommunkationen um soziale Operationen, die für eine universale Theorie jederzeit unterscheidbar sein können, weil die Theorie selbst in keiner ontischen Sphäre, d. h. nur durch Kommunikation verhandelt werden kann.

Hier aber zeigt sich ein trotziges Beharren auf Schulmeinung, Schulwahrheit, oder wenn nicht das, dann ein Beharren auf Anforderungen übergeordneter Ansprüche und den darin eingeklammerten Differenzen der Beobachtung, die aber, aufgrund ihres performativen Selbstwiderspruchs, ihre eigene Gültigkeits- und Überzeugungsfähigkeit einbüßt.
Denn rein sachlich sind alle in dem Facebook-Statement mitgeteilten Gründe für die Ablehnung auf der Basis der eigenen Argumente völlig blödsinnig:

  • „Was für eine Erlebens- & Handlungskoordination kann man schon erwarten …“ Man könnte Nichterwartbarkeit erwarten. Aber man muss nicht.
  • „Twitter bleibt für mich nur eine Art Versuchslabor für Ideosynkrasie.“ (Noch niemand hätte je etwas anderes überzeugend behaupten wollen.)
  • „Mit Kommunikation hat das wenig zu tun.“ (Zunächst kümmert sich die Twitter-Kommunikation nicht um die Ideosynkrasie der Scholastik. Warum sollte sie das tun?)
  • „Für akademische Kommunikation kann Twitter daher nur ein Verbreitungsmedium für weiterführende Links sein.“ (Twitter ist auf keine besondere Art der Kommunikation festgelegt, siehe dazu: „Jeder kann zum Thema seinen Senf abgeben und dann ist auch wieder gut.“ – Genau.

Und am letzten Absatz kann man feststellen, dass all das tatsächlich, wenn auch paradox, mit Überzeugungsfähigkeit versehen wird:

Nachahmung, Ansteckungseffekte und Verbreitung hat nichts mit Kommunikation zu tun, weil dafür keine Unterscheidung von Mitteilung und Information nötig ist. Soziologisch wird Twitter daher nur unter dem Aspekt interessant, wie trotz dieses prä-kommunikativen mithin prä-sozialen Charakters trotzdem der Eindruck einer gelungenen Kommunikation entstehen kann.

Twittern ist parasoziale Interaktion. Was wäre, wenn dieser Ausnahmefall von kommunikativer Interaktion durch Twitter zum Normalfall wird? Den Scholastiker erkennt man daran, dass er seine Schulbücher hinein guckt und mitteilt, dass parasoziale Interaktion nur ein Ausnahmefall ist und kein Normalfall. Aber will er damit auch sagen, dass das so bleiben muss, weil die Welt, die der Scholastiker versteht, so aussieht wie seine Unterscheidungsvorschriften glaubhaft machen wollen? Wenn ja, dann ist alles in Ordnung. Der Scholastiker betreibt nur eine Re-Ontologisierung. Wenn aber nicht, und der Scholastiker setzt diese parasoziale Interaktion fort, dann ist er ein geeigneter Benutzer und Beobachter, ein intelligenter Troll, der mit solchen Dummheiten helfen kann das Problem, um das es geht, in Erfahrung zu bringen.

Was wäre denn, wenn diese parasoziale Interaktion nicht etwa eine falsche Erfindung der Kommunikation wäre?

Die Überlegung könnte sein, dass durch diese parasoziale Interaktion, also durch die Umkehrung des Verhältnisses von Normalität und Rarität, das Problem der Unbeobachtbarkeit der Kommunikation gelöst werden könnte.

Advertisements