Innovation und Illusionen @christophkappes

von Kusanowsky

Christoph Kappes schrieb im Blog von heute.de

Die Flutkatastrophe hat gezeigt, wie schnell sich Menschen im Internet informieren können. Auch in der Türkei finden sich damit 100.000 Demonstranten – doch einige von ihnen werden genau deswegen auch leichter verfolgt. Fördert das Internet die bürgerlichen Freiheiten oder bleibt alles, wie es immer war?

Die skeptische Einschätzung von Christoph Kappes ist berechtigt: „Trotzdem sollten wir dem Internet auch nicht zu viel zutrauen: Kommunikation (wie solche mit dem Internet) und Herrschaft sind zweierlei. Herrschaft kann auf kommunikativer Macht beruhen wie in vielen modernen Gesellschaften westlicher Prägung, weil es gelingt, Gewalt einzuhegen und zu kontrollieren.“

Für die moderne Gesellschaft hat sich dies als der entscheidende Punkt für die Stabilität demokratischer Staaten erwiesen: staatliche Gewalt wird dadurch eingeschränkt, dass sich ihre Legitimität unter der Bedingung ergibt, dass die staatliche Gewalt auf Recht beruht und dieses Recht durch die staatliche Gewalt allen zugänglich zu machen. Die damit verbundenen Paradoxien sind der Treibstoff für die zivilen Konflikte und diese werden nicht so einfach zu beenden sein.

Mit dem Internet werden diese Paradoxien nämlich gar nicht aufgelöst. Gleiches gilt auch für die Gerechtigkeitsutopien, an denen Christoph Kappes trotz seiner Skepsis festhält: „Mit etwas Abstand gesehen könnte es aber sein, dass Digitalisierung den Wohlstand besser verteilbar macht, weil sie seit Jahrzehnten den globalen Güteraustausch antreibt (Fortschritte bei Containerschiffen und Hafenlogistik beruhen vor allem hierauf) und weil Computer weltweit nicht nur Hassreden transportieren, sondern auch das Gedankengut der Aufklärung.“

Daran erkennt man wie gering die Chancen sind, das Internet als etwas Neues zu verstehen, weil alte Versprechungen, die niemand erfüllen kann, immer noch angemahnt werden, hier: das Versprechen eines glücklichen Lebens für jeden Menschen. Das ist so aussichtslos, dass diese Hartnäckigkeit von einer grenzenlosen, säkularen Frömmigkeit spricht. Es möge doch eine Erlösung geben, die den Ansprüchen irdischer Gebundenheit entspricht. Da aber nirgends Erlösung zu finden ist, muss immer wieder eine weiterer und größerer Aufwand geleistet werden, um die Erüllung dieses Versprechens wieder und wieder anzumahnen. Das scheint ziemlich alternativlos.

Tatsächlich aber hat das Internet nunmher ein Versprechen erfüllt, das seit etwa 200 Jahren oder mehr immer wieder erneuert wurde: die Meinungsfreiheit, die jetzt nicht mehr nur als unverbindliches Recht garantiert wird, sondern auch als verbindliche Möglichkeit.  Und wie man feststellen kann: keiner jubelt, keiner freut sich, als wäre nichts gewesen. Man stelle sich vor, eines Tages ereignet sich die ganz große Gerechtigkeit. Keiner wird es merken, solange der Unterschied immer und immer wieder betont wird. So auch gegenwärtig in Fragen der Freiheit. Es werden immer neue Hindernisse herbei protestiert, obwohl sie gar nichts mehr verhindern: Leistungssschutzrecht, Netzneutralität, Urheberrecht usw. Das heißt: auch die Interaktivisten  zeigen nicht die geringste Bereitschaft zur Neugier, zum Lernen, zur Beschäftigung mit neuen, noch unbekannten, aber sich schon zeigenden Möglichkeiten. Stattdessen machen sie einfach verdrossen-unverdrossen weiter wie bisher: Forderungen stellen, Hoffnung verbreiten und einen Kampf anbieten, den niemand mehr gewinnen kann.

Es werden nur die alten, unlösbaren Probleme in Erinnerung gehalten. Es handelt sich bei diesen Debatten gleichsam eine live-Performance alt gewordener Illusionen, die aus irgendeinem Grund nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Dass intelligentere Möglichkeiten aber darin bestehen, diese Probleme durch neue zu ersetzen, kann nicht so einfach plausibel werden, weil das Vergessen dieser alten Probleme noch hartnäckig behindert wird. Die Internet-Fuzzies sind selbst damit beschäftigt, die Innovation zu behindern, weshalb es noch etwas dauern wird, bis man feststellen kann, dass auch diese Behinderungsversuche dem Neuen gar nicht im Wege stehen, sondern seine Entwicklung nur so langsam wie möglich und kontrolliert begleiten.

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