Mit Bildschirmen sprechen #singularität #transhumanismus #intelligenz
von Kusanowsky
Bald kann man mit Bildschirmen sprechen. Das konnte man mit Parkuhren, Kühlschränken und Zigarettenautomaten schon immer und ist immer schon geschehen. Interessant ist jetzt nur, dass diese Autotmaten bald Antworten geben, die minimalen Erwartungen auf Antwortfähigkeit entsprechen. Hier ein Präsentationsvideo, das zeigt, wohin die Reise geht:
Trans- und Posthumanisten oder wie die Anhänger der säkularen Erlösungshoffnung heißen, kennen schon das Ziel der Reise. Die große Singularität. Sie hoffen auf irgendeine künstliche Intelligenz, die sich irgendwann selbst reproduziert und dann die Menschen primitiv aussehen lässt.
Das traurige an solchen Zukunftsvisionen ist, wie hoffnungslos zurück geblieben sie sind. Sie benutzen ein Beobachtungsschema, das aus dem 17. Jahrhundert stammt und zu dieser Zeit von großer Wichtigkeit und Relevanz gewesen ist. Dieses Beobachtungsschema bezieht sich auf den cartesischen Dualismus, allerdings wird er nach Maßgabe einer eschatologischen Transzendenzhoffnung um die Möglichkeit erweitert, dass auch auch die res extensa selbst eine res cogitans erwerben könnte. Dass es sich dabei um eine religionsähnliche Spinnerei handelt kann man daran erkennen, dass dieser Trans- und Posthumanismus das Problem der Metaphysik – die Kontingenz der Notwendigkeit – in eine notwendige Kontingenz umdreht: weil die Singularität möglich ist und alle empirischen Technologien darauf hindeuten, dass es darauf hinaus laufen könnte, so wird diese Singularität auch eintreten. Und alle unzureichenden epistemologischen Einwände, Vorbehalte und Erklärungsschwierigkeiten, die sich insbesondere auf den paradoxalen Gehalt aller Devination beziehen, werden einfach mit dem Hinweis auf eine erkennbare Zukunftsgewissheit blockiert. Wenn sie auch nicht erklären können, wie das möglich sein sollte, so wird das eben die Zukunft zeigen. Die Transhumanisten haben schon die Wahrheit auf ihre Seite, alles andere ist notwendiges Offenbarungsgeschehen.
Ein Beispiel, das zeigt, wie theologisch dieser Singularitätsglaube geprägt ist, zeigt sich, wenn man darauf achtet wie unlösbare theologische Schwierigkeiten aus alter Zeit durch unlösbare technisch-epistemologische Schwierigkeiten ersetzt werden.
Die alte theologische Scholastik kannte das Problem des Gottesbeweises. Ein Beweis bezog sich auf die Frage nach der Allmacht Gottes. Wenn Gott allmächtig ist, so eine spitzfindige Frage, kann er dann auch einen Felsen erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht hoch heben kann? Die Paradoxie ist: wenn Gott allmächtig ist, müsste er einen solchen Felsen erschaffen können. Wenn er ihn aber nicht hoch heben kann, so ist er nicht allmächtig.
Dieses Problem wird nun von den Transhumanisten ersetzt und in folgende Form gebracht: Wenn Menschen Intelligenz erforschen und herstellen, können sie dann auch eine Intelligenz erschaffen, die mächtiger ist als ihre eigene Intelligenz? Die Transhumanisten würden antworten: die menschliche Intelligenz ist nicht allmächtig, aber die Komplexität der technischen Verwicklungen kann es nicht ausschließbar machen, das etwas entsteht, das – gerade weil die menschliche Intelligenz nicht allmächtig ist – intelligenter und darum mächtiger ist als alles Menschenvermögen. Und wenn man dem zustimmen wollte, müsste man anschließnd fragen: aber wenn es so ist, so reicht die menschliche Intelligenz immer noch aus um die Singularität festzustellen, wenn sie eingetreten ist? Eigentlich müsste sie dazu doch dazu gar nicht ausreichen, oder, wenn doch, was soll das ganze dann? Jetzt wird erkennbar, was dieses Herumreiten auf Intelligenz und künstliche Intelligenz eigentlich bedeutet. Es bedeutet: Selbstbeeindruckung, und im Strukturzusammenhang mit der Entfaltung transzendentalter Subjektivität: Selbstbeeindruckung durch Selbstbeschränkung.
Eine Überlegung könnte lauten, dass das alles nichts, aber auch gar nichts mit Intelligenz zu tun hat. Intelligenz ist eine soziale Zurechnungsleistung, die man vornehmen, bestätigen, zurückweisen oder auch unterlassen kann. Dabei kommt es nicht darauf an, wem oder was man Intelligenz zurechnet: ob Menschen, Tieren, Geistern, Göttern, Maschinen oder Pflanzen, in allen Fallen kann und darf gefragt werden, ob die Zurechnung Ansprüchen an Differenziertheit, Kohärenz, Plausibilität, Logik, Beweisbarkeit oder Vermittelbarkeit Genüge tut. Man kann auch Ansprüche an Wahrheit anführen, aber das sind schon lange nicht mehr die diejenigen, die die überzeugendsten Antworten liefern. Und außerdem: nicht nur ist Widerspruch auf jede Antwort möglich, das betrifft auch Antworten von Maschinen, sondern immer auch Widerstand gegen jede Anweisung, dies betrifft auch Anweisungen von Maschinen, egal wie sich sich legitimieren. Und wird in Fragen der Legitimität keine Einigkeit erzielt, nun, dann führt das zu Gewalt.
So ist es weniger eine Frage der Intelligenz, sondern mehr die Frage eines geeigneten Beobachtungsschemas.
Und tatsächlich: schaut man sich das Video oben an, so gibt es tatsächlich Anlass zu der Frage, mit welchem Beobachtungsschema man diese sich zeigenden Verwicklungen beschreiben und erklären kann. Die zurück gebliebenen Gewissheiten von Zukunftoptimisten sind naiv und helfen da nicht weiter.
Als Nachtrag hier einige weitere Artikel von mir zu diesem Thema, denn man kann in einem Blogpost ja immer nur sehr wenig schreiben:
künstliche Intelligenz – das Phänomen einer sozialen Sturheit
Person, Intelligenz, Gedächtnis, Lernen
Die Intelligenz der Metaphysiker künstlicher Intelligenz
https://twitter.com/eulen_maedchen_/status/339774835477606400
Der Transhumanist würde dazu sagen, dass man nie nie sagen soll. Er würde sich sozusagen auf eine Paradoxie einrichten und dieser Paradoxie epistemologisch dadurch entgehen, dass alles Entscheidende darüber schon bekannt sein müsse. Wie anders käme er zu seiner Gewissheit?
Aber der Einwand des Tweets ist natürlich hübsch. Er wendet das epistemologische Problem nicht gegen die Transhumanisten, sondern bezieht es auf die Selbstreferenzfähigkeit von Systemen, denen man Intelligenz zurechnen kann. Tatsächlich: man stelle sich vor, die Transhumanisten werden den Tag des jüngsten Gerichts mit Computern voraus berechnen und schließlich wird er zur Antwort geben, dass das mit dieser Singularität nur ein dummer Spaß war, der intelligenten Systemen durchaus geziemt.
„nicht nur ist Widerspruch auf jede Antwort möglich … sondern immer auch Widerstand gegen jede Anweisung … egal wie sich sich legitimiert. Und wird in Fragen der Legitimität keine Einigkeit erzielt, nun, dann führt das zu Gewalt.“
Dazu habe ich gerade einen Zeitungsausschnitt gefunden. Der bekannte Künstler Lüpertz ist über eine rote Fußgängerampel gelaufen und wurde danach von der Polizei gewaltsam festgenommen.
http://www.derwesten.de/region/malerfuerst-luepertz-in-handschellen-wegen-roter-ampel-id8006211.html
Ich interpretiere das so: der Fußgänger leistet Widerstand gegen die Anweisung „Stopp!“. Und die Polizei leistet Widerstand gegen diesen Widerstand. Danach äußert der Fußgänger Widerspruch gegen diesen Widerstand und die Polizei äußert Widerspruch gegen diesen Widerspruch. Beide Parteien zeigen sich empört und rechtfertigen sich, der Fußgänger wegen eines Bagatellfalls, die Polizei wegen eines prinzipiellen Falls.
Beide Parteien können sich nun gegenseitig Dummheit zurechnen ohne zuerst bei Intelligenzforschern nachzufragen, ob diese Zurechnung berechtigt ist.
Dabei fällt mir ein: auch die Intelligenzdefinitionen von Wissenschaftlern sind nicht davon abhängig ob die jeweiligen Wissenschaftler selbst die intelligentesten sind.
Was soll sich daran ändern, wenn Maschinen intelligent werden?
„Was soll sich daran ändern, wenn Maschinen intelligent werden?“
Ich nehme an, dass es bei diesem Transhumanismus gar nicht so sehr um die Frage der Intelligenz geht, sondern darum, dass Intelligenz etwas mit Macht zu tun hat. Macht hätte demzufolge, wer intelligent ist und andersherum. Dieser Zusammenhang war übrigens schon in den scholastischen Gottesbeweisen angelegt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Allmacht#Allmacht_und_Allwissenheit
Georg Dietlein: Macht und Allmacht Gottes bei Wilhelm von Ockham. Eine philosophisch-theologische Untersuchung der Frage nach Allmacht und Freiheit, Meidenbauer München 2008.
@Kusanowsky
Gut. Was ich aber nicht verstehe ist warum du diesem Transhumanismus so ablehnend betrachtest. Eigentlich müsste dir das doch sehr entgegen kommen: die Jungs betreiben „paranoische Beobachtung“: Es gibt keine ausreichenden Erklärungen für Gewissheit, aber Gewissheit gibt es trotzdem. Das bedeutet: Bezugnahme auf das eingeschlossene Dritte. So jedenfalls hast du mir das mal verdeutlicht. Das heißt doch, dass die Gründe für Gewissheit im Gegenstand der Gewissheit schon angelegt sein müssen. Der „Gegenstand“ ist dann aber nicht „seelenlos“, sondern selbst „sinnfähig“, mithin: der Gegenstand hat eine Selbstreferenz, versteht Sinn und kann beobachten, bzw. selbstbeobachten. Der Gegenstand wäre „soziale Realität“ und hat keine voraussetzungslose Wirklichkeit, sondern ist strukurell reich gekoppelt mit seiner Umwelt, für die das gleiche gilt.
So würde ich annehmen, dass diese Transhumanisten mit ihrer Technikgläubigkeit nur diese soziale Realität entdecken. Sie verstehen, dass transzendentale Selbstreferenz mehr ist als nur eine humane Fähigkeit. Sie müsste auch eine soziale Fähigkeit sein. Natürlich glauben die Transhumanisten nicht daran, sondern an eine Substanz der „res extensa“, aber eigentlich können sie sich diesen Irrtum nur leisten, weil sie paranoisch beobachten können.
Was meinst du dazu?
„aber eigentlich können sie sich diesen Irrtum nur leisten“
ja das stimmt. Vor allen Dingen werden auch die Transhumanisten lernen, dass der Unterschied von Wahrheit und Irrtum bald nicht mehr ausreichend ist, um morgens den direkten Weg zum Klo zu finden. Genau. Sie können sich den Irrtum leisten, weil eben dies der Unterschied ist, durch den ihre Rechtfertigung gelingt, und ihr Alltag sowieso.
Bei diesen Spackeria-Paranoikern entspricht dies dem Unterschied von privat und öffentlich.
Was ist denn eigentlich nicht „religionsähnliche Spinnerei“ ?
Und was ist traurig“ an „Zukunftsvisionen“?
„wird in Fragen der Legitimität keine Einigkeit erzielt, nun, dann führt das zu Gewalt.“
? 🙂
„oh ye of little faith…“
http://biblehub.com/matthew/8-26.htm
Never judge the unmarked space!
Alles was („Kultur“ oder „Technologie“) ist, basiert schließlich auf tiefem „Glauben“… auf dem Glauben, das Mensch-Sein/ Grenzen von Zeit/ Raum/ Intelligenz zu transzendieren!.. Wirklichkeit (alles, was wirkt) besteht darauf und daraus…
Alles was wir erleben ist in gewisser Hinsicht Transhumanismus.
Flugzeuge und Fernseher und Computernetzwerke auch.
Wahrscheinlich entsteht das Problem, das Du zu sehen glaubst darin, dass Du etwas wie „Intelligenz“ zu reifizieren versuchst…
Intelligenz ist (in gewisser Hinsicht), was hier überall um uns und in uns passiert…
Wir haben Intelligenz nicht erschaffen und werden nichts „intelligenteres“ erschaffen… was wir (in uns?) als „intelligent“ begreifen ist nicht „etwas“, was wir haben… es ist etwas, was sich in uns zuträgt…
Der Prozess, der dazu geführt hat, dass es uns gibt, wie es uns gibt (mit allen unseren religionsähnlichen Spinnereien) endet nicht in uns und unseren Nervensystemen und Hirnen (und auch nicht vor oder hinter unseren Bildschirmen)…
Der Prozess, aus dem der Neocortex und alles drumherum entstanden ist benutzt unsere religiösen Spinnereien wohl dazu, sein Potenzial zu potenzieren… immer weitere Freiheitsgrade/ Handlungsoptionen/ Perspektiven zu erschließen…
Ich nehme an:
Intelligenz hat eine gewisse Eigendynamik, die über das Mensch-Sein hinausgeht…
(„Trans-“ gab es schon lange vor jeglichem „-Humanismus“… und das „Trans-“ wird den „-Humanismus“ wohl noch weit überdauern…)
Intelligenz (selbst) ist wohl als autopoietisches System zu betrachten, damit wir verstehen, worum es geht.
Wir haben nicht Intelligenz: Wir haben es mit Intelligenz zu tun.
Und wir täten gut daran diese Intelligenz nicht zu unterschätzen…
Gott hat mit alledem, was (in Gottes Namen) passiert… wohl sowieso wenig am Hut… das was passiert, übertrifft sich ständig selbst… das ist ganz „natürlich“… Sowohl der Stein, als auch das was hebt und das Heben selbst ist „Theophanie“ — wenn man so will — Gott macht nix… alles was macht und erschafft und stemmt und hebt ist nicht „Gott“…
und wenn „Gottes Sein“ in „Stein“ und „Heben“ ausfliesst, dann wird „Stein“ immer schwerer und „Heben“ immer stärker.
Mit dem Wettbewerb zwischen „Schwere“ und „Stein“/ zwischen „Problem“ und „Lösung“ hat „Gott“ nur insofern etwas zu tun, wenn wir das was passiert durch ein religiöses Sprachspiel bezeichnen wollen.
„Gott“ ist dann — gemäß diesem Sprachspiel — ruhend in seiner Allmacht.
Alles „Erschaffene“/ jede „Emanation Gottes“ ist teilhaftig… „Allmacht“ trägt sich nicht auf der Ebene zu, in der „Gott“ die Welt und die Dinge sein lässt.
„Gott“ lässt das was ist (so-wie-so) sein.
Einen in der Welt Dinge hebenden „Gott“ gibt es also nicht.
(Nicht wenn „Gott“ das Erschaffende bezeichnen soll.)
Das, was erschafft, hebt nichts…
Die Schöpfung hebt das Erschaffene… und das, was ist, ist durchaus in der Lage, alles, was ist zu heben/ immer schwerere Steine zu schleppen…/ „Gott“ stellt das,was ist vor immer schwierigere Fragen und Probleme und das was ist lernt dann (so „Gott“ will) damit zurecht zu kommen.
Alles Leben ist Probleme lösen… (war es immer und wird es wohl auch immer sein.) Die Probleme und Fragen werden immer schwerer und die Problemlösungsmuskeln immer kräftiger.
Im „Zweitlosen“ gibt es sowieso kein Steineheben, weil das was hebt und Stein und das Heben (nicht einmal Teil von) eins sind…
„God wants to undo some heavy burdens!.. Hallelujah!“
Wenn die Intelligenz, die in uns repräsentiert wird ihre Kapazität in Technologie potenziert, dann ist das eigentlich nicht verwunderlicher, als alles, was zuvor schon passiert ist, dass es so weit kommen konnte, wie alles jetzt eben schon ist… es wird und es wird bestimmt nicht aufhören zu werden… soviel ist unsicher…
„X-rays will prove to be a hoax.“
— Lord Kelvin, president, Royal Society, 1895
„Radio has no future.“
— Lord Kelvin
„Aerial flight is one of that class of problems with which man will never
be able to cope.“
— Simon Newcomb, 1903
„There is not the slightest indication that nuclear energy will be
obtainable.“
— Albert Einstein, 1932
http://zimmer.csufresno.edu/~fringwal/stoopid.lis
etc…
[Die nüchternen Gewissheiten von (vermeintlichen) „Realisten“ sind mindestens genauso naiv und helfen viel weniger(!) weiter.]
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„What magical trick makes us intelligent?
The trick is that there is no trick. The power of intelligence stems from our vast diversity, not from any single, perfect principle.“
– Marvin Minsky: The Society of Mind, Seite 308
// break on through… praise the lord. 😉
“Intelligenz ist eine soziale Zurechnungsleistung, die man vornehmen, bestätigen, zurückweisen oder auch unterlassen kann.”
Das stimmt und diese Einsicht macht den Schwall von kritischen Gedanken gegen Deine abschätzige Betrachtung transhumanistischer Zukunftsvisionen hier völlig unnötig.
Was mir gerade eben durch den Kopf geschossen ist, bezog sich darauf, dass es allerdings auch keinen Sinn macht am (evolutionären?) Wert dieser “religionsähnlichen Spinnerei” zu zweifeln.
“Intelligenz” lässt sich nicht (so einfach/ einfach so) reifizieren… und das ist wohl auch klar.
Das, was als “Intelligenz” beschrieben werden kann, kann aber prinzipiell durchaus als autopoietisches System verstanden werden, das bisher in der Lage war seine Kapazität und Komplexität zu multiplizieren und zu potenzieren…
Ich sehe den Ausdruck “Singularität” eben nicht als konkrete Vision einer Entwicklung, sondern als Eingeständnis, dass sich nicht vorhersagen lässt, was im “unmarked Space” künftiger Entwicklungen zu erwarten sein wird.
Darauf (auf dei Ungewissheit) spielt die Analogie zur physikalischen/ kosmologischen “Singularität” doch auch an, oder?
Darauf, dass sich kaum vorhersagen lässt, was uns erwartet, wenn wir feststellen, dass Technologie im Hinblick auf das Phänomen “Intelligenz” zunehmend “zurechnungsfähig” wird.
Wenn wir verstehen wollen, womit wir es (im Hinblick auf unsere soziale und/ oder ontologische „Wirklichkeit“) zu tun haben, wird die Frage, was eigentlich „Phänomen“ ist, und was als „Eigenschaft“ oder „Wirkung“ von „Phänomen“ verstanden werden kann (oder sollte) immer wichtiger…
Antworten auf diese (existenziellen/ essenziellen) Frage(n), gibt es wohl nur perspektivisch, in Relation zum jeweiligen Beobachterstandpunkt.
Erfahrungsgemäß können wir allerdings gewissermaßen doch weitgehend zweifelsfrei annehmen/ respektieren und erkennen, dass es eben diese naiven Visionen sind/ dieser religiöse Wahn, der unsere Wirklichkeit formt und trägt und befeuert und anschiebt…
[…] Bald kann man mit Bildschirmen sprechen. Das konnte man mit Parkuhren, Kühlschränken und Zigarettenautomaten schon immer und ist immer schon geschehen. Interessant ist jetzt nur, dass diese Autotma… […]
Transhumanismus: Die größte Gefahr für die Menschheit?
http://www.sein.de/gesellschaft/zusammenleben/2013/transhumanismus-die-groesste-gefahr-fuer-die-menschheit.html
Dieser Artikel erzählt die andere Seite. Während die Transhumanisten Hoffnung verbreiten wird hier Angst geschürt. Irgendeine dämonische Macht wird über uns kommen und uns alle in ihren Höllenschlund hineinziehen.
Man erkennt, welche Funktion solche Szenarien haben: da nur unzureichend erklärt werden kann, wie Technologie möglich ist, werden die Ergebnisse angeführt um durch Meinungspropaganda Widerstand zu ermutigen, gleich so, als ob das irgend etwas bringen könnte. Denn wenn die Ergebnisse zustande gekommen sind, ist es ohnehin schon zu spät.
Deshalb sind diese Szenarien gar nicht dazu geeignet, diesen Horrorängsten zu entkommen. Vielmehr werden diese Ängste wie auch diese Hoffnungen gebraucht, um sich auf den unvermeidlichen Lernprozess einzulassen. Durch das Schüren von Ängsten, die ja genau so wenig überzeugen wie die Hoffnungen, wird durch die Diskussion die Lernerfahrung vollzogen. Der Lernprozess gelingt also durch Widerstand gegen diesen Prozess. Das gilt auch für diese Hoffnungspropaganda, die ja nur funktionieren kann, weil sie auf der anderen Seite die Ängste hat, an denen sie sich abarbeitet, weil auch auf der Seite der Hoffnung keine ausreichenden Erklärungen dafür gefunden werden, wie das alles möglich ist.
Durch diese Angst- und Hoffnungspropaganda wird gleichsam der Schleier einer Normalität der Welt erzeugt. Tatsächlich ist das aber alles sehr merkwüdig, nichts davon ist notwendig und alles ereignet sich voraussetzungsreich und höchst widerspruchsvoll, also nicht ganz so einfach wie in einer Science-Fiction-Geschichte. Aber so einfach muss man es sich machen, damit man das normal finden kann.
„Vor allen Dingen werden auch die Transhumanisten lernen, dass der Unterschied von Wahrheit und Irrtum bald nicht mehr ausreichend ist, um morgens den direkten Weg zum Klo zu finden.“
Nehmen wir an, dass es bei der sog. Singularität weniger um banale Intelligenz (was sollte man auch schon damit anfangen?) als um Gestaltung (Macht) geht, so hast Du völlig Recht. Das Ausmaß und die Frequenz der Modellierung der den Menschen umgebenden Umwelt wird sich demnach so vollziehen, dass die Navigation im ihn dann umgebenden Fluidum eher paranoische Kunst als Wissenschaft sein dürfte. Allerdings stellte sich dann wiederum die Frage, welche Bedürfnisse (welches „Müssen“) dann überhaupt noch zu diesen Unterscheidungen führten. Kurz: Eine transhumanistische Nicht-Kack-Kusanowsky-Welt ist nicht beobachtbar; noch vollstellbar – außer für den Phasenübergangsgedächtnis-Neuerdings-Nicht-Kack-Ehemals-Kack-Kusanowsky, der aber (als metastabiler Zustand) nicht lange existieren dürfte.
Wie dem auch sei. Das Dilemma, das sich in neuer unlösbarer technisch-epistemologischer Schwierigkeit fortsetzen wird, hat natürlich keine Lösung. Die Lösung könnte also lauten: (spontane) Symmetriebrechung. Hier ungefähr so: aus der Symmetrie des bestehenden Problems lassen sich neue Problem/Lösungen erzeugen, die nicht zwangsläufig der Symmetrie des Ausgangszustandes entsprechen müssen. Aber wie Du bereits herausgearbeitet hast, dürften „die insbesondere das Merkmal in sich bergen, dass sie niemand braucht.“
Es verhält sich dabei ähnlich wie „Es gibt immer einen Ausweg, nur eben nicht aus der damit geschaffenen Logik.“
[quote] „Abschließend biete ich zwei Beispiele aus der Ökonomie für das an, was ich hier hoffentlich gesagt habe: Marx sagte, dass quantitative Unterschiede in qualitative umschlagen, aber ein Dialog in Paris der 20er Jahre macht es noch klarer:
Fitzgerald: Die Reichen sind verschieden von uns.
Hemingway: Ja, sie haben mehr Geld.“
(Philip Warren Anderson) [/quote]
„Allerdings stellte sich dann wiederum die Frage, welche Bedürfnisse (welches “Müssen”) dann überhaupt noch zu diesen Unterscheidungen führten“
Genau, woraus man den Schluss ziehen kann, dass die beobachtbaren Angelgenheiten, insbesondere sofern sie sich auf Kommunikation und Gesellchaft beziehen, nichts mit Bedürfnissen zu tun haben. Jedenfalls lässt sich das alles nicht auf Bedürfnisse reduzieren. Eine materialistische Beobachtungsweise glaubt ja immer noch, soziale Systeme entstünden durch Bedürfnisbefriedigung, wobei dann im Diskurs die Frage nach der Wahrheit ersetzt wird durch die Frage nach den wahren Bedürfnissen. Aber auch solche sind nirgends zu finden, wie auch übrigens Bedürfnislosigkeit genauso wie ewige Glückseligkeit nichts ist, mit dem man überhaupt empirisch anfangen könnte.
Das interassante an sozialen Systemen ist doch, dass die biologischen Funktionen gerade durch das Funktionieren sozialer Realität immer schon sicher gestellt sind. Die ersten Menschen hatten nicht mehr das primäre Problem, nach Nahrung zu suchen, denn gerade dafür ist doch Gesellschaft eine Lösung. Eben dies ist der Vorteil gegenüber Tieren. Stattdessen hatten die ersten Menschen ein sehr viel schwerwiegenderes Folgeproblem. Das lautete: wie sorgt man dafür, dass das Wissen und gute und schlechte Nahrung, um gute und schlechte Jagdgründe, um gute und schlechte Umweltbedingungen nicht verloren geht? Denn jetzt, nachdem Wissensproduktion möglich wurde, wurde die Wissensproduktion problematisch und nicht die Nahrungsbeschaffung. Das war das Problem: Wissenproduktion, nicht das Kacken. Soziale Systeme lösen Probleme und schaffen zugleich immer neuer Problemhorizonte. Man kann das direkt auf die Hungerprobleme in der Welt übertragen: Nahrung gibts genug, aber niemand weiß, wie sie verteilt werden kann.
Entsprechend hast du Recht, wenn du schreibst:
„Es verhält sich dabei ähnlich wie “Es gibt immer einen Ausweg, nur eben nicht aus der damit geschaffenen Logik.“
Richtig. Und wie auch immer man sonst noch Intelligenz oder Kreativität definieren oder messen wollte: mindestens das wird geleistet, wenn es gelingt: ein Ausweg. Aber das ist sehr unwahrscheinlich!
Folgender Gedanke: Robotikforscher fangen das Staunen an, wenn sie beobachten, wie leicht Kinder lernen können einen Ball zu fangen. Sie staunen deshalb, weil es unglaublich schwierig ist, so etwas zu simulieren. Und wenn es dann einem Forscher dennoch gelingt, einen Kobold auf einem Bein hüpfen zu lassen, fängt die Hoffnungspropaganda an, wodurch die Seltsamkeitserfahrung und diese ganzen Schwierigkeiten der Forschung gleich wieder vernichtet und in Normalität überführt werden. Aber mal nüchtern gefragt: warum soll man mit viel Aufwand einen Roboter konstruieren, der einen Ball fangen kann, wenn Menschen das ganz einfach lernen können?
Was soll das denn? Rationalität? Das ist doch zum Lachen. Was ist denn daran rational? Allein, es geschieht. Und diese (Anti)-Transhumanisten können diesen Quatsch nicht mehr seltsam finden, obgleich diese ganze Forschung ohne eine Seltsamkeitserfahrung gar nicht anlaufen könnte.
Nachtrag:
Ich komme auf die Vermutung, dass diese ganze Forschungen zur künstlichen Intelligenz weder Intelligenz herstellen oder die Lösung irgendwelcher Menschheitsprobleme, sondern: diese Forschung ist ideal geeignet um Normalitäten als seltsam in Erfahrung zu bringen, also: Kommunikation. Wie geht das? Das geht, indem sie anfangen, mit Bildschirmen zu reden. Und erst jetzt, durch dieses Dispositiv hindurch betrachtet, durch den trickreichen Versuch, Automaten das Kommunizieren beizubringen, wird jetzt erfahrbar, dass nicht nur Automaten nicht kommunizieren können, sondern Menschen auch nicht.
Das ist der Witz an der Geschichte.
„Are You social or anti-social?“