Ist Karriere in der Wissenschaft ein Glücksspiel?

von Kusanowsky

Autopoiet hat einen Artikel über die Jagd nach Reputation in der Wissenschaft gepostet. Der Artikel bezieht sich vor allem darauf, dass seit neuerer Zeit Wissenschaftler an den Universitäten nicht mehr bereit sind, ihre Texte Verlagen zur Publikation zu überlassen.

Was aber bewegt Forscher, dieses lange Zeit wenig hinter­fragte Verfahren plötzlich auszusetzen oder sich sogar mit Hilfe eines öffentlichen Boykott-Aufrufs dagegen zur Wehr zu setzen?

Möglicherweise geht es bei diesem Boykott um etwas ganz anderes. Der Selbstauskunft der Wissenschaftler nach, könnte es um eine Emanzipation gehen. Die Karrierebedingungen von Wissenschaftlern sind inzwischen durch zwei Merkmale charakterisiert: 1. Reputationsgewinne werden zunehmend nur noch minimal messbar, was damit zusammenhängt, dass die Intransparenz der Beförderungskriterien auch aufgrund einer immer dichter werdenden Konkurrenz zunimmt. Das führt dazu, dass 2. eine Karriere eigentlich nur noch Zufallscharakter hat.
Karriereplanungen dürften nur die Ausnahme sein, nämlich dann, wenn sich in Einzelfällen sehr stabile Gunsterwartungen ereignen. Doch das dürfte nur selten vorkommen. Der Regelfall dürfte dürfte ein chaotischer und unvorhersehbarer Verlauf sein, dessen Endresultate eigentlich einem Gewinnspiel gleich kommen.
Unter dieser Voraussetzung ist Reputation das einzige, worauf es ankommt.  Die „Wissenschaftlichkeit“ von Ergebnissen für Karrierentscheidungen kann deshalb keine übergeordnete Rolle spielen, weil diese Wissenschaftlichkeit 1. kaum noch definierbar und 2. jederzeit diskutierbar ist und sein muss. Für das Zustandekommen eines Produkts, nämlich einer Publikation, ist die Wissenschaftlichkeit immer schon gesichert, denn das Produkt selbst ist ja schon eine, wenn auch minimale Entscheidung über einen Reputationsgewinn. Was aber darin geschrieben steht, kann gar nicht so einfach gemessen werden, denn: wer soll diese gigantische Textflut lesen, geschweige denn beurteilen? So ist es gerade die Textflut, die sicher stellt, dass Kriterien von Wissenschaftlichkeit gar nicht mehr so wichtig sein können. Je länger eine Publikaitonsliste ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass im Falle einer Entscheidung für eine Stellenbesetzung andere Kriterien als Lektüreerfahrung eine Rolle spielen.

So kommt die Wissenschaftlichkeit von Wissenschaft deshalb immer leichter zustande, weil alle Unwissenschaftlichkeit an jeder Stelle und zu jedem Zeitpunkt von Entscheidungsfindungen schon aussortiert ist.

Die Kommunikation über Wissenschaftlichkeit ist dann gleichsam nur der beobachtbare Monitor der Selektionen, aber nicht ihre Struktur. Die Struktur der Selektion ist chaotisch, zufällig und wird nur nach erfolgter Entscheidung über Beförderung, Bewilligung von Forschungsmitteln und Publikation von Ergebnissen durch diese Selektionen in eine Ordnung von Gewohnheiten überführt, der gar keine Regelmäßigkeit des Zustandekommens unterliegt. Es gibt einfach zu viele Risiken, die es unmöglich machen, sich auf Regelerwartungen zu verlassen. Diese Risiken beziehen sich auf Gremienentscheidungen von Stellenbesetzung, Einladungen zu Tagungen und Kongressen und auf die Finanzierung von Forschungsprojekten.

Und in dem Maße wie dieser Zufallscharakter offenbar wird, wird auch offenbar, dass es keinen Grund mehr gibt, anderen Verfügungsrechte über eigene Leistungen zu überlassen. Der Selbstauskunft nach könnte es sich um Emanzipation handeln. Aber das dürfte nur die eine Seite der Sache sein.

Wie wäre die andere Überlegung, dass dieser Boykott anzeigt, dass sich das Übungssystem der Wissenschaft anderen Problembehandlungsroutinen zuwendet, die darin bestehen könnten, den Umgang mit sog. „sozialen Netzwerken“ einzüben? Wenn Reputationsgewinne minimal werden, so auch die Reputationsverluste, wenn man etwas ganz Unwissenschaftliches tut, nämlich: selbst veröffentlichen. Daran dürfen sich streng genommen keine Kriterien für Wissenschaflichkeit knüpfen. Da aber diese Kriterien immer fragwürdiger werden, werden auch die Verstöße gegen Selbstverständlichkeiten immer weniger riskant.

Die Wissenschaft erkennt langsam, wie wenig selbstverständlich ihre Routinen sind. Es wird erkannt, dass nicht nur alles auch ganz anders möglich ist, sondern, dass alles auch tatsächlich anders gehen kann, wenn man nur etwas anderes macht. Daraus ergeben sich keine besseren Reputationsgewinne, aber auch keine schlechteren mehr.

Ob an dieser Überlegung etwas dran ist?

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