Was eine Wissenschaft wissen will: „Persönliche Öffentlichkeit in Twitter“ @Hahyuna2

von Kusanowsky

Möglicherweise handelt es sich bei Folgendem um einen Scherz, möglicherweise auch nicht. Interessant wird die Sache aber erst, wenn man sich vorstellt, dass es kein Scherz ist.

Per Twitter erreichten mich überaschend diese zwei folgenden „direct messages“ von einer mir unbekannten Adresse:

Hallo Klaus, ich führe gerade eine kurze Umfrage zur „Twitternutzung“ f. m. Doktorarbeit durch. Darf ich um deine Unterstützung bitten? (1/2)

socialweb-studie.de Einfach Mitmachen u. weiter Empfehlen!. werde mich sehr freuen und dankbar sein f. deine Mithilfe. Danke 🙂 Lg. Hyuna (2/2)

Abgeschickt wurde die Mitteilung von dieser Twitter-Adresse: @Hahyuna2 (ob der Account gehackt wurde, kann ich nicht ermitteln.)

Ruft man die verlinkte Seite auf findet man tatsächlich diesen Text, kein Witz! (letzter Aufruf von mir 15. Mai 2013, 15.1o Uhr.)

Das Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn führt gerade ein Projekt zum Thema
„Persönliche Öffentlichkeit in Twitter“ durch, wozu wir auch Sie befragen möchten.
In der Untersuchung geht es darum, wie das Internet bzw. unterschiedliche soziale Netzwerke genutzt werden.
Die Befragung dauert ca. 10 Minuten und ist selbstverständlich freiwillig. Alle Angaben, die Sie in diesem Fragebogen machen, werden anonym behandelt und ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke genutzt. Als kleines Dankeschön für Ihre Mühe wird am Ende der Untersuchung eine Gewinnmöglichkeit zur Verfügung gestellt, wobei unter allen freiwilligen TeilnehmerInnen an dem Gewinnspiel 25 Gutscheine für den Einkauf bei Amazon im Wert von jeweils 20,- Euro verlost werden. Die GewinnerInnen werden nach Beendigung der Untersuchung per Email benachrichtigt.

(Hervorhebungen im Original)

Zur Analyse:

1. Eine mir unbekannte Adresse gestattet sich eine sehr vertrauliche Anrede: „Hallo Klaus“ – dazu als „direct message“ verschickt. Gewiss, wer sich per Twitter ansprechbar macht, kann auch angesprochen werden, aber diese Distanzlosigkeit ist für die vornehmen Gepflogenheiten in der Wissenschaft doch eher selten.

2. „Einfach Mitmachen u. weiter Empfehlen!“ Rechtschreibung 6. Das deutet eher daraufhin, dass das nichts mit Wissenschaft zu tun hat, da Gründlichkeit, Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit in der Wissenschaft bekanntermaßen oberste Priorität haben und Schlamperei, wie dies z.B. bei den Plagiatsaffären deutlich wird, nur die Ausnahme ist.

3. Das Forschungsprojekt lautet angeblich: „Persönliche Öffentlichkeit in Twitter“ (in Twitter!) und das Anliegen besteht darin, mich zu diesem Projekt zu befragen als wenn ich über dieses Projekt mehr müsste als der Initiator.

4. Die Befragung ist „selbstverständlich freiwillig“. Wenn Selbstverständliches extra betont wird hat man irgendwie den Eindruck, dass da irgendetwas nicht selbstverständlich ist. Was könnte das sein?

5. Einen Hinweis darauf findet sich in dieser Formulierung: „Alle Angaben, die Sie in diesem Fragebogen machen, werden anonym behandelt und ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke genutzt.“ Wer glaubt denn so was?

6. Es wird ein Gewinnspiel angeboten. Jetzt ist alles klar: es handelt sich eindeutig um Wissenschaft! Was ist Wissenschaft anderes als ein Glücksspiel? Ein Zufallsprodukt sozialer Evolution!

7. Jetzt kommt das Beste: Ruft man die Seite auf, kann man wirklich, wirklich glauben, dass es sich um Wissenschaft handelt.

Man glaubt es ja gar nicht.

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