Lügenpresse! Das Lügner-Paradox der #pegida @HansHuett @TiniDo

von Kusanowsky

Lügenpresse: Das Lügner-Paradox der Pegida: Die Leute kennen die Wahrheit, und die kennen sie nur aus der Presse. Der Beweis ist hier anschaulich und glaubhaft mitgeteilt.

Eine Behauptung, die in der Wissenschaft mit großer Gründlichkeit nachgewiesen werden müsste, um ihre Banalität zu verschleiern, lautet, dass der alltägliche Umgang mit Massenmedien nur funktioniert, wenn paranoische Beobachtungsmöglichkeiten und entsprechende Kapazitäten im Wahrnehmungsvermögen psychischer Systeme sehr differenziert entwickelt sind, damit das System der Massenmedien erwartbar und verlässlich funktionieren kann.

Eine der routiniertesten Leistungen, die Menschen erbringen können, wenn sie sich mit dem befassen, was durch Massenmedien kommuniziert wird, besteht in der Disqualifizierung dessen, was man gerade erst durch Massenmedien in Erfahrung gebracht hat: „Alles Quatsch“ – „Die da oben machen mit uns was sie wollen“ – „Da steckt doch was dahinter“ – „Da wurde doch etwas gedreht!“ – „Lügenpresse!“. Es reicht nicht länger, solche Disqualifizierungen zu disqualifizieren. Vielmehr scheint doch eher der Gedanke naheliegend, dass solche Disqualfizierungen und auch die Disqualifizierung dieser Disqualifizierung sowohl das Ergebnis als auch eine unverzichtbare Voraussetzung dafür sind, dass ein soziales System wie das der Massenmedien so unglaublich stabil funktionieren kann.

Die Rezeption von Massenmedien ergibt sich im wesentlichen aus einem Dispositiv, das eine dualistische Beobachtungsperspektive attraktiv macht, nämlich die Gegeneinanderstellung zweier angeblich unabhängiger Instanzen, nämlich eine Vorderwelt und eine Hinterwelt. Über die Hinterwelt fühlt sich der Rezipient  jederzeit informiert, obwohl er sich selbst nur als Vorderweltbeobachter auffasst. Man könnte eine solche Beobachtungsperspektive, die eine Doppelstruktur von Vorderwelt und Hinterwelt einschließt, als sozial akzeptierte und standardisierte Routine des paranoischen Beobachtens bezeichnen. Dazu gehört vor allem, dass der Normfall des paranoischen Beobachtens als pathologischer, als unerwünschter Nebeneffekt erscheint und das kritische Beobachten als der zu wählende und zu differenzierende Fall.
Tatsächlich aber ist das paranoische Beobachten keineswegs pathologisch, sondern nur der blinde Fleck der Kritik. Durch Sanktionierung von Selektionen, die die Paranoia pathologisieren, gelingt die Differenzierung des kritischen Vermögens. Das wiederum gelingt nur, wenn durch Massenmedien genügend Blödsinn, genügend Unwahrheit, genügend Irritaiton produziert wird, damit die kritische Fähigkeit trainiert werden kann.

Denn paranoisches Beobachten der Massenmedien erfordert, wenn es sich  – wie im Normalfall feststellbar – gegen Pathologisierung immunisiert, dass es sich auf Pathologisierung einstellt, weil anders kaum relevant werden könnte, warum man sich mit all dem Blödsinn, der durch Massenmedien kommuniziert wird, überhaupt beschäftigen wollte. Der Einwand, es handele sich nicht alles nur um Blödsinn, um Manipulation, um Lügen muss aber selbst per Massenmedien kommuniziert werden. Und sobald dies geschieht, stellt sich wieder ein entsprechender Einwand ein, inklusive aller berechtigten Kontingenzen der Kommunikation. Wer Massenmedien nicht paranoisch beobachten könnte, hätte kaum eine Chance zu verstehen, worum es geht und wie man damit zurecht kommt, ohne den Verstand zu verlieren.

Das gelingt, weil die Paranoia als der dunkle Schatten der Kritik, den Beobachtungszusammenhang stabil und damit gleichsam „gesund“ erhält. Die Paranoia wäre gleichsam der Aufpasser, der große Fürsorger, welche allerdings nicht allmächtig ist, weil er auch auf individuelle Voraussetzungen psychischer Systeme angewiesen ist. Und manche sind durchaus nicht dazu in der Lage, Pathologisierungversuchen zu widerstehen.

Pathologisierung soll hier heißen, dass die Beobachtung des defizitären Charakters alles Beobachteten nur auf einer Seite der kommunikativ doppelten Form der Anschlussfindung geschieht mit der doppelseitigen Erwartung, dass auf der anderen Seite dieselbe Seite gewählt werden sollte, damit die Kommunikation so gelingt, dass das sich daraus ergebende Problem verschinden müsse. Tatsächlich entsteht das Problem dadurch erst, weil niemand eindeutig ermitteln kann, auf welcher Seite die andere Seite zu treffen wäre, von welcher ausgehend man die andere Seite anzutreffen hätte.
Massenmedien funktionieren darum dissoziativ, woraus sich ihr Problem ergibt, für das sie immer eine Lösung suchen und, sobald sie eine finden, das Problem reproduzieren. Die Lösung ist, dass sie vom Assoziationsvermögen paranoischer Beobachter profitieren, die zugleich ihre eigene Dissoziativität einrechnen, welche von Gegenseite (meistens gewählt als „Hinterwelt) aber erwarten, dasselbe nicht zu tun, obwohl das Gegenteil geschehen muss, damit es geschen kann.

Und ich kann mir vorstellen, dass man die theoretische wie praktische Lösung nur in der kommunikativ erweiterbaren Paranoia finden kann, also durch Internetkommunikation, indem beiden Seiten eines Übertragungskanals erfahren, dass sie nicht mehr erfahren können, was auf der andern Seite geschieht, wissend, besser: imaginierend, dass dies dennoch geschehen könnte, ohne sich um Wissbares in dieser Sache bemühen zu müssen. Paranoisches Beobachten würde dann die Nicht-Notwendigkeit der Anschlusserwartung zur Erfahrungsbedingung machen.

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