Gesellschaft anders lernen
von Kusanowsky
Zwei mal in der Woche gehe ich mit dem Hund zu einem ca. 2 km entfernt liegenden Bauernhof, um dort frische Kuhmilch zu holen. Bei diesem Bauernhof handelt es sich um eine Hofgemeinschaft, in der neben Landwirtschaft auch etwas Handwerk betrieben wird; einen Hofladen gibt es dort, und außerdem ist eine Behindertenwerkstatt vorhanden. Die geistig behinderten Menschen leben dort, arbeiten dort und werden dort sehr fürsorglich betreut. Der Baunerhof selbst liegt idyllisch, der Zuweg geht durch ein Stück Wald, vorbei an Fluss und Wiesen. Bei schönem Wetter ist dieser Weg durchaus von märchhaft-kitischiger Schönheit.
Dieser Zuweg, der, wenn auch nicht stark frequentiert, von Fahrzeugen und Fußgängern aller Art genutzt wird, ist kurz vor der Hofeinfahrt gesäumt von Parkplätzen auf der einen Seite und Schuppen und Federviehgehegen auf der anderen, in denen vornehmlich Gänse und Hühner gehalten werden. Noch jedes Jahr im Frühling ist mir aufgefallen, dass dieses Federvieh außerhalb der Gehege über die Straße und durch den Wald läuft. Noch jedesmal habe ich das im Hofladen mitgeteilt und jedesmal hat man mir freundlich zu verstehen geben, dass danach geguckt würde.
Einmal paasierte es, dass plötzlich hinter einem parkenden Auto ein riesengroßer Ganter hervorgestürzt kam und sich fauchend und flügelschlagend auf meinen Küchenwolf stürzte. Zwar erschreckt, aber rechtzeitig, zog ich die Leine kurz und konnte das schlimmste verhindern. Trotzdem sprach ich nun eine Bertreuerin an, eine freundliche ältere Frau, mit der ich zuvor schon einige Male ein paar nette Worte gewechselt hatte. Sie war gerade mit irgendwelchen Blumenbeeten beschäftigt und sagte nun ganz unpassend: „Das ist nicht so schlimm, Sie müssen keine Angst haben, das ist der Ganter, der wird schon mal böse. “
Ich entgegnete nun, freundlich bleibend, dass dieser Zuweg von Verkerhsteilnehmern aller Art benutzt wird und dass auch hier Maßnahmen zur Verkehrssicherheit nicht unwichtig sind. Sie entgegnete ganz beeindruckend unkompliziert, dass es sich hier um einen Bauerhof handele und da könne es schon mal gefährlich werden. Erstaunt darüber kaufte ich im Hofladen meine Milch und sprach die dort diensttuende Verkäuferin auf diesen Vorfall an. Die junge Frau bemerkte, dass sie sich auch daran stört, dass dort ständig das Federvieh frei herum liefe. Sie gab mir zu verstehen, dass die Chefin, das ist die ältere Frau, mit der ich zuvor gesprochen hatte, nicht willens sei, die Gänse einzusperren.
Auf dem Rückweg sprach ich die ältere Frau noch einmal an, und stellte erstaunt fest, dass diese Frau, die sonst auf mich einen sehr freundlichen, vernünftigen und verständigen Eindruck machte, kein bißchen die Bereitschaft hatte einzusehen, dass diese Gänse eine Verkehrsgefährdung sind. Alle meine Einwände bagatellisierte sie einfach.
Nach einigen Wochen passierte es nun. Wieder wurde mir der Weg von Gänsen versperrt. Die Frau war glücklicheweise zugegen und scheuchte die Gänse beiseite. Die Situation war zwar nicht gefährlich, doch wieder hätte es passieren können, dass ich von den Gänsen angefallen worden wäre. Wieder sprach ich die Frau darauf an, dass die Gänse eingezäunt gehören und wieder schüttelte sie mit dem Kopf. Dann verlor ich die Geduld. So laut wie ich konnte schnautze ich sie an, dass sie verflucht noch mal die Gänse einsperren sollte. Es handele sich um eine Straße, nicht um ein Gänsegehege. Und niemand darf rücksichtslos die Verkehrssicherheit gefährden. Und natürlich drohte ich ihr an, das beim zuständigen Ordnungsamt anzuzeigen.
Solche und ähnliche Geschichten kennen wir alle. Was moderne Menschen gelernt haben ist, solche Fälle konfliktuell-friedlich – wir nennen das zivilisiert – zu behandeln. Trotzdem denke ich darüber nach, dass moderne Menschen eine bestimmte Schwachstelle haben, deren sozial akzeptierte Verdeckung oder Vertuschung immer wieder dafür sorgt, dass solche Fälle nicht anders als durch Rechtsstreit behandelt werden können. Diese Schwachstelle aufzudecken, indem man die Mechanismen und Verhaltenskontrollen zur Verdeckung dieser Schwachstelle kommunikativ ermittelt, könnte vielleicht ein Weg sein, Gesellschaft anders zu lernen.
Sollte dir als Kommunikationstheoretiker nicht so schwer fallen. Es wird eine Irritation inszeniert, die Anlass bietet zum Gesprächsbeginn. In der Gegend dürfte so viel einfacher und schneller Anknüpfungspunkt nicht verfügbar sein. Also nimmt man es in Kauf, Vieh und Besucher zu gefährden, um dann in eine Kommunikation einzusteigen. Wolltest du sie davon abbringen, müsstest du ihr ein ebenso gut funktionierendes Werkzeug zur Kommunikationsaufnahme bieten. (Was man so hört, ist der Hundebesitz bei Singles deswegen so beliebt, weil man mit anderen Hundebesitzern ins Gespräch kommt). Oder wäre das Psychologisieren?
@kusanowsky : selbstverständlich weiss ich es auch nicht. Aber weil Du so liebevoll, so bemüht und einfühlsam für eine bestimmte Situation geschrieben hast, wie selten zuvor, (ich bin ganz gerührt), fange ich nun an, ein wenig in Richtung einer möglichen Beantwortung Deiner suchenden Fragestellung tastend voran-zu-denken:
Wir Städter, wir sind alle verdorben. Zwar handelt Deine kleine Geschichte davon, dass Du dort in diesem Musterbauernhof Deine tägliche Milch abholst, aber machen wir uns doch nichts vor: in Wahrheit sind wir Städter doch alle davon überzeugt, die Milch wachse in eckigen Papptüten beim REWE oder bei ähnlichen Großinstitutionen. Und Melken könnten wir wohl alle nicht.
Und genau so ist es mit den Gefahren und sonstigen Gefährlichkeiten des (Land)Lebens: Wir Städter sind doch – summa summarum – zu dumm und zu feige, ein Huhn zu schlachten oder einem Karnickel wegen eines erstrebenswerten Bratens mit einem gezielten Handkantenschlag in dessen Genick das Lebenslicht auszublasen. Wer von uns Städtern hat schon einmal einen gewaltigen Stier schnaubend und wirklich unaufhaltsam geil, (angeleitet von jungen Bäuerinnen !), eine Kuh besteigen sehen? (ich, als Soldat, in Österreich, auf dem Vormarsch Richtung Kroatien gegen Tito anno April 1945). Wer von uns Städtern könnte nervenstark dabeistehen, (vom Selbertun ganz zu scheigen), wenn ein entsetzlich in todesangst quiekendes Schwein geschlachtet werden soll?
Resumée: Wir wissen alle nicht mehr, wie gemein und brutal das animalische Leben ist (und sein muss). Unser Bewusstsein graust es vor dieser Einsicht, weil die funktionale Differenzierung der Gesellschaft und die damit unausweichlich verbundene Arbeitsteilung uns das alles ausgetrieben haben, (wofür wir – als Einzelne – ja nichts können).
Deine alte Bäuerin, die aber weiss das alles noch ganz tief in ihrem körperlichen Befinden verankert. Sie weiss, ein Ganter faucht und kann einem ganz gehörig ins Bein zwicken, ein Hofhund muss eben an die Kette, weil der sonst wirklich – im Gegensatz zu Deinem Pseudowolf – den Briefträger zerreissen würde. Und wenn Tiere Kopulieren, dann haben die Weibchen eben nix zu lachen und allermeist kein Einspruchsrecht. Das alles, lieber Klaus, weiss Deine alte Bäuerin, auch wenn sie es wahrscheinlich nichts zu formulieren vermag.
@postdramatiker deine Analyse ist zwar nicht ganz zutreffend, aber dein Vorschlag könnte weiter helfen: „In der Gegend dürfte so viel einfacher und schneller Anknüpfungspunkt nicht verfügbar sein.“ Diese Überlegung trifft nicht ganz zu, weil diese Frau ja keine Soziologin ist. Sie tut das ja nicht, um Gesprächsbedarf herzustellen, aber streng genommen ist das eigentlich egal. Ich stelle mir einfach vor, sie wäre Soziologin und würde dies tun, um eine kommunikative Struktur beobachtbar zu machen. Dann müsste ich darauf reagieren, indem ich etwas tue, das genauso abwegig ist, um zu schauen, wie sie darauf reagiert. Und es müsste etwas sein, das sie dann dazu bringen könnte, diese doofen Gänse endlich einzusperren.
„Wolltest du sie davon abbringen, müsstest du ihr ein ebenso gut funktionierendes Werkzeug zur Kommunikationsaufnahme bieten.“
Darüber muss ich nachdenken. Jedenfalls fällt mir nicht so leicht ein, was ich versuchen könnte.
Aber du siehst an dieser Geschichte, wie schwer es uns modernen Menschen fällt, solche Situationen ohne Konflikt zu lösen. Denn die konfliktuelle Lösung wäre eine Anzeige beim zuständigen Ordnungsamt abzugeben, die ja gewiss, auch wenn sie hartnäckig verfolgt werden müsste, irgendwann zum Ziel führen würde. Trotzdem meine ich, dass die konfliktuelle Lösung nicht die beste ist. Denn ich hab ja nichts gegen die Frau, im Gegenteil. Sonst ist sie ganz nett und es gibt keinen Grund, diese Mücke aufzublasen, auch dann nicht, wenn die Gefährdung durch diese Gänse nicht so gering ist.
Ganz typisch moderne Gesellschaft: da liegt den Menschen der Frieden am Herzen und schon bei minder kriegerischen Situationen weiß keiner eine intelligente Lösung.
Sorry, aber das Rätselraten über mögliche Motive, die sich in der Psyche dieser alten Dame befinden könnten, führt zu nichts.
Eine identifizierbare Funktion für ein Kommunikationssystem lässt sich hier allerdings auch nicht erkennen.
Ich denke, dass man zunächst davon ausgehen kann, dass der Sachverhalt zumindest irgendeine wichtige Funktion (für die Bäuerin und/oder für ein Kommunikationssystem) erfüllt. Welche Funktion dies genau ist, bleibt Spekulation. Es würde sicher viel mehr Wissen über die Hintergründe erfordern um dies zu klären.
Im Hintergrund gibt es kein Wissen. Es geht nur um die Beobachtung einer Struktur.
Die spannende Frage ist doch, handelt es sich bei dem Bauernhof um privates oder öffentliches Gelände? Sofern es sich um privates Gelände handelt, wirst Du schon rein rechtlich wenig dagegen tun können, dass die Tiere frei rumlaufen, und würde die Uneinsichtigkeit der alten Frau erklären.
„Die spannende Frage ist doch, handelt es sich bei dem Bauernhof um privates oder öffentliches Gelände?“
Juristisch ist die Sache nicht strittig. Es handelt sich um einen Privatweg, den der Eigentümer zur öffentlichen Nutzung deshalb frei geben muss, weil der Eigentümer sowohl dem Pächter des Bauernhofes (also diese Hofgemeinschaft), seinen Angestellten, Lieferanten und Kunden (wie ich einer bin) einen Zugang gewähren muss. Es gelten dort die Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung. Diese gelten auch für Schotterwege und Wege, die wenig frequentiert sind, wie in diesem Fall. Und in der Straßenverkehrsordung sind auch Bestimmungen enthalten, was die Gewährleistung der Vekehrssicherheit angeht. Ich als Hundefüher muss bspw. den Hund anleinen usw.
Tatsächlich wird dieser Weg, der aus einem Wald herausführt, von Fußgängern, Fahrradfaherern, Autofahrern, von Erwachsenen und Kindern benutzt. Es gibt keine Trennung von Bürgersteig und Fahrbahn.
Und strittig ist auch nicht, dass die Begnung mit Gänsen gefährlich ist. Genau das hat die Frau ja zugestanden. Sie weiß das, und spielt es herunter. Und dumm ist die Frau nicht. Denn sie hat jeden Tag mit Behinderten zu tun und sie weiß sehr wohl, dass Gefährdungen aller Art schnell zustande kommen können. Auch hat die Frau mir gegenüber nicht darauf bestanden im Recht zu sein. Das machte machte mich ja so ratlos. Sie will das einfach nur.
Ich hatte es schon einen Kommentar vorher mitgeteilt: natürlich kann ich mich an das kommunale Ordnungsamt wenden mit einer entsprechenden Aussage, mit Beweisen und Zeugen. Und sehr wahrscheinlich würde ich mich damit durchsetzen.
Aber: mir geht es darum, dass wir modernen Menschen irgendeine antrainierte Unfähigkeit haben, mit solchen Irritationen klar zu kommen. Gern beharren wir auf Vernunft. Und wenn sich Widerstand zeigt, suchen wir den Konflikt, organiseren Macht oder appellieren an eine Ordnungsmacht. Etwas Klügeres als das kennen und können wir irgendwie nicht. Und das finde ich eigentlich schlimmer als die Uneinsichtigkeit dieser Frau.
Aber ändern kann ich das auch nicht. Deshalb ja meine Bitte. Hat jemand eine schräge Idee?
Mir würde schon reichen, wenn mir jemand wenn auch abstrakt erklären könnte, wie so eine Blockade zustande kommt? Hast du einen Vorschlag?
Die Unfähigkeit der Frau liegt vermutlich in der Gewohnheit vieler Bauern ihr Geflügel frei auf dem Bauernhof laufen zu lassen. Das trägt ja zur ländlichen Idylle, Attraktivität und Beliebheit des Bauernhofs mit bei. Hier kollidieren wohl einfach vormoderne Gewohnheiten und moderne Sicherheitsbedürfnisse. Ich weiß allerdings nicht, ob man allgemein von einer antrainierten Unfähigkeit moderner Menschen sprechen kann mit solchen Irritationen umzugehen. Wer sind die modernen Menschen? Dazu müsstest Du zuerst genauer angeben, wer von wem irritiert wird, die Frau von Dir oder Du von den Gänsen der Frau? Dann wäre zu klären, ob sich die für diesen Fall festgestellt Unfähigkeit verallgemeinern lässt.
Die Einstellung der Frau wird sich wahrscheinlich nicht ändern, solange nichts passiert – also ein Unfall. Ob man es aber so weit kommen lassen muss nur um seinen Willen durchzusetzen?
„Dazu müsstest Du zuerst genauer angeben, wer von wem irritiert wird, die Frau von Dir oder Du von den Gänsen der Frau?“
Das hatte ich ja geschrieben: „Mir geht es darum, dass wir modernen Menschen irgendeine antrainierte Unfähigkeit haben, mit solchen Irritationen klar zu kommen. Gern beharren wir auf Vernunft. Und wenn sich Widerstand zeigt, suchen wir den Konflikt, organiseren Macht oder appellieren an eine Ordnungsmacht. Etwas Klügeres als das kennen und können wir irgendwie nicht. Und das finde ich eigentlich schlimmer als die Uneinsichtigkeit dieser Frau.“
Also: ich bin, was in diesem Fall als Vernunft gelten mag, im Recht. Diese freilaufenden Gänse sind eine Verkerhrsgefährdung. Und ich habe die Möglichkeit, dieses Recht durchzusetzen, indem ich beim Ordnungsamt eine Anzeige erstatte. Mir scheint das aber reichlich unterkomplex zu sein. Diese Frau ist nicht dumm, nicht unfreundlich, unvernünftig oder sonst irgendwie rücksichtslos oder inkompetent. Und ich auch nicht. Sie will halt nur Gänse frei herumlaufen lassen und ich will nicht von diesen Viechern angegriffen werden. Also müsste man doch ohne eine Durchsetzungsgewalt klar kommen. Du bist klug, ich bin klug – dann müsste es doch auch ohne Aufpassser gehen, oder? Bestimmt geht das auch irgendwie, aber auf einmal stellt man fest: das ist gar nicht so einfach.
Man könnte es auch so sagen: komplizierte Theorien können wir jederzeit ganz einfach diskutieren, aber wenn es darauf ankommt, einen Eimer Wasser umzutreten, weiß niemand einen Rat.
Ich weigere mich, dieser Frau irgendetwas geringschätziges zu unterstellen, sondern ich bleibe nur beim Sachverhalt: sie weigert sich, die Gänse einzusperren. Über ihre Motive weiß ich nichts und sie hat mir darüber auch nichts Plausibles gesagt. Ihre Weigerung mag unvernünftig sein, aber meine Weigerung, ihr Unvernunft zu unterstellen, könnte man genauso gut als unvernünftig bezeichnen, umso mehr, da ich ja die Möglickeit hätte, mich gemäß eines bekannten Ordnungsfindungsverfahren durchzusetzen. Und erst jetzt wird die Sache eigentlich kompliziert: Weigerung trifft auf Weigerung.
Und nun?
„Ganz typisch moderne Gesellschaft: da liegt den Menschen der Frieden am Herzen und schon bei minder kriegerischen Situationen weiß keiner eine intelligente Lösung.“
Was meinst du mit Lösung? Dass die Frau tut, was du willst?
Zunächst einmal wäre wohl zu prüfen, ob man hier wirklich eine soziologische Theorie benötigt, um das Problem zu lösen. Sofern man denn mit dem Vernunftschema beobachten möchte – ich tue’s im Übrigen nicht -, müsste man doch zunächst feststellen, dass ihr beide nur im Rahmen der je eigenen Beobachterperspektive vernünftig auf das Problem schaut. Für Bauern gehören freilaufende Tiere zum Bauernhof dazu, für Moderne wie Dich offensichtlich nicht. Da man sein Recht einklagen kann, bist Du anscheinend nicht der Einzige, der das so sieht. Genau dazu ist das Recht da, wenn es auf anderen Wegen zu keiner Einigung kommt. Trotzdem hält Dich etwas ab diesen Schritt zu gehen. Hier wird dann Deine Problemkonstruktion interessant: Weigerung trifft auf Weigerung. Die Frau weigert sich ihre Gänse einzusperren. Du weigerst Dich ihr Unvernunft zu unterstellen und möchtest aus demselben Grund keine Anzeige erstatten. Ich seh da eigentlich gar kein Problem.
Fakt ist aber, wenn es Dich stört, muss Du die Frau anzeigen, wenn es anders nicht geht. Tu es oder lass es. So einfach ist das.
Braucht man dafür eine Theorie?
Eine lustige, ja wie dieterbohrer sagt, ganz rührende Geschichte. Ich bin zwar kein Systemtheoretiker und von daher nicht zu einer Antwort berufen (auch wenn ich vermute, dass hier systemtheoretisch aufgrund der dürftigen Informationslage noch nicht viel zu holen sein wird; aber vielleicht könnte es auch damit zusammenhängen, dass die Frau ja behauptet, Bauerhöfe sind von Natur aus „gefährlich“ und wenn sie die Gänse einsperrte, würde das ja dem Begriff und Wesen des Bauernhofs kategorisch zuwiderlaufen; deshalb müssen die Viecher frei rumlaufen).
Daher nur eine Rückfrage. Worum geht es Dir eigentlich: Um eine zufriedenstellende Erklärung des Verhaltens der Frau, die Dich mit dem weiterhin bestehenden Risiko einer Ganterangriffs versöhnt (Du kannst dann zwar immer noch angegriffen werden, aber weißt dann wenigstens warum); oder um einen Vorschlag, wie man die Frau unter Vermeidung rechtsstaatlicher Zwangsmaßnahmen dazu bringen könnte, Dir und anderen Verkehrtsteilnehmern dieses Risiko zu ersparen? (Wenn letzteres der Fall ist und ich mit obiger Zwischenüberlegung recht haben sollte, würde das Rätsel dann darin bestehen, wie man eine allgemeine Gefährungslage herbeiführen kann, die dem Wesen des Bauernhofs Genüge tut, ohne die Verkehrsteilnehmer zu beeinträchtigen.)
@Beobachter der Moderne
„Braucht man dafür eine Theorie?“
Ich habe mal von einem Heilerziehungspfleger gehört, der in seinem frühen Berufsleben die Erfahrung gemacht hatte, dass ihm der Umgang mit Betreuern und Betreuten in Heilerziehungsanstalten irgendwie unterkomplex erschien. Dieser Heilerziehungspfleger nahm diese Erfahrung (und gewiss auch weitere, die damit zusammenhängen) zum Anlass, selbst den Beruf des Lehrers zu ergreifen, um den Nachwuchs anhand einer komplexeren Theorie in diesen Angelegenheiten zu unterrichten.
Wer dieser Heilerziehungspfleger ist und ob diese Geschichte wirklich stimmt, soll gar nicht wichtig sein, allein, man kann sie glauben. Ich kann sie glauben, weil ich als junger Zivildienstleistender in einem Altenheim nicht ganz unähnliche Erfahrungen gemacht habe. Ich stellte nämlich fest, dass meine muskulären Ermüdungserscheinungen, die durch die tägliche Rennerei entstanden, relativ gering waren im Verhältnis zu der nervlichen Belastung. Erst später stellt ich fest, dass die nervliche Belastung gar nicht durch die geistig verwirrten, dementen und schwerst pflegebedürftigen Menschen zustande kam, sondern durch den moralischen Stress, der mir von Vorgesetzen aufgezwungen wurde, gegen welchen ich mich erstens nicht wehren durfte, weil ich Zivi war und gegen den ich mich zweitens auch nicht wehren wollte, weil ich ja selbst als Zivi moralisch motiviert war. Möglicherweise sind dir diese Zusammenhänge, was die Komplikationen und diese Verwirrungen angeht zugänglich.
Welchen Lernerfahrung habe ich daraus gezogen?
Meine Lernerfahrung lautet, dass es ohne Theorie gar nicht geht, und dass jeder Versuch, auf Theorie zu verzichten, solche „Unterkomplexitäten“ erzeugt.
Wie entsteht „Unterkomplexität“? Sie entsteht, wenn der Aufwand zur Reduktion von zu bewältigender Komplexität mehr Komplexität (und damit verbunden auch eine entsprechende Ressourcenbelastung) erfordert, als durch die Reduktion an Vereinfachungsgewinnen erzeugt werden kann. Das könnte man auch so formulieren: Wenn Komplexititätssteigerungsroutinen dazu geführt haben, dass sich Reduktionsbesserungsroutinen genauso komplex ausbilden, dann ist jeder weitere Versuch zur Steigerung von Komplexität „unterkomplex“, weil im Prozessverlauf längst Strukturen emergiert sind, die Latenzen zulassen, die es ermöglichen, die Kontingenz der prozessualen Ereignisse beobachtbar zu machen. Dabei kommt es nicht darauf an, durch welche Differenzen und durch welche Beobachtungsschemata der Strukturaufbau gelingt. Unterkomplexität wäre gleichsam eine Art Verschwendungseffekt.
Kompakt erklärt:
Die alte Gesellschaft entwickelte die Evolution des eines neuen symbolisch generaliserten Kommunikationsmediums, nämlich: „Wahrheit“. Die Evolution dieses Kommunikationsmediums (und nicht eines anderen) war verknüpft mit der Beanspruchung eines bis dahin bereits entwickelten Kommunikationsmediums, nämlich „Macht“. Wer die Macht hatte, konnte Wahrheit behaupten, aber der Weg der Machterlangung war die Kommunikation über Wahrheit. Wer der Kommunikation über Wahrheit gewachsen war, konnte an Macht partizipieren, sie verteidigen oder erobern und alles Scheitern an der Machterlangung führte dann immer wieder nur zur Differenzierung dieses Kommunikationsmediums, mit dem Erfolg, dass „Wahrheit“ in dem Augenblick als höchst unterkomplex in Erscheinung trat als jeder Versuch Macht zu erlangen, zu verteidigen oder an ihr zu partizipieren, trivial wurde, weil die Strukturverhältnisse entropisch wurden.
Die moderne Gesellschaft hatte dieses Verhältnis von Wahrheit und Macht ersetzt durch das Verhältnis von Vernunft und Recht, wobei der Anfangsfindungspunkt darin bestand, dass Recht als Kommunikationsmedium bereits entwickelt war, aber jetzt vernünftig begründet werden musste. Die moderne Gesellschaft leistet auf diesem Wege die Entwicklung des symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums „Vernunft“. Wer Vernunft beweisen kann, kann Recht erlangen. Dabei gilt, dass Recht für alle prinzipiell zugänglich, Vernunft aber limitiert werden muss. Die Limitierung geschieht über das Recht, Unvernunft zu unterstellen. Und die Befreiung aus Unvernunft wäre dann das ordnende Differenzierungsschema, mit dem nicht nur Vernunft symbolisch generalisiert wird, sondern ist auch ein Schema, mit dem die Rechtsverhältnisse sich in Entropie ergeben. Jeder hat irgendein Recht, weil nun jeder vernünftig ist, was auch heißt, dass jeder das triviale Recht hat, sich selbst als vernünftig zu beschreiben.
In einer solchen Beobachtungssituaiton nun anderen wiederum Unvernunft zu unterstellen, ist zulässig, weil rechtmäßig, aber unterkomplex. Jetzt sind die Karten neu gemsicht. Und eben dies gilt für diese von mir beschriebenen Situation. Ich habe das Recht, dieser Frau Unvernunft zu unterstellen und: ich könnte mich sehr wahrscheinlich durchsetzen. Aber mein Aufwand wäre doch im Verhältnis zum Gewinn viel trivialer als das Ergebnis. Ich bin halt im Recht, weil ich vernünftig bin und die Frau ist im Unrecht, weil sie unvernünftig ist. Sagen wir: ich hätte ihr gezeigt, wer hier vernünftig ist um ihr beizubringen, dass sie besser vernünftig sein sollte. Der Weg wäre, Recht zu beanspruchen.
Warum ist das unterkomplex? Unterkomplex ist das deshalb, weil es ganz einfach möglich ist, ihr Unvernunft zu unterstellen, ohne dass diese Unterstellung selbst wiederum für mich riskant wäre. Es wäre für sie keine Beleidigung, keine Zumutung, jedenfalls nichts, das sie dazu bringen könnte, ihrer eigenen Vernunft zu misstrauen. Sie würde sich allenfalls ärgern, wenn ich das tue. Sonst nix. Und was bekäme ich: ich bekäme Recht. Daraus folgere ich, dass diese Frau mindestens genauso vernünftig ist wie ich, auch dann, wenn ihr Widersinn für mich ein Problem darstellt, weil ja mein Widersinn auch für sie jederzeit ein Problem darstellen könnte. Die Verhältnisse sind ehr mehr denn weniger entropisch.
Aber pragmatisch gesehen will ich was anderes: ich will nicht von diesen Gänsen angegriffen werden. Sonst nix. Recht haben will ich nicht, und meine Vernunft beweisen will auch nicht. Und weder bestreit ich ihr Recht, noch geht mich ihre (Un-)Vernunft etwas an.
Wie gesagt, lieber Beobachter der Moderne: du kannst mir unterkomplexes Verhalten empfehlen, indem ich beim Ordnungsamt eine Beschwerde einlege. Aber um so etwas zu empfehlen braucht man keine Theorie. Jedenfalls keine komplexe.
@stromgeist
Du hast den Punkt getroffen: es geht mir nur darum, nicht von Gänsen angegriffen zu werden, es geht mir nicht darum, mein Recht durchzusetzen. Denn das Recht auf Verkerhssicherheit hab ich immer, auch in dieser Situation.
Anders betrachtet: ich finde die Weigerung dieser Frau, die mir in Gesprächen zuvor als freundlich und sympathisch erschienen ist, zwar nicht sympathisch, aber doch erstaunlicher und verwunderlicher als mein triviales Recht, diese Frau der Dummheit zu zeihen. Übertrieben formuliert würde ich sagen: mir gefällt das irgendwie. Nicht, dass es mir gefällt, von einem Ganter überfallen zu werden. Aber dass diese Frau sich resolut weigert, den geilen Kerl einzusperren, empfinde ich durchaus als eine provokante Zumutung, die ich mir mehr kosten lassen möchte als die Dummheit, ihr Dummheit zu unterstellen.
„…um so etwas zu empfehlen braucht man keine Theorie.“
Das kann man so sehen. Das hat bloß nichts mit Komplexität zu tun. Sobald es im Alltag zu Entscheidungen kommt, werden Dir soziologische Theorien nicht die Entscheidung abnehmen können. Das muss Du immer noch selber machen. Oder um an Deinem Beispiel von weiter oben anzuknüpfen, soziologische Theorien können nicht dabei helfen einen Eimer Wasser umzukippen. Die können aber dabei helfen zu klären, warum jemand zu doof dazu ist – zumindest wenn es um die sozialen Bedingungen geht, die diese Fähigkeit beeinträchtigen können.
@Roland Walkow
Es ist nicht entscheidend, ob man einen Eimer Wasser umtreten oder ob man einen Kommentar frei schalten will. Entscheidend ist, die Kommunikation zu beobachten. Und wer dafür keine oder nur eine minder komplexe Theorie hat ist entweder auf der Seite der Glückseligen oder muss muss sich am Verdruss abarbeiten.
Übrigens: diese unselige Rede von „Unterkomplexität“ unterliegt dem freilich hoch komplex verbreiteten Irrtum, dass es sich dabei um einen Ersatz für einen Begriff von Primitivität handelt. Ich versuchte zu zeigen, dass Unterkomplexität nur ein Verschleierungsbegriff für Verschwendung ist. Vielleicht sollte man Unterkomplexität besser als „Prosperität“ in einem etwas abgewandelten Sinne beschreiben, Prosperität als Komplexität mit geringen Chancen auf erfahrungsgenerierende Reduktionen. Unterkomplexität ist ein Überfluss-, ein Verschwendungsphänomen, eine Art von sozialem „Trolling“.
Trolling in diesem Sinne ist, wenn man jemanden austrickst, den man jederzeit und ganz leicht, ohne Rücksicht auf eigene Risiken, austricksen kann. Trolling ist nicht Feigheit, sondern nur eine noch sehr unterentwickelte Kunstform, die mehr zulässt als Identitätsschwindel (identiy fraud). Dass wir von solchen Maßnahmen Gebrauch machen, scheint mir nur damit zusammen zu hängen, dass die Gesellschaft nur gering differnzierte und darum auch wenig ertragreiche Erkenntnismöglichkeiten erschlossen hat, also kein ausreichend differenziertes Kommunikationsmedium anliefert, das auf diese Art der Kommunikation angepasst ist.
Deshalb müssen wir üben, aber das Leben zu ändern ist für den Menschen so einfach nicht. Darum diese Internetkindereien. Ich halte dieses Trolling deshalb für vernünftig.
Deutsch, deutscher geht´s nicht:
Meine unter komplexe Antwort, die mir zudem nicht einmal Zusteht, weil nicht nur kein Systemtheoretiker, sondern noch dazu ein Soziologie-Nichtversteher.
Der Ganter ist nur im Frühling berufen Klaus aufzuwecken, aus seinen *“Regler-Traum“. *(Vom Regler, der das Land regelt)
Und zweitens vermute ich mal, Du kaufst Rohmilch, das ist wahrscheinlich offiziell auch nicht erlaubt und dazu noch gefährlich, wegen der möglichen Keime. Die Fauchen zwar nicht, können aber einen ordentlichen Durchfall verursachen und Schlimmeres, oder einen ordentlichen Käse erzeugen..
Die letztere Antwort von Klaus, ist dann gar nicht mehr so Deutsch:
„Aber dass diese Frau sich resolut weigert, den geilen Kerl einzusperren, empfinde ich durchaus als eine provokante Zumutung, die ich mir mehr kosten lassen möchte als die Dummheit, ihr Dummheit zu unterstellen.“
Und sehr Sympathisch; auch besser so, denn wenn das Amt nicht nur dahinter kommt. das dort frei laufendes Federvieh gehalten wird, sondern noch Rohmilch, dazu illegal verkauft? Dann könnte es sein, dass Klaus das letzte mal, seine Milch, auf den zwar idyllischen Weg, zur Bäuerin seines Herzens, erfolgreich Ein-sacken kann..
..oder hab ich vielleicht wieder was falsch Verstanden?
,@kusanowsky
Aber du siehst an dieser Geschichte, wie schwer es uns modernen Menschen fällt, solche Situationen ohne Konflikt zu lösen. Denn die KONFLIKTUELLE (!) Lösung wäre eine Anzeige beim zuständigen Ordnungsamt abzugeben,‘
‚“Braucht man dafür eine Theorie?”
Der Ganter, der berufliche Werdegang von Peter Fuchs, Anschlußfähigkeit und die starrköpfige ältere Frau mitten in der Moderne – eine Erzählung über Interessenkollision
1.Was haltet ihr von Eiern von freilebenden Hühnern,? Die Hähne werden nämlich manchmal auch agressiv – Erfahrungen eines ehemaligen Landbewohners in der Jugend.
2.Was macht die Kommunikation mit Kommunikationsverweigerern, die sich dem Verdacht aussetzen, vormodernen Praktiken des Landlebens zu huldigen, welch freche Ungleichzeitigkeit
3.Du gehtst selbstverständlich davon aus, daß Du vernünftiger bist (!), willst dies aber nicht rechtlich durchsetzen, weil das ja ‚konfliktbeladen‘ ist; und nur der zweitbeste Weg ?
4.Wieso kaufst Du Deine Milch nicht woanders, dies würde das Ordnungsamt in diesem Fall überflüssig machen ?
5.So richtig konfliktbeladen wäre es, bei Deinem nächsten Einkauf den Ganter zu enthaupten
6.Bei dieser Eurer Interessenkollision scheint Die die Mächtigere zu sein,
Du verpürst Ohmacht angesichts ihrer Dir irgendwie liebenswürdigen Ignoranz.
7.Sie teilt Deine Ansichten nicht, Frechheit
8. Du bist bereit zum Perspektivwechsel ? Sie nicht ? Dies könnte der Beginn einer kommunikativen Lösung sein.
9.Lassen sich Interessenkonflikte nicht kommunikativ beilegen, hat die Moderne zur Gewaltvermeidung das Rechtsystem
10.Ich habe öfter das Gefühl, der – neben anderen Funktionen – in die Rechtsformen gegossene Schutz der weniger Mächtigen als zu wenig wichtig erachtet wird, auch und gerade von Soziologen
11.Als kleiner Bauer in Nordindien, der von einem global operierenden Konzern von seinem Land verjagt wird, würdest Du dich nach einem rechtlichen Verfahren sehnen, welches Dir einen gewissen Schutz bietet, ohne zum Gewehr greifen zu müssen
12.Als kleine Anregung empfehle ich Dir Helmut Ridders , Die soziale Ordnung des Grundgesetzes,(Opladen) – ein altes Buch eines rechtposivistisch denkenden leider verstorbenen demokratisch denkenden Staatsrechtlehrers, der als sein Lehrer heute noch über Ladeurs Lobgesang auf die freien Märke der Kollisionsregeln angesichts bestehender Machtverhälnissse lachen würde – in welchem einige Gedanken es sicher Wert sind, in heutigen Diskussionen berücksichtigt zu werden.
13.Deine Frage lautet nach meiner Lesart, haben wir keine bessere Kommunikation als die Rechtskommunikation ?
14.Meine Antwort: Nein, haben wir noch nicht
15.Wobei die Netzkommunikation neue Antworten andeutet.
16.In Kanada haben gut vernetzte MS Patienten die Funktionssysteme Politik, Wissenschaft und Medizin per Auslösekausalität dazu gebracht, eine wahrscheinlich nicht bessere Therapieform als einige bekannte auf die Agenda zu bringen und damit die Stammzellenforschung durch anders eingesetzte Forschungsgelder etwas auszubremsen.Gut oder schlecht.
17.Oder wird durch das Netz etwas erreicht, was in Zukunft eine globale Erweiterung des nationalen Grundrchtsschutzes in Richtung auf globalisierte Kollisionsregeln bedeuten könnte.
18.Doch das ist dem Ganter und seiner Beschützerin vermutlich …….
@Ernstel Sieben da wird nichts illegal verkauft.
„13.Deine Frage lautet nach meiner Lesart, haben wir keine bessere Kommunikation als die Rechtskommunikation?“
@WalterMengel
Genau dieser 13. Punkt trifft die Sache. Es ist ja nicht so, dass ich das Recht für überflüssig halte, sondern es in einer solchen Situation durchzusetzen halte ich für überflüssig, für unterkomplex. Die Durchsetzung des Rechts hat dann differenzierungsgewinnenden und komplexitätssteigernden Charakter, wenn dies einerseits schwierig ist, der Erfolg andererseits aber einen enormen Fortschritt erbringen wurde, wie du es in Punkt 11. andeutest.
In diesem Fall wäre die Rechtsdurchsetzung eigentlich nur auf dem Wege der Stressung der Beteiligten möglich. Wer den meisten Stress macht und den meisten Stress aushalten kann, setzt sich durch.
Hier liegt der Fall nun so, dass man durchaus eine Art von Bagatelle vermuten könnte. Aber so ist auch nicht. Diese Kampfsituation mit dem Ganter hätte auch einen erheblichen Schaden verursachen können, und wenn kein Personenschaden, dann ein Schaden an den dort parkenden Autos. Tausend Euro kommen da schnell zusammen. Aber: ich bin ja nicht der einzige, der dort her geht, und ich bin nicht der einzige, dem diese frei laufenden Gänse auffallen. Warum sollte es ausgerechnet mein heiliger Aufrtrag sein, in dieser Sache für Vernunft zu sorgen? Aber: Die Angestellten können sich dagegen nicht wehren, weil sie sonst ihre Arbeitsstelle zusätzlich mit Stress belasten und die Kunden möchten sich nicht unbeliebt machen, weil es dort sehr gute Sachen zu kaufen gibt, die man sonst in der ländlichen Gegend nicht zu kaufen bekommt. Also wird es geduldet.
Was ich vermute ist, dass wir aufgrund dieser sehr erfolgreich sozial entwickelten rechtlichen wie politischen und wirtschaftlichen Differenzierung vieles lernen konnten, aber dass damit auch vieles an Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten verkümmert ist, bzw. brach liegt. Siehe dazu das Zitat von Luhmann, hier.
Auch Nichtkönnen und Unvermögen, Inkompetenzen sind sozial determiniert.
„..da wird nichts illegal verkauft.“
Ach schade, war auch nur mal so angedacht, als Glosse..
..Grüezi
Was ich noch hinzufügen möchte:
Dort auf dem Bauernhof werden geistig Behinderte betreut. Nun habe ich selbst keine ausführlichen Erfahrungen im Umgang mit geistig Behinderten, ich jedenfalls verhalte mich so, dass ich diesen Leuten ihr schräges Verhalten einfach gönne. Dort ist z.B. eine junge Fau, die mich immer anfassen und küssen will. Zuerst war das natürlich seltsam, aber ich finde das gar nicht schlimm. Wie reagiere ich darauf? Ich lass diese Eigenwilligkeit einfach zu. Ich tue so, als hätte diese Frau einfach nur einen kleinen Knall. Es ist ja nicht so schlimm. Und warum soll mam eine solche Eigenwilligkeit nicht auch Nichtbehinderten zuerkennen, also dieser Frau mit ihrem Widerwillen, die Gänse einzusperren? Sie hat halt einen kleinen Knall, welcher so gesehen ganz harmlos ist, wenn das nicht Auswirkungen auf das Verkerhsgeschehen hätte.
Bekanntermaßen braucht jeder Psychotherapeut einen Psychotherapeuten, vielleicht jeder Heilerziehungspfleger auch einen Heilerziehungspfleger?
@kusanowsky
Noch eine kurze Einlassung zu Deiner Erwiderung.
1.Die Durchsetzung von Recht reduziert die Komplexität durch Entscheidungen
2.Ich habe nach 2 Jahren einen Vortrag von K.H.Ladeur noch einmal gelesen, den ich damals über Twitter schon zur Lektüre empfohlen hatte.
ders,.“Komplexität“ in Niklas Luhmanns Systentheorie, als pdf auf http://www.philosophische-gesellschaft-bremerhaven.de/dokumente/2011/ladeur/Komplexitaet.pdf
3.Du bist im Besten Sinne einerseits einer seiner „Pragmatiker“, andererseits einer seiner „Phantasten“, die Sinnzusammenbrüche und Irritationen provozieren wollen und damit mehr Varietät erzeugen, was langfristig die Komplexität erhöhen könnte.
Du arbeitest gerade mal wieder an der „faktischen Destabilisierung von Erwartungshaltungen“, mein Kompliment
Ja, ich mach ja alles was du sagst, aber ich sag dir nicht wann.
Das Kompliment ist zwar nett, gehört mir aber nur Hälfte. Denn ich kann das ja nicht machen, ohne das irgendwer mitmacht. Aber ich glaube eher, dass die Destabilisierung von Erwartungshaltungen sehr viel eher auf ein Medium zuzurechnen sind.