Gesellschaft anders lernen

von Kusanowsky

Zwei mal in der Woche gehe ich mit dem Hund zu einem ca. 2 km entfernt liegenden Bauernhof, um dort frische Kuhmilch zu holen. Bei diesem Bauernhof handelt es sich um eine Hofgemeinschaft, in der neben Landwirtschaft auch etwas Handwerk betrieben wird; einen Hofladen gibt es dort, und außerdem ist eine Behindertenwerkstatt vorhanden. Die geistig behinderten Menschen leben dort, arbeiten dort und werden dort sehr fürsorglich betreut. Der Baunerhof selbst liegt idyllisch, der Zuweg geht durch ein Stück Wald, vorbei an Fluss und Wiesen. Bei schönem Wetter ist  dieser Weg durchaus von märchhaft-kitischiger Schönheit.

Dieser Zuweg, der, wenn auch nicht stark frequentiert, von Fahrzeugen und Fußgängern aller Art genutzt wird, ist kurz vor der Hofeinfahrt gesäumt von Parkplätzen auf der einen Seite und Schuppen und Federviehgehegen auf der anderen, in denen vornehmlich Gänse und Hühner gehalten werden. Noch jedes Jahr im Frühling ist mir aufgefallen, dass dieses Federvieh außerhalb der Gehege über die Straße und durch den Wald läuft. Noch jedesmal habe ich das im Hofladen mitgeteilt und jedesmal hat man mir freundlich zu verstehen geben, dass danach geguckt würde.

Einmal paasierte es, dass plötzlich hinter einem parkenden Auto ein riesengroßer Ganter hervorgestürzt kam und sich fauchend und flügelschlagend auf meinen Küchenwolf stürzte. Zwar erschreckt, aber rechtzeitig, zog ich die Leine kurz und konnte das schlimmste verhindern. Trotzdem sprach ich nun eine Bertreuerin an, eine freundliche ältere Frau, mit der ich zuvor schon einige Male ein paar nette Worte gewechselt hatte. Sie war gerade mit irgendwelchen Blumenbeeten beschäftigt und sagte nun ganz unpassend: „Das ist nicht so schlimm, Sie müssen keine Angst haben, das ist der Ganter, der wird schon mal böse. “
Ich entgegnete nun, freundlich bleibend, dass dieser Zuweg von Verkerhsteilnehmern aller Art benutzt wird und dass auch hier Maßnahmen zur Verkehrssicherheit nicht unwichtig sind. Sie entgegnete ganz beeindruckend unkompliziert, dass es sich hier um einen Bauerhof handele und da könne es schon mal gefährlich werden. Erstaunt darüber kaufte ich im Hofladen meine Milch und sprach die dort diensttuende Verkäuferin auf diesen Vorfall an. Die junge Frau bemerkte, dass sie sich auch daran stört, dass dort ständig das Federvieh frei herum liefe. Sie gab mir zu verstehen, dass die Chefin, das ist die ältere Frau, mit der ich zuvor gesprochen hatte, nicht willens sei, die Gänse einzusperren.
Auf dem Rückweg sprach ich die ältere Frau noch einmal an, und stellte erstaunt fest, dass diese Frau, die sonst auf mich einen sehr freundlichen, vernünftigen und verständigen Eindruck machte, kein bißchen die Bereitschaft hatte einzusehen,  dass diese Gänse eine Verkehrsgefährdung sind. Alle meine Einwände bagatellisierte sie einfach.

Nach einigen Wochen passierte es nun. Wieder wurde mir der Weg von Gänsen versperrt. Die Frau war glücklicheweise zugegen und scheuchte die Gänse beiseite. Die Situation war zwar nicht gefährlich, doch wieder hätte es passieren können, dass ich von den Gänsen angefallen worden wäre. Wieder sprach ich die Frau darauf an, dass die Gänse eingezäunt gehören und wieder schüttelte sie mit dem Kopf. Dann verlor ich die Geduld. So laut wie ich konnte schnautze ich sie an, dass sie verflucht noch mal die Gänse einsperren sollte. Es handele sich um eine Straße, nicht um ein Gänsegehege. Und niemand darf rücksichtslos die Verkehrssicherheit gefährden. Und natürlich drohte ich ihr an, das beim zuständigen Ordnungsamt anzuzeigen.

Solche und ähnliche Geschichten kennen wir alle. Was moderne Menschen gelernt haben ist, solche Fälle konfliktuell-friedlich – wir nennen das zivilisiert – zu behandeln. Trotzdem denke ich darüber nach, dass moderne Menschen eine bestimmte Schwachstelle haben, deren sozial akzeptierte Verdeckung oder Vertuschung immer wieder dafür sorgt, dass solche Fälle nicht anders als durch Rechtsstreit behandelt werden können. Diese Schwachstelle aufzudecken, indem man die Mechanismen und Verhaltenskontrollen zur Verdeckung dieser Schwachstelle kommunikativ ermittelt, könnte vielleicht ein Weg sein, Gesellschaft anders zu lernen.