Differentia

Monat: April, 2013

Die Diskreditierung psycho-somatischer Techniken

Im Verhältnis zu psychischen Systemen hängen alle Kommunikationsmedien davon ab, daß Selektionsmotive nicht kurzschlüssig allein im psychischen System gebildet werden, sondern auf dem Umweg über soziale Kommunikation zustandekommen (wie immer sie dann zur Annahme oder zur Ablehnung von Selektionsofferten disponieren). Diese Umwegigkeit der Motivbildung versteht sich bei anspruchsvolleren Übertragungsleistungen nicht mehr von selbst, sondern muß durch strategisch placierte Selbstbefriedigungsverbote unterstützt werden: In hochentwickelten Medien-Codes finden sich daher immer auch Symbole mit dieser Funktion: Verbote der direkt-gewaltsamen Zielverfolgung und Rechtsdurchsetzung; Diskreditierung jeder Selbstbefriedigung in Fragen der Sexualität und der Liebe; Abwertung und Benachteiligung ökonomischer Askese und Selbstgenügsamkeit; schließlich methodische Eliminierung aller rein subjektiven Evidenzen, introspektiv gewonnener Sicherheiten, unmittelbarer Wissensquellen (Kant 1796). Was dabei an psycho-somatischen Techniken mitdiskreditiert worden und unentwickelt geblieben ist, läßt sich schwer abschätzen. Die kulturelle Dominanz der Medien-Funktion hat Wissen und Überlieferungen in diesen Richtungen verkrüppeln lassen.

Luhmann, Niklas. (1974) : Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien, in: Soziologische Aufklärung (2005),  Band 2,  S.142-276.

Diese Stelle bezieht sich auf eine spezifische Organisation von Fremdreferenz moderner Sozialverhältnisse, die über Einziehung einer zweiten Beobachtungsebene die Vermeidung von Selbstreferenz garantieren, ausgedrückt mit dem Begriff der Vermeidungssstrukturen. Im Zitat bezieht sich das auf die Abschaffung der Rache, bzw. auf die Trennung von Recht und Gerechtigkeit, auf das Verbot von Masturbation und Geringschätzung von Eigenbrötlerei und auf das, was ich paranoisches Beobachten nennen würde:  „schließlich methodische Eliminierung aller rein subjektiven Evidenzen, introspektiv gewonnener Sicherheiten, unmittelbarer Wissensquellen …“

Was ich vermuten möchte ist, dass diese Diskreditierung nicht mehr durchhaltbar ist, weil die Form der Organisation von Fremdreferenz durch ihre Trivialisierung längst schon wieder in ein Medium zerfallen ist und Selbstreferenz nun nicht nur nicht mehr vermieden werden kann, sondern im Gegenteil sogar zur expressiven Stabilitätsbedingung hoch unwahrscheinlicher Anschlussmöglichkeiten wird.

@friiyo – das meinte ich als ich in Frankfurt davon gesprochen hatte, dass du als Journalist angefangen hast, dir selbst einen Leserbrief zu schreiben. Dein Einwand war berechtigt: der Folgenreichtum ist im individuellen Fall sehr gering. Wen interessiert dein Leserbrief an dich sebst? Aber: was wäre, wenn solche Fälle normal werden, wenn niemand mehr so einfach darauf verzichten kann, das eigene Zutun zum Gelingen der Kommuniktion unter anderen Voraussetzungen noch einmal zu thematisieren?

Und die dafür notwendigen Erfahrungsbedingungen werden mit diesen trivialen Internet-Diskussionen eingeübt.

Fernsehen und Überwachung @postdramatiker #bildschirmfesselung #googleglass

Lieber Ulf,

wenn man etwas mehr will als nur Meinungen darüber zu verbreiten, welche sozialen Verwicklungen die Bildschirmfesselung nach sich ziehen wird, dann sind deine theoretischen Überlegungen das Fernsehen betreffend ziemlich gut geeignet, die Nachdenklichkeit zu stimulieren und zu differenzieren. Mir ist beim Nachdenken über deine „Fernseh-Serie“ der Gedanke gekommen, dass diese Überlegungen mit einer Theorie der Überwachung ergänzt werden müssten.
Vor allen Dingen müsste eine Theorie der Überwachung nicht mehr allein als Machtproblem behandelt werden, denn solange man Überwachung auf eine machttheoretische Angelegenheit reduziert, wird man den Beobachtungszusammenhängen nicht gerecht. Denn bislang zeigt sich, dass Überwachungsmaßnahmen keineswegs mehr Sicherheit garantieren oder verstärken, sondern es scheint doch eher so zu sein, dass  verstärkte Überwachungsmaßnahmen immer auch zur Differenzierung der Problemsituation führen und damit auch zur Differenzierung von Umgehungsmaßnahmen.
Gewiss werden durch Überwachungsmaßnahmen die Überwindungsschwellen gesteigert, aber wenn sie überwunden werden, dann zeigt sich einer sehr viel größere Unsicherheit, die dann mit den bekannten Machtmitteln nicht eingehegt werden kann.
Das gilt vor allem für den Terrorismus. Unter der Bedingungen immer stärkerer Überwachung wird es bestimmt immer schwieriger, Terror auszuüben, wenn es aber dann noch gelingt, sind die Folgen unbeschreiblich verheerend. Denn Terroristen müssen ja nicht nur Überwachungsmaßnahmen austricksen, sondern sind selbst auf Überwachungsmaßnahmen angewiesen, weil die Überwachung von anderen auch ermöglicht, sich selbst der Überwachung durch andere zu entziehen. Insofern haben Polizisten und Terroristen das selbe Problem und bevorzugen folglich die gleichen Methoden. (Ähnlich verhält mit der Beziehung zwischen Geheimagenten und Journalisten, die mehr gemeinsam haben als man meinen möchte.)

Deshalb denke ich, ob man „Fernsehen“ einerseits und „Überwachung“ komplementär auf einander beziehen müsste, weil mir scheint, dass das eine ohne das andere gar nicht funktionieren könnte. Theoretisch scheinen mir darum solche Fälle interessant, wenn sich Überwachung und Fernsehen verschränken. Dies scheint mir bei sogenannten Streichen mit versteckter Kamera zu passieren.

Hier ist ein hübscher Ausschnitt. In dem Video werden drei klaustrophobische Streiche durchgeführt, wobei nur der erste und der dritte gut gelungen sind. Beide zeigen wie affektiv Menschen reagieren müssen, wenn sie es mit Gespenstererscheinungen zu tun bekommen. Im ersten Streich geht es um ein Zombie und im dritten Streich um eine Fata Morgana. Der zweite Streich mit der Niesattacke von hinten passt hier nicht so gut, weil er nur sehr gewöhnliche Strukturen beobachtbar macht.

Im ersten Streich wird Kommunikation unvorhersehbar erzwungen und im dritten unvorhersehbar abgebrochen. Im ersten Streich wird aus einer Puppe ein Mensch und im anderen aus einem Mensch ein Gespenst.

Ich glaube es lohnt sich, diese Streiche etwas gründlicher zu analysieren. Deshalb werde ich mir noch etwas Zeit nehmen, darüber nachzudenken. Etwas knifflig wird’s dann, wenn man sich fragt, wie Beobachtungsverhältnisse sich einrichten, wenn Google Glass ins Spiel kommt.

Wenn wir uns in Berlin sehen, dann reden wir noch mal daüber? Bis dahinn. Alles Gute!

%d Bloggern gefällt das: