Für welches Problem ist das Internet eine Lösung?
von Kusanowsky
https://twitter.com/ElbeChirurg/status/324848477425254400
Ein Äquivalenzfunktionalismus geht immer auch von der Annahme aus, dass Systeme spezifische Lösungen für spezifische Probleme darstellen, die auch anders gelöst und darum auch ersetzt werden können. Hinsichtlich des Internets könnte man fragen: für welches Problem ist das Internet eine Lösung?
Wenn ich dieser Frage nach gehen würde, so würde ich zunächst von der Behauptung ausgehen, dass das Internet kein System ist im Sinne einer Theorie sozialer Systeme. So wenig wie der Straßenverkehr ein soziales System ist, das Marktgeschehen oder die Industrieproduktion. Das hat viele Gründe, der wichtigste scheint mir zu sein, dass soziale Systeme immer auch Grenzen herstellen, durch die sie sich von ihrer Umwelt unterscheiden. Diese Grenzziehung selbst ist schon in der Autopoiesis verankert. Die Grenze sorgt dafür, dass erstens alle Operationen nicht über das System hinaus gehen, sondern allein intern anschlussfähig und verkoppelbar sind und dass zweitens Operationen durch Beobachtung überhaupt einem System zugerordnet werden können. Das betrifft den Punkt der operativen Schließung.
Konkretes Beispiel: Beim Skatspielen können die Anwesenden gleichzeitig auch über das Wetter reden, aber niemand würde die Zahlenfolge beim Reizen (18, 20, 2, 0, 4, 7, 30 usw.) mit Temperaturangaben verwechseln. So könnte man sagen: eine Skatrunde als soziales System ist eine Lösung für das Problem mangelnder Geselligkeit. Ein gleichzeitiges Gespäch über das Wetter kann die Skatkommunikation nicht ersetzen, weil die Wetterkommunikation eine Lösung für ein anderes Problem ist. Die Kommunikation über das Wetter löst in dem Fall nicht das Problem mangelnder Geselligkeit. Die Grenze des Skatsystems vollzieht sich über die Beobachtung von Operationen, die den Unterschied von Regelkonformität und Regelverletzung herstellen. Die gleichzeitige Kommunikation über das Wetter wäre für das Skatsystem dann Kommunikation in der Umwelt dieses Systems.
Das Internet ermöglicht nun eine solche Umweltkommunikation und zwar als Umweltkommunkation für alle sozialen und psychischen Systeme ohne Ausnahme. Ohne Ausnahme heißt, dass die Umweltkommunikationen der Internetkommunikation keine Ausweichmöglichkeit zulassen. Das heißt: auch wenn man die eigene Anschlussfindungsendungsstelle (Computer, Google Glass, iPhone oder was immer) ausschalten würde, so kann man doch nicht alle anderen ausschalten (z.B. Großleinwände, Bildschirme aller Art), so dass man immer die Möglichkeit hat, als Beobachter beobachtet zu werden, der handelnd auffällt, gleichviel, ob man das will oder nicht.
Auch das zeigt, dass das Internet kein System ist, weil nicht erkennbar ist, durch welche einschränkbaren Zuordnungsoperationen es zusammen gehalten werden könnte. Darum ist diese Internetkommunkation hoch entropisch, ist Chaoskommunikation, weil von keiner Stelle aus erkennbar wird, ob Zuordnungen erfolgen oder nicht.
Und gerade darin, dass das Internet für alle sinnverstehenden Systeme, ausnahmslos, Umweltkommunikation herststellt, erbringt es eine spezifische Leistung. Die Spezifik dieser Umweltkommunikationen des Internets ist, dass sie für alle Systeme beobachtbar sind ohne, dass diese Kommunikationen integrierbar wären.
Man könnte das auch so formulieren, dass eine zweite operative Ebene in alle Kommunikationen eingeführt wird. Alle Kommunikationen zwischen Anwesenden können zugleich auch Kommunikation zwischen Abwesenden sein. (Dieser Bericht zeugt davon, wie diese Chaoskommunikation in virale Irrtumskommunikation umschlagen kann.)
Und die spezifische Lösung, die das Internet für alle Systeme ermöglicht ist das, was kein System herstellen kann, nämlich: globale Selbstorganisation, die für jedes System hochgradig unwahrscheinlich ist. Das würde ich so formuieren: die Unwahrscheinlichkeit der Selbstorganisation wird ersetzt durch Steigerung der Irrtumswahrscheinlichkeit, welche wiederum die Provokationsbedinungen sind für das Zustandekommen von Selbstorgansation.
Eine unverzichtbare Voraussetzung dafür ist eine sich durchsetzende Bildschirmfesselung, die zwar von einem Gewaltverzicht spricht und mindestens dafür sorgt, dass auch Gewaltkommunikation in diese Irrtumsmöglichkeiten verwickelt wird. Das macht Gewalt nicht unmöglich, sondern nur schwieriger, aufwändiger, anstrengender, unwahrscheinlicher.
Dieser Loriotsketch ist ein schönes Beispiel dafür was passieren kann, wenn das Problem eines Mangels an Geselligkeit zweimal gleichzeitig gelöst wird. Denn dieser Sketch erzählt ja keine Missverständnisse, sondern verweist auf die Möglichkeit der Problemlösung und auf ihre Grenze. Und das heißt, die Systeme können einander ersetzen: mangelnde Geselligkeit kann auf ernsthafte oder auf spaßig Weise gelöst werden. Eben weil in dieser Szene kein Irrtum im Spiel ist sie witzig, denn: wer soltte im Irrtum sein? Das Problem mangelnder Geselligkeit wird ja für alle Beteiligten gelöst.
„Beim Skatspielen können die Anwesenden gleichzeitig auch über“ Sex reden.
Es gibt einen Witz, mit dem man veranschaulichen kann, warum es so schwer ist Kommunikation durch Fortsetzung der Kommuikation zu erklären. Der Witz geht so:
Auf einer Parkbank sitzt ein Mann mit einer Banane im Ohr. Ein kleines Mädchen sieht das und fragt ihn:
Warum hast du eine Banane im Ohr?
Er: Was hast du gesagt?
Sie: Warum hast du eine Banane im Ohr?
Er: Was hast du gesagt?
Sie: Warum hast du eine Banane im Ohr?
Er: Es tut mir leid, ich kann dich nicht verstehen, hab eine Banane im Ohr.
So ungefähr.
Meine Eingangsfrage bezog sich auf eine These, von der ich nicht sicher bin, ob sie sich historisch halten lässt, nämlich, dass sich bei einer Ersetzung die ersetzenden Systeme gegenüber den ersetzten Systemen im Mittel auch durch Gewaltverzicht auszeichnen. Dann wäre eine berechtigte Frage zunächst mal: Welche Gewalt überhaupt, gegenüber wem und wozu? Vermutlich spielt hier Grenzziehung eine Rolle, die Aufrechterhaltung der Operativität, die Sicherstellung, dass systemerhaltende Komponenten das System in hinreichendem Maße nicht verlassen etc., zu deren Durchsetzung Gewalt ein Mittel sein kann.
Ein Beispiel, das in einem anderen Post aufgetaucht ist (https://differentia.wordpress.com/2013/04/12/mennoniten-beispiel-fur-den-apollinischen-vermeidungsirrtum/#comment-7420): Naturwissenschaft als Religionsersatz. Du hattest dort von einer Reflexion der Kontingenz des Notwendigen als Funktion gesprochen. Ich hatte das Augenmerk auf einen Vertrauensaspekt gelegt, den ich nochmal präzisieren will: In beiden Fällen scheint die Autorität einer Institution das Bedürfnis nach dem Vertrauen in etwas Außerweltliches zu bedienen – Gott auf der einen, Realität auf der anderen Seite –, das in beiden Fällen als Stabilitäts- und Synchronisationsgarant von Erfahrungen (als Stabilität und Konsistenz der Welt an sich aufgefasst) betrachtet und als notwendig empfunden wird. Ich erinnere mich an ein lange zurückliegendes Gespräch mit einem Physiker, der es auf den Punkt brachte: „Die Realität ist das, was macht, dass wir die gleichen Dinge sehen.“
Nun zeigt sich, dass die Naturwissenschaft zur Herstellung ihrer Autorität und Ausübung ihrer Funktion kaum physische Gewalt anwenden muss. Denn der Gewaltverzicht wird durch einen viel perfideren systemerhaltenden Mechanismus mehr als aufgewogen: Vortäuschung der Notwendigkeit und Eindeutigkeit sprachlicher Interaktion (u. a. Ontologizität von Substantiven, Schlüsselstellung des „Verbs“ „sein“, Subjekt-Prädikat-Objekt-Stuktur etc. etc.) Dass die epistemische Blockadewirkung oft nicht gesehen wird, ist Alltagserfahrung. Bereitwillig versammeln sich daher die Sprachbenutzer unter dem alternativlosen Zelt der Realität, deren Kirche die institutionalisierte Wissenschaft ist.
Als Verallgemeinerung wäre die These insofern, dass ein Gewaltverzicht deswegen zustandekommt, weil die systemerhaltende Funktion der Gewalt genausogut durch einen gewaltlosen, aber perfideren Mechanismus übernommen werden kann. Dessen Immunisierungsfunktion ist erstens höher, weil die entsprechende Blockade erst einmal erkannt werden muss (während physische Gewalt sofort erkannt wird und mit Gegengewalt direkt und effektiv bekämpft werden kann) und zweitens effizienter, da physische Gewalt Energie des Systems dissipiert, während ein in der Interaktionsstruktur verborgen wirkender Mechanismus die Komponenten selbst dazu bringt, sich einzufügen. Die letzten beiden Punkte wären dann aber „evolutionäre Vorteile“ derjenigen Systeme, die auf Gewalt verzichten und würden erklären, warum sich solche Systeme langfristig durchsetzen und daher öfter unter den ersetzenden statt unter den ersetzten zu finden sind.
„Nun zeigt sich, dass die Naturwissenschaft zur Herstellung ihrer Autorität und Ausübung ihrer Funktion kaum physische Gewalt anwenden muss …“
In einer vorerst abgebrochenen Artikelserie wollte ich mich damit befassen. (Kritik war ein Machtkonzept)
Zunächst muss jedes Machtkonzept auch Gewalt anwenden. Bei der Evolution dieses Machtkonzeptes würde ich deshalb zwei Etappen unterscheiden. Die erste Etappe war die Phase der Provokation, als Kritik sich gegen die überlieferte und alt gewordene aristotelische Rhetorik wendete. In dieser Phase war Kritk machtlos, nicht zu rechtfertigen und nur möglich, weil sie zwar schwächer als die sich rechtfertigende Rhetorik war, aber raffinierter und damit komplexer auf Beobachtungsergebnisse reagieren konnte. Das war war die Phase, in der sich Kritik parasitär einnisten und entwickeln konnte. Die parasitäre Wirkung bestand darin, gegenüber den virulenten Parteilichkeiten indifferent zu bleiben und diese zu unterlaufen, statt zu überwältigen. So hat die Naturwissenschaft in dieser Phase sich sozusagen das Recht auf das Erbe erworben, wobei das Erbe in der Urteilsfähigkeit in Sachen Wahrheit bestand und der raffinierte Weg war, ein diabolisches Vertrauen in Menschenvermögen anzueignen (ohne dies allerdings rechtfertigen und transzendentaltheoretisch erklären zu können.)
Ein schönes Beispiel dafür war im 17. Jh. William Harvey und die Entdeckung des Blutkreislauf. Harvey war zu nächst konservativer Anhänger der traditionellen Gelehrsamkeit. Für ihn konnte die Tradition nicht irren. Für ihn kam das das Messen, Dokumentieren und Vergleichen aber schon in Frage, weil er, anders als seine Vorgänger es für möglich hielt, dass seine Verstandesfähigkeit ausreichte, um die Wahrheit der Tradition zu bestätigen. Seine Messeregbnisse lieferten dann den Beweis des Gegenteils. Auf dieser Basis musste er sich entscheiden worauf er mehr vertraut, seiner Verstandesfähigkeit oder der Tradition.
Spätestens ab dem 18. und 19. Jahrundert änderte sich das. Die Kritik wendete sich jetzt nich mehr gegen die traditionelle Gelehrsamkeit, sondern gegen sich selbst. Sie bekam es mit sich selbst zu tun. Kritik musste jetzt gegen andere Kritik gerechtfertigt werden, was zu dem Zeitpunkt auch deshalb ging, weil ein Vertrauen in Menschenvermögen vollständig entwickelt und zugleich aufgrund dieser Entwicklung eine transzendentaltheoretische Begründung verbreitet war. Spätestens jetzt war die Wahrheitsfrage nicht mehr an einen Gottglauben geknüpft. Gott war als Vertrauensinstenz überflüssig geworden.
Ein Ergebnis war nun auch, dass diese parasitäre Wirkung nun selbst als dämonische Macht in Erscheinung trat. Die Umänderung des Vertrauens auf Gott zu einem Vertrauen auf Realität bezog sich ja auch auf die epistemologischen Voraussetzungen, nämlich: Menschenrealität: Verstand, Gefühle, Vernunft, Gedanken. Und die transzendentaltheoretische Erklärung, die jetzt Rechtfertigungscharakter hatte, besagt ja, dass das Wissenskonzept mit dem man Metall schmelzt und gießt kein anderes ist als dasjenige, mit dem man über das Denken nachdenken kann. Das ist sehr wichtig. Es gab keine Hierarchie werthaltiger Fähigkeiten mehr. Damit wurde in dieser Phase die Kritik als wechselseitiges Verhältnis aufgefasst, was auch bedeutete, Kritik prinzipiell für zulässig zu erklären, wobei die Bedingungen dafür selbst wiederum durch Kritik ermittelt werden. Eben dies führte zu einer immer schnelleren Differenzierung und damit zu dem was du in deinem Kommentar beschreibst:
Ja. Wobei als gewaltfreisetzende Instanz die Realität selbst beobachtbar wird. Beispiel: radioaktive Strahlung. Aber in dem Augenblick ist der dämonische Charakter gebändigt und alle weiteren Defizite werden nur auf ein noch Unerkanntsein realer Zusammenhänge zugerechnet, z.B. auf menschliches Versagen. Darin spricht sich da gerade dieses grenzenlose Vertrauen auf Menschenvermögen aus, weil sich diese Ausrede auf eine Paradoxie bezieht und auch diese Paradoxie noch problemlos für das Gelingen von Rechtfertigung ignoriert werden kann.
(Bildschirm)fesselung als Konsequenz der Technikerfindung (durch Prometheus):
„Wie war denn das mit Prometheus und dem gestohlenen
Feuer? Vielleicht meinen wir nur, vor Computern zu sitzen, und
sind tatsächlich daran, an den Kaukasus geschmiedet zu werden?
Und vielleicht wetzen sich schon einige Vögel die Schnäbel,
um an unseren Lebern zu picken?“ (Villem Flusser, Vom Stand der Dinge)
[…] Und solange das so ist, haben die Pausenclowns alle Hände voll zu tun, die Faszination für die Bildschirmfesselung einigermaßen ansprechend zu […]
[…] Netzgemeinde ist deshalb nur das Thema einer Selbstorganisation ohne System. Dies könnte zwei völlig gegensätzliche Einschätzungen erklären. Eine Einschätzung lautet, […]
„Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.“ –
Marx, Karl: Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort, 1859, MEW 13, S. 9