Differentia

Für welches Problem ist das Internet eine Lösung?

Ein Äquivalenzfunktionalismus geht immer auch von der Annahme aus, dass Systeme spezifische Lösungen für spezifische Probleme darstellen, die auch anders gelöst und darum auch ersetzt werden können. Hinsichtlich des Internets könnte man fragen: für welches Problem ist das Internet eine Lösung?
Wenn ich dieser Frage nach gehen würde, so würde ich zunächst von der Behauptung ausgehen, dass das Internet kein System ist im Sinne einer Theorie sozialer Systeme. So wenig wie der Straßenverkehr ein soziales System ist, das Marktgeschehen oder die Industrieproduktion. Das hat viele Gründe, der wichtigste scheint mir zu sein, dass soziale Systeme immer auch Grenzen herstellen, durch die sie sich von ihrer Umwelt unterscheiden. Diese Grenzziehung selbst ist schon in der Autopoiesis verankert. Die Grenze sorgt dafür, dass erstens alle Operationen nicht über das System hinaus gehen, sondern allein intern anschlussfähig und verkoppelbar sind und dass zweitens Operationen durch Beobachtung überhaupt einem System zugerordnet werden können. Das betrifft den Punkt der operativen Schließung.

Konkretes Beispiel: Beim Skatspielen können die Anwesenden gleichzeitig auch über das Wetter reden, aber niemand würde die Zahlenfolge beim Reizen (18, 20, 2, 0, 4, 7, 30 usw.) mit Temperaturangaben verwechseln. So könnte man sagen: eine Skatrunde als soziales System ist eine Lösung für das Problem mangelnder Geselligkeit. Ein gleichzeitiges Gespäch über das Wetter kann die Skatkommunikation nicht ersetzen, weil die Wetterkommunikation eine Lösung für ein anderes Problem ist. Die Kommunikation über das Wetter löst in dem Fall nicht das Problem mangelnder Geselligkeit. Die Grenze des Skatsystems vollzieht sich über die Beobachtung von Operationen, die den Unterschied von Regelkonformität und Regelverletzung herstellen. Die gleichzeitige Kommunikation über das Wetter wäre für das Skatsystem dann Kommunikation in der Umwelt dieses Systems.

Das Internet ermöglicht nun eine solche Umweltkommunikation und zwar als Umweltkommunkation für alle sozialen und psychischen Systeme ohne Ausnahme. Ohne Ausnahme heißt, dass die Umweltkommunikationen der Internetkommunikation keine Ausweichmöglichkeit zulassen. Das heißt: auch wenn man die eigene Anschlussfindungsendungsstelle (Computer, Google Glass, iPhone oder was immer) ausschalten würde, so kann man doch nicht alle anderen ausschalten (z.B. Großleinwände, Bildschirme aller Art), so dass man immer die Möglichkeit hat, als Beobachter beobachtet zu werden, der handelnd auffällt, gleichviel, ob man das will oder nicht.
Auch das zeigt, dass das Internet kein System ist, weil nicht erkennbar ist, durch welche einschränkbaren Zuordnungsoperationen es zusammen gehalten werden könnte. Darum ist diese Internetkommunkation hoch entropisch, ist Chaoskommunikation, weil von keiner Stelle aus erkennbar wird, ob Zuordnungen erfolgen oder nicht.

Und gerade darin, dass das Internet für alle sinnverstehenden Systeme, ausnahmslos, Umweltkommunikation herststellt, erbringt es eine spezifische Leistung. Die Spezifik dieser Umweltkommunikationen des Internets ist, dass sie für alle Systeme beobachtbar sind ohne, dass diese Kommunikationen integrierbar wären.
Man könnte das auch so formulieren, dass eine zweite operative Ebene in alle Kommunikationen eingeführt wird. Alle Kommunikationen zwischen Anwesenden können zugleich auch Kommunikation zwischen Abwesenden sein. (Dieser Bericht zeugt davon, wie diese Chaoskommunikation in virale Irrtumskommunikation umschlagen kann.)

Und die spezifische Lösung, die das Internet für alle Systeme ermöglicht ist das, was kein System herstellen kann, nämlich: globale Selbstorganisation, die für jedes System hochgradig unwahrscheinlich ist. Das würde ich so formuieren: die Unwahrscheinlichkeit der Selbstorganisation wird ersetzt durch Steigerung der Irrtumswahrscheinlichkeit, welche wiederum die Provokationsbedinungen sind für das Zustandekommen von Selbstorgansation.
Eine unverzichtbare Voraussetzung dafür ist eine sich durchsetzende Bildschirmfesselung, die zwar von einem Gewaltverzicht spricht und mindestens dafür sorgt, dass auch Gewaltkommunikation in diese Irrtumsmöglichkeiten verwickelt wird. Das macht Gewalt nicht unmöglich, sondern nur schwieriger, aufwändiger, anstrengender, unwahrscheinlicher.

Die Aura­ti­zi­tät der Welt @postdramatiker

Im Blog von Postdramatiker gibt es seit einiger Zeit eine höchst interessante Artikel-Serie #MediaDivina zur Fernsehtheorie, die mit zum besten gehört, was man überhaupt darüber lesen kann.

Der unten stehende Text ist ein Teil davon. Wer mal etwas Lehrreiches lesen will, dem möchte ich empfhehlen, sich dafür etwas Zeit zu nehmen:

 

Die Welt im Zeitalter ihrer technischen Referenzierbarkeit #MediaDivina

von postdramatiker

Welt wird nicht repro­du­ziert im tech­ni­schen (Fernseh-)Zeitalter, ver­liert auch nicht ihre Aura. Sie wird viel­mehr zitier­bar – und ver­wan­delt dabei, wie es jedes Zitat tut, die zitierte Welt in eine Auto­ri­tät. Aura­ti­zi­tät. Und pro­du­ziert zugleich eine bedeu­tungs­lose Welt.

Fern­se­hen ist nicht (allein) auf die Signi­fi­kanz sprach­li­cher Zei­chen ange­wie­sen, die immer schon unter dem Vor­zei­chen der Abwe­sen­heit stand und nur die vor­ma­lige Anwe­sen­heit des Schrei­bers als schrift­li­che Spur der Geschrieben-habens bzw. Geschrieben-Seins durch … andeu­tungs­wei­ser ver­bürgt. Fern­se­hen kann die Signi­fi­kanz nut­zen – und tut es in dem Maße, wie es darum geht, die Abwe­sen­heit in das Anwe­sende des Bil­des hin­ein­zu­brin­gen. Wo es also etwa darum geht das Abs­trakte, Ideale oder Ide­elle ins Bild zu brin­gen, ohne es sicht­bar zu machen, es also aufzuladen.

Fern­se­hen erfüllt zudem den Traum der an der Unzu­läng­lich­keit sprach­li­cher Kom­mu­ni­ka­tion seit alters Ver­zwei­feln­den, mit Din­gen spre­chen zu kön­nen, die zu Zei­chen ihrer selbst in der Abbil­dung wer­den. Nen­nen wir diese Funk­tion die refe­ren­ti­elle Funk­tion, in der das Zei­chen auf das zeigt, von dem es redet und in der es selbst zugleich zeigt, wovon es redet. Es weist nicht nur auf das Gezeigte wie der aus­ge­streckte Zei­ge­fin­ger. Son­dern es weist das Gezeigte zugleich auf als Bild. Und die­ses Bild oszil­liert nun­mehr unauf­hör­lich zwi­schen dem Sta­tus, Zei­gen­des und Gezeig­tes zu sein.

So wie das Zitat zugleich Aus­schnitt aus einem ande­ren Text und prä­sen­tier­ter Ein­schub in einen Text ist, einer­seits auf seine Her­kunft ver­weist (jeden­falls sofern die Regeln guten, etwa wis­sen­schaft­li­chen Zitie­rens, ange­wandt wer­den) und gleich­zei­tig im zitie­ren­den Text als Teil steht, zugleich also dort ist und hier, so ist das Fern­seh­bild als Zitat zugleich Ver­weis auf ein Dort und Hier, als es zugleich Nach­bild jenes Herr­schers dort (und vor allem auch: damals) und Herr­scher­bild hier (und jetzt) ist. Der Kame­ra­mann geht „da“ hin, damit das, was er sieht, hier ist. Und spä­tes­tens auf der Ebene der Netz­haut des Wahr­neh­men­den beginnt, die theo­re­tisch her­ge­stellte Dif­fe­renz von „da und damals“ und „hier und jetzt“ zu ver­schwim­men und zu verlöschen.  (weiter)

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