Die superstitiöse Observanz des kritischen Subjekts
von Kusanowsky
Eine zurückliegende Satire des Postillons berichtet von der Tüchtigkeit eines anständigen älteren Herren, der seiner Pflicht als verantwortlicher Mitbürger und engagierter Internetnutzer nachkommt, indem er gewissenhaft jede, wirklich jede e-Mail beantwortert; seine Begründung: „Wenn sich einer schon die Mühe macht und mir schreibt, dann antworte ich ihm auch.“
„Nervenzusammenbruch: Kavalier der alten Schule beantwortete jede einzelne Spam-E-Mail“ (hier)
Bedauerlich an Satiren dieser Art ist, dass man leicht geneigt ist, darüber zu lachen und durch das Lachen die Ernsthaftigkeit des kommunizierten Anliegens versäumt, ein Effekt, der sich besonders deutlich beim Humor von Loriot zeigt.
Denn das Zuspitzen und Übertreiben durch Satire und Karikatur hat keine Verfremdung des Gezeigten und Erzählten zur Folge, sondern seine Wiedererkennbarkeit. Das tragische am Gelächter ist, dass man durch die Übertreibung erkennt, was man bisher versäumt hatte, mit Aufmerksamkeit zu bedenken, weil man nun den berechtigten Verdacht haben kann, dass das Erzählte sehr viel normaler und wahrscheinlichr ist als man vermuten möchte. Aber statt nun darüber gründlicher nachdenken, wird durch das Lachen ein Zugeständnis an die eigene Unfähigkeit gemacht, diese Dinge kognitiv zu bewältigen. Damit werden sie wieder aus dem Bewusstsein gelöscht. Die Einsicht in die ausweglose Tragik wird durch das Lachen verhindert und man gewinnt genügend Mut, sich der gleichen Urteilslosigkeit hinsichtlich dieser Dinge des weiteren Alltagslebens hinzugeben; was ja auch verständlich ist, will man nicht am Alltagsleben durch übertriebenes Nachdenken über alles und jedes zugrunde gehen.
Umso so beachtlicher ist es dann, wenn eine Geschichte wie die beim Postillon davon erzählt, dass diese mangelnde Nachdenklichkeit, diese Indifferenz wiederum vermieden wird.
Ergebnis ist dann das, was ich die Beobachtung der Frömmigkeitspraxis des kritischen Subjekts nennen möchte. Die Frömmigkeitspraxis besteht darin, einer sozial akzeptierten Pflicht gegenüber seinen Mitmenschen nachzukommen unter Annahme, es handele sich um eine selbstständig und freiwillig auferlegte Pflicht. Es sei eine Menschenpflicht, ein Beweis der zivilisatorischen Zuverlässigkeit gegenüber sich selbst und seinen Mitmenschen, welche darin besteht, der Aufmerksamkeit, die andere einem entgegenbringen, mit gleicher Aufmerksamkeit zu danken.
Die Superstition besteht dann in der zügellosen Übertreibung dieser Pflicht, welche übrigens sehr viel häufiger zu beobachten ist, als man vermuten möchte. Davon spricht dieser Cartoon:
Die gewöhnliche Anweisung, die selbst wiederum nur eine Empfehlung für fortzusetzendes Vermeidungsverhalten ist, lautet, man solle doch sich selbst und seine Meinung nicht so wichtig nehmen, als dass sie ungefragt und unaufgefordert in aller Welt verbreitet werden müsste.
Diese Anweisung jedoch fordert selbst wiederum nur Rücksichtnahme und läuft darum ins Leere läuft, weil sie die gleiche Frömmigkeitspraxis empfiehlt und auf diesselbe beim Absender schließen lässt. Diese Frömmigkeitspraxis besteht ja in der Pflicht zur Rücksichtnahme.
Das Beispiel des Cartoons zeigt eine Rücksichtnahme, die darin besteht, andere über ihren Irrtum gewissenhaft zu infomieren. Der darauf reagierende Rat, angesichts der Aussichtslosigkeit des eigenen Wirkens, seine eigene Meinung nicht mit großer Wichtigkeit zu versehen, verschleiert nur, dass dieser selbst von der Irrelevanz des Absenders und seiner Meinung zeugt und darum eine ähnliche superstitiöse Observanz zu erkennen gibt:
Man könnte fragen: Na und? Wen geht das etwas an?
Gewiss, jeder Mensch ist nun publizistisch tätig, egal, was, wo und wieviel man schreibt, singt oder malt und veröffentlicht. Leider aber fällt es sehr schwer darauf mit einer neuen Praxis zu reagieren, weil noch gelernt werden muss, wie man mit dieser neuen Erfahrung umgeht. Überhaupt muss erst gelernt werden, dass man es mit einer trivialen sozialen Praxis zu tun hat, die gleichsam ihren Gegenstand verloren hat. Dieser verlorene Gegenstand wäre der „Mitmensch“, weil durch Bildschirmfesslung die Rücksicht immer schon gewährleistet und darum alle weitere Rücksichtnahme völlig überflüssig ist. Wird sich aber dennoch darum bemüht, handelt es sich um Superstition, umso mehr, wenn man es mit vielen und mit vielen unbekannten Menschen zu tun hat.
Was aber den Lernprozess angeht, ist diese Superstition enorm wichtig. Zeigt sich zwar gemäß der Selbstauskunft ein Rechtfertigungsverhalten, das die Pflicht und die Verantwortung gegenüber anderen Menschen, wenn auch ins Maßlose übertrieben, akzentuiert, so wird eben durch diese Übertreibung ihre Unhaltbarkeit schrittweise erkennbar und wirkt damit für anstehende Lernprozesse provokativ. Die Superstition muss dabei bis den letzten Schwachsinn getrieben werden, bis empirisch wird, dass die Bildschirmfesselung selbst schon alles Rücksichtnahme geleistet hat, jede weitere darum auch unterbleiben kann.
Und dann erst kann die Frage revant werden: Was dann? Und vielleicht gelingt eine erratische Praxis, die der Maxime folgt: Was geht mich meine Meinung an? Welch hab ich denn noch? Und wer weiß davon? Und was genau?

Und was ist mit der Kommentierung? Muss man nicht auf einen jeden Blogkommentar auch gewissenhaft eingehen?
Somit geht die in anderer/alter Kommunikation notwendige Rücksichtnahme ganz in der Filtertätigkeit und kontextherstellenden bzw. relevanzprüfenden Interpretation des Wahrnehmers auf.
Die Frage ist, welche Formen deratrige Kommunikation dann annimmt, wenn sie dies bewußt oder unbewußt mit einkalkuliert.
@itari ja das muss man. Das ist sogar ganz dringend erforderlich, und man darf in dieser Hinsicht nichts versäumen.
@latent.de „Die Frage ist, welche Formen deratrige Kommunikation dann annimmt, wenn sie dies bewußt oder unbewußt mit einkalkuliert“ Mich würde ja mal interssieren, welche Vorschläge du in dieser Hinsicht hast. Aber du hast natürlich Recht: was geht mich deine Meinung dazu an?
Man könnte die Spielrelgen auch mal ändern. Anstatt dass jeder seine Meinung sagt, sage ich dir deine …
„Wird sich aber dennoch darum bemüht, handelt es sich um Superstition, umso mehr, wenn man es mit vielen und mit vielen unbekannten Menschen zu tun hat.“
„Die Superstition muss dabei bis den letzten Schwachsinn getrieben werden, bis empirisch wird, dass die Bildschirmfesselung selbst schon alles Rücksichtnahme geleistet hat, jede weitere darum auch unterbleiben kann.“
Das würde bedeuten, dass die Differenz zwischen einem Ist-Zustand und einem Soll-Zustand, die solche proto-ethischen Forderungen nach penibler Achtsamkeit der Anliegen anderer gegenüber voraussetzen, kollabiert.
Wenn ich einfach das tue, was ich ohnehin nicht unterlassen kann, ist alles nötige bereits getan.
Sollte es in der Tat so einfach sein, und wir können uns beruhigt zurück lehnen?
Superstition kann auch eine subversive Strategie der Überbietung sein, Wörter wörtlicher zu nehmen als vielen lieb ist, päpstlicher zu sein als der Papst. Deshalb ist sie im Christentum als pejorativer Terminus aufgekommen, um jüdische und heidnische Praktiken zu denunzieren(vgl. nur die jesuanische Verdammung der Pharisäer und Schriftgelehrten, die vermeintlich bloß die Äußerlichkeit der Routine, des Rituals kultivierten und deren inneren, wesentlichen Kern nicht begriffen.). Einiges dazu, auch zu superstitio als Dämonenglauben irgendwo im Netz.
@Kusanowski dann muss ich auch auf Kommentareingehung wiederum eingehen, solang bis einer von uns beiden aus verschiedensten Gründen aufgibt? — Es gibt ne Menge Kommentare von mir bei dir, die noch auf ‚pending‘ stehen.
@itari welche?
Als Nachtrag zu diesem Artikel möchte ich nur auf diesen zurückliegenden hinweisen:
@Kusanowski – zum Beispiel die nach deiner Katze namens Schroedinger – Lebt sie noch im Karton?
itari, ich bin jederzeit bereit alle deine Fragen vollumfänglich, vollständig und zu deiner ganzen Zufriedenheit zu beantworten, was für dich wie für alle anderen gilt: ich bin bereit alles zu tun, was du von mir verlangst. Darum meine Bitte: präzisiere dein Anliegen so, dass ich nicht fehlegehen kann. Gib mir eine Chance: worum geht es genau dir genau?
Toll sind auch solche Seiten
Diese Seite zeigt eine Variante der Superstition. Diese Leute hantieren mit komplexen Informationszusammenhängen, die kaum eine Übersicht zulassen, aber das hindert niemanden daran, die Dinge trotzdem in ein Regelschema von „richtig und falsch“ zu sortieren.
Ich frage mich dabei immer wieder, worauf diese Leute noch hinaus wollen? Merken die eigentlich noch was?
Jedenfalls brauch die keine Drogen mehr zu nehmen.
Es gibt sogar Seiten von Komplexitätsmanagern, die dir Ratschläge erteilen, wie man Komplexität richtig behandelt.
Es ist zum Weinen.
„Wenn wir es richtig anstellen, können wir alle Probleme der Welt lösen“, behauptete Eric Schmidt.“
http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-digitale-revolution-frisst-ihre-kinder
Wenn alles richtig läuft kann nichts schief gehen – wer hätte das gedacht? Seit wann gelten solche Sätze? Seit es Dampfmaschinen gibt? Seit es Internet gibt? Seit es Google gibt, also erst seit 15 Jahren? Und schief gelaufen ist, seit es Google gibt, noch gar nichts?
Woher nimmt Eric Schmidt diese unergründliche Weisheit? Die Tiefe dieser Einsicht ist überwältigend.
An diesem höchsten unterkomplexen Regelschema von richtig und falsch kann erkennen, warum sich durch das Internet nichts ändern kann, wenn alle dafür sorgen, dass die Dinge so naiv und dumm wie möglich angefangen werden. Richtig oder falsch angesichts dieser unüberschaubaren Komplexität?
Der Glaube, dass es einer Gruppe von Berufsrevolutionären bedarf, die für Weltverbesserung zuständig sind, ist uralt und dumm wie Brot. Dabei waren die Bolschwisten gar nicht die ersten, die das versuchten. Die bekanntesten waren die Jakobiner während der französischen Revulotion. Aber auch solche Vergleiche führen zu gar nichts mehr, sind genauso trivial und dumm wie dieses Regelschema.
Wie auch immer. Das alte Anliegen der Weltverbesserungsprogramme muss also noch einmal scheitern bis man merkt, dass Weltverbesserung ein old fashioned Anliegen ist. Aber wer will das wissen?
Wohl keiner. Und deshalb muss das so weiter gehen.
Es bleibt nur das Seufzen und das geduldige Abwarten übrig.
Dieser Artikel gibt Auskunft darüber, was Google alles richtig zu machen gedenkt “ Glass: Google verbietet Weiterverkauf seiner Datenbrille“
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/google-glass-google-verbietet-verkauf-von-datenbrille-a-895064.html
„Wenn morgen keine Wolken am Himmel sind, scheint den ganzen Tag die Sonne“ ist augenscheinlich kein Satz, dem man aussagenlogisch beikommen kann. So ähnlich ist es auch hier. Der Satz transportiert nicht Sinn, sondern Enthusiasmus für eine Richtung. Ein Sentiment, keine Argumentation.
Und damit ein Fall für die Hermeneutik, nicht für Logik oder Diskussion. In hermeneutischer Persepktive wäre der Satz sehr ergiebig zu reflektieren, meine ich, während man mit einer aussagenlogischen Betrachtung hier eben nichts findet, meiner Meinung nach auch nichts, was in irgendeiner Hinsicht beklagenswert wäre.
Was die Naivität angeht, die hinter so einem Satz stecken oder nicht stecken kann, so ist es das nicht so einfach, wie es von der Verweigerung der Aussagenlogik her scheint. Ein Meister des kalkulierten, naiven Enthusiasmus‘ war z.B. Steve Jobs, der damit auch regelrecht den Euphorie-Stil der Sicilicon Valley „Avantgardisten“ seit circa 2005 geprägt hat. Wenn man nicht argumentieren, sondern etwas „auslösen“ will, dann kann ein Satz als Argument die Form von „dumm und naiv“ haben, ist aber alles andere als das. Auch hier, scheint mir, soll der Enthusiasmus die Debatte vermeiden, ob man den Google-Technologien freie Fahrt erteilen sollte oder nicht. Ob dabei die Weltverbesserung auf dem Programm steht wie einst bei den „Berufsrevolutionären“, würde ich eher bezweifeln, finde ich auch nicht besonders naheliegend. Das Programm ist eher, die *Idee Weltverbesserung* in private Hände zu legen. Hunger und Krieg als ein Management-Problem. Wenn man so will ist das: Amerikanismus im Zeitalter des Internets. Oder: Pragmatismus goes global. Oder einfach: Neuformulierung wirtschaftlicher Interessen vor dem Hintergrund, dass man einen Weltmarkt im Visier hat, bei dem einzelne Länder sich zu weilen weigern, dem amerikanischen Weg zu folgen. Sehr schlau, dies ohne Diskussion um „falsch“ oder „richtig“ zu beginnen, sondern eben einfach nur den Enthusiasmus überspringen zu lassen. Keese weilt ja schon in Silicon Valley, der begreift das Nicht-Naive der Naivität..