Mennoniten – Beispiel für den apollinischen Vermeidungsirrtum
von Kusanowsky
Am vergangenen Mittwoch, den 10. April lief auf 3sat eine sehr beeindruckende Dokumentation über die Glaubensgemeinschaft der Mennoniten in Boliven.
In Bolivien, im Herzen Südamerikas, liegt der letzte Rückzugsort einer besonders strengen und rückwärtsgewandten religiösen Gruppe: der Mennoniten. Die Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft leben ähnlich wie die Amish People in radikaler Schlichtheit: Elektrizität, Handys, Autos und andere technische Annehmlichkeiten lehnen sie strikt ab. Sie leben allein nach den strengen Regeln, die ihnen ihre Glaubensführer vorgeben. Eine nur scheinbare Idylle: Nicht alle Mennoniten sind mit diesem Lebensstil einverstanden, vor allem die Jugend rebelliert.
Die Dokumentation „Mennoniten“ stellt die Glaubensgemeinschaft in Bolivien vor. (Hier der Film: Die Mennoniten – Alleine im Paradies?)
Wenn man etwas Nachdenklichkeit darüber mitbringt, wie man sich diesen höchst schwierigen evolutionären Prozess der sozialen Selbstverwirklichung transzendentaler Subjektivität vorstellen kann, dann liefert diese Dokumentation für das Vorstellungsvermögen reichlich interessantes Material.
Erzählt wird in dieser Dokumentation wie Menschen beinahe unfähig sind, sich aus der Gefangenschaft religiöser Zwänge zu befreien, wenn sie gerade aufgrund dieser Gefangenschaft gar nicht die geeigneten Mittel dazu haben. Dies betrifft insbesondere das, was man landläufig „Selbstvertrauen“ nennen könnte. Hier wird erzählt, dass die Menschen kaum Schulbildung erhalten, ja sogar, dass sie mit ihrer eigenen Religion kaum etwas anfangen können, weil sie sie kaum verstehen. Das wichtigste Lehrbuch ist die Bibel, die allerdings nur auf Hochdeutsch gedruckt ist, eine Sprache, die Menschen kaum verstehen, weil sie selbst ein altes Niederdeutsch sprechen.
Ich beurteile diese Geschichte als Ansicht einer Ruine, die von Überresten eines alten Zivilisationsstolzes kündet, den ich den „apollinischen Vermeidungsirrtum“ nenne. Dieser Zivilisationsstolz bezieht sich auf eine transzendente Erlösungshoffnung durch eine außerweltliche Instanz, die mit Misstrauen gegen Menschenvermögen bezahlt wird, woraus sich eine Erziehung, bzw. eine ganze Kultur ableitet, die es ablehnt, das kritische Vermögen zu differenzieren. Und wenn auf diese Weise die Unfähigkeit von Menschen empirisch beobachtbar wird, so wird auch die Erlösungshoffnung empirisch akzeptabel.
Normalerweise würden man nur Objekte als Ruinen anschauen, aber dafür besteht wenig Grund. Warum nicht auch beobachtbar gemachtes Handeln und Verhalten von Menschen? Könnte man also an dem, was hier erzählt wird, ablesen, ähnlich wie man steinerne Ruinen nur mit Fantasievermögen rekonstruieren kann, wie Menschen in Europa gelebt haben, welches Verhältnis sie zu sich selbst hatten unter Bedingungen, die wir gar nicht kennen oder nur mit viel Mühe aus schriftlicher Überlieferung verstehen können?
Was mir ins Auge fällt ist dieses eng geschnürte Korsett eines Minderwertigkeitsempfindens. In der Dokumentation heißt es, dass die aufsichtführenden Bischöfe dieser Sekte ihre Strenge damit rechtfertigen, dass es nur „einen sehr schmalen Pfad“ gibt, der zu Gott führt. Was eben heißt: Menschen können nicht sehr viel und brauchen nicht sehr viel, wenn es auf die Gnade Gottes ankommt, weshalb die Unterdrückung, tatsächlich funktioniert.
Um so erstaunlicher ist dann der Gedanke, wie es im Laufe der europäischen Geschichte dennoch passieren konnte, diesen Zivilisationsstolz durch einen anderen zu ersetzen und welche unglaublichen Schwierigkeiten damit verbunden waren, weil ja durch diesen Prozess die Voraussetzung selbst erarbeitet werden mussten, damit etwas anderes empirisch werden kann.
Schön wäre auch der Vergleich zwischen zwei verschiedenen Menschentypen. Der eine Menschentypus zeigt sich an den hier erzählten Menschen, die sich einerseits mit ihrem Minderwertigkeitsempfinden einerverstanden erklären und anderseits anfangen, sich daraus zu befreien. Der andere Menschentypus zeigt sich in der vollentfalteten transzendentalen Subjektivtät, die eine unvergleiche Arroganz zulässt und aufgrund dieser Arroganz ein Verhältnis von Identität und Alterität nur sehr schwer ändern kann. Die Unfähigkeit des modernen Menschentypus besteht darin, in menschliches Unvermögen Vertrauen zu fassen, weil das Vertrauen in Menschenvermögen beinahe grenzenlos ist.
Die Frage ist also, wie die Europäer aus dem engen, durchaus glücklich machenden Korsett des Mittelalters herausgelangen konnten?
Ein möglicher Denk- und damit folgerichtig auch Handlungsmechanismus liegt vielleicht in der mehr intuitiv gefühlten Ansicht und Einsicht des Georg Spencer-Brown, die Negation nicht blank und schlichtweg als eine Verneinung des Gegebenen (an)zu sehen, sondern als eine Implikation:
Ist mir der Glaube meines Vaters als Handlungsanweisung zu eng, weil ich ihn nicht mehr verstehe und ihm daher nur noch widerwillig zu folgen vermag, dann verneine ich ihn nicht, indem ich ihn einfach wegstreiche, (ich will nicht Nicht-glauben), sondern indem ich dem Glauben die Chance gebe, ein anderer zu werden und dennoch zu bleiben wer und was er zu vor war:
Man beobachtet den Vater, den man nicht mehr versteht, und möchte die Bewunderung für seine Lebensleistung nicht aufgeben. Also macht man weiter, aber anders, als eine viable Variation: Man ändert nicht alles auf einmal, sondern man schaut einfach mal, was die Änderung bringt, und wenn sie einem gut tut, behält man sie bei, immer vollkommen offen dafür, dem Missbehagen keine großen Chanchen einzuräumen. So kommt Bewegung in den festgefahrenen Glauben, ohne dass sogleich das ganze Glaubensgebäude einstürzt oder eingerissen werden muss.
Dirk Baecker hat ab Seite 150 zu den Schwierigkeiten des sich wandelnden Wandels, der ja gleich bleiben möchte, eine ganze Menge zu sagen, die sich hier, (weil ich den Anlauf seiner vorangegangenen 150 Seiten nicht referieren kann), nicht einsehbar und anschlussfähig ausbreiten lässt.
Vielleicht sollten wir Baeckers neues Buch „Beobachter unter sich“ alle erst einmal in Ruhe und Gelassenheit lesen. Vielleicht werden wir dann sogar neugierung auf die Implikationen der angekündigten (angedrohten) Google-Brille: Vielleicht ist sie gar nicht tödlich, nicht einengend, nicht gefährlich, vielleicht sogar voller neuer und überraschender Möglichkeiten.
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders aus Bad Schwalbach
Was aber wäre, wenn die einzige Alternative zu einer „transzendenten Erlösungshoffnung durch eine außerweltliche Instanz“ die transzendente Erlösungshoffnung durch eine innerweltliche Instanz ist – gemäß dem Diktum Max Schelers, man diene Gott oder einem Götzen, und es gebe kein Drittes? Dann landet man vielleicht notwendigerweise bei Ihrem vollentfaltet-transzendentalen Übermenschen und seinem Bestreben nach permanenter Selbstvergöttlichung. Oder gibt es doch ein Drittes, und was könnte es sein?
„Oder gibt es doch ein Drittes, und was könnte es sein?“
Eine gute Frage. Darum geht es mir. Was könnte das sein? Von Argumenten, Beschreibungen, Bildern, Erzählungen, Metaphern, Begriffen, Hypothesen, Spekulationen, Formeln, Fantasien oder Theorien wildester Art lass ich mich gern beeindrucken. Aber es muss gezeigt werden. Sonst geht es mit der Faszination nicht.
@dieterbohrer
Worüber ich immer wieder nachdenke ist, warum z.B. Kopernikus, Galilei und Kepler so etwas wie einen Heliozentrismus akzeptieren konnten, obwohl ihnen sehr klar bewusst war, dass sie das nur sehr unvollständig beweisen konnten. Warum konnten sie es trotzdem akzeptieren, zumal dies mit der Tradition gar nicht vereinbar war? Meine Vermutung ist, gerade weil sie an Gott geglaubt haben, konnten sie das. Der Gottglaube stand der modernen Wissenschaft gar nicht im Wege, sondern war im Gegenteil eine unverzichtbare Voraussetzung, um Wissenschaft anschieben zu können. Denn wie soll die kritische Fähigkeit differenziert werden können, wenn sie noch nicht differenziert ist? Womit anfangen? Die wichtige Voraussetzung war, dass man seinen Gott nicht mehr abwählen konnte, anders als dies in der Antike der Fall war. War man von seinem Gott enttäuscht, so konnten sie zwar ihren Gott verfluchen, ihn aber nicht durch einen anderen ersetzen. Sie waren ihrem Gott und seinem unerkennbaren Willen ausweglos ausgeliefert. Dies konnte als Hindernis erscheinen, wenn sie sich vor Gott fürchteten, aber konnte genauso gut auch als Anfang für einen Lösungsprozesses genommen werden, sobald die Gottesfurcht in ein Gottvertrauen umgeändert wurde. So war die Ausweglosigkeit ihres Gottglaubens zugleich auf die Anfangsbedingung.
Pech für heutige Physiker: sie finden die Welt immer seltsamer, rätselhafter, immer merkwürdiger als Ergebnis hoch differenzierter kritischer Urteilsbildung. Die Physik steht prototypisch für die heteroclitische Welterfahrung der modernen Gesellschaft. Und sie haben nichts, worauf sie sich verlassen können auch ohne dies beweisen zu können. Deshalb kommen sie nicht weiter.
Was meinst du dazu @neurosophie?
„Eine gute Frage. Darum geht es mir. Was könnte das sein? Von Argumenten, Beschreibungen, Bildern, Erzählungen, Metaphern, Begriffen, Hypothesen, Spekulationen, Formeln, Fantasien oder Theorien wildester Art lass ich mich gern beeindrucken. Aber es muss gezeigt werden. Sonst geht es mit der Faszination nicht.“
Ja, einer muss für uns übers Wasser gehen und uns den Finger in seine Wunde legen lassen. Dann klappt es auch mit der Faszination wieder, nich?
Es muss gezeigt werden…die Notwendigkeit von Deixis und (De-)Monstranz.
Von Präsentation, Vergegenwärtigung eines Abwesenden. Von Offenbarung.
Sind wir mit diesem „es muss gezeigt werden“ nicht mitten drin im Gefilde von Glaube und Aber- (Wunder-)Glaube?
@dieterbohrer
Im Grundsatz d’accord.
Wir müssen aber den Gottesbegriff differenzieren.
1. Wir müssen uns zunächst mal eine Welt ohne Fernsehen, Radio, Zeitung und Internet vorstellen, um antizipieren zu können, welche Quellen vor 400 Jahren inspiriert haben.
2. Wenn wir uns heute in einem Wunschtraum vorstellen, dass eine genetische Melange aus {Freddie Mercury, Andy Warhol und Woody Allen} geben sollte, dann könnte es sein, dass vor 400 Jahren Figuren wie Pythagoras (insbesondere für Kepler!) eine bedeutende Rolle gespielt haben.
3. Die soziale Funktion der Kabbala zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert spiegelt vllt. unsere heutige Begeisterung der Vernetzungsmöglichkeiten durch Twitter & Co. Wenn ein Schuster wie Jakob Böhme so zentral am Diskurs teilnehmen konnte, ist dies eine für Soziologen höchst bemerkenswerte Entwicklung.
4. Die intellektuelle Sprengkraft der Mathematik beruhte auf dem Phänomen, das Einstein mal als ‚Gott am Rockzipfel fassen‘ bezeichnet hat. Dies ist der Resonanzraum – mit einer gewissen Ambivalenz – von Mathematikern und Naturwissenschaftlern – die buchstäblich die ‚Macht‘ eines Kalküls erfassen und jederzeit zugleich spüren, dass dies nur Teil eines größeren Ganzen sein kann.
@Karsten
Neueingang in dem Differentia-Glossar:
Kränkungsfähigkeit, Verlust: nach Surak, unendliche Mannigfaltigkeiten in unendlichen Kombinationen. (Vulkanische Philosophie)
@neurosophie kennst du eigentlich eine Studie, die sich mit religiösen Metaphern in der modernen Naturwissenschaft befasst? Mich würde gar nicht wundern, wenn eine literaturkritische Analyse zeigen würde, dass Naturwissenschaftler hauptsächlich über Gott nachdenken.
@Kusanowsky
„Die wichtige Voraussetzung war, dass man seinen Gott nicht mehr abwählen konnte, anders als dies in der Antike der Fall war.“
Dieser Gedanke ist sehr nah an der anthropologischen Theorie René Girards. Demnach sind die „abwählbaren“ Götter ursprünglich Sündenböcke, die für alles Übel in der Gesellschaft verantwortlich gemacht wurden. Das Ende des archaischen Götterglaubens ist auch das Ende dieser „magischen Kausalität“. Sobald nämlich die Unschuld des Sündenbocks erkannt wurde, war erstmals Platz für eine andere Art von Kausalität, welche die Grundlage für die Entstehung der Naturwissenschaften bildete. Dieser Emanzipationsprozess begann Girard zufolge bereits in der griechischen Antike. In einer für mich einleuchtenden Textanalyse zeigt er, wie der Tragiker Sophokles den Ödipus-Mythos zumindest ein Stück weit dekonstruiert, indem er zeigt, dass die gegen den König erhobenen Anklagen des Vatermords und des Inzests den einzigen Zweck haben, einen Sündenbock für die in seinem Königreich wütende Pest zu konstruieren (nachzulesen in „Das Heilige und die Gewalt“).
Kann ich nicht umfassend beantworten.
Nur so viel: Die intensive Beschäftigung mit Kepler und Planck lohnt sich. Bei Planck waren es nach heutigen Maßstäben irrationale Kriterien, die ihn auf die Strahlungsformel brachten.
Im Kern hat der Symmetriebegriff der Physik starke Bezüge zu religiösen Assoziationswelten. Cusanus ewige Erzeugung ist im Kern das, was wir mit Supersymmetrie oder mit den ‚infintesimale Erzeugenden‘ aus dem Noether-Theorem kennen.
Einfacher: Alles, was ist, entspringt einer Symmerie. Und wenn man Symmetrie schick findet, dann verwendet man auch schon mal das Wort ‚Gott‘.
@neurosophie Glaubst du dass diese Bezugnahme auf Symmetrie entscheidend weiter hilft?
@dasrettende – guter Kommentar, aber zurück zu meiner Frage:
„Gibt es doch ein Drittes, und was könnte es sein?“
“Gibt es doch ein Drittes, und was könnte es sein?”
Gab es wirklich erstes und zweites? Der tranzendente Gott, als Objekt einer Vorstellung und Repräsentant einer Erlösungshoffnung reifiziert und mit Attributen versehen, ist Seiendes unter Seiendem (das hat Negative Theologie bis hin zu Heidegger beanstandet und zu korrigieren gesucht. Ein Gott ist kein Gott. Am ehesten noch ist kein Gott ein Gott.), unterliegt der sofortigen Re-Immanentisierung.
Im Götzendienst, Personenkult, bei dem Erlösungshoffnungsträger demgegenüber übersteigt sich Seiendes auf etwas Anderes (und sei es nur ein schwer zu fassendes Charisma) hin, das sich der Greifbarkeit vollkommen entzieht.
Transimmanenz ist im Grunde das Dritte und die christliche Lösung:
Christus als der gleichzeitig Hier- und Wegseiende. Die Immanenz, insofern sie Transzendenz ist. Die Transzendenz, insofern sie nur im hier und jetzt sich manifestieren kann.
@alle
Die gute alte Philosophierstube namens differentia „träumt“ von der Einheit des/der Vielen.
Die Sprache, in welcher wir uns verständigen, führt die alten Semantiken mit sich.
Differenzdenkende Beobachter laufen immer wieder Gefahr, beim bezeichnen auf die alten Schienen zu geraten.
Einem Kalkül folgt ein Weiteres, bestenfalls differenzierteres, letztlich polykontextural als diskursive Praxis im Nachhinein entwickelt, und nicht die Symmetrie.
Das Wort „Gott“ hat eine Geschichte.
Naturwissenschaftler fallen auch schon mal darauf herein, wenn sie ihre Beobachtungen „einordnen“ – schönes Wort,oder – wollen.
Beobachter unter sich in den Transzendenzfallen.
Ärgerlich, oder ? Nein,nur permanent zu berücksichtigen ! Anstrengend,oder ?
@Kusanowsky
Ja, der Symmetriebegriff ist m.E. zentral. Wenn man das Assoziationsfeld von Symmetrie mit {Ordnung, Geborgenheit} betrachtet, gibt es wohl auch eine Brücke zu den Mennoniten. Das Thema ist aber einen eigenen Blogpost wert. Vllt folgt nächste Woche dazu ein ausführlicher Kommentar.
@kusanowsky: „Mich würde gar nicht wundern, wenn eine literaturkritische Analyse zeigen würde, dass Naturwissenschaftler hauptsächlich über Gott nachdenken.“
Welche Implikationen (außer den rein durch die Konnotationen verursachten Trotzgesten auf der einen und Triumphgesten auf der anderen Seite) oder Einsichten würde eine solche Feststellung noch bieten?
@neurosophie: „Im Kern hat der Symmetriebegriff der Physik starke Bezüge zu religiösen Assoziationswelten.“
Hier eine Alternative: Ein Physiker ist jemand, der aus den mannigfaltigen Beschreibungsmöglichkeiten der Natur eine solche haben möchte, die auch morgen noch gilt. Denn dadurch gewinnt er via Planungsmöglichkeit operationelle Macht. Das bedeutet: Aus allen viablen Beschreibungen, die er kennt, pickt er diejenige heraus, die unter den zeittranslationsinvarianten die viabelste ist. So kommen die Symmetrien in die Gesetze. Ockhams Rasiermesser als Anweisung, nicht als Heuristik zu verstehen, macht vieles banal, aber auch einsichtig. Erst die Verschleierung dessen führt dann zur mystischen Signifikanz von Symmetrien.
Welche Implikationen … oder Einsichten würde eine solche Feststellung noch bieten?
@ElbeChirurg Luhmann hat den Äquivalenzfunktionalismus sozialer Systeme folgendermaßen definiert:
„Für soziale Systeme ist kennzeichnend, dass sie nicht unbedingt auf spezifische Leistungen angewiesen sind, mit denen sie stehen und fallen. Wichtige Beiträge zu ihrer Erhaltung werden durch Leistungen erbracht, die durch andere, funktional äquivalente Leistungen ersetzbar sind.“
Wendet man diese Überlegung auf die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Naturwissenschaft an, die ja für unsere historische Vorstellung nacheinander zustande gekommen sind, so könnte man annehmen, dass dieses Nacheinander eine Ersetzungsleistung gewesen ist. Weil die Religion mit ihrem Absolutheitsanspruch gescheitert war, hatte sich die Gesellschaft neue Differenzen (Materialen, Begriffe, Semantiken) erarbeitet, mit denen der Bereich des Religiösen durch Ersetzung gerettet werden konnte, weil ihre Funktion unverzichtbar war. Die Funktion könnte darin bestehen, die Kontingenz des Notwendigen zu reflektieren, was ab einem bestimmten Zeitpunkt, nämlich ziemlich genau mit der Renaissance und Reformation in gewohnter Weise nicht mehr funktionierte, weshalb die Funktion, um sie zu erhalten, durch Naturwissenschaft erfolgreich ersetzt wurde. Naturwissenschafen können es sich nicht dauerhaft leisten, ätzende Bekenntnisdiskussionen zu führen, weil durch Bekenntnis die Rätsel nicht aus der Welt geschafft werden.
Die Physik ist inzwischen an einen Punkt gekommen, den sie immer vermeiden wollte, indem sie nun anfängt, die Welt des Okkulten entdecken: dunkle Energie, dunkle Materie und jetzt zeigt sie sich genauso außerstande, die Kontingenz des Notwendigen aufrechtzuerhalten. Ein Vorschlag könnte ja sein, dass man in die Physik eine okkulte Mathematik einführt. Aber das ist, soweit ich die Sache beurteilen kann, prinzipiell verboten, obwohl es eigentlich folgerichtig wäre: wenn dunkle Materie, dann auch dunkle Mathematik. Oder andersherum: wenn keine dunkle Mathematik, dann auch keine dunkkle Materie. Aber auch diese Möglichkeit wird offensichtlich verworfen.
Deshalb könnte man fragen, wodurch die Funktion nun gerettet werden könnte, wenn die Physik es eigentlich gar nicht mehr kann.
„Deshalb könnte man fragen, wodurch diese Funktion nun gerettet werden könnte, wenn es die Physik eigentlich gar nicht mehr kann“:
Vielleicht durch eine neue, aber eine alles historisch Gewesene verschluckend (aufräumend) und hinter sich lassende sensationell eigenständige Kulturtheorie?
Sagen wir doch mal so:
1) Die Theologie war mal die Mutter des Ganzen, ein schönes, beruhigendes, alles umfassendes Denken im Kreise. Sagen wir einfach (bockig, trotzig): Ein denkerischer Symbolkreislauf „rechts“ herum: Angefangen bei Gott, abgestiegen vom Himmel auf die Erde, gelandet in der menschlischen Seele, und hier wieder beim Frieden mit Gott zur Ruhe kommend.
2) Die Physik, als Mutter aller (Natur)Wissenschaften, hielt inne, schaute sich um, holte tief Luft, stellte sich selber vom Kopf auf die Füsse und holte die Werkzeuge raus, Hammer, Meissel, Spaten, Hacke, bis hin zum Kernreaktor, dem Computer und der Atombombe und veränderte so unwiderruflich die gesamte Welt. Und das alles gelang nur deshalb, weil auch die Physik, als Wissenschaft, die alte Kreisslaufmethode und das Symmetriedenken beibehielt. Nur: Die Physik drehte sich einfach herum und startete ihren Denkkreislauf „links“ heraum: Ein neuer Anfang ohne Namen, (großes BUMM reicht ja), die Erde verschlingend, aufsteigend zum Himmel, immer mutig hinein in alle Ewigkeiten und Unendlichkeiten, die freischwebende Mathematik einsetzend wie die Theologen den freischwebenden Glauben, und siehe da: es läuft und läuft unf läuft…, bis es dann doch knirschte und man innehalten musste, um nachzuschauen, woran es dann nun wieder liegen mochte, dass sich das grosse Rad einfach nicht mehr so leicht mit einer Hand durchdrehen lassen wollte. Man kann mit sieben Kugel jonglieren, vielleicht sogar mit neuen, nicht aber mit der Kontingenz: Das sind einfach viel zu viele Kugeln.
3) Die einen machen es sich leicht: Bitte wieder die alte, bewährte Drehrichtung, wieder rechts herum, wieder ein bisserl verbrämten und medial aufgepeppten Fundamentalismus. Das geht mit Sprengstoff, also mit einer Anleihe bei der verachtenten Physik, kommt aber bei den meisten nicht so gut an.
4) Also Dirk Baecker weiss auch noch nicht so genau, wie es denn nun weiter gehen soll, er bastelt noch (bricolage) unter Verwendung von allem, was er in seiner Garage so findet und (be)greifen kann. Er weiss auch schon ziemlich genau, wo er hin will, er weiss nur noch nicht, ob für seinen neuen Aufbruch, hin zu einer vollkommen neuen Kulturtheorie, er schon im richtigen Bus sitzt (Luhmann plus Georg Spencer-Brown plus Harry S. White, also Systemtheorie plus Rechenkalkül plus umfassendes Vernetzungswissen, immer auch den Talcott Parsons im Auge, möglichst keine halbwegs bewährte Denkfigur der historischen Überlieferung auslassend, angefangen von Platon/Aristoteles, nichts auslassend an Rhetorik und bewährtem Kanondenken, alles über Symbolik und Diabolik umfassend, was sich nur auftreiben lässt. (Und er weiss auch nicht, ob sein Bezin reicht für diese große Fahrt). Und das soll soll dann die in der Gesellschaft, voller Widersprüche und mit all ihrem Widerstreit, eine schöne, hochkomplexe, aber möglichst einfach aussehende Beschreibung des Ganzen mit all seinen Teilen und Verzweigungen, Widersprüchen, Ambivalenzen, Paradoxien und, und, und … eben so etwas werden wie eine umfassende, sich selbst beschreibende Beschreibung als Theorie des Menschen und all dessen, was der so kann, braucht, wünscht und sich auch erhoffen darf.
Wenn ich nicht ganz falsch liege, darum geht es dem fleissigen, manchmal sehr klar und deutlich (leicht ausdeutbar), manchmal aber auch etwas dunkler schreibend, aber immer hochinteressant sich lesen lassenden Dirk Baecker in seinem neuen Buch „Beobachter unter sich“.
Abbruch: Besser kann ich es halt nicht. Sorry.
Euer dieterbohrer, dieser arme verzweifelte Hund, der weint, weil er die (Auf)Lösung wohl – leider – nicht mehr erleben wird. Bleibt am Ball, Jungs, wir wissen doch: Es gibt immer einen Ausweg – aus einer jeden Misere. Bis bald.
Wenn wir nicht mehr glauben, dass Gott noch alle Rätsel löst, und dies ersatzweise auch nicht die Physik schafft, so scheint sich momentan der neue Glaube (3) dahin zu entwickeln, dass schon bald eine selbst denkende Maschine kommen wird, welche unsterblich ist (weil es ihr ein Leichtes ist, die Bedingungen ihrer Existenz entsprechend zu bestimmen, sie könnte sich sogar ungeschlechtlich fortpflanzen, also ohne weitere Handreichungen durch den Menschen), alle denkbaren Fragen entdeckt und auf alles eine Antwort produzieren kann und erst am Ende wäre, wenn der Kosmos sein Ende erreicht. Diese Maschine wird zwar durch Menschenvermögen geboren, ist aber gleichzeitig seine endgültige Kränkung, denn die alles „allmächtige“ Maschine übersteigt den unvermögenden Menschen in seiner Erkenntnismacht und seinem Ausgeliefertsein an das Schicksal – ad infinitum. Was immer der Mensch noch an Rätseln löste, wüsste die Maschine besser – wir wären dann aus Sicht der Maschine nur noch so etwas, wie für uns die Affen darstellen, eine deutlich tiefere Entwicklungsstufe.
Etwas anderes, was man überlegen konnte, ist, ob „funktional äquivalente Leistungen“ sich nicht auch aufteilen („entbündeln“) könnten, d.h. dass es nur zunächst so scheint, als würde nur die Physik dem heiligsten Kern der Schöpfung nahe kommen können, während der auf sein Vermögen vertrauende Mensch tatsächlich noch andere Wege nutzt, wobei insbesondere an Kunst zu denken ist, die auch allerhand Rätsel entschlüsseln können soll, nur dass das Publikum die Entschlüsselungen nie ganz begreifen können, wir können es nur – ganz wie in der Kirche – verehren, uns in Exegese üben, „tief“ empfinden.
Wenn man die „äquivalten Leistungen“ sucht, in einst bei der Religion lagen, so verteilen die sich heute also auf verschiedene Fächer: Die Schöpfungsgeschichte schreiben die Phsysiker, die „Gebote“ machen die „legitimen Demokratien“, das Verehrungsbedürfnis befriedigt die Kunst, die „Gemeinschaft der Gläubigen“ wird von den Medien besorgt, die Medizin erhört unsere Gebete weit häufiger, als Gott es früher tat etc. etc. etc.
Nur bleibt offen, und da hilft Physik gar nichts: Wir führt man ein gutes, sinnvolles Leben? Da gibt es (hierzulande, in Europa) definitiv überhaupt keine Instanz mehr, die uns das wirklich zu sagen vermöchte – „dass musst du selbst wissen“ ist eigentlich der letzte ratlose Ratschluss (wobei mir Männer immer erheblich ratloser vorkommen als Frauen) und man sieht eigentlich an allen Ecken und Enden, wie hier das Funktionsäquivalent fehlt – und wie groß die Sehnsucht ist, einen Ersatz zu finden – weshalb dann alle möglichen Bruchstücke für Anleitungen zum guten Leben zirkulieren und wir tausend Dinge tun, um dem Sinnlosen einen Sinn zu geben.
Aber wer weiß, vielleicht kommt schon bald in 10 oder 15 Jahre eine Maschine auf die Erde, die wir uns in die Wohnung stellen können, und diese Maschine weiß immer, wie wir glücklich leben können … (so ein wenig wie der Super-Computer in „2001“, eine der ersten Fantasien vom kommenden Dritten).
@Kusanowsky
„…aber zurück zu meiner Frage: “Gibt es doch ein Drittes, und was könnte es sein?”“
Aus Sicht der mimetischen Theorie ist es das unausweichliche Verstrickt-Sein des Menschen in mimetische Beziehungen, das zu dem von Max Scheler konstatierten Dilemma führt. Demnach gäbe es tatsächlich kein Drittes. Das, was Karsten als Drittes bezeichnet, verstehe ich eher als eine Transformation des Religiösen. Auch bei René Girard gibt es den Gedanken, dass Christus als „der gleichzeitig Hier- und Wegseiende“, wie Karsten schreibt, den Menschen einen neuen Zugang zum Göttlichen bietet. Das Christentum entmystifiziert die archaische Religiosität und ist demnach eine Art Anti-Religion. Das eindrucksvollste Bild dafür ist meiner Ansicht nach das Zerreißen des Tempelvorhangs nach dem Tod Jesu. Ab jetzt gibt es kein Geheimnis mehr, alles ist offenbar geworden. Girard glaubt nicht, dass der Mensch der sich daraus ergebenden Freiheit gewachsen ist. Deshalb hält er die apokalyptischen Vorhersagen der Evangelien, die die Menschheit in einem globalen Bürgerkrieg untergehen sehen, für ein realistisches Zukunftsszenario.
Was den hier angesprochenen Aspekt der Symmetrie angeht, so wird diese in der mimetischen Theorie interessanterweise gerade nicht mit Ordnung assoziiert, sondern mit Chaos und Gewalt. Demnach hat Rivalität einen symmetrischen Charakter, indem zwei Rivalen sich gegenseitig nachahmen und im Verlaufe der Eskalation ihrer Rivalität immer stärker zu Spiegelbildern füreinander werden. Girard nennt das Entdifferenzierung. In archaischen Gesellschaften wird Symmetrie teilweise direkt mit Gewalt in Verbindung gebracht, was zum Beispiel die Angst mancher Kulturen vor Zwillingsgeburten erklärt, wie auch das in der Mythologie häufig anzutreffende Motiv der feindlichen Brüder. Gewalt entsteht Girard zufolge durch Ähnlichkeit oder Nähe, nicht durch Unterschiedlichkeit oder Ferne, und Symmetrie ist maximale Ähnlichkeit.
@dasrettende Wie erklärt Girard das zustandekommen von Kommunikation?
Fritz (@Fritz)
„Wenn man die “äquivalten Leistungen” sucht, in einst bei der Religion lagen, so verteilen die sich heute also auf verschiedene Fächer: Die Schöpfungsgeschichte schreiben die Phsysiker, die “Gebote” machen die “legitimen Demokratien”, das Verehrungsbedürfnis befriedigt die Kunst, die “Gemeinschaft der Gläubigen” wird von den Medien besorgt, die Medizin erhört unsere Gebete weit häufiger, als Gott es früher tat etc. etc. etc.“
Das ist sehr grob kompakte, eine lakonische, aber hübsche Beschreibung für funktionale Differenzierung.
Zum Punkt der Maschinenintelligenz:
An diesem Problem der künstlichen Intelligenz erkennt man ebenfalls eine sogenannte äquivalent funktionale Ersetzung. Mit der Herausbildung der Theologie im Mittelalter stellt sich auch die Frage, wie man Gott eigentlich beobachten kann und ein Möglichkeit bestand darin, das Scheitern aller Beobachtungsversuche als Beweis für seine Existenz zu nehmen. Das gelang über die Verwicklung in Paradoxien. Ein davon war folgende:
Wenn Gott allmächtig ist, hat er dann auch die Möglichkeit einen Fels zu schaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht hoch heben kann?
Wenn Gott allmächtig ist, so müsste er einen solchen Fels schaffen können. Wenn er ihn aber nicht hoch heben kann, so ist Gott nicht allmächtig.
Die Lösung könnte dann nur bei Gott selbst liegen, weil für Menschen immer nur Paradoxien heraus kamen, aus denen sie nicht klug werden. Erst später kam die Lösung auf, dass gerade diese Paradoxie nur davon spricht, dass es einen Gott nicht gibt. Und dann gibts auch das Problem nicht. Aber viel besser könnte man nun sagen, dass Paradoxien dieser Art nur davon sprechen, dass eigentlich gar nichts exisitiert im ontologischen Sinne, sondern alle Realität nur über operative Selbstenfaltung von Sinn zustande kommt, so dass Gott genauso möglich wird wie Menschen und Paradoxien.
Mit der Forschung nach künstlicher Intelligenz scheint ein äquivalentes Beoachtungsproblem vorzuliegen: Können Menschen etwas erschaffen, das intelligenter ist als sie selbst, etwas das sogar in der Lage wäre, Menschen zu erschaffen? Der Problemfall ist ähnlich gelagert und läuft auf eine ähnliche Vergeblichkeit hinaus, wenn man auf die Existenz von Seiendem bezug nimmt.
Man könnte diese Lösung daher genauso durch Negation und Negation von Negation vornehmen: künstliche Intelligenz ist gar nicht möglich oder prinzipiell bereits einschaltet, aber für die Forschung unbeobachtbar, solange sie noch meint sie suchen zu müssen. Die Lösung könnte dann lauten, dass man nur zugeben müsste, sie schon gefunden zu haben. Die nächste Annahme wäre dann, dass die Forschung gar nicht von Menschen gemacht wird, sondern von sozialen Systemen, die ihre eigene Realität ausbilden.
Aber ich bezweifle sehr, dass die Physik sich mit solchen Angelgenheiten wird oder wollte.
Entsprechend müsste man noch mal ganz woanders suchen.
Das Allmachtsparadoxon ist ein philosophisches Paradoxon, das bei der Anwendung von Logik auf ein allmächtiges Wesen auftritt. Das Paradoxon beruht auf der Frage, ob ein allmächtiges Wesen in der Lage ist, etwas zu tun, was seine eigene Allmacht einschränkt, wodurch es seine Allmacht verlieren würde. Manche Philosophen betrachten diese Argumentation als Beweis für die Unmöglichkeit der Existenz eines solchen Wesens; andere behaupten, dass dieses Paradoxon einem falschen Verständnis von Allmacht entspringe. Zudem erscheint einigen Philosophen die Annahme, ein Wesen sei entweder allmächtig oder nicht allmächtig, als unzulässig, da dabei die Möglichkeit verschiedener Abstufungen außen vor gelassen wird.
https://de.wikipedia.org/wiki/Allmachtsparadoxon
Jan Bauke-Ruegg: Die Allmacht Gottes: systematisch-theologische Erwägungen zwischen Metaphysik, Postmoderne und Poesie. In: Theologische Bibliothek Töpelmann. Bd. 96, Berlin 1998.
Richard Dawkins führt aus, es sei „der Aufmerksamkeit der Logiker nicht entgangen, dass Allwissenheit und Allmacht unvereinbar sind. Wenn Gott allwissend ist, muss er bereits wissen, wie er mit seiner Allmacht eingreifen und den Lauf der Geschichte verändern wird. Das bedeutet aber, dass er es sich mit dem Eingriff nicht mehr anders überlegen kann, und demnach ist er nicht allmächtig.“
Richard Dawkins: Der Gotteswahn. S. 109.
https://twitter.com/ElbeChirurg/status/323104639249694720
So könnte man anfangen, aber dann ist ein Anfang immer schon gemacht.
Mir scheint, dass eher die Begrifflichkeiten z.B. der Informationstheorie ertragreicher sind als die existenz-ontologische Wiederaufbereitung abgebrannter Brennelemente.
Seit Norbert Wiener ist der Informationsbegriff der Nexus zwischen Natur- und Geisteswissenschaft. Denn Information ist nichts Seiendes, nichts Gegebenes, nichts Existierendes.
Deshalb wäre es vielleicht sinnvoll, statt Gegebenheiten, Seinsweisen, Wesenheiten und Kategorien an den Anfang zu stellen, mit der naiven Frage anzufangen, wie ein Anfang möglich ist. Denn mag das auch naiv sein, so muss es dabei ja nicht bleiben.
So käme mir die Abarbeitung einer solchen Gliederung in den Sinn:
1. Anfang in Hinsicht auf Ereignis, Prozess, Gleichzeitigkeit
2. Ereignis, bzw. Information als irreduzibles Letztelement
3. Operativität
4. Anfang in Hinsicht auf Struktur- und Ordnungsbildung
5. Anfang als Problem einer Beobachtungslogik des Paradoxen
6. Reflexion und Selbstreflexion relationierbarer Zusammehänge
7. Kausalität als Ausnahmefall unter Bedingung entfalteter Zeitverhältnisse
8. Zirkularität und Entparadoxierung
9. Beobachtung von Beobachtung
10. Beobachtbarkeit von Objektpermanenz (statt Rätselraten über Existenz)
11. Informations- und Sinntheorie
@kusanowsky: „Die Physik ist inzwischen an einen Punkt gekommen, den sie immer vermeiden wollte, indem sie nun anfängt, die Welt des Okkulten entdecken: dunkle Energie, dunkle Materie“
Die Namensgebung „Dunkle Energie“ und „Dunkle Materie“ entstammt einem unseligen Trend in der Physik, bedeutungsschwangere Namen zu selbstaffirmativen und populärwissenschaftlichen Zwecken einzuführen. (Die sog. „Populärwissenschaft“ ist sowieso eine der schlimmsten obskurantistischen Kräfte unserer Zeit.) Ich sehe in der Physik ansonsten keinen Hang zum Okkultismus, zumindest keinen der über den traditionell üblichen hinaus geht – man kennt einfach bislang keinen generativen Mechanismus für die beobachtete Ausdehnung des Universums und kann in Ermangelung dessen mit keiner spezifischeren Nomenklatur aufwarten.
Im Kern stimme ich deiner äquivalenzfunktionalistischen These zu. Die funktional äquivalenten Leistungen würde ich eher in den epistemologischen Aspekten suchen. Realität verhält sich zu Naturwissenschaft wie Gott zu Religion: Man glaubt an etwas, das im Erkennen der Dinge schon zu erkennen geglaubt wird, das sich bei näherer Betrachtung aber als redundant herausstellt, da die Stabilität von Erfahrungen für diese Art von Erkenntnis ja vollkommen ausreicht. Trotzdem wird aber noch mal eine Art unbeweisbarer Überbestimmung benötigt, die irgendwie substratartig wirken soll. Physik
Norbert Wiener: „Information ist Information, weder Materie noch Energie. Kein Materialismus, der dies nicht berücksichtigt, kann heute überleben.“
https://de.wikibooks.org/wiki/Information:_Einleitung
„Für soziale Systeme ist kennzeichnend, dass sie nicht unbedingt auf spezifische Leistungen angewiesen sind, mit denen sie stehen und fallen. Wichtige Beiträge zu ihrer Erhaltung werden durch Leistungen erbracht, die durch andere, funktional äquivalente Leistungen ersetzbar sind.“
Luhmann hat dabei eine schwindelerregende Konsequenz außen vor gelassen. Wenn Ersatzbarkeit, also das, was Derrida die „gefährliche Logik des Supplements“ (auf der Basis einer metaphorisch-metonymischen „dieses für jenes“ Verkettung) nennt, im Spiel ist, dann müsste erklärt werden, warum nicht jederzeit Eines den Stellvertreter für ein Anderes abgibt, bis hin zur Unerkennbarkeit dessen, was eigentlich ersetzt worden ist. Mit anderen Worten: Was die Ersetzung („dieses übernimmt nun die Rolle von jenem“) sistiert und arretiert, wäre zu klären. So dass es nicht auf dem Boden einer regellosen Kombinatorik stets und ständig zu immer längeren Ketten von Äquivalnzen kommt (Freud: Kot — Geld — Geschenk — Kind — Penis), sondern eine überschaubare Ordnung der Repräsentanz („was ehemals Gott war, ist nun der Mensch“) sich scheinbar stabilisiert.
Ist es noch die Leistung selbst oder bereits ihre Ersetzung mit der wir´s momentan zu tun haben?
Übertragen auf unser Thema: Gab es eine glorreiche Zeit, in der die Religion jemals sie selbst war, ohne bereits von jenem, was wir als ihre nachträglichen Ersetzungen entlarvt haben, heimgesucht worden zu sein?
@Kusanowsky
„Wie erklärt Girard das zustandekommen von Kommunikation?“
Girard interessiert sich eher für das Zustandekommen von Gewalt als für das Zustandekommen von Kommunikation. Und das mit guten Gründen, wie ich zumindest finde. Denn die Gewalt ist etwas, das sowohl einzelne Menschen als unter Umständen auch die gesamte Menschheit in ihrer Existenz bedroht. Deshalb fällt Girard unter den auf Sprache und Kommunikation fixierten postmodernen Denkern etwas aus der Reihe.
Trotzdem bietet die mimetische Theorie zahlreiche Anknüpfungspunkte an Diskurse, die im weitesten Sinne mit Kommunikation zu tun haben. So ist zwischenmenschliche Gewalt auch eine Art von „Kommunikation“. Zwei sich Streitende kommunizieren ja, und zwar auf dem Höhepunkt ihres Zwists in der von Girard beschriebenen spiegelbildlichen Art. In der griechischen Tragödie finden sich solche reziproken Wortwechsel als Stilmittel, das Stichomythie genannt wird. Dafür gibt es amüsante Beispiele, unter anderem im „König Ödipus“ von Sophokles. Auch Kommunikation hat offenbar ein mimetisches Element, das besonders im Konflikt hervortritt: „Idiot!“ – „Selber Idiot!“ usw.
Es gibt auch Überschneidungen mit der Dekonstruktion Derridas, der in der Sprache und allgemein in der Konstitution von Bedeutung die sakrifiziellen Mechanismen am Werk sieht, die Girard auf der Ebene menschlichen Handelns interessieren. Andrew McKenna ist diesen Überschneidungen in seinem Buch „Violence and Difference“ nachgegangen.
Ich hätte eine Gegenfrage: Spielt das Phänomen der Mimesis irgendeine Rolle in der Systemtheorie bzw. in Ihren Überlegungen?
@dasrettende
„Spielt das Phänomen der Mimesis irgendeine Rolle…“
Jederzeit, weil Mimesis ja durch Kommunikation entsteht und nur durch Kommunikation beobachtbar wird. Wie würde Girard die Beobachtungssituation der doppelten Kontingenz analysieren?
Operation, im wörtlichen Sinne Opferung. Komunikation, von Munis, von munus (»Dienst, Gefälligkeit, Opfergabe«).
Mimetisches Vermögen, nach Benjamin, Fähigkeit, Ähnlichkeiten (funktionale Äquivalenzen) zu stifen/erkennen.
Opfer, im Sinne den noch Bachs Titel „Das musikalische Opfer“ referenziert, meint eben Darstellung, Darreichung („es muss aber gezeigt werden“.)
@Kusanowsky
„Wie würde Girard die Beobachtungssituation der doppelten Kontingenz analysieren?“
Wenn ich es richtig verstehe, hat diese Situation etwas mit gegenseitigen Erwartungshaltungen zu tun. Für Girard spielt die jeweilige Erwartung an die Absichten des anderen eine große Rolle bei der Entstehung von Gewalt. Erwarte ich, dass mein Gegenüber feindliche Absichten hat, werde ich ihm defensiv begegnen und dadurch wiederum seinen Argwohn erregen. Nach diesem Schema funktioniert zum Beispiel militärische Aufrüstung. Misstraut ein Staat dem anderen, wird er sich sicherheitshalber bewaffnen, um einem möglichen Angriff des Gegners zuvorzukommen. Sobald dieser davon erfährt, wird er dasselbe tun. Also wird der erste Staat wiederum „nachlegen“ und versuchen, den zweiten mit noch besseren Waffen zu übertrumpfen. Eine Spirale wird so in Gang gesetzt, wie es im „Kalten Krieg“ geschehen ist. Die sich daraus ergebende spannende Frage, die auch die mimetische Theorie nicht beantworten kann, lautet: Wie kommt man von dieser negativen Reziprozität zu einer positiven Reziprozität? Wie wird aus Misstrauen Vertrauen und aus Aufrüstung Abrüstung? Vielleicht kann ja die Systemtheorie diese Frage beantworten…
Interessant. Kann man auch eine kurze Zusammenfassung erhalten?
Luhmann hatte 1988 (1) seinen Vertrauensbegriff ein wenig modifiziert. Verglichen mit seiner Schrift von 1968 (2) zum selben Thema, hat er eine dritte Vertrauenskategorie eingeführt, nämlich „Zuversicht“. Gemeint ist damit eine Art insitutionalisiertes Vertrauen, z.B. in die Technik oder in das Geld. Im Gegensatz zur Vertrautheit werden Enttäuschungen hier wohl in Betracht gezogen, das Handeln wird dadurch aber nicht oder nur wenig beeinflusst, nicht zuletzt, weil in der Regel auch institutionelle Sicherheiten bestehen. Beim Vertrauen wird die Enttäuschungen ganz bewusst in Betracht gezogen und die Handlung erfolgt trotz der Möglichkeit ihrer mangelnden Verlässlichkeit. Hier wird die Gefahr zum Risiko. Deshalb ist dann von Vertrauen die Rede, wenn die erwartete Anschlusskommunikation, beziehungsweise das, was davon als Handlung beobachtet wird, zu einem gewissen Maß erwartbar und damit ein Risikobewusstsein vorhanden ist. Vertrautheit lässt das Unvertraute unbeachtet, da es nicht durchschaubar ist. Zuversicht zieht das Unvertraute in Betracht, richtet aber das Handeln nicht danach aus, weil es nicht will oder gar nicht kann. Vertrauen führt die Differenz von Vertrautem und Unvertrautem in das Vertraute ein. Man handelt trotzdem, obwohl dennoch verschiedenes passieren könnte.
(1) Luhmann, Niklas: Familiarity, Confidence, Trust: Problem and Alternatives. In: Gambetta, Diego (Hg.): Trust: Making and Braking of Cooperative Relations, Oxford 1988, S. 94 – 107.
(2) Luhmann, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart 1968
Vielen Dank für die Erläuterung. Vielleicht verdeutlicht der Titel „Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“ die Unterschiede – und evt. auch die Anknüpfungpunkte – zwischen der Systemtheorie und der mimetischen Theorie. Die Reduktion von Komplexität – bzw. die Überführung des Chaos in die Ordnung – hat für René Girard sakrifiziellen Charakter und wird auf der gesellschaftlichen Ebene durch die Ausstossung und Verfolgung von Sündenböcken erreicht. Dieser Mechanismus verliert jedoch im Zuge der Säkularisierung seine Kraft und beschert uns die Vertrauenskrise, in der wir uns heute befinden. Das Religiöse als Kitt für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist zumindest in der westlichen Welt obsolet geworden. Damit verschwindet das Vertrauen in die Institutionen wie auch das Vertrauen der Menschen zueinander. Und auch Luhmanns Titel deutet ja darauf hin, dass Vertrauen letztlich einen illusorischen Charakter hat. In diesem Sinne repräsentiert die Systemtheorie gewissermassen die Selbstzweifel einer sich in der Krise befindenden Welt.