Öffentlichkeitsverlust und die Tunnelung der Realität
von Kusanowsky
https://twitter.com/kusanowsky/status/320265753049841664
Dieses Bild kann man auf den Bildschirm bekommen, wenn man sich bei Google einloggt.
Das Bild ist ist komplizierter als alle möglichen Sätze, die man dazu schreiben kann. Kein Mensch hätte genügend Geduld um sich langsam und konzentriert mit diesem Bild zu befassen. Man schaut darauf, denkt sich was und kümmert sich um anderes, das dann tragischerweise wesentlich unwichtiger ist als dieses Bild.
Dieses Bild zeigt wie der Verlust von Öffentlichkeit verstehbar wird. Den Prozess dieses Verlustes könnte man probeweise die Tunnelung der Realität durch die Simulation ihrer Verschachtelung nennen.
Eine Analyse der Beobachtungsituation:
Ein betrachtender Internetnutzer bekommt auf den Bildschirm das Bild eines Internetnutzers gebracht, der in einer Rückansicht abgebildet wird. Im Hintergrund sieht man den Bildschirm des abgebildeten Nutzers, wobei der Nutzer den Blick über die Schulter von seinem Bildschirm abwendet und ihn auf den für ihn unerkennbaren betrachtenden Nutzer richtet.
Der abgebildete Bildschirm wiederum erzählt die Konfiktsituation eines nichtauthentifizierten Zugriffs auf ein ein Google-Konto und zeigt auf dem Bild rechts die Lösung, nämlich die Warnmeldung eines solchen Zugriffs, die sich durch den Blick auf einen weiteren Bildschirm ergibt, hier das Display eines iphones oder Ähnliches.
Auf dem Bilschirm des betrachtenden Nutzers erscheint der Bildschirm eines Internetnutzer, der – wenigstens der Geschichte nach- nicht bemerkt, dass sein unerlaubter Zugriffsversuch auf einem anderen Bildschirm angezeigt wird. (Das bezieht sich auf den rechten Teil des Bildes mit dem roten Warndreieck.)
Nun ist es jederzeit möglich, diesen drei Beobachtungsebenen viele weitere hinzufügen. Das Ergebnis ist eine Simulation, die eine Tunnelung der Realität zeigt. Solche Beobachtungen sind schon lange bekannt und entsprechen etwa der unendlichen Spiegelung eines Spiegelbildes, wie auf diesem Bild zu sehen:
(Herkunft)
Das wichtige an diesem Bild ist, dass es zeigt, was im Google-Bild unterschlagen wird, um die Beobachtungssitution zu verschleiern. In beiden Bildern ist ein Bildschirmbenutzer zu sehen; unten ist dies die fotografierende Frau, die auf das Display ihres Fotoapparates schaut und die dabei für den Betrachter von seinem Bild abgeschwendet erscheint, aber für sich selbst diesem Bild zugwendet ist. Es sieht so aus als habe die Frau den Tunnel im Rücken, tatsächlich erzeugt sie ihn dadurch, dass sie vor dem Spiegel steht.
Betrachtender Benutzer und abgebildeter Benutzer haben eine völlig andere Beobachtungsperspektiven: die Frau steht vor dem Spiegel und fotografiert einen Bildschirm beobachtend (mittels ihrer Kamera) das sich spiegelnde Spiegelbild, wogegen der betrachtende Benutzer in das Bild hineinschaut und die Frau als Teil des Bild miteinbezieht. So könnte der betrachtende Nutzer glauben, die Frau hätte den Tunnel im Rücken. Vielmehr hat sie ihn vor Augen.
Nun ist es so, dass für den Betrachter selbst wiederum ein Tunnel entsteht, wenn man die längst entwickelten technischen Möglichkeiten hinzu nimmt. Dann kommt man zu einem viel komplexeren Beobachtungszusammenhang, wenn man nämlich berücksichtigt, dass jeder Nutzer in jedem Augenblick der Beobachtung die gleichen technischen Mittel nutzen kann. Die Möglicheiten sind:
- Ein laufendes Bild
- Ein Echtzeit-Übertragung, zzgl. der Möglichkeit einer digitalen Sofortbearbeitung eines laufenden Bildes
- Ein erster mobiler Bildschirm des Betrachters, egal welcher größe, könnte auch eine Leinwand sein
- Ein zweiter mobiler Bildschirm, mit dem dieser mobile Bildschirm für einen weiteren Nutzer abgefilmt werden kann. In diesem Fall wäre dieser zweite mobile Bildschirm z.B. Google-Glass und der erste Bildschirm einer, der den Raum simuliert (google street view.)
Ergebnis ist dann, dass die Tunnelung nicht als Dokument erscheint wie bei diesen Bildern, sondern als vollständig ablaufende Sofortsimulation für jeden Benutzer, der darüber informiert ist, dass hinter seinem Rücken eine solche Verschachtelungssimulation abläuft, von welcher er nur wissen kann, dass sie abläuft, aber nicht, was sie zeigt und dies, obwohl man gerade davor steht. Denn dass der Betrachter selbst als Teil des Bildes erscheint kann nur für einen weiteren erkennbar werden, wobei der erste obendrein nicht wissen kann, welche digitalen Filter- und Manipulationsvorgänge eingeschaltet sind.
Die Beobachtungssituation bezeichnet also die Paradoxie, dass man nicht mehr sehen kann, was man in dem Augenblick sehen kann. Die Frau in dem Bild sieht in dem Augenblick nicht, dass sie Teil desjenigen Bildes ist, das sie fotografiert, was sie natürlich nicht daran hindert, diese Situation imaginerend mitzuberücksichtigen und die Selektion von Information darauf hin auszurichten.
Das Google-Bild oben verschleiert diese Beobachtungszusammenhang dadurch, dass der seinen Blick abwendende Nutzer mit einer Augenmaske versehen wird, durch die ihm Anoynmität unterstellt und dieselbe wiederum als Merkmal der Gefahr bezeichnet wird. Tatsächlich ist diese Augenmaske nichts anderes als Google-Glass und es zeigt sich, dass weder die Anonymität noch Google-Glass das Problem sind, sondern nur die Verschleierung des Zusammenhangs, was hier durch die naive Unterscheidung von Gut und Böse gelingt.
Denn der Hacker in diesem Bild tut nichts anderes als das, was Google tut: Daten sammeln. Und dann erkennt man auch, um was es geht, wenn es heißt: „Helfen Sie beim Schutz ihres Kontos“ – du sollst dem Datensammler helfen, nicht dir selbst, wobei der Datensammler dadurch unbeobachtbar wird, dass er die Unterscheidung von gut und böse auch auf sich beziehbar macht und er folglich weder als gut noch als böse erscheint. Er tuts halt. Und du machst mit. Du bist schon längst Teil des Geschäftes, Teil des Bildes, das du auf dieser Weise erst in Erfahrung bringst. Du bist nicht ein Partner des Geschehens, du ein bist Element darin. (Gilt auch für den Datensammler, den Hacker.)
So wird praktisch bei erfolgreicher Ablenkung von diesem Zusammenhang nur für den Datensammler ein Problem gelöst, wenn es ihm gelingt, die um Hilfe zu bitten für die Lösung eines Problems, das dich gar nichts angeht. Die Lösung für den Datensammler gelingt, wenn der Nutzer die Bereitschaft hat, sich vom Datensammler Probleme bereiten zu lassen, ohne dafür irgendeine spezielle Lösung im Gegenzug angeboten zu bekommen. Um es zu wiederholen: du lieferst deine Daten ab, aber erhältst nichts im Gegenzug zurück. Du bist kein Partner.
Das Internet ist größtenteils überflüssig, wobei diese Überflüssigkeit nicht der Nachteil des Internets ist, sondern der Vorteil. Der Vorteil besteht darin, dass die Gründe für seine überflüssige Nutzung erst durch die Nutzung ermittelt werden und damit vorest unbestimmt und unbekannt sind.
Der Datensammler ist ein Parasit, aber weder ein guter noch ein schlechter. Die Bewältigung dieses parasitären Verhältnisses gelingt nicht mehr, wenn man ihm irgendwelche Protestbriefe schickt, weil durch diese parasitäre Beziehung längst schon ein anderes Machtverhältnis etabliert ist, dessen Auswirkungen noch unbekannt sind.
Eines kann man jedenfalls schon erkennen: Öffentlichkeit ist allenfalls als Phantasmagorie in dieser Tunnelung enthalten, sie ist darin eingeschlossen wie alles andere auch.
Statt Öffentlichkeit hat man es mit einer Verschlossenheit zu tun, die infolge der Tunnelung der Realität durch die Simulation ihrer Verschachtelung entsteht. Entsprechend gibt es keinen Weg hinaus, weil das Beobachtungsverhältnis bereits die „Gefangennahme“ durch Bildschirmfesselung reflektierbar macht. Aber diese Gefangennahme durch Bildschirmfesselung gilt für jeden Beteiligten, auch für den Datensammler; ob gut oder böse ist für die Konsequenzen völlig egal.
Fotografen machen Fotos von Fotografen, die Fotos fotografieren #d13
http://postdramatiker.de/blog/2012/07/29/fotografen-machen-fotos-von-fotografen-die-fotos-fotografieren-d13/
lieber Postdramatiker,

erinnerst du dich noch an unser Gespräch auf der #rp13 als ich dir meine Skizze der Beobachtungssituation während einer Veranstaltung erläutert hatte?
Schau dir mal diesen Tweetwechsel an:
Worüber wird hier informiert?
Zwei Menschen, die sich möglicherweise nicht kennen, sitzen möglicherweise im selben Publikum und twittern sich gegenseitig Freundlichkeiten und über einen anwesenden Dritten Geringschätzungen zu.
Und irgendein weiterer Twitterer bekommt das mit und fragt: „Wo seids ihr?“
Es fällt nun nicht schwer, sich diese Verwicklungen vorzustellen, um die es hier geht: während Kommunikation zwischen Anwesenden stattfindet, nämlich Kommunikation in einer Vortragsveranstaltung, findet gleichzeitig Kommunikation zwischen Abwesenden statt, die auch noch für einander unbekannt sind. Wir haben:
1. Kommunikation zwischen Anwesenden, die sich gegenseitig als anwesend wahrnehmen und Anonymität vermeiden können, aber nicht müssen und:
2. Kommunikation zwischen Abwesenden, die teils für einander bekannt, teil für einander unbekannt sein können und nun die Möglichkeit haben, Pseudonymität und Anonymität zu wählen oder zu vermeiden. („Zeigen Sie sich mal!“)
Eigentlich ist es fast schon nicht mehr möglich, alle daraus resultierden Selektionen dieses Beobachtungsverhältnisses zu analysieren, weil man immer wissen kann, dass alle Beteiligen egal wo sie sind, wer sie sind oder was sie mitteilen ganz schlecht über alles was passiert informiert sind. Und was wäre, wenn dies nicht nur jeder weiß oder wissen, sondern immer auch noch jedem unterstellen und erwarten kann?
Welche Art von Strukturbildung ist so möglich? Meine Vermutung ist (das hatte ich versucht, dir etwas hiflos zu erklären, weil ich es mir nicht selbst gut erklären kann): hier zeigen sich irgendwie zwei Ebenen der kommunikativen Operativität, die prinzipiell für einander erreichbar sein müssen, weil auf beiden Ebenen sinnverstehende soziale Systeme operieren, aber aufgrund der hoch erratischen Vewicklung, also aufgrund von hoher Entropie, eigentlich nur schwer für einander erreichbar werden. Meine Überlegung ist, dass es sich, wenn auch anders gelagert, um ein Transzendenzverhältnis handelt, dass also die so beobachtbare Welt zwei Seiten hat, die für einander erreichbar sein können, dies aber wahrscheinlich gar nicht gelingt.
Mir gefallen die vielfältigen Verwicklungen – zumal diejenige rund um Anonymität und Pseudonymität in den verschiedenen Situationen, die sich in derselben Situation verbergen. Was heißt „Anwesenheit“ – man könnte vermuten, dass beide Parteien räumlich anwesend sind – aber sind sie das schomn, wenn sie nicht wissen, dass sie anwesend sind? Also wenn es beide nicht präsent haben, dass der jeweils andere anwesend ist bzw. sich nicht „kennen“ und deswegen gar nicht eine anwesend/abwesend Unterscheidung vornehmen können? Wie sollte jemand anwesend sein, den ich nicht kenne? Wie sollte er abwesend sein?
Zugleich sind aber beide als „Pseudonyme“ als Twitter anwesend, indem sie sich kommunikativ präsentieren (wer nichts sagt, ist auf Twitter nicht. Ich habe mal einen Twitteraccount mit dem Namen „Phatischer Kanal“ eröffnet, der bis heute keinen einzigen Tweet gesendet hat …). ANwesend wäre auf Twitter also nur, wer twittert, während im Publikum auch anwesend ist, wer schweigend zuhört, vorausgesetzt ich habe von seiner möglichen präsenz eine Vorstellung oder stelle mir seine Präsenz vor, die ich dann überprüfen kann.
So also muss ich auf Twitter anwesend werden, um den Mitlesenden, den ich als anwesend im Raum vorstelle, dazu zu bringen, im Raum still ein Zeichen seiner Anwesenheit zu geben, um mich darüber zu informieren, dass die mir präsente Möglichkeit einer Anwesenheit tatsächlich reale Präsenz ist.
Was wollte ich eigentlich sagen? Ich bin immer noh nicht überzeugt, ob man bei diesem komplexen Verbwebungen der An- und Abwesenheit, der Präsenz und den Schweigens, der körperlichen Anwesenheit von zwei Ebenen sprechen sollte. Das klingt so, als könnte man zwei STockwerke sauber voneinander trennen – mir scheint, es ist trickreicher.
„es ist trickreicher“- was ist trickreicher?
DIe Situation?
@postdramatiker
„Das klingt so, als könnte man zwei STockwerke sauber voneinander trennen“ – meine Frage ist: welche Art von Struktur entsteht, welche Strukturen sind möglich, wenn alle Kommunikation zwischen Anwesenden immer zugleich auch eine Kommunikation zwischen Abwesenden sein kann? Anwesend ist nicht, wer sich irgendwie existenztheoretisch über seine Realität vergewissert, sondern wer sich selbst in der Wahrnehmung eines anderen als anwesend wahrnehmend beobachtet, wenn sich die Beteiligten gegenseitig für einander wahrnehmend beobachten unter der Voraussetzung, dass diese Beobachtung einer strengen Begrenzung der Realitätsermittlung unterliegt. Diese Begrenzung ergibt sich insbesondere durch den zu leistenden Aufwand für die Herstellung dieser Begegnung und durch die Freheitsgrade ihrer Vermeidung. Interkationstheoretich gilt bis heute ja der Grundsatz, dass man nur mit Anwesenden reden kann. Und daran habe ich Zweifel: man kann jetzt nicht nur mit Abwesenden reden, sondern auch mit Leuten, die abwesend und unbekannt sind. Das schließt natürlich die Möglickeit ein, dass die Beteiligen im Laufe der Entwicklung einer Beziehungsstruktur auch ermitteln können, dass sie schon vorher für einander anwesend waren. Aber wenn dies erst später ermittelt wird, so war dies empirisch vorher nicht der Fall.
Ich könnte die Frage auch so stellen, insbesondere noch einmal im Hinblick auf das oben dokumentierte Twittergespräch: was wäre, wenn die Beteilgiten versuchen wollten, sich mit der Frage zu beschäftigen, was jetzt und hier der Fall ist und die Fortsetzung der Kommunikation über diese Frage das Problem immer dringlicher in Erscheinung treten lässt. Je intensiver die Befassung mit der Frage, was der Fall ist, erzeugt die steigende Wahrscheinlichkeit, dass gerade dies aufgrund dieser Art der Kommunikation gar nicht mehr ermittelbar ist.
Insofern ja, aber eingeschränkt: zwei Stockwerke, die nebeinander liegen und für einander immer unzugänglicher werden, wenn eben dies versucht wird, weil jeder immer eine Möglichkeit hat, der Vergewisserung auszuweichen.
[…] Unhaltbar sind diese Vorbehalte deshalb, weil man sich im Enttäuschungsfall aufgrund der eigenen Bildschirmfesselung jede Möglichkeit nimmt, auf Kritik mit Sanktion zu reagieren. Bildschirmfesselung zieht […]
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Das Unwahrscheinlichwerden von Öffentlichkeit durch Buchdruck und Internet ist sehr verschieden. Dieses Bild zeigt, wie Öffentlichkeit dadurch verschwindet, dass jedes Bewusstsein sich von jedem anderen isoliert, indem jeder seine Aufmerksamkeit auf einen anderen „Monitor“, auf eine andere Oberfläche richtet. Unter dieser Voraussetzung kann Öffentlichkeit sehr schnell wieder hergestellt werden, wenn beispielsweise ein nackter Mensch durch den Zug laufen, wenn jemand einen Sack voll Geld ausschütten würde. In dem Augenblick entsteht schlagartig Öffentlichkeit, weil der Monitor jederzeit abgeschaltet werden könnte (Zuklappen der Zeitung) und dann der „Monitor der Öffentlichkeit“ eingeschaltet würde.
Die Bildschirmfesslung aufgrund mobil vernetzter Monitore macht aber, dass die Ausschaltung des eigenen Monitors oder auch die gleichzeitige Ausschaltung vieler solcher Monitore nicht automatisch den Monitor der Öffentlichkeit einschaltet, weil nämlich durch mobil vernetzte Monitore die Ausschaltung des Ausschalters vollzogen wird. Alles was wahrgenommen werden kann, kann – spätestens wenn Google Glass in Gebrauch kommt – nur durch vernetzte Beobachtungsgeräte vorsortiert werden, die überall vorhanden und darum für jeden unverfügbar sind. Natürlich kann man sein eigenes Gerät abschalten, aber nicht alle anderen. Würde in dieser Szene auf dem Foto unter Bedingungen der Bildschirmfesselung ein Sack Geld ausgeworfen werden, dann ist es nicht mehr auf gleiche Weise wahrscheinlich, dass der „Monitor der Öffentlichkeit“ eingeschaltet würde, weil der Mensch, der so etwas tut, dies nicht ohne eigene Bildschirmfesselung tun könnte. Er würde sich im Voraus schon immer durch andere Beobachtungsgeräte als beobachtet beobachten und kann dann nicht mehr mit gleicher Wahrscheinlichkeit dafür sorgen, dass Öffentlichkeit entsteht.
Es müsste schon eine Bombe sein. Aber: auch der Terrorist kann sich der Bildschirmfesselung nicht so leicht entziehen, wodurch seine Terrorversuche enorm verkompliziert werden.
Ein wichtiger Unterschied zw. „alter“ und „neuer“ Öffentlichkeit in Form von Bildschirmfesselung besteht darin, daß man in der alten sehen konnte, daß andere auch sehen, was man sieht. Wenn der nackte durch den Zug läuft weiß ich, daß die anderen ihn auch sehen, wenn jedoch alle gleichzeitig auf derselben Pornoseite surfen weiß ich und merk ich nichts.
Das ist eigentlich das Spannende an der Bildschirm-Öffentlichkeit: Ich bin zwar Teil von ihr und konstituiere sie durch mein Wahrnehmen von etwas mit, aber das tue ich, indem ich gerade nicht wie ein Teil der Öffentlichkeit agiere, sondern wie ene bildschirmgefesselte, einsame Monade.
„wenn jedoch alle gleichzeitig auf derselben Pornoseite surfen weiß ich und merk ich nichts.“
Das ist ein wichtiger Punkt. Streng genommen gibt es in diesem Fall gar keine Öffentlichkeit, weil keine Resonanz möglich ist. Das Lesen einer Zeitung bewirkt für die Wahrnehmung noch die Kenntnis, dass auch andere sie lesen, was sich schon aus ökonomischen Produktionsszusammehängen ergibt, weshalb auch in der Zeitung über diesen Zusammenhang berichtet wird. Insofern könnte man immer noch von einem, wenn auch schmalen Korridor der Öffentlichkeit sprechen. Eine Internetseite ist kein serielles Produkt mehr, sondern ein Einzelstück. Entsprechend hat hat man auch nur die Beobachtung von Eigenwahrnehmung und allenfalls die Gewissheit der Möglichkeit, dass auch andere diese Internetseite rezpieren. Aber die Möglichkeit der Gewissheit fällt gänzlich weg.
Das witzige der Bildschirmfesselung ist, dass sie die Wahrnehmung gefangennimmt, aber weil durch das Beobachtungsgerät alles Wahrnehmbare angeliefert wird, wird die Wahrnehmung zugleich für all das auch wieder freigestellt. Nur gibt es keine Öffentlichkeit mehr. Deshalb steigert die Bildschirmfesselung Freiheitsmöglichkeiten.
https://twitter.com/kusanowsky/status/406057703102885888
Gerade dieser Versuch zeigt ja die andere Seite des Problems. Weil Öffentlichkeit nicht mehr wahrnehmbar ist, wurde dieser Versuch gestartet.