Reblogged: George Spencer-Brown wird 90 #systemtheorie #lawsofform
von Kusanowsky
George Spencer Brown wird am 2. April 1923 in Lincolnshire, England, geboren. Im Alter von drei Jahren liest sein Vater mit ihm die Elemente von Euklid. Nie verzieh der Sohn seinem Vater, dass er ihn nach dieser Ausbildung auch noch auf die Schule schickte, als er sechs Jahre alt wurde. Denn Jahre hätte es ihn gekostet, wieder zu verlernen, was man ihm dort beibrachte. Im Alter von vier Jahren zerstört George jeden Abend ein Spinnennetz, das in einem Busch vor seinem Fenster hing. In aller Frühe steht er auf, um die Spinne dabei beobachten zu können, wie sie dieses Netz wieder neu spann. Jeden Morgen kommt er zu spät. Das Netz ist jedes Mal längst wieder gebaut. Er will wissen, wie es die Spinne schafft, einen horizontalen Faden zu spinnen. Und er wusste bereits, so erzählt er später, dass man eine Form zerstören muss, wenn man herausfinden will, wie sie zustande kommt.
Weiter: https://catjects.wordpress.com/2013/04/02/george-spencer-brown-wird-90/
Zusatz: gefunden bei Nicolai Hartmann (Der Aufbau der realen Welt) über eine Variante des re-entry:
Das Erkenntnisverhältnis ist kein ontisches Grundverhältnis. Es spaltet das Seiende nicht in ein Welt des Subjekts und eine des Objekts. Es läßt beide auf gleicher Seinsbasis bestehen; wie denn Subjekte selbst wiederum Objekte möglicher Erkenntnis sind. Die eine Welt des Realen ist die der Dinge und Personen. Erkennendes und Erkanntes haben dieselbe Realwirklichkeit, Zeitlichkeit, Zerstörbarkeit, Individualität. Das erkennende Subjekt hat nur einen inhaltlichen Seinsvorzug, den, daß es das Ganze dieses Realgefüges (einschließlich seiner selbst) noch einmal in sich darstellt, repräsentiert – oder, wie ein altes Bild sagt, „widerspiegelt“.
Die Begriffe und Gleichnisse reichen hier zwar alle nicht zu. Aber soviel besagen sie eindeutig: das erkennende Weltbewußtsein ist die Wiederkehr seiner selbst und aller Dinge in der Vorstellung, im Gedanken, in der Meinung und Beurteilung. Es ist zwar nur eine inhaltliche Wiederkehr im Ausschnitt, und auch das nur annäherungsweise, aber dennoch eine Art Wiederkehr: eine zweite Welt als Darstellung der ersten im Subjekt, aber nicht neben der ersten, sondern in ihr. Denn das Subjekt ist von der ersten mitumfaßt. Die Relation zwischen Vorstellung und Gegenstand ist eine von vielen Beziehungen, die das seiende Subjekt mit anderem Seiendem verbinden; wie denn Erkenntnis nur ein Spezialfall der transzendenten Akte (Erleben, Erfahren, Wollen, Handeln usw.) ist, und keineswegs der bevorzugte oder grundlegende unter ihnen.
Der Aufbau der realen Welt, Berlin, 3. Aufl. 1964, Zweiter Teil, 1. Abschnitt S. 158.
https://twitter.com/kusanowsky/status/319468879359385600
Was ich noch nachtragen will:
Ich habe jetzt erst durch Empfehlung von @rudolfanders die Philosophie von Nicolai Hartmann entdeckt, die besser als alles andere als Vorläufer einer Luhmannschen Systemtheorie gelesen werden kann. Was in dem Zitat zum Ausdruck kommt ist die Verabschiedung von naiven philosophischen Annahmen über den Stellenwert von Erkenntnis: „…wie denn Erkenntnis nur ein Spezialfall der transzendenten Akte (Erleben, Erfahren, Wollen, Handeln usw.) ist, und keineswegs der bevorzugte oder grundlegende unter ihnen …“
Das entspricht der Philosophie Nietzsches, hat aber den Vorzug, die Radikalität des Ansatzes in die Fachdisziplin selbst einzubetten, wenngleich der selben Gefahr unterliegend, die auch Nietzsche in Kauf genommen hatte, nämlich die, Außenseiter zu bleiben. Was in beiden Fällen auch geschehen ist.
Aber an den Hartmannschen Konzeptionen die reale Welt betreffend kann man sehr gut bemerken, was, obwohl andeutend, noch nicht vollzogen werden konnte, nämlich eine Kommunikationstheorie: denn es ist ja die „reale Welt“ selbst – die Kommunikation – die „Erleben, Erfahren, Wollen, Handeln“ beobachtbar und erfahrbar macht, der es es gelingt, all dies in Kommunikation zu verwandeln und anschließbar zu machen. Diese Überlegung ist bei Hartmann enthalten, nur eben, gemäß einer selbstreferenziellen Ontologie: das „Seiende als Seiendes“ zu erfassen, wobei die Erfassung nicht allein Erkenntnis ist, sondern auch „Erleben, Erfahren, Wollen, Handeln“, also durch Kommunikation erzeugte Konstrukte, die wiederum ein Weltverhältnis etablieren. Soziale Realität ist transzendierungsfähig und liefert Menschen selbst der Erfahrbarkeit dieser Fähigkeit aus. Mit welchen Ergebnissen auch immer.
Ich empfehle sehr die Beschäftigung mit Hartmann.
Hiya,
Zu den wesentlichen Elementen des Konstruktivismus gehört der auf George Spencer-Browns Gesetze der Form zurückgehende Appell „Triff eine Unterscheidung!“. Er setzt somit voll und ganz auf das Prinzip des Anfangens. Denn dem Aufruf Folge zu leisten oder ihn zurückzuweisen erfordert eine Entscheidung. Der Unterscheidung ist also immer schon eine Entscheidung vorgängig. Darüber hinaus zwingt die Unterscheidung zur Zweiheit. Zweiheit aber impliziert des weiteren auch einen Standpunkt, von dem aus die Unterscheidung getroffen wird. Und zwar einen und nur einen Standpunkt. Eine Multiplizität, eine Polykontexturalität der Standpunkte ist also schon in der Vorgängigkeit der Entscheidung aufgegeben, ebenso wie eine Thematisierung der Grenze selbst, des „Schieds“, der den Unterschied aufrecht erhält. Damit erweist sich der Kalkül der Gesetze der Form von Spencer-Brown als ein strikt hierarchischer, der sich isomorph zu dem der klassischen aristotelischen Logik verhält.
Von Goldammer bringt in einer Kritik den Anspruch des radikalen Konstruktivismus noch einmal klar zum Ausdruck: „Um die Identität zweier Objekte feststellen zu können, muss man sie zunächst unterscheiden, um sie jedoch zu unterscheiden, muss man sie erkennen und um sie zu erkennen, muss man sie unterscheiden, …“.
Der chiastische Charakter der sprachlichen Formulierung macht hier unmittelbar die wechselseitigen Voraussetzungen für Erkennen und Unterscheiden deutlich. Und es wird begreiflich, dass die echte Simultaneität von Erkennen und Unterscheiden, oder Erkennen und Wollen, in einem Kalkül, der mit dieser Aufforderung begonnen, bzw. angefangen wird, sich eben nicht fassen lässt, da mit der Entscheidung eine Entscheidungen treffende Entität bereits vorausgesetzt ist. Durch diese, über eine nicht hinterfragte Voraus-Setzung getroffene Rahmung betrügt sich das Denken von vorn herein um die Option, Simultaneität, irreduzible Parallelität der Prozesse des Universums auch nur annehmen zu können.
Somit lösen sich hiermit der Anspruch Luhmanns und seiner Epigonen, auf der Basis von Spencer-Browns Kalkül zu einer polykontexturalen, die Rollen der Beobachter einbeziehenden Fassung ihrer Konstrukte der soziologischen Systemtheorie zu gelangen sowie die Fundierung des radikalen Konstruktivismus in einem Selbstwiderspruch auf. Zudem setzt man sich damit in Beziehung zur kantischen Philosophie, in der das transzendentale Subjekt – Kant war sich dessen sehr wohl bewusst – ebenfalls vorausgesetzt ist.
Die Aufforderung „Triff eine Unterscheidung!“ wird daher zu einem Mantra, in dessen Folge sich Alles und Nichts erklären oder behaupten lässt, so z.B. neuere Konstrukte zum Organisationsbegriff.(siehe Baecker) Der postmodernen Beliebigkeit sind hiermit keine Grenzen gesetzt.
LG, Nick H.
„Der postmodernen Beliebigkeit sind hiermit keine Grenzen gesetzt. “
Ein sehr guter Kommentar. Mein Einwand an dieser Stelle wäre nur, dass nicht nur die Anweisung, sondern auch das Befolgen der Anweisung eine Selektion ist, die nicht beliebig vorgenommen werden kann und darum können auch Folgeselektionen nicht beliebig sein. Aber eine enorme Erweiterung ist damit bestimmt möglich, welche aber jederzeit auch wieder in eine Paradoxie geführt werden kann: Beschränkung durch Erweiterung. Und dann kann erst recht Beliebigkeit keine Selektion steuern. Gleichwohl kann man natürlich Beliebigkeit als unbeobachtbare Beobachtung einführen. Aber das ist für jede weitere Selektion gar kein Hindernis.
Das System ist die Differenz zwischen System und Umwelt