Differentia

Monat: März, 2013

Ein Erlebnisbericht von @str0mgeist.

Schön daran ist, dass ich erst nach Lektüre dieses Artikels bemerken kann, was auf seiner Seite geschehen war als ich mich in dieser Sache mit Denken und Schreiben beschäftigte. (Und dabei spielt die Frage der „Wahrheit“ dieses Erlebnisses keine Rolle!)
Daran sieht man, dass die Kommunikation umso mehr Intelligenz zulässt, je weniger man wissen will oder wissen kann, was auf der anderen Seite verstanden, was gemeint, was beabsichtigt oder was gewollt wird, indem man es unterlässt, Konsistenzprüfungen durch Kritik zu provozieren, weil alle Kritik via Internet eben doch nur performativ wirken kann. Sie kann nicht mehr erfolgte oder zu erfolgende Sanktion rechtfertigen, sondern immer nur als Selbstrechtfertigung im Augenblick ihrer Anschlussfindung beobachtet werden. Das heißt: in dem Augenblick, wo Kritik nur performativ erscheint, ist sie völlig zwecklos und führt in der Regel nur zu banalen oder deprimierenden Ergebnissen.
Interessant wird es erst dann wieder – wie in diesem Fall zu erkennen – wenn man die Trollmaschine gleichsam rücksichtslos gegen
Menscheninteresse, Menschenabsicht, Menschenvermögen oder Menschenempfindlichkeit füttert um zu schauen, welche Ergebnise sie auswirft.
Dass dabei Unerfreulichkeiten wahrscheinlicher sind, ist naiv. Diese Unerfreulichkeiten entstehen gerade erst durch ein Beharren auf Netiquette, deren Regeln niemand durchsetzen kann, weil jeder der Beteiligten sich durch Internetkommunikation der Sanktionsmöglichkeiten beraubt. Daraus folgt andersherum: warte ab was geschieht, wenn du dich besinnungslos auf Sinn einlässt.

Kultur oder Wissenschaft

Oder: Kann das Internet für die Wissenschaft mehr sein als eine erweiterte Bibliothek? Ein Erfahrungsbericht

Auf dem Blog Das eigensinnige Kind unternimmt Wolfram Ette den Versuch, das gleichnamige Märchen der Brüder Grimm durch ein Verfahren der Kollektion und Konstellation kollaborativer Interpretation zu erkunden. Das Verfahren soll dem Gegenstand angemessen sein. Denn auch Märchen sind, wie Blogs, ein Produkt kollektiver Autorschaft. Der erste Eintrag beschäftigt sich mit dem Urvertrauen, dessen Fehlen ein Phänomen sei, dem sich auch ein Ausbleiben revolutionärer Zuversicht verdankt:

Keine Revolution ohne Urvertrauen. Der Mangel an Urvertrauen begleitet die deutsche Geschichte, und von diesem Mangel als einer kollektiven Krankheit erzählt »Das eigensinnige Kind«, das den Eigensinn in Zerstörung und Selbstzerstörung münden lässt.

Nachdem ich diese Zeilen las, kam mir Kluges Der lange Marsch des Urvertrauens aus seiner Chronik der Gefühle (Suhrkamp, Frankfurt/M. 2000) in den Sinn. Kluge beschreibt dort das Urvertrauen als eine anti-realistische Mitgift jedes…

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Exzentrische Paradoxie

Rezension von Gabriele Althaus, Andreas Hellmann über: Bernd Ternes: Exzentrische Paradoxie. Sätze zum Jenseits von Differenz und Indifferenz.

Die Habilitationsschrift von Bernd Ternes, „Exzentrische Paradoxie. Sätze zum Jenseits von Differenz und Indifferenz“ ist ein Versuch, der gesellschaftlichen Wirklichkeit des beginnenden 21. Jahrhunderts, die in ihrer „neuen Unübersichtlichkeit“ (Habermas) weder durch poststrukturalistische und systemtheoretische Differenzphilosophie, noch durch die soziologische Systemtheorie oder die Anthropologie in ihren verschiedenen modernen Fassungen auf Begriffe gebracht, mithin verstanden werden kann, mit einer neuen Denkfigur zu begegnen.
Exzentrische Paradoxie, der zentrale Topos der Arbeit, steht dabei für den Versuch, „begrifflich ein zu Begreifendes einzuholen, das nicht mehr oder nicht mehr treffend“ in den traditionellen Unterscheidungen „Leben/Tod, innen/außen, integriert/exkludiert, reflektierbar/unreflektierbar“ erfasst werden kann und auch nicht mit „Begriffen wie Antagonismus, Inversion, Widerspruch, Differenz oder gar Kampf einzuholen ist“.
Nachdem der Prozess der Ausdifferenzierung funktionaler Systeme und damit verbunden das sich zur Verfügung Stellen für komplexere Inklusionen auf dem Höhepunkt der Kulturindustrie an ein Ende gekommen sind und während sich ein neues Arrangement von persönlich werdender Abstraktheit und abstrakter werdender Adressalität als Person herausgebildet hat, wird exzentrische Paradoxie erkennbar als letzte Gestalt einer technischen Existenz des Menschen vor dem Übergang zu einer Existenzform, die Ternes generative Exzellenz nennt, im Rahmen derer traditionelle Formen des Nachdenkens über das Verhältnis Mensch und Technik entlang des theoretischen und begrifflichen Arrangements von Mensch, Welt, Natur, Technik, Kunst überwunden sind. Die weitere Evolution der generativen Exzellenz hängt ab von einem möglichen Kontakt, von einem sich in Resonanzsetzen mit der Kreativität der lebendigen Physis selbst, was Ternes mit dem Kultursoziologen Hans Peter Weber Kreaturdenken resp. Physiskreativität nennt.
Das dabei zu „Begreifende“ ist die auf vielfältige Denkhemmungen stoßende Perspektive von einem „Tod der Gesellschaft“, ist die Einsicht, dass das im emphatischen Sinne „Soziale“ oder die „soziale Gesellschaft nicht nur ein spätes historisches Produkt sein könnte, sondern auch ein vorübergehendes, oder anders formuliert: Es könnte sich – exzentrisch paradox – die von Foucault mit Hinblick auf Kant so genannte „Geschossbahn der Frage nach dem Menschen … zu einer Geschossbahn der Frage nach der Gesellschaft“ wandeln …

(Vollständig hier)

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