Naivität und Rarität

von Kusanowsky

Naivität bezeichnet den harmlosen Fall der Verkürzung oder Verarmung eines reflektierbaren Voraussetzungsreichtums, durch den der Test auf Distanzlosigkeit, bzw. die Wirkung von Distanzverminderung beobachtbar werden kann. Eine Distanzverminderung ereignet sich durch Verknappung kontingenter Relationierung von Sinnelementen, die für einander relativ fest gekoppelt und daher wenig störanfällig sind, sofern Störungsversuche durch ähnliche voraussetzungsarme Beobachtungen auffallen. In einem solchen Fall bilden sich schnell regelhafte Muster von Wiederholungen, deren fortgesetzte Wiedererkennbarkeit sogar zur Unzerstörbarkeit solcher Formen führen können, sobald alle Störversuche immer die selben oder wenigstens ähnliche Muster auswerfen. Wenn Voraussetzungsarmut auf Voraussetzungarmut trifft, ist es nur sehr schwer möglich, diese so entstehende Verkoppelung auseinanderzuziehen, zumal Zufall bei solchen Formen beinahe ausgeschlossen ist. Denn die Wirkung von Zufall hat zur Folge, dass durch Asynchronizität der Operationen die Kontingenz ausgeweitet wird. Deshalb verhalten sich naive Strukturen gegen Zufall genau so naiv, indem nur ein subjektiver Erkenntnismangel zugestanden wird. Dieses Zugeständnis hat dann wieder den Charakter einer schnell wiedererkennbaren Deutung, durch die die Beobachtung des Zufalls sofort vernichtet wird.
Methodische Verfahren sind dann möglich, wenn der Voraussetzungsreichtum der Welt erfolgreich auf solche Musterbildungen getestet wurde.
Für eine Wissenschaft bedeutet das, dass Methoden zwar einerseits erfolgreich zur Legitimierung von Ressourcenbesatzung genutzt werden können, andererseits aber immer wieder Auffälligkeiten auswerfen, die auf der Basis einer durch die Methode legitimierten Voraussetzungsarmut Anhaltspunkte für die Revidierung von Standpunkten anbieten. Erst die genügend oft erfolgte Vermeidung solcher Revidierung erzwingt heteroclitische Erfahrungen.
Gefährlich wird Navität nur da, wo ein Anspruch darauf ideologisch gerechtfertigt wird. Die Folge ist Gewalt.

Rarität bezeichnet den umgekehrten, aber unwahrscheinlichen Fall. Dabei gelingt es, eine Ausweitung und Vermehrung von Voraussetzung in geregelte Prozesse zu implementieren, durch die Effekte wie Neuartigkeiten, Seltsamkeiten oder relativ anschlusssichere Unklarheiten entstehen. Der Nachteil von Strukturen, die sich durch Rarität auszeichnen ist, dass sie gegenüber naiven Strukturen keine methodische Kontrollierbarkeit aufweisen, einfach aufgrund der Tatsache, dass Seltenes nicht normal ist. Unter diesen Bedingungen kann dem Zufall größere Beachtung geschenkt werden, allerdings sind dafür Zeitressourcen (Geduld, Müßiggang) notwendig, die umso besser genutzt werden können, wenn Distanzierung gelingt. Denn Distanzierung sorgt immer auch für Entkoppelung und Dissoziation. Auch unter solchen Bedingungen kann auf Zufall naiv reagiert werden, aber aufgrund von Distanzierung kann auch gelingen, dass der Zufall Struktureffekte im Gedächtnis hinterlässt. Die naive Reaktion wäre sofortiges Vergessen ohne dauerhafte Vernichtung von Sinnelementen.
Rare Strukturen sind nicht rechtfertigungsfähig und wirken darum provokativ.

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