Wahrnehmungsdifferenzierung und Vertrauen
von Kusanowsky
Was mich an diesen Zeichnungen fasziniert ist, dass sie eine enorme Wahrnehmundsdifferenzierung dokumentieren, wie sie nur in einer Kultur möglich ist, die schon gelernt hat, dem Menschenvermögen mit großem Vertrauen zu begegnen. Mir scheint, man kann an solchen Dokumenten ablesen, wie das Vertrauen in Menschenvermögen zur Disziplinierung führt. Denn die Verbesserung und Verfeinerung von Maltechniken ist ja eine generationenlanger Akkumulationsprozess von Fähigkeiten, die nicht einfach nur durch Zwang entwickelt werden können, sondern auch durch Freiheit, durch Engagement, durch Eigenantrieb, welcher auf geeignete soziale Bedingungen angewiesen ist. Die Bedingungen liegen vor allem in Macht begründet, Macht, die eben nicht bloß Zwang ausübt, sondern auch Freiheit zulassen muss, wobei Vertrauen und Freiheit direkt verkoppelt sind.
@Kusanowsky
Im Zusammenhang mit der Rede vom „Wirklichkeitsverlust“ wie er sich in der Entwicklung der modernen Kunst zeigt, schreibt Ulrich Reck:
„Was auf dem Spiel steht, ist nicht die Wirlichkeit, sondern unser Verständnis von ihr. Nicht die Kindheit oder die Psychologie verschwinden, die Kunst oder die universalen ästhetischen Codes, der Geschmack und die Verbindlichkeit, die sichere Weltsicht und die Utopie, die Kritikfähigkeit und Kommunikaiton, die Wahrnhemungsdifferenzierung und Aufklärung, Sitte und Geschmack, sondern unsere kulturell unbefriedigenden Begriffe und Konzepte. Das Verschwinden des Wirklichen ist eine Metapher für das versuchsweise Verstehen der Tauglichkeit oder Untauglichkeit unserer semantischen Konstruktionen.“ S. 263
ders.: Die Kunst und die Werke. In: Die Sprachlichkeit in den Künsten. Hg. v. Paulus Engelhardt, Claudius Strube. Münster 2008, S. 263.
Bemerkenswert ist wohl in diesem Zusammenhang die Frage, wie der moderne Wirklichkeitsgewinn semantisch sedimentieren und sich verhärten konnte. Diese Zeichnungen belegen dann aber eher die Stufe vor dieser Verhärtung, die Phase, in der die Tauglichkeit dieser semantischen Konstruktionen noch keineswegs sicher gestellt war.
In diesem Sinn leuchtet mir dann auch ein, was du vor einiger Zeit mal versucht hattest mit dem Begriff der Dokumenform zu erklären. Vielleicht solltest du das noch mal aufgreifen?
Was für ein schönes Erstaunen über Bilder.
Die Frage stellt sich, wie zur Genauigkeit des Sehens sich die Fotografie stellt. Goethe hat sich zum einen noch selbst gequält, ein brauchbarer Zeichner zu werden, andererseits hatte er bei seinen Expeditionen in Italien immer auch einen Zeichner dabei, der ihm die Ruinen, „Denkmäler“ und Landschaften helfen musste festzuhalten. Die möglichst genaue Zeichnung hatte damals – siehe den Elefanten – auch die Aufgaben als Transportmedium für Sinneseindrücke. Da besteht auch eine Beziehung zur Wissenschaft – die Zeichnungen von Pflanzen und Tieren aus dem 18./19. Jahrhundert waren in dieser Hinsicht vielleicht eine der Gipfelpunkte. Fatalerweise sind wir jetzt weiter dank der Fotografie. Das genaue Sehen ist damit sehr stark vom Konzeptionellen abhängig – der Fotograf muss sich beinahe überlegen, wie er sieht, was er sieht. Man muss das Sehen planen. Sugimoto setzt sich unter Umständen tagelang ans Ufer, um dann mit einer uralten Kamera so ein Bild aufzunehmen: http://2.bp.blogspot.com/-YVW7r3Msk1c/UMb-bWcm2sI/AAAAAAAAX-Q/OHnWzEf9U50/s1600/Hiroshi-Sugimoto-Indian-Ocean-Bali-1991.jpg Oder jemand wie Jeff Wall, der sich sehr stark an der klassischen Malerei orientiert, baut monatelang an den Sets herum, die er dann fotografiert http://www.hfg-karlsruhe.de/~hklinke/archiv/texte/sa/wall.htm Es gibt noch andere, die ähnlich stark gegen die Schnappschuss-Kunst agieren, aber es gibt sie noch, die Genauigkeit von Überlegung, Wahrnehmung und Ausführung. Nur sind eben bestimmte Dokument-Funktionen ausgelagert an das Fotografische. Krieg und Tod, Geburt und Lebensweisen müssen nicht mehr gemalt werden, sie werden gezeigt, wie sie sind. Wir leben, was die Wahrnehmung angeht, gar nicht in so schlechten Zeiten. Wir werden ja fast schon von Genauigkeiten erschlagen. Es ist eher das Problem, das wir nicht darüber sprechen und auch nicht wissen, wie wir darüber sprechen können. Noch für Goethe war das unbegriffliche und das begriffliche Denken sozusagen ineinander verwurzelt. Fast jede Zeichnung und jedes Bild ein Einstieg in eine Erzählung, in einen Bildgrund, einen Gedanken. Das ist irgendwann verschwunden, so dass die Bilder heute – tendenziell – nur noch begafft werden, um aus ihnen eine kleine Gemütsaufwallung, eine sogenannte „Emotion“, herauszusagen. Oder andersherum – nur das frei schwebende Galerien-Bla-bla, das sich den Bildern überstülpt, ohne die Bilder wirklich anzusehen.
(Was für ein Zufall: Da ich heute Nacht kaum schlafen durfte, habe ich alle Tabs offen gelassen – und da ist es noch: http://is.gd/c4tIqI , weil Auerbach gestern ein ZItat daraus twitterte mit dem schönen Gedanken (dem Sinne nach), was den Humanwissenschaften noch zu tun bleibt, after having had its corrupt motives & westernizing progressivist rhetoric exposed?