Eine gute Fee: Du hast einen Wunsch frei!
von Kusanowsky
https://twitter.com/HeikeRost/status/316099391851204608
Heute ist wieder ein solcher Beschwerdebrief über Trolle getweetet worden, in dem zum xten-mal Tipps gegeben werden wie man mit Trollen umgeht. Meine persönliche Schätzung besagt, dass die Menge der Beschwerdebriefe, bzw. allgemeiner: schriftliche Protest- und Geringschätzungsbekundungen aller Art sich in etwa mit derjenigen Menge von Texten egalisiert, die Vermeidungstipps und Ratschläge zum Umgang mit Internetrollen beinhalten. Dazu dürften noch solche Texten kommen, die irgendeine Art von Systematisierung und Typologisierung von Internetrollen anbieten. Doch besteht der Zweck solcher Versuche darin, das Vermeidungsverhalten zu differenzieren, um rechtzeitig wissen zu können, womit man es zu tun bekommt oder bekommen könnte, um diese Trollerei zu verhindern.
Die Menge dieser Texte und ihre anhaltende Publikation gibt Auskunft über das Scheitern dieser Verhinderungsversuche. Denn gerade die fortgesetzte Kommunikation über Vermeidungsangelegenheit macht deutlich, dass die Vermeidung mal wieder nicht funktioniert hat, denn andernfalls wäre kein Problem kommunizierbar. Die Ratgeber infomieren damit performativ über ihr Scheitern und damit auch über ihre Überflüssigkeit.
Das kritische Subjekt lässt sich jedoch von solchen Argumenten nicht beeindrucken. Es verlagerte die Zweckerfüllung solcher Vermeidungsratschläge auf die Zukunft und gibt naiv zu verstehen, dass, sollte erst einmal genügend Aufklärung geleistet worden sein, diese Probleme verschwinden würden, wobei die Beobachtung, dass das Problem schon seit vielen Jahren besteht und nach wie vor virulent ist, entsprechend nur beweisen würde, wieviel Aufklärungsarbeit noch zu leisten wäre.
So bleibt die Welt für das kritische Subjekt in Ordnung, um so mehr, wenn sich solche Naivitäten breiter Akzeptanz erfreuen. Man beglückwünscht sich gegenseitig auf der richtigen Seite der Vernunft zu stehen und überläßt den Irrsinn der Welt der anderen Seite dieser Betrachtung, die gleichwohl überall beobachtbar bleibt auch dort, wo sie nicht erwünscht ist. Aber auch dann geht die Vermeidungskommunikation denkbar naive, aber enorm erfolgreiche Wege, indem die so angesprochenen sich einfach etwas etwas anderes wünschen. Komplizierter ist es eigentlich nicht.
https://twitter.com/kusanowsky/status/314749201554747392
Da Argumente nicht mehr so einfach formuliert werden können, es sei denn, sie sind schon formuliert und damit einfach zu verstehen, sei ein Gedankenexperiment vorgeschlagen, um die virulenten Irrtümer, wenn man sie schon nicht aufklären kann, so doch wenigstens zu bezeichnen. Das Gedankenexperiment bezieht sich auf die Navität dieses Wunschdenkens. Es geht so:
Stell dir vor, dir erscheint unvorhersehbar und ohne, dass du sie gerufen hättest, eine gute Fee. Aber diese gute Fee sieht nicht etwa hübsch aus und redet freundlich. Vielmehr hat sich ein bleiches Gesicht, blutunterlaufene Augen, spitze Zähne, einen kaltblütigen Blick und eine knarrende Stimme. Und mehr noch: sie hält dir eine Waffe an den Kopf und sagt: „Du hast einen Wunsch frei!“
Nun ich vermute, die meisten würden sich wünschen, sie möge die Waffe wegnehmen oder am besten gleich wieder verschwinden. Und wenn dieser Wunsch in Erfüllung ginge wäre außer Spesen nichts gewesen.
Aber kritisch gesehen gibt es keinen überzeugend Grund dazu, diese Chance so leichtfertig zu verschenken. Der Grund dafür besteht darin, dass es fraglich ist, dieser guten Fee Rationalität zu unterstellen. Denn: welche Rationalität wäre damit verbunden, dass diese gute Fee dir ein Problem machen will, indem sie erst versucht dir Angst zu machen und dir dann im selben Zug die passende Lösung anbietet? Sie könnte es in dem Fall genau so gut sein lassen, wenn die Rationalitätsunterstellung plausibel wäre.
Daraus folgt, dass keine Rationalität im Spiel ist. Das heißt: möglicherweise liegt tatsächlich eine Bedrohungssituation vor, möglicherweise aber auch nicht. Natürlich kann man auch annehmen, dass das Angebot dieser guten Fee gar nicht ernst zu nehmen ist, denn woher soll man wissen, dass es ernst gemeint ist, wenn sie dich mit der Waffe bedroht? Aber wenn es nicht ernst gemeint ist, dann ist dein Wunsch, sie möge damit aufhören, auch nicht ernst zu nehmen. Warum sollte sie das tun? Ihr Angebot auf Wünscherfüllung wäre genauso wenig ernst zu nehmen wie ihre Bedrohungshandlung.
Außerdem: vielleicht tut sie ja auch alles, was du dir wünscht, aber dann gibt es keinen Grund vor ihr nur Angst zu haben. Und sie formuliert ihr Angebot wengistens den Worten nach bedingungslos. Sie fordert nicht, etwas bestimmtes zu wünschen oder nicht zu wünschen und macht die Nichterfüllung dieser Forderung zum Kriterium dafür, dich zu erschießen.
Alles in allem ergibt sich: außer der Tatsache des Erschreckens ob der Waffe gibt es keinen Grund, die Angst vor der Bedrohung höher zu schätzen als die Hoffnung auf irgendeine anderweitige Wunscherfüllung.
Kritisch betrachtet hat die Frage nach Angst und Hoffnung keinerlei Rationalität. Aber dem kritischen Subjekt gelingt es aufgrund spezifischer sozialer Verhältnisse, seine angeblich rationalen Betrachtungsweisen entlang solcher Fragen zu differenzieren, um sie dann, bei vorhersehbarem Scheitern dieser Argumente, im nächsten Durchlauf mit einer Variante zu bereichern und zu differenzieren. Das Subjekt nennt sich kritisch und bildet sich darauf sehr viel ein, tatsächlich rechtfertigt es nur seine Angst oder seine Hoffnung.
Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass die Problembewältigung der Internetrollerei nicht etwa durch Rechtfertigung von Angst und Hoffnung gelingt, sondern dann, wenn zufällig und unvorhersehbar eine andere Unterscheidung die Beurteilung bestimmt.
Trollen ist gut für die Gesundheit. – Hast dir immer noch keine Katze zugelegt?
Trotz vieler toller Fremdwörter: Deine Grundannahme, die Du denjenigen unterstellst, die Tips gegen Trolle veröffentlichen, nämlich dass man Trollerei damit generell irgendwann abstellen kann, ist falsch. Darum geht es nicht und es wird auch nie passieren. Es werden immer wieder Artikel darüber geschrieben, weil es immer Trolle gibt und auch sicher immer geben wird. Es gibt aber auch immer Getrollte und die freuen sich, wenn sie es schaffen, sich gegen Trolle wehren zu können bzw ihre Situation besser einordnen zu können. Ist Dir eventuell zu einfach, aber so isses halt dann. 🙂
@Jens Scholz
… und schreibst du hier nun als Troll oder als Getrollter? Es erschließt sich das durch deinen Kommentar nicht, so dass ich lieber frage, weil:
Je nachdem ob so oder so bekommt deine Antwort eine vollig andere Aussage, schon probiert?
Mit den Trollen selbst ist das nicht viel anders, sie haben hin und wieder nachzudenken, ob sie denn nun gerade getrollt haben – oder wurden …
Auch zum Getrolltwerden gehört eine gehörige Portion Ausdauer und ein scharfer Verstand, und natürlich eine „gute Fee“, ein Thema.
Damit erledigt sich allerdings das Problem, das du am Klaus Kusanowski zurückweist:
Wenn jeder Troll UND Getrollter ist, ist ein Unterschied dazwischen nicht mehr auszumachen, ohne die Trollerei zum Rollentausch oder die Rolle zum Trollereitausch zu wechseln, was letztlich eben zwar wechselnde aber nur gleichwertige Interessenlagen auf den Seiten anzeigt.
Ich glaube, ich weiß wovon ich gerade rede. :-))
@Jens Scholz
Da finde ich doch glatt etwas auf einer Netz-Seite aus dem vorigen Jahrhundert, das noch zum Kommentar des @Jens Scholz passen könnte, bevor es sich endgültig vertrollt:
„Als Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die Kommunikation im Internet fortgesetzt und auf destruktive Weise dadurch behindert, dass sie Beiträge verfasst, die sich auf die Provokation anderer Gesprächsteilnehmer beschränken und keinen sachbezogenen und konstruktiven Beitrag zur Diskussion darstellen“
Frage:
Wie kann eine „Kommunikation fortgesetzt werden, „indem sie behindert wird“?
Bitte welche Beiträge werden im Internet verfaßt, die sich nicht auf andere Beiträge beziehen bzw. diese nicht „provozieren“ wollen, sind da die Langweiler der Selbstdarstellungskleinkunst gemeint?
Wer sagt, daß „Provokation anderer Gesprächsteilnehmer“ nur „beschränken“ und nicht befördern, ja überhaupt nicht zur „sachbezogenen konstruktiven“ Haltung auffordern und führen?
Das kann ich euch sagen – etwas später.
Auch dort zu finden ist dies:
„Als Troll wird bezeichnet, wer absichtlich Gespräche innerhalb einer Online-Community stört. Die Provokationen sind in der Regel unterschwellig und ohne echte Beleidigungen. Auf diese Weise entgehen oder verzögern Trolle ihren Ausschluss aus administrierten Foren. Nach Judith Donath ist das Trollen für den Autor ein Spiel, in welchem das einzige Ziel das Erregen von möglichst erbosten und unsachlichen Antworten ist.“ – ??
Ob Judith Donath schon mal wenigstens einem einzigen Troll „begegnet“ wurde? Wer soll das eigentlich sein, daß diese Person „fachlich engagiert ungeeignet“ damit heranzitiert wird? Ob sie wohl eine Online-Community für eine „Geschlossene Gesellschaft“ ansieht? Für ein Hinterzimmer: („Raus und Tür zu!“)?
Auch dort zu finden:
„In einer Studie wurden acht Administratoren der hebräischen Wikipedia nach ihnen bekannten Trollen befragt und die Beiträge der vier meistgenannten Benutzer danach inhaltlich analysiert. Als Ergebnis wurden vier Verhaltensmuster festgehalten:
– Trolle agieren absichtlich, wiederholt und schädlich (intentional, repetitive and harmful).
– Trolle ignorieren und verletzen die Grundsätze der Community.
– Trolle richten nicht nur inhaltlichen Schaden an, sondern versuchen auch, Konflikte innerhalb der Community zu schüren.
– Trolle sind innerhalb der Community isoliert und versuchen ihre virtuelle Identität zu verbergen, etwa durch die Nutzung von Sockenpuppen.“
weiter:
„Aus den Fallanalysen ergaben sich verschiedene Motivationen der Trolle:
Langeweile, Suche nach Aufmerksamkeit, Rache
Spaß und Unterhaltung
Wunsch, der Community möglichst großen Schaden zuzufügen.“
Leider liegen die Analysen der nicht-hebräischen Wiki-Admins noch nicht vor…
Und dann kommt der erste Versuch eines Troll-Quellennachweises:
„Die Computerfraks der 80er und frühen 90er waren meist auch Computer-/ Rollenspieler, weshalb es wahrscheinlicher ist dass sie den -ihnen sehr gut bekannten- Terminus Troll auf störende Diskussionsteilnehmer ummünzten als einen -ihnen vollkommen fremden und dazu noch unlogischen- „Fachfremden“ Begriff zu nehmen!“ –
Aha, nun wissen wir es: Der Troll ist vor langen vielen Jahren in alten alten Zeiten den PC-games entschlüpft, da er dort als zu eigenkreativ und gelegentlich fremd weil zunächst stets unpassend auffiel.
Und was meint ihr nun, wer sich (heute noch!) so, mit diesen Vorstellungen aus der grauen Anfangszeit des Internets, an der Charakterisierung von TROLL versucht?
Offensichtlich ist das die größte istitutionalisierte Trollerei, die wir kennen, geführt von trollenden Admin-Trollen, Un-Trollen und Trolligen aller Art: Es ist die
„WIKIPEDIA-Troll-AG“ (auch: Hier darf jeder mal, wenn wir ihn lassen und er nicht an uns vorbei trollt oder sich eben trollt).
Ich, als alte und geübte vertrollte Sockenpuppe, hole mir mein Troll-Futter lieber selber, da weiß ich, daß es nicht so abgestanden, intellektuell vergammelt und popularschädigend, will sagen populationsschädigend kommunikationsbremsend als Mumie daherkommt.
Wir sollten als Netzgemeinde dieser Wikipedia einen (1), diesen, Wunsch frei stellen:
Sie sollte sich selber freiwillig wünschen, daß eine „gute Fee“ auf Wikipedia den „trollfreien Tag“ einführt, an dem alle Admins zu Lehrzwecken und nur miteinander aber öffentlich administriert zu trollen haben und dadurch in Wikipedia an diesem Tag trollfrei kommuniziert wird…
„Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass die Problembewältigung der Internetrollerei nicht etwa durch Rechtfertigung von Angst und Hoffnung gelingt, sondern dann, wenn zufällig und unvorhersehbar eine andere Unterscheidung die Beurteilung bestimmt.“(geklaut bei Kusanowsky)
Danke übrigens Klaus Kusanowsky für die schlicht treffende Idee, dem @Jens Scholz zu antworten mit dem „Lied der Schlümpfe“, fühlte mich echt als verschlumpfte Puppensocke angetrollt kommuniziert, liebevoller geht’s nimmer.
Hallo @Jens Scholz, bist du noch da? Spürst du diese „gute Fee“?
Trolle sind völlig uninteressant.
Stell dir vor man hätte eine Dampfmaschine erfunden und es ginge der Jubel darum, dass man mit einer Dampfmaschine Dampf erzeugen kann. „Hurra, die Dampfmaschine macht Dampf.“
Der oder die Erfinder der Dampfmaschine könnten sich diesem Jubel nicht anschließen. Sie würden stattdessen argumentieren, dass man natürlich mit einer Dampfmaschine auch Dampf erzeugen kann, dass aber nicht die Dampferzeugung das eigentlich Beeindruckende ist, sondern die automatische Verrichtung von Arbeit.
So verhält es sich andersherum mit den Trollen. Die Empörung, der Protest richtet sich gegen die Trolle als wäre sonst alles normal, nur die Trolle würden stören. Tatsächlich sind die Trolle des Internets nur das, was auch geht, was auch in Erscheinung tritt, wenn so etwas Seltsames wie das Internet in Erscheinung tritt. Die Trolle sind nur der Dampf, der von der Dampfmaschine erzeugt wird, nicht das belastende oder hinderliche Problem.
Dieses Trollphänomen ist seltsam, aber im Rahem aller anderen Seltsamkeiten, die durch das Internet entstehen, sehr normal.
Das Internet ist eine Maschine, die viele Seltsamkeiten produziert, eine Maschine, deren Arbeitsergebnis uns die Welt radikal seltsam macht. Man kann das leugnen und auf Naivität bestehen. Aber diese Naivität ist das Hindernis, nicht die Trollerei.
Seid doch nicht so destruktiv.
In mir wuselt’s, aber ich kann es nicht ausdrücken. Die Duplizität der Ereignisse bei Lesen will es eben, dass in meinem Buch über die Mathematik als Sprache auch von der Dampfmaschine als Analogie die Rede ist:
Als um 1900 sich die Tradititionalisten der Mathematik sich über das zügellose Treiben der Modernisten erregten, kam schnell der pejorativ gemeinte Vergleich auf zwischen der Pferdekutsche der Dogmatiker und den Dampfrössern der Modernen. Es war auch die Differenz zwischen den „reinen“ Mathematikern und den „besudelten“ Pragmatikern. Die einen störten sich an den offensichtlichen logisch getönten Antinomien der Mengenlehre, den andern war das wurscht, solange sie mit Erfolgen glänzen und beeindrucken konnten. Bald war aber allen klar, dass ja beide Gruppierungen die selben Werkzeuge benutzten, nur eben andere Sprachen sprachen. Bitte, hiess es dann spöttisch, jetzt fahren auch die Kutschisten ihre Kutsche schon mit Dampf.
Was liesse sich hieraus für die Netznutzung ableiten, und sei es grob analogisch? Das Papier wäre dann die Kutsche, und das Netz wäre dann die Dampfmaschine. Beide erzeugen Texte. Texte auf Papier unterliegen strengen Zulassungsregeln. Nicht jeder darf sich durch sie veröffentlichen. Die Kutscher der Kutsche haben so ihren eigenen Professionsstolz. Die Netzdampfmaschine zeigt sich als Steckdose: Elektizität und dadurch heillose Geschwindigkeit sind ihr Dampf. Jeder Troll kann seinen Betriebsstecker in die allgemeine Steckdose stecken, und ab geht die Post. Kontrolle und Sanktionen fallen weg: wer textet, der Textet. Plausibilität oder Gag macht kaum einen Unterschied. Wer anschliesst, aus welchem Grund und mit welchem Ziel auch immer, der ist zumächst einmal dabei. Erst längere Betriebszeiten zweigen, wer mit dem neuen Dampf nur Schaum schlägt, oder wer doch neue Möglichkeiten der Weltbeschreibung ermöglicht. Gut Getrolltes kann vielleicht mehr Dampf machen als überkritisches Ideologengetöse.
Die Trolle sind vielleicht die unvermeidlichen freien Künstler der Netzmöglichkeiten, sie machen Unterhaltung durch ihre Gags. Ihre rechthaberischen Kontrahenten wollen blanke Effekte nicht dulden, sie bestehen auf Substanz, sie schreien: wo bleibt das Positive?
Bleibt also die Gretchenfrage: Internet – WOZU?
Lieber Rudi,
in deinen helleren Augenblick verlierst du jede Naivität:
„Kontrolle und Sanktionen fallen weg: wer textet, der Textet. Plausibilität oder Gag macht kaum einen Unterschied. Wer anschliesst, aus welchem Grund und mit welchem Ziel auch immer, der ist zumächst einmal dabei. … Internet – WOZU?“
Internet ist überflüssig DAS ist die Innovation.
Das Internet macht uns auf das Unwahrscheinlichkeitsproblem des Gelingens von Gesellschaft aufmerksam. Gesellschaft ist reine Selbstorganisation und darum ist Selbstorganisation von keiner Extra-Position aus beobachtbar, wenigenstens nur sehr, sehr schwer, solange sich alle haltbare Beobachtung funktional bewähren muss. Aber was wäre, wenn sich das ändert? Wenn nun die funktionslose Beoachtbarkeit von Selbstorganisation selbst Macht gewinnt?
Das Internet ist überflüssig, braucht keiner, wenn es allein darum ginge, bekannte Problemerzeugungsroutinen zu optimieren. Was wäre aber es ginge darum bekannte und differenziert behandelbare Probleme durch unbekannte zu ersetzen? Wozu Internet? Um neue Probleme zu entdecken! Das geht nur unter der Voraussetzung, dass sich überflüssige Kommunikationen verkoppeln, die nachträglich den Grund für ihr Zustandekommen konstruieren. Das Internet ist eine Lösung für noch unbekannte, bzw. ungenau bestimmbare Probleme. Wenn ich darüber ein Stunde lang spekulieren könnte, wärst du begeistert, glaub ich.
Selbstorganisation ist nicht organisierbar – das leuchtet mir ein: sie ist der Grenzfall der absoluten Fremdreferenzlosigkeit: Kommunikation nur noch als der blanke Ablauf des Immergleichen: Hauptsache, mensch ist dabei und kann zeigen, dass da noch was wie Leben in einem ist. So wie die Evolution kein Ziel hat, in ihr probiert die Lebenskraft ihre Kombinationsmöglichkeiten im Kontingenzraum aus, so ist vielleicht das Internet die kräftezehrende Lehrlaufmaschine der Gesellschaft als Kommunikation. Was sich im Netzraum austobt, ist als Änderungseinsatz für die Veränderung gesellchaftlicher Realitäten verloren. Wofür das Netz die Lösung ist? Vielleicht zum Wirkungslosmachen der menschlichen Energien: Revolutionsverhinderung, wer Twittert, geht nicht mehr auf die Strasse. Solange die Wähler im Netz spielen, sich frei austoben können, wollen sie nicht regieren. Der Machtinhaber braucht seine letztlich doch stumpfen Waffen gar nicht erst zu zeigen. Und: Was im Netz bereits an Energie verpufft ist, kann auf die Aussenwelt nicht mehr zugreifen. Netzaktivität als Kreativitätsverbrauch, das ist irgendwie Brot und Spiele in einem: Bewegung als Ruhegarantie.
„Was sich im Netzraum austobt, ist als Änderungseinsatz für die Veränderung gesellchaftlicher Realitäten verloren“
Ich würde das so ändern: Der Aufwand, der für Netzkommunikation (Bildschirmfesselung) erbracht wird, ist als Einatz zur Reproduktion von Problemverstärkungsroutinen verloren. Die Bildschirmfesslung sorgt für Indifferenz gegen unlösbare Probleme. Merke: Probleme werden nicht durch vermehrten Einsatz zu ihrer Lösung abgeschafft, sondern dadurch, dass aufgehört wird, sie wieder herzustellen. Probleme geraten in Vergessenheit. Lösung ist Problemverlust. Und Bildschirmfesselung sorgt für ganz andere Probleme, hinsichtlich derer wir völlig unschuldig sind, weil wir nicht wissen, welche.
https://twitter.com/benbarks/status/340435459245223936
Wenn ich mal später groß bin, würde ich für meine Kinder folgende Geschichte schreiben, die nur Erwachsene verstehen:
Stell dir vor, eines Tages käme eine gute Fee vorbei und gibt dir einen Wunsch frei. Was würdest du dir wünschen? Wenn man genauer darüber nachdenkt, wird man feststellen, dass es keinen Wunsch gibt, der dringlicher zu erfüllen wäre als jeder andere. Soll ich mir etwas wünschen, soll ich anderen etwas wünschen? Reichtum? Schönheit? Ewige Jugend? Glück? Frieden? Gesundheit? Was immer sich ereignen mag, wenn einer dieser Wünsche erfüllt ist, so wird man doch nicht damit rechnen können, dass man dann keinen weiteren Wunsch mehr hätte. Irgendwie kommt man zu der Überlegung, dass ein Wunsch nicht ausreicht. Aber viele Wünsche lässt die gute Fee nicht zu.
Was könnte man machen? Statt sich naiv darauf einzlassen, dass mit dem Angebot dieser guten Fee eine Lösung vorgeschlagen wäre, könnte aus dem Angebot ein soziologisches Problem machen, indem eine „was-wäre-wenn“- Spekulation anstellt. Die geht so:
Was wäre, hätte ich nur einen Wunsch frei, wenn ich mir wünschte, dass alle Menschen auf der Welt einen Wunsch frei haben sollten? Die Überlegung ist ja, dass von etwa 7 Milliarden Menschen auf der Welt vielleicht 100 auf die selbe Idee kämen und sich wünschten würden, dass jeder Mensch auf der Welt einen Wunsch frei hätte. Da ich auch einer bin, hätte ich anschließend 100 x mal einen Wunsch frei. Das ist schon mal besser.
Und so könnte man immer weiter machen. 99 Wünsche reserviere ich egoistisch und immer einen für alle anderen, die ebenfalls einen Wunsch frei haben sollten. Das ergäbe bei mehrmaligen Durchlauf eine hübsche Summe.
Soziologisch hübsch und problematisch wird das ganze aber, wenn man nun zusätzlich annimmt, dass es immer auch mindestens einen Menschen geben kann, der sich wünscht, dass kein Mensch einen Wunsch frei haben sollte.
Tja, jetzt hat die gute Fee ein Problem. Wenn sie einem Menschen den Wunsch erfüllt, dass kein Mensch einen Wunsch frei haben sollte und einem anderen Menschen den Wunsch erfüllt, dass jeder einen Wunsch haben darf, was wird dann aus dieser guten Fee?
Nun, ich würde sagen: diese gute Fee gründet eine Gesellschaft und verschwindet. Sie überflässt das Problem den Menschen, die es nicht lösen können.
Die platonische Erinnerung an diesen Grundungsmythos der Gesellschaft schlägt sich dann nieder in dem Verlangen, sich irgendwie und irgendwas zu wünschen, auch dann wenn das meistens gar nicht klappt.
Zu erst: Vielen Dank @kusanowsky und @Berta Brahmer. Ihre Beiträge zur Internettrollerei haben mir sehr gefallen, sie sind aufschlussreich und konstruktiv; und haben mich in gewisser Weise inspiriert.
Dieser Beitrag dient nicht so sehr der Provokation der Gesprächsteilnehmer, sondern ist ein ernsthafter Versuch ein Stück Trollkultur zu trollen. Als Freund von „Do it by learning“ macht das auch sehr viel Sinn und ist insofern konstruktiv, als dass es einen Anreiz zu fortgesetzter Kommunikation bietet.
@ Berta Brahmer
Die WIKIPEDIA-Troll-AG ist eine gesellschaftlich und staatlich anerkannte Institution, die ihre Bräuche pflegt und für sie einsteht, wenn denn nötig. (entnommen: wikipedia-troll-ag.com/user 21.09.14 UTC: 09:19)
So ein trollfreier Tag ist eine utopische Vorstellung, solange „jeder mal darf“. Eine inflationär wirkende Lücke in der AGB, sogar.
Ein Beispiel:
An meine Freunde – Trollwald und Trolland
Die beiden mögen sich gern.
Der eine gibt, was der andre nicht hat.
Trollwald im Trolland.
Der eine den Input, der andre den Output:
Einer redet gern, der andre hört gern zu.
Ein Duo, vertrollter noch als du.
Doch das ist das Ende von der Geschicht.
Mehr als das Trollen, das haben die beiden nicht.
Jeder für sich ist ein ganz anderer Mensch.
Trollwald und Trolland, ich mag sie gern.
Denn ich bin der größte Troll, das weiß nur ich.
Deshalb schreib ich dies Gedicht.
Das ahnen die beiden nicht!
Heimlich getrollt, durchtrollt und vertrollt.
Trollig soll’s sein, denn sonst ist’s nichts für mich.
Gattoblast
@shekrakel
Danke nochmals an die „gute Fee“ Berta Brahmer für die trolligen Definitionen und den Scharfsinn.
Wenn ich das Gedicht weiterführen darf:
Nachtrag um Nachtrag häufen sie an, was der eine gibt und der andre nicht hat.
So bleibt ihnen am Ende nur das leere Gerüst, ein Bauwerk aus ‚Wort und Witz‘, der Rest ist passé. [hier nach Belieben trauriges oder fröhliches Emoticon denken]
Solches Gemäuer steht lang und markiert den Weg.
Nur von außen erkennen sollte man’s können.
Sonst ist’s ein Fluch und kein Segen.
Und ein Diskurs auf Abwegen.
i. A. Majlan Zamon
Wiki-troll-AG – kleinangestellter Kaffeekocher und Zettelfechter, unglücklich zwangsverpuppt for hire.
@thgiex: Was sind Trolle? 14. Mai 2013 um 20:11
„Trolle sind völlig und interessant“
So, so.
„Die Trolle sind nur der Dampf, der von der Dampfmaschine erzeugt wird, nicht das belastende oder hinderliche Problem.“ –
Dann wollen wir doch mal gleich ein wenig „dampfen“ (trollen?):
Da ist bei @thgiex zu lesen:
„dass aber nicht die Dampferzeugung das eigentlich Beeindruckende ist, sondern die automatische Verrichtung von Arbeit.“ –
Nein, ist es nicht, denn: (Dampf)Maschinen verrichten keine „automatische Arbeit“, sie können das nicht, es fehlt halt das Wichtigste: die Automatik, aber das kannst du ja selber nochmal nachlesen.
Da ist bei @thgiex zu lesen:
„Das Internet ist eine Maschine, die viele Seltsamkeiten produziert,“ –
Nein, ist es nicht, es fehlt das Wichtigste daran: die Maschine, was eine solche ist, kannst du besser selbst nachlesen.
Auch „produziert“ das Internet leider nicht die Bohne, da es nicht (schon gar nicht selber) produzieren kann (nachlesen: Produzieren).
Sicher meinst du etwas völlig anderes, als du hier sagst:
Das Internet ist eine Schiene (ein Weg, ein Platz, eine Virtualität in Chip und Kabel), AUF DER von uns (!) viele Seltsamkeiten produziert werden.
Solltest du nun meine Sicht für humorlose Trollerei der Pingeligkeit halten, muß ich dich enttäuschen: Da hast du mich noch nicht humorlos oder pingelig erlebt.
Mit falschen Vorstellungen von Begriffen und Funktionen läßt sich weder ein lustiges Gleichnis noch eine satirisch gepflegte bildhafte Mitteilung für Naive herstellen.
So gesehen bin ich wenigstens bei dieser Bemerkung jedoch voll bei dir:
„Man kann das leugnen und auf Naivität bestehen. Aber diese Naivität ist das Hindernis, nicht die Trollerei.“
Bleiben die Fragen:
Wer ist hier das Hindernis – und wer der Troll? Wurde hier getrollt oder geprollt?
Und: Bin ich damit naiv, „automatisch getrollter Dampf“ oder wieder nur von „guter Fee“ produzierte SeltsamkeitsmaSchiene?
Eines steht allerdings fest: Ich war nun drin, bin drin, und bleibe drin – im Internet, „auf der Schiene“ – wenn „er“, der gute Kusanowsky, mich so läßt …
Im realen Leben nennt man die Trolle übrigens Satiriker, Kabarettisten, Comedians, Komiker. Auch da gibt es, wie wir wissen, gute und weniger gute (es gibt da sogar rüpelhafte!), auf jeden Fall aber stören sie manchmal die bequemen, etablierten „Stützen der Gesellschaft“ gewaltig, wie gerade wieder diverse Prozesse gegen Imhof/vonWagner, Nuhr etc. beweisen. Dass es solche Störer gibt ist notwendig für die reale Gesellschaft, wie auch für die manchmal ziemlich miefigen Käseglocken und Kaffeekränzchen in den Netz-Communities.