Apollinischer Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Platon) 1
von Kusanowsky
Es erkennen nämlich die Lernbegierigen, daß die Philosophie, indem sie ihre Seele findet, ordentlich gebunden im Leibe und ihm anklebend, und gezwungen, wie durch ein Gitter durch ihn das Sein zu betrachten, nicht aber für sich allein, und daher in aller Torheit sich umherwälzend, und indem sie die Gewalt dieses Kerkers erkennt, wie er ordentlich eine Lust ist, so daß der Gebundene selbst am meisten immer mit angreife, um gebunden zu werden; wie ich nun sage, die Lernbegierigen erkennen, daß, indem die Philosophie in solcher Beschaffenheit ihre Seele annimmt, sie ihr gelinde zuspricht und versucht, sie zu erlösen, indem sie zeigt, daß alle Betrachtung durch die Augen voll Betrug ist, voll Betrug auch die durch die Ohren und die übrigen Sinne, und deshalb sie überredet, sich von diesen zurückzuziehen, soweit es nicht notwendig ist, sich ihrer zu bedienen, und sie ermuntert, sich vielmehr in sich selbst zu sammeln und zusammenzuhalten und nichts anderem zu glauben als wiederum sich selbst, was sie für sich selbst von den Dingen an und für sich anschaut; was sie aber vermittelst eines anderen betrachtet, dieses, weil es in jeglichem anderen wieder ein anderes wird, für nichts Wahres zu halten, und solches sei ja eben das Wahrnehmbare und Sichtbare; was sie aber selbst sieht, sei das Gedenkbare und Unsichtbare. Dieser Befreiung nun glaubt nicht widerstreben zu dürfen des wahrhaften Philosophen Seele und enthält sich deshalb der Lust und Begierde, der Unlust und Furcht, soviel sie kann, indem sie bedenkt, daß, wenn jemand sehr heftig sich freut oder fürchtet, trauert oder begehrt, er nie ein so großes Übel hiervon erleidet, als er wohl glaubt, wenn er z.B. etwa erkrankt ist oder einen Verlust erlitten hat seiner Begierden wegen, was aber das größte und äußerste aller Übel ist, dieses wirklich erleidet und es nicht in Rechnung bringt.
Gefunden in: Platon, Phaidon
An dieser Stelle erkennt man nicht nur das erkenntnistheoretische Problem des apollinischen Vemeidungsirrtums, sondern auch, warum dieser Irrtum nicht als Irrtum zur Welt gekommen war, sondern als Lösung für ein anderes Problem. Denn die Frage lautet ja wie ist Wahrheit möglich, wenn das Vermögen der Körplichkeit gar nicht ausreicht um sie zu verstehen, niemals ausreichen kann, wenn die Wahrheit als eine absolute, eine ewige Wahrheit verstehbar ist. Gerade aufgrund dieses kulturell erfolgreich durchgesetzten Misstrauens gegen Menschenvermögen kann so etwas wie eine ewige Wahrheit überhaupt akzeptabel sind. Man erkennt wie die Bedingung der Möglichkeit zugleich auch die Möglichkeit der Bedingung erklären muss. Die Gründe dafür liegen in einer sozial geprägten Wissensform, die ihren eigenen Bedingungszirkel als Bedingung selbst vermeiden muss, damit die Differenzierung gelingt.
Siehe dazu auch: Apollinischer Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Augustinus)
Der Knoten – Wilhelm Busch
Als ich in den Jugendtagen
Noch ohne Grübelei,
Da meint‘ ich mit Behagen,
Mein Denken wäre frei.
Seitdem hab‘ ich die Stirne
Oft auf die Hand gestützt
Und fand, daß im Gehirne
Ein harter Knoten sitzt.
Mein Stolz, der wurde kleiner.
Ich merkte mit Verdruß:
Es kann doch unsereiner
Nur denken, wie er muss.
Diese Gedicht von Wilhelm Busch thematisiert die Willensfreiheit. Wie hängt das Problem der Willensfreiheit mit dem zusammen, was du den „faustischen Vermeidungsirrtum“ nennst? Denn das Problem der Willensfreiheit war bereits im Platonismus und im Neoplatonismus diskutiert.
Für die antike Gesellschaft stand das Problem der Willensfreiheit im Zusammenhang mit der Schicksalsdeutung. Das Problem bestand ja darin, dass Weissagungen auch Fehlurteile sein konnten. Entsprechend musste klärbar sein, woher die Differenz zwischen der Kenntnis über den Willen der Götter und dem Verlauf des Schicksals kam. Aus diesem Grunde findet sich im Platonismus eine Willensfreiheit und aus dem selben Grund konnte eine solche Willensfreihet auch fatalistisch geleugnet werden, weil die Fehldeutung immer auf Menschenvermögen zurechenbar war. So war der stoizistische Fatalismus eben nur das komplementäre und unverzichtbare Gegenstück.
Der transzendentale (faustische) Vermeidungirrtum bezahlt aber sein Vertrauen in Menschenvermögen mit dem Misstrauen gegen Menschenunvermögen. Und in diesem Zusammenhang spielt natürlich der freie Wille eine wichtige Rolle. In der Entstehungszeit wirkte der faustische Vermeidungsirrtum erfolgreich durch Provokationen, die gegen den apollinischen Vermeidungsirrtum gerichtet waren und behandelte daher die Unterscheidung zwischen dem göttlichen Willen und dem menschlichen Willen, prominent und seinerzeit enorm obszön wurde das bei Spinoza behandelt. Die zweite Etappe des Erfolgs bestand in der Rechtfertigung des faustischen Vermeidungsirrtums. Heute kann man erkennen, dass diese Rechtfertigungen gerade in Hinsicht auf den freien Willen, immer mehr ihre Überzeungsfähigkeit verlieren, besonders schön zu erkennen an der Hirnforschung. Sie leugnet einen freien Willen, aber wie kann das Gehirn seine Illusion über seine Freiheit herstellen, wenn es diese Freiheit der Wahl gar nicht hat? Aber dieser Frage weicht die Hirnforschung aus: Offensichtlich müsste das Gehirn zwischen Wahrheit und Illusion wählen können und es müsste in der Hinsicht frei sein, damit auch die Illusion zustande kommen kann. Aber das kann die Hirnforschung nicht beweisen, also befasst sich die Forschung mit dieser Frage gar nicht erst.
Das führt auf die Einsicht, dass die Unterscheidung ihre Kontingenz nach und nach entblättert und sich damit damit bedeutungslos macht.