sachliche Argumente, bitte! #trollkommunikation #naivität

von Kusanowsky

Überall im Netz finden sich Verhaltensanweisungen durch sog. Netiquette. Dabei fallen zwei Anweisungen immer wieder ins Auge:

  1. bleibe sachlich und
  2. bedenke, dass auf der anderen Seite ein Mensch ist.

Es handelt sich der Form nach um Vermeidungsansweisungen, die an die Bereitschaft zur Rücksichtnahme appellieren.  Tatsächlich aber stellen diese naiven Anweisungen bereits eine Einladung dar, sich an Trollkommunikation zu beteiligen. Das möchte ich kurz erklären.

Tatsächlich können auch bei einer ablaufenden Diskussion diese Regeln selbst diskutiert werden. Und wenn man man nun rekursiv diese Anweisungen auf die Diskussion dieser Anweisungen anwendet, landet man in einer Paradoxie, die man nur umgehen kann, wenn man diese Anweisung eben doch außer Acht lässt. Wie sollte man sich äußern, wenn man sachlich die Frage nach Sachlichkeit behandelt und man dabei Unsachlichkeit vermeiden müsste? Und: auch ich bin ein Mensch, aber was heißt das schon?

Dass muß nun nicht unbedingt zur Konsequenz haben, dass die Kommunkation in Beleidigung ausartet. Sie kann auch sehr erfreuliche und lehrreiche Konsequenzen haben.
Daraus kann man wiederum folgern, dass diese Anweisungen überflüssig sind, weil sie

  1. weder das Wüten und Hassen vermeiden noch
  2. die Erfreulichkeit von Lernerfahrungen behindern.

Beides ist möglich und kommt immer vor, auch ohne diese Anweisungen. Diese Anweisungen garantieren nichts und vermeiden gar nichts.

Um nun vollständig zu argumentieren müsste man auch zeigen können, dass, auch wenn man sie als nicht überflüssig erachten wollte, man zu einem ähnlichen Ergebnis kommt. Das heißt, auch wenn alle sich an diese Anweisungen halten wollten, ohne sie zu kritisieren, müssten trotzdem wilde, d. h. unvorhersehbare Konsequenzen kommunikativer Serendipität eintreten, die entweder häßlich oder freundlich überraschen. Ja, vielleicht kann sogar noch die Langeweile als Ergebnis überraschen.

Ein solche Betrachtungsweise könnte man so formulieren:

Wenn klar wäre, dass Sachlichkeit sachlich gesehen klar wäre, dann kann Sachlichkeit nur bedeuten, dass damit nichts Eindeutiges gemeint ist. Sachlichkeit hieße, dass „irgendetwas“ sachlich ist, was heißen müsste: alles, was kommuniziert wird, ist irgendetwas und ist folglich rein sachlich von Bedeutung. Auch die Beschimpfung und Beleidung. Diese Sichtweise abzulehnen, ist ebenfalls sachlich begründbar. Alles ist sachlich. Also muss die Anweisung nicht überflüssig sein, weil sie bei genauer Beachtung Sachlichkeit garantiert.

Etwas änliches ergibt sich, wenn man Rücksichtnahme auf Menschlichkeit akzeptiert, wenn man als darauf verzichtet zu fragen, was Menschlichkeit meint, sondern wenn man davon ausgeht, dass klar ist, dass Menschlichkeit klar ist. In dem Augenblick ist auch das Beleidigen etwas sehr Menschliches, weil ja an jedem Ende ein Mensch sitzt, an diesem und am anderen Ende.

Da nun aber solche Argumente nur akzeptiert werden können, wenn naive Standpunkt aufgegeben werden, geht die Trollerei weiter, weil niemand so einfach die Bereitschaft zeigt, naive Standpunkte zu räumen. Das wiederum ist erklärungsbedürftig. Denn reicht ja nicht, Navität festzustellen, weil auch diese Feststellung, sobald sie in die Anführungszeichen einer Wahrheit gesetzt wird, selbst als naiv erscheint.

Hier eine Webseite, die einen beeindruckenden Einblick in die Hartnäckigkeit naiver Standpunkte gestattet:

1. Das Gegenüber macht den Ton
2. Auf den Punkt gebracht
3. Die richtigen Worte
4. Der gute Wille
5. Diskretion wenn nötig
6. Im Zweifel lieber persönlich

http://www.netzwelt.de/news/95321-netiquette-digitale-fettnaepfchen-vermeiden-lernen.html

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