#Serendipität ist ein paranoisches Phänomen #franziskus

von Kusanowsky

Gestern abend (13.03.13, seltsames Datum) kurz vor Bekanntgabe der Namenswahl des neuen Papstes hatte ich getwittert:

Und dann kam die Nachricht:

https://twitter.com/Pontifex_de/status/311922975479844864

Erst nach der Bekanntgabe des Namens „Franziskus“ konnte geklärt werden, worum es sich bei dieser Prognose handeln könnte, nämlich:

Das »TAU« ist ein Buchstabe im griechischen bzw. der letzte Buchstabe im hebräischen Alphabet.  Es hat in der Bibel eine besondere Bedeutung und in der Kunstgeschichte eine lange Tradition. Innozenz III. sprach bei der Eröffnung des IV. Laterankonzils (1215) vom TAU als einem Zeichen der Buße. Auch Franziskus verwendete dieses Zeichen oft. Er zeichnete es auf Häuser, Wände und Bäume. In Fonte Colombo ist heute noch in einer Fensternische das rote T zu sehen, das Franziskus dorthin gemalt hat. Mit diesem Zeichen segnete er Menschen und unterschrieb er seine Briefe …

http://www.kath-hbs.de/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=123&Itemid=97

In kritischer Hinsicht erscheint diese Sinnkombination banal und albern zu sein, denn nicht allein, dass der Zusammenhang doch eher auf Zufall verweist, viel eher könnte man kritisch einwenden, dass die Prognose präzise formuliert war, während die Information über die Verwendung des Buchstabens T keineswegs zeigt, dass die Prognose stimmt. Und außerdem: wäre auf einen anderen Buchstaben getippt oder wäre ein anderer Name gewählt worden, wäre auch irgendein Zusammenhang auffindbar gewesen, nur eben ein anderer. Und natürlich: Prognosen gibts viele und eine könnte dann sogar zutreffen. All das könnte heißen: Sinn findet man immer, wenn man sucht und kombiniert, weshalb es sich dabei nur um eine bedeutungslose Spielerei und Spinnerei handelt.

An einem solche kritischen Einwand kann man feststellen, dass er genauso so banal ist wie das was er kritisiert. Tatsächlich handelt es sich um eine bedeutungslose Spielerei und Spinnerei. Aber die Gründe für die Bedeutungslosigkeit sind allein kommunikativ ermittelt und vermittelt, sie sind nicht apriori gegeben. Dass dies aber in kritischer Hinsicht ignoriert wird, zeigt wieder nur, dass auch das kritische Sinnverstehen paranoisch geschieht: Aposteriori wird ermittelt, was apriori der Fall war, bzw. was aus kritischer Sicht der Fall gewesen wäre, sobald erkenbar wird, dass der Fall ist, was der Fall ist. Dies geschieht durch die Aufdringlichkeit sinnmäßiger Evidenz, die keineswegs notwendig und eindeutig sein muss, um Erklärung, Theorien und praktikable Methoden und dergleichen zu konstruieren.
Es gilt nur: wird Banalität ermittelt, wird also dies sinnmäßig aufdringlich erkannt, kann man nur noch schwer argumentieren, dass es auch anders hätte sein können. Aber dies gilt für den umgekehrten Fall genau so.

Denn ebenso wie Bedeutungslosigkeit allein kommunikativ erzeugt wird, wird auch Relevanz und Bedeutung kommunikativ erzeugt. Es geschieht allein durch Kommunkation, gewiss nicht ohne das Zutun von Menschen, aber nicht schon dadurch, dass Menschen irgendetwas verstehen oder mitteilen. Denn der Vorgang von Selektion, Verbreitung und Kombination ist durch Anschlussfindung zirkulär operativ geschlossen, alle Elemente des Zirkels haben sich zur Voraussetzung. Und das Zustandekommen eines solchen Zirkels lässt sich durch einen Menschen weder garantieren noch vermeiden.

Man hat es also damit zutun, dass zufällig Zusammenfallendes die Möglichkeit aufscheinen lässt, dass dies entweder so und nicht anders hätte passieren könnten, oder auch: so und auch anders. Beides ist normal, aber das jeweilige anschlussfähige Ergebnis ist immer unwahrscheinlich, weil aufgrund der Komplexität der Bedingungen des Zusammenfallens niemand mehr einen nachvollziehbaren Ursache-Wirkungszusammenhang festellen kann. Zu jedem Zeitpunkt der Kommunikation weiß niemand wie es weiter geht, weshalb aufgrund aller aktuellen Resultate der Kommunikation niemand mehr die Potenzialität aller Möglichkeiten ermitteln kann. Die Vernachlässigung aller Potenzialität führt dann zu einem aufdringlichen Evidenzeindruck.

Was könnte man mit solchen Überlegungen anfangen?

Meine Überlegung lautet, dass man zur Hypothesenfindung niemals auf paranoisches Beobachten verzichten kann. Denn die Hypothese ist zunächst kein Prüfungsergebnis, sie ist, konventionell betrachtet, reine Speukulation. Tatsächlich aber zeigt sich, dass alle Versuchsdurchführungen Kommunikationen sind, die Ergebnisse liefern. Keine Ergebnisse sind dann unmöglich. Sozial organisiertes Sammeln, Messen und Vergleichen liefert immer Ergebnisse. Und damit liefern alle Überprüfungen von Ergebnissen Interpretation, die dann wieder zur Hypothesenfindung verwendet werden. Und das bedeutet, dass Hypothesen sehr wohl Prüfungsergebnisse sind, Hypothesen sind das Ergebnnis kommunikativer „Überprüfungsspekulation“, die dazu verwendet werden, weitere Prüfungsergebnisse, Spekulationsüberprüfungen in Aussicht stellen.

Das Internet könnte man nun als paranosiche Trollmaschine ansehen, die nur gefüttert werden müsste um so überprüfen, ob und wie sich durch selbstorganiserierende Differenzierungen brauchbare Sinnfindung ergeben. Statt also durch Kritik Einschränkungen vorzunehmen müsste man durch eine Paranoik ständig Erweiterungen vornehmen um das paranosiche Beobachtung selbst in Hinsicht auf Ordnung zu provozieren.

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