Kommunikation zwischen Unbekannten über Unbekanntes …. #rp13
von Kusanowsky
Mein Vortrag bei der republica 2013 „Kommunikation zwischen Unbekannten über Unbekanntes und warum Internetrollerei nicht schlimm ist“
Kernthese: Warum es Internettrollerei gibt, dass man nichts dagegen tun kann, dass Maßnahmen gegen Internettrollerei nicht nötig sind und dass die Chancen, die das Internet liefert, nicht gut genutzt werden können, solange ständig das Gegenteil versucht wird.
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In einem Vortrag möchte ich übersichtlich und zusammenhängend darstellen und erklären wie Internettrollerei zustande kommt. Bislang kann das niemand gut erklären, weil die immer wieder kehrenden Antworten lauten, dass es sich bei Trollen um Störer handelt, die die Kommunikation behindern. Und wenn man nicht von Stören spricht, dann von harmlosen Spaßvögeln, die nur Streiche spielen wollen. Tatsächlich ist beides nicht der Fall. Jedenfalls nicht, solange man diese Leute nicht kennt. Aber weil man sie nicht kennt, ergibt sich die Trollerei.
Der erste Teil des Vortrags befasst sich damit, dass die Internetrollerei deshalb entsteht, weil das Internet etwas ermöglicht, das es zuvor selten gab, nämlich: Kommunikation zwischen Unbekannten über für einander unbekannte Angelegenheiten und unbekannte Regeln. Wenn vor dem Internet Unbekannte miteinander zu tun bekamen, so gab es immer eine vermittelnde Instanz, welche die Kommunikation ermöglichte und welche für die Kommunikation ein Regelwerk zur Verfügung stellte, über das die Beteiligten schon infomiert waren, noch bevor sie sich kennen lernten. Das sind Regelwerke, die durch Organisationen hergestellt wurden: Schule, Unternehmen, Bürokratie, Vereine, Massenmedien usw. Ohne solche Regelwerke – gilt auch für Urlaubsreisen, Parties, Freundschaftsnetzwerke, Wohngemeinschaften – hat man vorher nur selten unbekannte Leute kennen gelernt.
Durch Internet wird das ganz anders. Was vorher nur ausnahmsweise passierte, geschieht jetzt weltweit massenhaft: Unbekannte Menschen nehmen mit anderen unbekannten Menschen ungehindert Kontakt auf und geraten miteinander in kommunikative Verwicklung. Da nun niemand sagen kann, welche zu beachtenden Regelwerke gelten, geraten alle Regelfindungsversuche durcheinander und machen dann Internetrollerei auffällig.Das ist der Grund, weshalb man nichts gegen Internettrollerei tun kann und weshalb sie auch nicht schlimm ist, weil es niemanden gibt, der die Internetkommunikation wegen der Trollerei unterlassen wollte.Und der Grund, warum man gegen Internettrollerei nichts zu tun braucht, liegt darin, dass gerade die Kommunikation mit Unbekannten über Unbekanntes ein enormes Potenzial liefert, das nicht entdeckt werden kann, solange die Kommunikation zwischen Unbekannten sich so fortsetzt als sei diese Innovation nicht relevant, als sei die Kommunikation zwischen Unbekannten über Unbekanntes nichts Ungewöhnliches. Dieser Punkt betrifft den zweiten Teil des Vortrags.

Das klingt ja ganz nett ist aber:
1. ein sehr alter Hut. Wittgenstein: Es gibt keine übergeordnete Schlichtungsinstanz (mehr) für differänte Sprachspiele. Die Regeln werden je neu ausgehandelt.
2. meinst Du wirklich, damit jemanden, der denkt, man müsste etwas gegen Internet-Trollerei tun, vom Gegenteil zu überzeugen?
(Denn das scheint mir dein Hauptanliegen: zeigen, dass man nichts dagegen tun muss.)
Wenn ja, dann müsste man immerhin gegen den Glauben, man müsse etwas dagegen tun, tun. Und dazu rufst Du auf.
3. Ich meinerseits würde postulieren, dass man nichts gegen den Glauben, man müsse etwas gegen Internet-Trollerei tun, tun muss. Denn nur, wenn man auch die Dagegentunwoller als Teil des sich abzeichnenden Prozesses begreift und anerkennt, nicht als externen Störfaktor und retardierendes Element, kann die Selbstorganisation bejaht werden, ohne hinterrücks Steuerrungsphantasmen wieder einzuschleusen.
„Denn nur, wenn man auch die Dagegentunwoller als Teil des sich abzeichnenden Prozesses begreift und anerkennt, nicht als externen Störfaktor und retardierendes Element, kann die Selbstorganisation bejaht werden, ohne hinterrücks Steuerrungsphantasmen wieder einzuschleusen.“
Stimmt. Diese Trollerei ist ein Indikator für funktionierende Selbstorganisation und käme ohne Vermeidungsmaßnahmen gar nicht zur Beobachtung. Wenn ich sage, dass man nichts dagegen tun braucht, dann meine ich damit nicht, dass man das aufgeben muss oder sollte, weil ja auch Trollverhinderungsmaßnahmen Maßnahmen sind zur Fortsetzung der Trollerei. „Man braucht nichts dagegen zu tun“ heißt: du kannst auch weiter machen, brauchst es aber nicht. Denn der Indikator stell ja nichts sicher, sondern zeigt nur an, dass Selbstorganisation geschieht.
Ja, jetzt erkenne ich es auch. Dein Hinweis ist natürlich konsequent, aufgrund von Sätzen wie der folgende
„dass gerade die Kommunikation mit Unbekannten über Unbekanntes ein enormes Potenzial liefert, das nicht entdeckt werden kann, solange die Kommunikation zwischen Unbekannten sich so fortsetzt als sei diese Innovation nicht relevant, als sei die Kommunikation zwischen Unbekannten über Unbekanntes nichts Ungewöhnliches.“
Damit ist gemeint, dass Selbst- Erkenntnis der Kommunikation über sich selbst nur möglich ist, wenn ein Störfaktor nicht beseitigt werden muss.
Ich glaube, nur indem die Kommukation fortfährt darin, sich in sich selbst zu täuschen, kann sie sich innovieren.
Siehst du. Die Kommunikation fährt auch mit eingebauter Störung ungestört fort.
https://twitter.com/wortblatt/status/330409715924365312
Weil es keine Aufzeichnung des Vortrags gibt, kann ich als Ersatz nur das Rede-Manuskript anbieten
Klicke, um auf kommunikation-zwischen-unbekannten.pdf zuzugreifen
Foto: Gunnar Sohn
Das Web 2.0 ermöglicht Kommunikation für Doofe. Das ist nicht der Nachteil dieser Art von Kommunikation, sondern ihr Vorteil. Wie kann man das verstehen?
Um beim Web 2.0 mitzumachen sind keinerlei besondere Kompetenzen notwendig. Auch Betrunkene und geistig Behinderte können mitmachen, sogar Maschinen und Tiere, weil es bald möglich sein düfte, das Verhalten von Tieren und Maschinen durch geeignete Software in kommunikativen Input zu verwandeln. Aber darauf kommt es eigentlich gar nicht an. Sondern es kommt darauf an, dass die Beteiligung an Webkommunikation nur dann geht, wenn alle Beteiligten schlecht über all das informiert sind, was die Kommunikation an Anschlussmöglichkeiten erzeugt.
Schlecht informiert zu sein bedeutet, dass, mögen die einzelnen Menschen über Sachverhalte und Themen auch sehr viel wissen, so nicht mehr, wenn durch die Kommunikationen des Internets die Grenzen gesprengt werden, innerhalb derer sich verlässlich (reliabel) und anschlusssicher weiter kommunizieren lässt, weil die Übersicht verloren geht. Gut informiertes Kommunikationsverhalten funktioniert da, wo Exklusion, die Aussortierung unbrauchbarer Information zuverlässig und erwartbar gelingt wie in Organisationen. Wenn nicht, ist die Informationslage durch Entropie, durch Informationsverlust geprägt.
Das muss nicht heißen, dass alle schlecht informiert bleiben müssen, sondern nur, dass das Schlecht- oder Unzureichendinformiertsein die notwendige Voraussetzung für die Beteiligung an Internetkommunikation ist. (Das gilt auch für die NSA). Denn wenn das Gegenteil notwendig wäre, müsste man fragen: Worüber müsste man gut informiert sein und wie gelingt die Kommunikation einer entsprechenden Information? Wer ist gut informiert und wer weiß, wer gut informiert ist. Aber eben diese Frage muss gar nicht zuerst beantwortet werden.
Vielmehr geht es genau umgekehrt: keine Ahnung zu haben ist gar nicht hinderlich, sondern Voraussetzung. Das Schlechtinformiertsein führt in die Kommunikation ein, nicht das Gutinformiertsein. Schon gar nicht wird ein Expertentum gebraucht, das wisse wie es geht. Es wird eben nicht gebraucht.
Moderne Menschen sind durch eine gesteigerte Kritikfähigkeit darauf trainiert, Kompetenz zu beweisen, weil soziale Strukturen zustande gekommen sind, durch die Kompetenzurechnung entstehen und welche damit Lebenschancen eröffnen, wenn man sich im Konkurrenzkampf bewährt. Diese Steigerung der Kritikfähigkeit ging auf dem Weg der Steigerung von Konkurrenzbeziehungen, welche immer auch Exklusion nach sich ziehen. Denn Konkurrenz kann nur funktionieren, wenn auch Konkurrenten ausscheiden können. Und weil immer auch Exklusion geschieht, muss die Gesellschaft, sollen die Exkludierten nicht die Mehrheit werden, diese wiederum an anderer Stelle inkludieren. So geschieht Differenzierung. Durch Konkurrenz scheiden die meisten aus funktionierenden Systemen aus, die dann dann wieder die Bedinungung für das Zustandekommen weitere Systeme sind, die nach dem gleich Verfahren funktionieren und die damit Muster eine vergleichbaren Typs erzeugen.
Die Komptenzurechnung durch Bewältigung von Vermeidungsproblemen ereignet sich unserer gegenwärtgien Erfahrung nach in Organisationen aller Art. Um ein Beispiel zu nennen: Warum haben akademische Arbeitslose beim Arbeitsamt bessere Chancen, dieser Verfolgungsbetreuung der Behörden zu entkommen? Der Grund ist nicht, weil sie leichter Arbeitsstellen zu vermitteln sind, sondern weil sie besser in der Arbeitsamtsorganisation Kompetenzen erwerben und ausnutzen können. Akademisch gebildete Arbeitslose sind teilweise sehr viel komptenter als die Verwalter dieser Arbeitslosigkeit. Und darum kommen sie mit dieser Organisation „Arbeitsamt“ besser zu recht.
Die sozialen Strukturen des Internets sind aber ganz anders gelagert. Hier findet keine Konkurrenz statt, niemand scheidet aus. Jeder kann immer mitmachen. Wenn man nun versuchen wollte, bei dieser Art der Kommunikation seine Kompetenz zu beweisen, macht man sich selbst dümmer als man ist, weil man nicht ausschließen kann, dass das niedrigste Reflexionsniveau sich immer dasjenige heraus stellt, durch das die Kommunikation gerade noch akzeptabel ist. Und wenn das so ist, dann findet durch Meinungskommunikation eine ständige Absenkung des Niveaus statt. Wenn nicht das höchste Niveau durchaltbar ist, sondern immer nur das mindestens zweit höchste, dann ist nächsten Durchlauf eben dieses Niveau nicht mehr das höchste, sondern wiederum nur das nächste niedrigere. So findet von Durchlauf zu Durchlauf einer Kommunkationsschleife gleichsam ein „race-to-the bottom“ statt. Die Kommunikation wird immer einfacher und dümmer, oder, um sie dennoch zu retten, ironischer.
Das hat dann zur Folge, dass das Reflexionsnivaeu nicht mehr gesteigert werden kann.
Ergebnis ist Trollkommunikation und andere Formen kommunikativer Agonie.
Das gilt aber nur, wenn man meint, man müsse Kompetenz beweisen. Und wenn man das ernst nimmt, könnte man sein Verhalten umkehren und verstehen, dass es weder auf Kompetenz noch auf gutes Informiertsein ankommt, auch dann, wenn man keinen Grund hat, sich selbst für Dumm zu halten. Denn wenn man annimmt, immer schlechter informiert zu sein als alle anderen Beteiligten, so eröffnet sich ein größerer Chancenreichtum für reflexionssteigernde Meinungsbildung. Denn wenn man unter dieser Voraussetzung wiederum in die Kommunikation einsteigt, kann man nun beobachten, wer sich für besser informiert hält. Und die Selbstreflexion müsste dann immer davon ausgehen, dass man sich nur für schlechter informiert hält als derjenige, der zu erkennen gibt, besser infomiert zu sein.
Es gibt keine Notwendigkeit dafür, auf dem Weg der Webkommunikation Unbekannten die eigene Kompetenz zu beweisen.
https://twitter.com/kusanowsky/status/423864601432690688
[…] zu Klaus Kusanowsky’s Kommunikation zwischen Unbekannten […]
Reblogged this on Filterraum und kommentierte:
klaus auf der rp13
https://twitter.com/kusanowsky/status/332832961613402112
https://twitter.com/ElbeChirurg/status/340384005679632385
https://twitter.com/kusanowsky/status/340401159258898432
https://twitter.com/kusanowsky/status/340404628715888641
„Das gekaufte Souvenir ist nur scheinbar individuelles Symbol von Erlebtem. Daher müssen noch andere Faktoren Bedeutungsinhalte von Souvenirs konstituieren. Es ist ein Mittel der Kommunikation mit dem Verkäufer und mit dem Beschenkten, wenn es ein Mitbringsel ist. Es ist Symbol von Urlaub und Reise, Symbol eines temporären Eskapismus, Symbol eigener Er-Fahrung der Welt, Dokument eigener Geschichtlichkeit. Als exotistisches Objekt transzendiert es Raum, Fernes und Fremdes, als nostalgisches Objekt transzendiert es Zeit, als entwendetes, illegal erworbenes oder geschmuggeltes Objekt transzendiert es Normen und Werte. Als Wohnungsschmuck ist es Ausdruck ästhetischen Empfindens und Verhaltens und kann seinem Besitzer zur Kunst und zur Sammelware werden. Als Trophäe beweist es den Sieg seines Besitzers über die Welt und ist Objekt der Repräsentation und als solches Symbol sozialer Integration.“
http://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/1301;jsessionid=2FBD031BE21035EEC9C5A05F24EFB266
Lieber Klaus,
mir als einem dir Unbekannten ist im Rückblick auf unsere Konversation ein kleiner Widerspruch aufgefallen: Zum Einen klopfst Du einem auf die Finger, wenn man Kommunikation aus der Akteursperspektive denkt, zum Anderen stellt Deine Pointe „von Unbekannten“ auf etwas ab, das die Akteure auszeichnet und nicht die Kommunikation …
Lieber Unbekannter,
tatsächlich, hinsichtlich einer Wahrheitsreferenz wäre dieser Widerspruch rechtfertigungsbedürftig, wenn wir obendrein davon ausgehen, dass der, der auf den Widerspruch aufmerksam macht, sich dafür nicht zu rechfertigen hätte. Aber gut. So kommt man aus dem Zirkel nicht raus.
Man kommt raus, wenn man die Bedingung, bzw. den Zusammenfall vieler beobachtbarer Bedingungen in Rechnung stellt, durch die das Problem überhaupt kommunikabel wird. Mindestens aber eine entscheidende Bedingung: das Medium selbst.
Immerhin hat die Akzeptanz der Kommunkation einer Adresse uns für einander erwartbar ansprechbar gemacht, aber sie musste das nicht tun. Fragen wir also nicht nach der Kommunikation, sondern dem Medium der Kommunikation, dann würde ich sagen, das Medium selbst erzeugt Anonymität genauso wie es sie umgeht. Daraus folgt eher, dass das Medium anonym ist. Bei Luhmann taucht diese Überlegung auf mit der Formulierung, dass sich das Medium infolge seine Formenbildung unsichtbar macht.
Daraus folgt für mich, dass ich keinen Grund habe, mich irgendeiner widerspruchsfreien Regel zu unterwerfen, in dem Sinne, dass ich das richtige Handeln (Schreiben, Mitteilen) einer Theorie gemäß zu vollziehen hätte. Soll die Theorie doch mein Handeln vollziehen, wenn sie das geeignete Medium findet, durch das dies geht.
[Liebes Medium, danke für seinen Widerspruch.]
KK