Kritik war ein Machtkonzept 5 – Exkurs: der blinde Fleck moderner Wissenschaft @elbechirurg

von Kusanowsky

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Ein blinder Fleck wird nicht gewählt, weil man ihn ja nicht kennt. Du kannst über deinen blinden Fleck keine Auskunft geben. Deshalb mein Vorschlag einer riskanten Wahl: behaupte etwas, das du selbst nicht vollständig verstehst, das dir nicht vollständig bekannt ist, das dir niemals bekannt werden kann, ohne zugleich Erfüllungshoffnung als Argument oder Ausrede im Falle des Scheiterns zu benutzen.

Denn darin bestand der Trick der modernen Wissenschaft, dass sie bei unvollständiger transzendentaler Erklärungsmöglichkeit auf Zukunft spekulierte, die durch Fortschritt erfüllen sollte, was gegenwärtig immer unmöglich erschien. Bei @siggibecker und @timbruysten findest du diese eschatologische Erfüllungshoffnung noch immer vertreten: der Ersatz für die mangelnde Vollständigkeit einer transzendentalen Epistemologie wird auf die Vollständigkeit einer Zukunft projiziert, die leisten wird, was gegenwärtig aufgrund dieser Unvollständigkeit nicht zu leisten ist. Daher konnte sich die moderne Wissenschaft erfolgreich auf einen Machtkampf einlassen, weil ihre Forschungsergebnisse allein auf der faktischen Basis ihrer Freisetzung genau die Notwendigkeiten erschufen, die es erforderlich machten, diese Forschung fortzusetzen. Prototypisches Beispiel: Freisetzung von Radioaktivität und gegenwärtig die Gentechnik. Die damit verbundenen Irreversibilitäten schaffen notwendig diejenigen Zwänge, Missstände, Probleme, Aufgaben, die die Wissenschaft braucht, um ihre Kompetenz und damit ihre Macht zu rechtfertigen. Man erkennt jetzt: Die Wissenschaft löst eben nur im Ausnahmefall Probleme, im Normalfall, der auch erst in Erfahrung gebracht werden musste, schafft sie immer mehr Probleme als sie nach Maßgabe ihrer methodischen Disziplin abarbeiten kann. Beispiel Radioaktivität, freisetzen geht, einfangen geht nicht, Folgerung: weiterer Forschungsbedarf, der sich zwangsweise einstellt, weil die Gefahren zu groß sind und Folgeprobleme (Atommüll) mit keinem bekannten Mittel gelöst werden können.

Rückblickend zeigt sich, dass das Risiko der modernen Wissenschaft ein doppeltes war: was wäre, die Hoffnungen erfüllen sich nicht? Und, genauso riskant: was wäre, sie erfüllen sich? Man denke im zweiten Fall etwa an die Folgen, die durch die Erfolge der Medizin, der Hygiene beobachtbar wurden; Krankheit aufgrund besserer medizinischer Versorgung usw.

Deshalb meine ich, dass wir daraus klug werden könnten, wenn wir den Machtkampf aufgeben, ohne damit zugleich jede mögliche Wissenschaft aufzugeben. Denn jede mögliche Wissenschaft muss sich nicht notwendigerweise einem Machtkampf aussetzen. Den Machtkampf aufzugeben könnte heißen, dich, deine Adresse, dein Image, deine Hypothesen, deine Spekulationen oder Interpretationen ungehindert einer widerstandslosen all-out-Kritik zu überlassen. Das geht durch erratisches, paranoisches Beobachten und ein Beobachten entsprechender Beobachtungen. Der Sinn wäre, die Erfoschung, die Beobachtung des blinden Flecks allein der Kommunikation zu überlassen und nicht den Erwartungen auf geniales Menschenvermögen.

Das heißt auch dem Unvermögen von Menschen vertrauen zu können, was gar nicht so einfach ist, denn wo sollte das Vermögen eines solchen Vertrauens herkommen?

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