Semantische Abschleifung
von Kusanowsky
Erfolgreiche Formenbildungen erkennt man nicht nur an ihrem häufigen Gebrauch, sondern auch daran, dass man im Verhältnis zur Häufigkeit ihres Gebrauchs nicht die selbe Häufigkeit ihrer Haltbarkeitsprüfung findet. Daraus ergibt sich ein semantischer Abschleifungsprozess: aus der Häufigkeit der Formverwendung ergibt sich eine verstärkte Plausibilität, die im Laufe der Zeit dadurch fraglich wird, dass sie in verschiedenen Kontexten ungeprüft Eingang findet und ob ihrer inflationären Verbreitung an die Grenzen einer beliebigen Verwendbarkeit stößt. Diese semantischen Abschleifungen haben zur Folge, dass für einen Beobachter, dem diese Abschleifungen gar nicht auffallen, der Eindruck einer kontextunabhängigen Bedeutung entsteht, deren Evidenz gleichsam „selbstaufdringlich“ erscheint. Man könnte also glauben, dass gerade die inflationäre Kontextdifferenzierung beweist, dass in allen Fällen das selbe gemeint sei, was andersherum zur Abschneidung von Kontingenz führt mit dem Ergebnis, dass man das, was man versteht, gleichsam selbstverständlich versteht und dann nicht mehr darüber nachdenken kann, dass alles ja auch anders gemeint sein könnte; ein Eindruck, der als Ergebnis der Kontingenz aller so gekoppelten Operationen entsteht.
Solche semantischen Abschleifungsprozesse sind wohl der unverzichtbare evolutionäre Vorgang der Herausbildung von Generalisierungen, die sich für die symbolische Verwendung als Kommunikationsmedium eignen. Indem durch den Evolutionsprozess etwas höchst Unbestimmtes in Bestimmtes erfolgreich transformiert wird, wird zugleich durch diesen Transformationsprozess die Beobachtung vermieden, dass das so Bestimmte in seiner Treffsicherheit für die Anschlussfindung nur deshalb verknüpft werden kann, weil es sich ob des trivialen Gebrauchs und des semantischen Abschleifs eigentlich gar nicht mehr eignet; ein Effekt, der in der Evolution von Gesellschaft schon immer beobachtet wurde, wenn Gebräuche aus alter Zeit leer und hohl wirken, wenn Begriffe ihre Härte verlieren, wenn Zeichenverknüpfungen mitsamt ihrer Semantik nicht mehr geeignet erscheinen, einem parallel sich ändernden Realtitätsverständnis entsprechend zu können.
Am Beispiel von Subjektivität lässt sich so etwas verdeutlichen. Die Subjekt-Objekt-Unterscheidung war für die säkulare Gelehrsamkeit der ideale Ankerpunkt für eine Kristallisation von Erfahrung, die den Unterschied von Selbst- und Fremdreferenz neu und andersartig entfalten konnte, nachdem das Erkenntnisvermögen durch ratio nicht länger nur die zweite Geige spielen musste, sondern im Gegenteil die apriorische Voraussetzung dafür herstellte, dass zwischen Erkennen und Erkenntnis, zwischen Sein und Seiendem, zwischen Theorie und Gegenstand Kontingenzspielräume zur Erhärtung einer Weltauffassung auftauchten, mit welcher eine beispiellose Produktion sozialer Prosperität entstand.
Dieser Prozess vollzog über die Beobachtung des Objekts durch das Subjekt, bei Vermeidung subjektiver Willkür (Descartes, Newton), über die Emanzipation des Subjekts, bei anhaltender Vermeidung seiner Willkür (Kant), über die Analyse des subjektiven Vermögens der Willkür bei Vermeidung objektiver Letztaussagen (Schopenhauer, Nietzsche, Psychonalyse), bis zur Objektivierung des Subjekts (Soziologie, Biologie, Psychologie), bei gleichzeitiger Vermeidung von fast allem, was geeignet wäre, diese Unterscheidung durch eine andere zu ersetzen; und schließlich über die Trivialisierung durch ideenkritische Analyse dieses kulturhistorischen Erweiterungsprozesses. Am Ende ist alles nur noch subjektiv, egal, was auch immer damit gemeint sein kann, denn in dem Augenblick seiner vollständigen Trivialisierung bekommt die Anführung von Subjektivität einen funktionalen Charakter, der in der ideengeschichtlichen Herausbildung so nicht angelegt war.
Die erfolgreiche Formenbildung schafft nämlich irreversible Tatbestände, hinter die nicht mehr zurück gegangen werden kann, sobald diese Form symbolisch generalisiert wurde. Denn wenn dies gelingt, kann mit dieser Form immer etwas Bestimmtes als Unbestimmtes referenziert werden, gerade weil es überall und jederzeit referenzierbar ist. Dieser Vorgang erfolgt durch eine Art sozialer Alchemie, durch welche das, was ehedem als erklärungsbedürftig erschien, nunmehr in seiner, nicht selten durch Eifersucht geprägten Rechtfertigungsnotwendigkeit erscheint. Zuerst mussten Formen gebildet werden, mit denen das Subjekt und sein Vermögen überhaupt erst erklärt werden konnten; und nachdem diese Erklärungen ihre Grenzen erreicht haben und damit Gefahr laufen, als unhaltbar zu erscheinen, wird von Erklärung auf Rechtfertigung umgestellt.
Konnte das Vermögen des Subjekts wie etwa bei Kant noch Anlass zum Staunen liefern, so wird sein Vermögen gegenwärtig nur noch darin gesehen, dem Scheitern an unhaltbaren Ansprüchen der Urteilsgewissheit aus dem Wege zu gehen, indem das subjektive Vermögen als Rechtfertigung für all das erscheint, was subjektiv ohnehin niemand im Griff hat.
Man besteht auf Subjektivität, auf die persönliche, individuelle, willkürliche, ungeprüfte, nicht nachprüfbare, eigenwillige, komplexitätsreduzierte, indifferente, unmaßgebliche, kontextvernachlässigende, gefühlsmäßig Beurteilung eines Sachverhaltes und meint damit die Individualität, Authentizität, Eigenwilligkeit, Relativität, Inkongruenz, Beliebigkeit, Intransparenz, Inkonsistenz, Emotionalität, Nichtvergleichbarkeit, Irrelevanz oder die Parteilichkeit eines Beurteilungsstandpunktes, welcher sich von Objektivität, also von Allgemeingültigkeit, Eindeutigkeit, Überprüfbarkeit, Unbezweifelbarkeit, Wahrheit, höhere Priorität, Unparteilichkeit, Neutralität und übergeordnete Evidenz irgendwie unterscheidet.
Und sobald diese Sabbelei auch noch durch die Wissenschaft und mit staatlichem Prüfungsnachweis erlaubt werden muss, weil man sie ohnehin nicht verhindern kann, wird es Zeit, sich darüber zu wundern.
Mit erscheint noch wichtig, dass aufgrund dieser fehlenden „Haltbarkeitsprüfung“ Konnotationen dieser Formen unreflektiert übernommen werden, obwohl sich ihre Unterscheidungsfähigkeit ändert. Ein Beispiel wäre „Egoismus“. Selbst jede noch so extreme Form von Selbstaufopferung passt in irgendein Belohnungsschema. Ist dies einmal erkannt, verliert das Konzept jede Unterscheidungsfunktion und entsprechend müsste man bei entsprechender Überprüfung auch die negativen Konnotationen fallen lassen. Dies passiert aber nicht, was man daran erkennt, dass es nicht wenige Leute gibt, die aufgrund dieser „Erkenntnis“ die Welt für irgendwie inhärent böse halten.
„Dies passiert aber nicht …“ stimmt. Meine Überlegung ist, dass, ist ein Begriff erst einmal in eine Konitngenzformel überführt, es sehr viel leichter fällt, dem Scheitern der eigenen Argumentation zu entgehen, indem diie Kontingenzformel zu Rechtfertigungszwecken trivial einsetzbar ist. Sie passt immer, sie stimmt immer. Womit einer Zwangslage aus dem Wege gegangen wird, ohne dies zu bemerken. Die Zwangslage entsteht möglicherweise dadurch, dass man es für angebracht hält, fremden Menschen die eigene Meinung unaufgefordert mitzuteilen als sei sie die wichtigste der Welt. Und findet man heraus, dass dies nicht stimmt, so ist wenigestens subjektiv. Was das heißt, braucht dann nicht geklärt zu werden, weil die Illusion der Klarheit erfolgreich verteidigt wurde.
Für die „Subjektivität“ des Urteils gilt das bestimmt. Man verweist auf Subjektivität, wenn man sonst nichts mehr weiß.
„… dass aufgrund dieser fehlenden „Haltbarkeitsprüfung“ Konnotationen dieser Formen unreflektiert übernommen werden, obwohl sich ihre Unterscheidungsfähigkeit ändert.“ ja, der Hinweis auch Subjektivität hat gar nichts Kritisches mehr. Subjektivität war ehedem in kritischer Hinsicht verdächtig. Inzwischen ist sie der Ausdruck einer antiintellektuellen Wollust. Man will nur irgendwas.
„Womit einer Zwangslage aus dem Wege gegangen wird, ohne dies zu bemerken.“ Meiner Meinung nach liegt hier eine der großen selbstzerstörerischen Gefahren von Gesellschaften, die basalere Probleme überwunden haben. Weil niemand wirklich mitbekommt (oder wahrhaben will), dass die eingeschliffene Dialektik, mit der wir unsere Welt zu fassen glauben, durch diesen Abschleifungsprozess mehr und mehr seine Viabilität verliert, kommt es ständig zu somit unausweichbaren konnotativen „Fehldeutungen“ obiger Art, die durch keinerlei Unterscheidungsfunktion gedeckt sind. Damit verliert die Sprache aber auch ihre Orientierungsfunktion – epistemischer Whiteout. Ich weiß nicht, ob man soweit gehen kann, die ständig medial behauptete Zunahme von psychischen Krankheiten u. a. auf solche „Fehldeutungen“ zurückzuführen, aber mir würde das durchaus als plausibel erscheinen. http://de.wikipedia.org/wiki/Whiteout
„Fehldeutungen“
Warum soll es sich um Fehldeutungen handeln? Warum nicht einfach nur um ganz normale Trivialisierungsphänomene? Solche Trivialisierungen sind ja unausweichlich, sobald eine harte, also erfolgreiche Form gefunden wurde. Der Erfolg der Subjektsemantik scheint mir darin zu liegen, dass sie für jeden Rechtfertigungszweck geeignet ist, weil sie ehedem eine unwahrscheinliche Lösung darstellte, auf die niemand mehr verzichten kann, wenn es darauf ankommt Partizipationschancen zu ergreifen und zu verteidigen. Das geht aber nur auf dem Wege eines Gedächtnisverlusts, der nicht so einfach festgestellt und wenn doch, so auch wieder nur auf subjektive Idiosynkrasie zugerechnet werden kann. Ob es sich um Fehldeutungen handelt? Es kommt ja auch die allgemeine Stressbelastung durch Störkommunikation hinzu und eine immer knapper werdende Zeitsouveränität. Das sorgt ja auch für die Verminderung von Reflexivität. Daraus ergibt sich ein Zirkel, der selbstverstärkend durchlaufen wird und durch welchen die Mittel immer weiter vermindert werden, die gebräucht würden, um aus diesem Zirkel herauszukommen. Ein Resultat ist dann gewiss die steigende Therapiebedürftigkeit. Aber nicht nur. Ein anderes Resultat könnte aber auch die radikale Wendung zur Verstärkung von Reflexivität sein, welche allerdings dann wieder höchst unwahrscheinliche Ergebnisse liefert.
Aber Reflexivitätssteigerung und eine damit einhergehende Enttrivialisierung scheint mir aber genauso normal zu sein.
Subjektivität war ja nur eines der Beispiele, an denen sich Abschleifungsmerkmale feststellen lassen. Ich beziehe mich auf den allgemeinen Fall, wenn er längerfristige Auswirkungen auf Gemütszustände und das handlungsleitende Denken hat. Vielleicht ist der Ausdruck „Fehldeutungen“ hier unglücklich gewählt, weil er irgendwie als Gegenstück eine „richtige“ Deutung impliziert. Was ich meine, ist die Beurteilung von Sachverhalten aufgrund von kolportierten ethischen, emotionalen oder sozialen Konnotationen nicht mehr unterscheidungsfähiger Konzepte. Die Lesart geht dann in den folgenden drei Beispielen Egoismus, Subjektivität, Evolution so: Wenn alle Menschen zwangsläufig Egoisten sind und Egoismus böse ist, dann lebe ich in einer bösen Welt, aus deren Boshaftigkeit es kein Entrinnen gibt. Wenn alle Aussagen als subjektiv zu verstehen sind, gibt es keine absoluten Invarianten mehr, die die letztgültige Basis für Sicherheit und Vertrauen liefern. Wenn alles durch Evolution entsteht (weil alles zwangsläufig irgendwie „mutiert“ und sich bewähren muss) und Evolution paradigmatisch für die Nichtnotwendigkeit bestimmter Lebensformen steht, dann ist mein Dasein eine absurde Laune der Natur.
Das Entscheidende ist, dass die fehlende Unterscheidungsfunktion nicht etwa als ein Scheitern des Konzepts an sich aufgefasst wird, sondern, im Gegenteil, durch seine Anwendbarkeit auf alles und jedes eine Ausweglosigkeit aus einer Misere impliziert, die allein aufgrund der Kolportation der Konnotationen entsteht.
Ist diese Ausweglosigkeit wählbar, bzw. abwählbar?
Wo (durch Äußerungen) „Reibung“ erzeugt wird, entsteht (natürlich) „Verschleiß“ (an Begriffen/ Ausdrücken/ Argumenten/ Ansichten oder Meinungen … )…
Aber was sich abschleifen lässt, lässt sich prinzipiell auch wieder Schärfen, wenn man eine gewisse semantische Reibung an der entsprechenden Kante (der Begriffe und Ausdrucksformen im entsprechenden Kontext) treffend ansetzt. Begriffe und Ausdrucksformen werden ja ständig irgendwie geprägt, geschliffen, verbogen, ausgebeult, verschmolzen… (oder auch verdampft..?)
(Damit eine gezielte semantische AusFormung funktionieren kann, ist es gewissermaßen immer unverzichtbar den Horizont, die Perspektive und den Fokus der jeweiligen Äußerungen klar einsehbar und deutlich zu machen. Ein Verweis auf Subjektivität allein nützt so gesehen auch nur wenig.)
Geht es (bei Äußerungen) nicht im Wesentlichen um Vermittelbarkeit?
Wenn Begriffe begreifbar, erkenntlich oder erklärbar werden und bleiben,
verlieren sie prinzipiell ja nicht an Schärfe…
Jede Transformation von semantischen Formen, Figuren und Strukturen (Verbiegung, Abschleifung, Umkehrung, Auflösung, Verschmelzung oder Zerbrechen…) ist letztlich doch aber immer als sinnhafte/ sinnvolle Konfiguration kommunikativer Zusammenhänge im Rahmen einer Homöodynamik von Gesellschaft zu verstehen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Hom%C3%B6odynamik#Sozialwissenschaften
(Hier wird – beispielhaft – der Begriff „Homöostase“ in Frage gestellt und diskutiert: -> Luhmann, Varela und Maturana erachten den Begriff für zu unscharf/ nicht treffend im Bezug auf eine gelungene Referenz der Zusammenhänge)
Jede Ausweglosigkeit, die man befürchtet, ist demnach doch gewissermaßen auch immer als Folge einer bestimmten Interpretation dieser Konfiguration kommunikativer Zusammenhänge aus einer definierten Perspektive heraus zu verstehen.
Je mehr eine Interpretation vermittelbar ist, desto mehr werden gewisse Konsequenzen darauf in Kommunikationen(/ sowie in Entscheidungen und Handlungen) spürbar.
Jegliche Form der Deutung(/ Interpretation – so auch jede „Fehldeutung“) impliziert aber auch Bedeutung (/ Sinn?)… Und die Stabilität von Gesellschaft hängt wohl stark davon ab, wie effizient und _deutlich_ Sinn/ Inhalte und Bedeutung(en) transportiert werden können… Es geht in der Regel darum, eine Referenzunschärfe in der Kommunikation zu vermeiden — sich gewissermaßen auf Bedeutung(en)/ und Sinn zu einigen.
Bei der Bewertung und Evaluation von Bedeutung und Sinn vermittelter Äußerungen ist es also unverzichtbar eine Reihe wahrscheinlicher oder möglicher Interpretationsvarianten einer Äußerung in Erwägung zu ziehen.
Resonanzfähigkeit spielt bei der Betrachtung von Vermittelbarkeit in jedem Fall aber immer eine herausragende Rolle…
Wenn Begriffsmuster ausgeleiert sind, kann man weniger Resonanz erzeugen.
Aber dann ist es in der Regel wohl auch so weit, dass man erkennen sollte, dass zum Zweck einer angezielten Problemlösung der begriffliche Fokus im Rahmen der adressierten Thematik gewechselt werden sollte.
Wenn man mit den verwendeten Begriffen und Argumenten nicht zu plausiblen Lösungen oder befriedigenden Einigungen gelangt, dann ist es einfach notwendig gewisse Formen und Strukturen des Ausdrucks zu transformieren…
Wir lassen den Ordnungsvorschlag zu, der besagt: etwas zu beobachten heißt (wird definiert als): Unterscheiden und bezeichnen ist Beobachtung, wenn beobachtet wird, dass unterscheiden und bezeichnen heißt, einen Ausweg aus einer Paradoxie zu finden, die durch die Beobachtung einer Paradoxie selbst hergestellt wird. Beobachtung soll also heißen: Der Beobachter (die Zurechungstelle) kann sich der Beobachtung, die immer eine weitere Beobachtung ist, nicht entziehen. Der Beobachter ist immer verwickelt, er ist immer durch sein zugerechnetes Unterscheiden und Bezeichnen kontaminiert, vielleicht unschuldig, aber mindestens berührt. Er ist immer schon ein Anderer, wenn Information das Beobachtungsschema aufnimmt und reproduziert.
Die Tradition der modernen Gesellschaft konnte diesen Sachverhalt deshalb ignorieren und an einer Ontologie festhalten, weil sie selbst angeschlossen hatte an eine Tradition, die einen Beobachter, eine Zurechunungsstelle für Unberührtheit hatte. Dieser Beobachter war Gott. Für Descartes gab es immer noch einen Gott, der unberührt bleibt von der Willkür eines Subjekts, das anfängt, auch den Zweifel an Gottes Existenz im Erlebnisraum seines subjektiven Vorstellungsvermögen zuzulassen. Eben dieser Zweifel und die doppelt kontingente Zuläsigkeit dieses Zweifels, verstärkte die Umkehrung der Betrachtung: dass nunmehr das erkennende Subjekt durch die Wahl der Unterscheidung unberührt bleibt. Alle Folgewirkungen konnten dann auf eine objektive Realität zugerechnet werden, die nun infolge dieser Umkehrung als aufklärungsbedürftig erschien. Seit dem gilt: Das Subjekt ist in seinem Erkennen unschuldig, in seinem Wissen durch Kommunikation mindestens belastet, aber in seiner Handlung bleibt es immer unberührt, sofern die Disziplin der doppelt kontingenten Gewährung von Rechten immer wieder dazu führt, dass das Subjekt aufgrund gesteigerter Selbstreflexivität seine Berührtheit zwar kommunikativ mitteilt und entsprechend das Scheitern herausfordert, die Information darüber aber nur nach Maßgabe der Subjekt/Objekt-Unterscheidung weiter verarbeitet. Ergebnis: das Subjekt darf sich unberührt zeigen, wenngleich es selbst wenig daran glauben kann. Es reicht allein die ubiquitäre Möglichkeit der Verbreitung von Rechtfertigung für Mitteilung und die sozial verteilte Wahrscheinlichkeit, dass diese Mitteilung kommuizierbar ist.
Die Unberührtheit des Subjekts verleibt völlig paranoisch, zumal es selbst darüber Auskunft gibt. Aber eben diese Auskunftsbereitschaft, ob massenmedial mitgeteilt oder bei einer Party unter Freunden, immer ist schon die Aussprache der eigenen Betroffenheit, die Bekundung der eigenen Berührtheit selbst wiederum nur ein Ausweg des Beobachters, um seine Beobachtung anzubringen – der Beobachter rechntet damit, dass er unberührt bleibt, wenn er Berührheit bekennt.
Ein Ausweg, eine Entnaivisierung ist nicht so leicht zu finden.