Materie und Form bei Thomas von Aquin ##systemtheorie #mediumform
von Kusanowsky
Ein schönes Beispiel dafür, dass es sehr fraglich ist, Menschen zu Urhebern von Theorien zu machen zeigen die Ausführungen von Tobias Kläden über das Verhältnis von Form und Materie in der Theologie von Thomas von Aquin. Es ist gar nicht viel Fantasie nötig um zu erkennen, dass wenigstens in den Gründzügen diese Darlegungen mit dem Verhältnis von Medium und Form bei Fritz Heider und Niklas Luhmann übereinstimmen.
Im Hintergrund der naturphilosophischen Argumentation steht der Theorierahmen des Hylemorphismus, wonach alles körperlich Seiende durch die beiden Seinsprinzipien von Form und Materie konstituiert ist. Die Materie ist dabei wiederum nicht in unserer heutigen alltagssprachlichen Verwendung im Sinne des dreidimensional Ausgedehnten und sinnlich Erfahrbaren zu verstehen: Materie ist vielmehr, genauso wie Form, ein Aspekt, kein quantitativer, sondern ein qualitativer, ein wesenskonstituierender Teil an einer Substanz, einer konkret existierenden Seinseinheit, auf die ich als ein hoc aliquid, ein „dieses da“, zeigen kann.
Dabei stehen im Verständnis des Thomas Form und Materie im Verhältnis von Akt und Potenz zueinander. Das bedeutet: Die Form ist das Prinzip der Bestimmung, welches einem nur in Möglichkeit Existierenden Aktualität oder Wirklichkeit verleiht. Entsprechend ist Materie das Prinzip der Bestimmbarkeit oder der Potentialität. Die Materie stellt das Substrat oder Subjekt, also das „Darunterliegende“ des Wandels von Potentialität zu Aktualität dar; sie ist somit die Voraussetzung dafür, dass es überhaupt Veränderung, Entstehen und Vergehen gibt. Die gesamte Welt des Seienden kann nun durch das jeweils unterschiedliche Mischungsverhältnis von Aktualität und Potentialität beschrieben werden: Die materia prima ist reine Potentialität und enthält gar keine Bestimmung, ist daher auch nicht sinnlich erfahrbar, sondern ein nur gedanklich vorstellbares Prinzip. Bei den Körperdingen steigt mit zunehmender Entwicklungsstufe der Grad der Aktualität an. Bei den geistigen Substanzen, den Engeln, ist keine Zusammensetzung aus Form und Materie mehr festzustellen.
Sie sind reine Formen. Jedes Individuum in der Gattung der Engel ist daher seine eigene Art. Aber: Es findet sich in ihnen eine Zusammensetzung aus Akt und Potenz, insofern sie ihrem Sein gegenüber in Potenz stehen, es also haben, aber nicht sind. Nur auf Gott selbst als den actus purus, die reine Aktualität, trifft es zu, dass er sein eigenes Sein ist; ihm kann nichts Zufälliges oder Mögliches inhärent sein.
http://www.kamp-erfurt.de/level9_cms/download_user/Gesellschaft/Anima%20forma%20corporis.pdf
Wichtig ist, dass es nicht auf den philologischen, textkritisch-positivistischen Identitäts- oder Ähnlichkeitsnachweis ankommt, sondern allein darauf, dass die Ähnlichkeiten sinnmäßig erschlossen werden können.
Das Beeindruckende der Luhmannschen Systemtheorie scheint daher eher durch einen Gedächtnisverlust zu entstehen. Weil die säkulare Philosophie ihre Erkenntnisgrenzen erreicht hat und ihre Aporien nur verwalten kann, erscheint plötzlich ganz Altes wieder weiterführend. Und skeptisch könnte man hinzufügen, dass dieses Beeindruckungsprogramm systemtheoretischer Analysen durch Nacherzählungen selbst wiederum nur verwaltet wird.
@Kusanowsky
„Weil die säkulare Philosophie ihre Erkenntnisgrenzen erreicht hat und ihre Aporien nur verwalten kann, erscheint plötzlich ganz Altes wieder weiterführend.“
Im verlinkten Aufsatz heißt es über erkenntnistheoretische Zusammenhänge bei Th. v. A.:
„Denn der intellectus erkennt das Allgemeine, das Wesen oder die Natur der Dinge und hat insofern universale Erkenntniskraft, da er prinzipiell alle Vertreter einer species verstandesmäßig erfassen kann. Dies geschieht im Akt der
Abstraktion, bei dem von den einzelnen Sinnesdaten (phantasmata) alle materiellen und damit vereinzelnden Bedingungen abgezogen und so die geistigen Vorstellungsbilder, die species intelligibiles, als absolute Formen herausgeschält werden. Letztere sind orts- und zeitungebunden und unzerstörbar, da sie als immaterielle Formen nicht der Zerstörung (corruptio) anheimfallen können.“
Die Welt wird durch Veränderung verschieden interpretierbar. Heißt das nicht, dass die #differentia zwischen Weltveränderung und der fortgesetzte, ununterbrochene gleichzeitige Vergleich mit diesen Ergebnissen gleich Null ist und sein muss?
Strukturelle Koppelung?
„Es besteht zwischen Leib und Seele eine Spannungseinheit, ein gegenseitiges Ineinanderverwoben und Aufeinanderangewiesensein. In dieser Spannungseinheit stehen sich nun nicht der Leib und die Seele wie in der platonisierenden Position als selbständige Wesenseinheiten gegenüber. Vielmehr besteht die besagte Spannung bereits innerhalb der Seele selbst: Zwar ist die Seele selbständig in ihrem Sein,
jedoch nicht in ihrer Wesensvollendung.“
ebd. S. 258.
Ein jeder, der zumindest für sich halbwegs gewiss ist, von Luhmanns Denken und von seiner sozialen Praxis des Beschreibens dessen, was er als Beobachter der Gesellschaft glaubte, gesehen zu haben, mag er sich nun selber stolz oder dogmatisch bis bockig einen Luhmannianer nennen, oder nur zur Charakterisierung für Aussenstehende von Aussenstehenden so genannt sein, ein jeder Luhmannianer also – sage ich – hat bei seinem eigenen Entwicklungsgang zum äusseren Aufbau und dem inneren Verständnis des Luhmann’schen Denkgebäudes, das für ihn die inneren Zusammenhänge und die äussere Funktionalität der Gesellschaft als Überlebenseinheit abbilden und einsehbar machen sollte, mit Gewissheit drei Stadien der epistemischen Entwicklung durchlaufen:
(1) Woher einer auch immer kam in seiner persönlichen Ausbildung und Sozialisation, (ich zum Beispiel fühlte mich geformt durch das gesellschaftliche Denken eines Thomas Mann, der sich wiederum als – zunächst durchaus oberflächlich – gebildeter Lübecker Großbürgersohn auf das Denken von Leuten wie Schopenhauer und Nietzsche stützte, ich also kam her von den Denkfiguren eines Habermas, war also erfüllt von Sätzen wie dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments und der geradezu intrinsichen Gewissheit, dass Konsens ein mögliches und erstrebenswertes Ziel aller Debatten bis hin zum wilden Streit sein müsste. Zumal mir der von Habermas den Deutschen nahegebrachte Charles Sanders Peirce mit der Floskel von dem guten Werden „in the long run“ wahnsinnig imponiert hatte), wie einer also zuvor gedacht haben mochte, wenn er mit einem ersten Text von Niklas Luhmann sich konfrontiert fühlte, stets war die erste impulsive Reaktion als Leser in den meisten Fällen wohl ein gewisses Befremden bis hin zur offenen Ablehnung. Befremdet war man wegen der geradezu unüberbietbar erscheinenden Abstraktionslage im Aufbau der Luhmann’schen Theorie, und darum, dass – in geradezu irrer Abweichung von einem Begriff wie Gemeinschaft – nun bei Luhmann die Menschen, als psychische Systeme, ihren Wirkungsort in der Umwelt der Gesellschaft haben sollten, das war nun zumindestens prima facie eine Zumutung, der man einfach nicht zustimmen konnte.
(2) Auch wenn man bockig war, bemerkte man aber bald zumindest den klaren Denkstil und die durchaus durchsichtige Sprache dieses seltsamen Juristen aus Lüneburg, der als Beamter in der Hannoverschen Staatskanzlei gelernt hatte, die Routinen der Verwaltung, über die alle anderen Bürger so seufzten, mit dem überraschenden Diktum vom Lob der Routine zu belegen. Solche Einsichten verbreitete dieser seltsame Jurist, der sich den Wahlspruch zugelegt hatte, guter Geist sei allemal trocken, dann auch noch als Dozent und juristischer Oberamtsrat an der Verwaltungsakademie des Bundes in Speyer. An diesem Ort hatte ihn am Ende der fünfziger Jahre mein Vater kennen gelernt, der in Speyer zum Beamten für das sogenannte Statistische Bundesamt aufgebaut werden sollte. Nebenbei bemerkt machte mein Vater von diesem ihm aufoktroyierten Bildungsschub später dann keinen Gebrauch: Er blieb zwar bis zu seinem altersbedingten Dienstende als Systematiker im Statistischen Bundesamt tätig, aber als Angestellter. Er konnte dies – zum Entsetzen seiner Vorgesetzten – leichthin damit begründen, inzwischen ja längst stellvertretender Vorsitzender der DAG, der Deutschen Angestelten-Gewerkschaft, geworden zu sein. Das wie gesagt nur nebenbei, (damit die interessierte Leserin bei der Stange bleiben möge). Als man dann erfuhr, durch lesen, das der berühmte Anglist Dietrich Schwanitz diesen Neusoziologen – einem langsam vertrauter werdenden Luhmann, der inzwischen in der neugegründeten Volksuniversität Bielefeld als Soziologe angekommen war – auch noch, nach Nietzsche im 19. Jahrhundert, zum größten Stilistiker deutscher Fachsprache im 20. Jahrhundert erklärte, da konnte man bald nicht mehr umhin, den Luhmanstyle zu tolerieren und – wie viele andere – lauthals zu verkünden, Komplexität hin oder her, man sehe nun durch die Luhmann’sche Soziologenbrille bedeutend mehr und weitaus Interessanteres, als es einem dieser inzwischen weltberühmte Frankfurter Linke, dieser Habermas, in der Nachfolge der Dioskuren Horckheimer/Adorno beigebracht hatte.
(3) Dann – ich spreche ja, (wie leicht zu merken war), durchaus von mir – dann nahm man gleich dreifach an hoch interessanten Aufbauseminaren in Vorderbüchelberg teil, die der Luhmannschüler Peter Fuchs dort abhielt, organisiert von seinem willigen Gedankenfreund, dem Philosophen Michael Wörz. Dafür bekam man – ganz akademisch – jeweils einen amtlich aufgemachten (Teilnahme)Schein und hängte sich diese drei Trophäen im leicht verständliche Stolz als ehemaliges Berliner Kellerkind eingerahmt in der Wohnküche an die Wand, vom ständigen Leseplatz ständig einsehbar. Man war also jetzt selber Luhmannianer, zumal man in Vorderbüchelberg von den dortigen anderen – viel jüngeren – Teilnehmern gelernt hatte, welche bedutende Rolle (damals noch) die sogenannte Luhmannliste im Internet spielte. Man schrieb sich schnell und leicht in diese Liste ein und tönte dort lauthals mit. So lange und so laut, dass der damals amtierende Listowner Martin Rost meine Schreib- und Argumentationsweise ironisch als Sanderstyle apostrophierte. Aber: Ganz ganz langsam wuchs in einem selber so etwas wie eine innere Emigration heran. Man konnte inzwischen zwar ziemlich flüssig im Luhmannstyle reden und schreiben, aber man wollte auf irgendeine schwierig zu erkläuternde Weise zurück zu anderen Quellen, sozusagen back to the roots. Die Frage war nur: WIE und mir WEM?
Ich mag hier keine weiteren Namen nennen. Erstens, weil bei Namen sich ohnehin ein jeder schnell etwas anderes und abweichend vom Gemeinten aussinnt. Zweitens, weil ich es kurz (genauer: kürzer) machen möchte, um den @Kusanowsky hier als Gastgeber nicht zu vergrätzen. Der Letzte, der mir bei meinen bewusst inszenierten Anti-Luhmann-Lektüren positiv begegnet ist, – nun also doch wieder einen Namen – das ist der (inzwischen) Berliner Philosoph, Politologe und Kulturtheoretiker Volker Gerhard. Der begegnete mir 2008 zum ersten Male mit seinem Buch „Partizipation“, hinterliess aber – seltsamer Weise, doch in diesem Buch findet sich nicht ein eiziger Strich von mir, und ich streiche gerne an – hinterliess also so gut wie keinen Eindruck. Bis dann vor ein paar Tagen der Twitterer @Thorstena mich erneut (ich war vollkommen überrascht) auf diesen Autor aufmerksam machte. Ich bedankte mich bei Thorsten für seinen „neuen“ Tipp und war ganz beschämt, als ich ganz von selber erkennen musste, vor vier Jahren schon längst etwas von diesem Volker Gerhardt gelesen zu haben. Nun also bin ich wirklich und wahrhaftig dabei, etwas von ihm zu lesen, und zwar sein neuestes Buch „Öffentlichkeit“ das den schönen Untertitel hat: Die politische Form des Bewusstseins. Dieser Untertitel hat mich schier umgerissen. Selber hätte ich diesen Untertitel gewiss auf Heider getrimmt und wahrscheinlich „Die politische FORM im MEDIUM des bewussten gesellschaftlichen Kommunizierens“ genannt. Ich schlug sofort das Register auf und war zufrieden: Allein im Namenteil war Luhmann zehn mal erwähnt. Ich schmunzelte: Gerhardt war offensichtlich mein Mann. Dann kam die Ernüchterung: Im Literaturverzeichnis war mein Liebling nur schlichte zweimal erwähnt, und das auch nur mit zwei Bagatellen (wie es schien). Da ich ja noch nichts weiter gelessen hatt, konnte ich nicht beurteilen, welche der Einträge im Sachregister sich direkt oder implizit auch und dennoch auf Luhmann beziehen mochten. Nun gut, ich ging dennoch davon aus, Volker Gerhard sei der Mann, der – für mich, sozusagen – Habermas mit Luhmann zusammen bringen würde. Oder anders gesagt, ich erwartete, (wegen des Untertitels), Gerhardt würde es schaffen, genau das aufzulösen, was bei Luhmann zwischen der Wahrnehmungsmaschine Mensch und der Kommunikationsmaschine Gesellschaft immer so vage und vielsagend/nichtssagend als „strukturelle Kopplung“ firmierte.
Um es nun endlich wirklich kurz zu machen: Das tut Volker Gerhard auch ! Und zwar auf eine sprachlich und argumentativ bewundernswerte Weise: Ich bin erst einmal begeistert. @Thorstena hat das sofort bemerkt und ironisch twitternd Euphorie genannt. Dazu bekenne ich mich: Volker Gerhardt euphorisiert mich. Aber: meine Damen und Herren: lesen sie doch, bitte, selber !
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aks @rudolfanders aus Bad Schwalbach.