Kritik war ein Machtkonzept 4 #galilei #wissenschaft #provokation

von Kusanowsky

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Worin bestand die Provokation, die von Galilei ausging? Die Provokation bestand nicht in der kopernikanischen Hypothese und sie bestand auch nicht in den neuen Möglichkeiten einer neuen Wissenschaft. Auch gab es keine klerikale Wissenschaftsfeindlichkeit. Einem Kleriker dieser Zeit wäre nicht so leicht zu erklären gewesen, welche Ketzerei mit Physik und Astronomie verbunden wäre. Auch war Galilei kein Widersacher der Kirche, im Gegenteil: auf Papst Urban VIII. hatte Galilei große Hoffnungen gesetzt, weil der vor seinem Pontifikat eine großere Begeisterung für seine Experimente gezeigt hatte. Als worum ging’s?

Galilei war als Katholik davon überzeugt, dass er sich durch gute Werke Gottes Gnade verdienen müsse. Ihm ging es vornehmlich um diesen Zivilisationsstolz, um sein Seelenheil. Das war allerdings schon eingebettet in proto-faustische, proto-transzendentale Begründungszusammenhänge, die Galilei gleichwohl nicht durchschaute. Das war die Provokation. Die Provokation war mit latenten Strukturzusammenhänge verknüpft, die eine anonyme Ordnung herstellten. Die Anonymität dieser Ordnung war die Provokation.

Galilei war davon überzeugt, dass Gott die Welt erschaffen hat, dass Gott auch ihn und – das ist wichtig, weil es zeigt, dass der transzendentale Vertrauensgewinnungsprozess bereits im Gange war – seine Verstandesfähigkeit erschaffen hat. Und wenn Galilei nun in die Situation kommt, mit Hilfe seines Verstandes Gottes Schöpfung erklären zu können, dann ist dies eine Lobpreisung Gottes, ein Gottesdienst, und damit ein gutes Werk. Galilei behauptete, dieses Menschenvermögen nicht zu nutzen wäre eine Sünde, weil es eine Gabe Gottes ist. Sie zu verschmähen sei entsprechend eine Schande. Und nur dies war obszön, dass Galilei sich als theologischer Laie gemäß faustischer Selbsterhebung anmaßte er könne darüber urteilen was gottgefällig sei und was nicht. Und er konnte dies tun, weil er ein guter Redner war, ein heller Kopf, weil er Erfolg hatte und mit seinen Vorführungen und Schriften ein Publikum gewinnen konnte. Es zeigt sich aber, dass der den theoretischen Einwänden gegen seine Methoden nicht gewachsen war.

Auskunft darüber gibt eine Anekdote. Galilei hatte einem traditionellen aristotelischen Gelehrten gebeten, er solle doch selbst einmal durch sein Fernrohr schauen. Er könnte sich so selbst davon überzeugen, dass der Mond keineswegs ein vollkomnenes Gestirn wäre, sondern übersäht sei Rissen, Kratern und dergleichen. Dieser Gelehrte lehnte dieses Ansinnen ab mit dem Argument, dass durch dieses Fernrohr die Wahrnehmung manipuliert würde. Es handele sich um Wahrnehmungstäuschung, die kein geeignetes Mittel sei, die Wahrheit zu erkennen. Darauf konnte Galilei nur mit Empörung reagieren, aber widerlegen konnte er dieses Argument nicht.

Denn tatsächlich wird ja die Wahrnehmung durch das Fernrohr manipuliert. Was fehlte Galilei? Ihm fehlte ein differenziertes transzendentaltheoretisches Wissenskonzept. Denn die Struktur desjenigen Wissens, mit dessen Hilfe man ein Fernrohr herstellt ist keine andere als diejenige, mit der man die Wahrnehmungsergebnisse beurteilen kann. Natürlich wird die Wahrnehmung manipuliert, aber der ganze Forschungsprozess beginnt mit dem Herstellen des Glases, das Schleifen der Linsen.  Das geschieht nach Maßgabe der selben theoretischen Manipulationsmöglichkeiten, die sich dadurch gegenseitig bedingen und einschränken. Denn tatsächlich gibt die Wahrnehmung keine Auskunft über Wahrheit. Wahrheit entsteht durch den Vergleich und Kombination von Ergebnissen. Der Zirkel von Hypothese und Interpretation und die sinnmäßige Bewältigung von darin eingeschlossenen Paradoxien liefert die Möglichkeit der Wahrheit. Aber das hätte Galilei nicht verstehen können.

(Fortsetzung folgt)

 

 

 

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