Kritik war ein Machtkonzept 2 #kopernikus #galilei #reformation
von Kusanowsky
Galilei hatte schon als Student gelernt, der aristotelischen Tradition der Gelehrsamkeit mit Skepsis zu begegnen. Diese Skepsis war seit der späten Renaissance bereits verbreitet. Diese Skepsis fand sich zwar schon bei Kopernikus, allerdings war seine Skepsis nicht gegen die Tradition gerichtet, sondern war noch in ihr eingebettet. Kopernikus fand eine unglaubliche Komplexität astronomischer Schriften vor, die sich im Laufe von 1.000 Jahren und mehr angehäuft hatte, Schriften, die immer von der Annahme ausgingen, dass die Erde in sich ruhte und der Mittelpunkt des Universums war, eine Annahme, deren Gegenteil bereits bei Claudius Ptolemäus erwogen, aber aufgrund ihrer mangelnden Erklärbarkeit verworfen wurde.
Entsprechend mussten alle Himmelsbeobachtungen, sofern sie überhaupt angestellt wurden, mit der Annahme der Geozentrik vereinbart werden, was dazu führte, dass die Astronomen ganz willkürliche, widerlogische, völlig verzerrte Hypothesen zur Rettung dieser Phänomene erfanden, woraus sich immer mehr Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten ergaben, die wiederum nach dem selben Verfahren rettungsbedürftige Schlussfolgerungen nach sich zogen. Jede Gelehrtengeneration hatte dazu beigetragen, das ptolemäische Weltbild durch hypothetisch-geometrische Spekulation immer komplizierter zu gestalten.
Kopernikus konnte damit nicht einverstanden sein, und zwar aufgrund einer Annahme, die sich selbst aus der Tradition ergab. Kopernikus war von einer neuplatonischen Vorstellung inspiriert, derzufolge Gott die Welt harmonisch geschaffen habe. Die Ergebnisse des Studiums der überlieferten astronomischen Schriften konnte aber mit dieser Annahme nicht vereinbart werden. Und da nun Gott sich nicht irren kann, musste das „Menschenwerk“, also das Schrifttum, die kanonisierte Literatur überprüft und revidiert werden. Für Kopernikus war dieses Vorhaben aber selbst wenig spektakulär und zwar deshalb, weil er genau die gleichen methodischen Verfahrensweise seiner Vorgänger übernahm, nämlich: die hypothetische Spekulation zur Rettung der Phänomene. Für Kopernikus kam die Frage auf, ob nicht die Welt viel einfacher und harmonischer verstehbar wäre, wenn man das Weltbild umkehrt und annimmt, dass sich die Erde und die Planeten um die Sonne drehten. Im modernen Sinne hatte er dafür keine Beweise und Beweise hätten ihn auch gar nicht interessiert. Schon gar nicht hätte er Himmelsbeobachtungen angestellt, weil solche Beobachtungen aufgrund des mangelnden Vertrauens in Menschenvermögen gar nicht aussagekräftig waren. Es war allein die hypothetisch-geometrische Spekulation, die keinerlei Wahrheitsreferenz behauptete. Und insofern war die sog. kopernikanisch Wende völlig unverdächtig, weil normal und gewöhnlich.
Aus diesem Grunde war die Schrift „De Revolutionibus Orbium Coelestium“ (Über die Umschwünge der himmlischen Kreise) zum Zeitpunkt der Veröffentlichung völlig bedeutungslos und verstaubte etwa hundert Jahre lang in den Bücherkisten. Zwar wurden darüber vereinzelt Meinungen geäußert, aber im ganzen zuckte man mit den Schultern, weil es sich um eine gewöhnliche mathematisch-astronomische Spekulation handelte.
Wichtig ist, dass es Kopernikus niemals eingefallen wäre, sich gegen die Tradition nach Maßgabe eines eigenen Menschenvermögens zu wenden. Kopernikus war ein konventioneller mittelalterlicher Gelehrte, der kein Vertrauen in sein kritisches Menschenvermögen ausgebildet hatte. Für ihn galt selbstverständlich die Wahrheit der Tradition, aber diese Wahrheit schloss nicht die Spekulation aus, sondern ließ sie jederzeit zu. Und nur von dieser Möglicheit hatte Kopernikus Gebrauch gemacht. Zwar waren die Ergebnisse beachtlich, aber wenig brisant, was auch daran lag, dass gleichzeitig eine ganz andere brisante Angelegenheit auffiel. Dabei handelte es sich um die Reformation. Und übrigens: für Martin Luther könnte man etwas ähnliches argumentieren, dass nämlich auch er ein mittelalterlicher Gelehrte war, dessen Bemühungen darin bestanden, den Päpsten Verrrat an eben dieser Tradition vorzuwerfen. Ein wichtiger Grund für diesen hahnebüchenen Diskussionen der Reformationszeit bestand auch darin, dass schon proto-moderne Verfahrensweisen erprobt wurden („Diskurse“), ohne dass dafür ausreichende Bedingungen empirisch feststellbar waren. Die Menschen litten unter beständigen Minderwertigkeitsempfindungen, weil sie noch nicht lernen konnten, ihrem Menschenvermögen zu vertrauen. Dieses Vertrauen wurde erst seit dem entwickelt.
Wie auch immer: als Galilei später von der kopernikanischen Schrift Kenntnis bekam, hatten sich die Verhältnisse schon geändert, aber niemand hatte das bemerkt.
Hans-Peter Dürr legt dar, inwiefern die Naturwissenschaften mehr und mehr zu einer „Wissenschaft des Toten“ wurden, die das Prinzip der Lebendigkeit aus der Betrachtung der Natur, der Welt, des Menschen verbannt, keinen Raum für die Lebendigkeit bietet. Oder jedenfalls keine Sprache. Und wie sehr die mathematisierten Naturwissenschaften uns daran gewöhnt haben, das in der Sprache der wissenschaftlichen Modelle Unsagbare als das schlechthin Inexistente zu betrachten nach dem Motto: „Was wir nicht auszudrücken vermögen innerhalb unserer Modelle, das gibt es auch nicht. Jedenfalls können wir darauf keine Rücksicht nehmen.“ Und warum genau das – die Herrschaft nämlich einer, wenn man so will, „naturwissenschaftlichen Ignoranz“ – fortschreitend zu einer Kastrierung, einer substantiellen Amputation oder Querschnittlähmung der Wirklichkeit geführt hat. Dürr stellt fest, dass wir in einer Welt leben, in der das eigentlich Lebendige fast keine Chance mehr hat, worin er den Grund sieht für die Verwüstungen, die unsere Zivilisation allerorten anrichtet.
http://denkanstoesse.de/Wissen/88-Ein%20Gespr%C3%A4ch%20mit%20Hans-Peter%20D%C3%BCrr
@kusanowsky Vielleicht interessiert dich das?
Vertrauen. Historische Annäherungen. Herausgeber: Frevert, Ute
Vertrauen als soziales Kapital – das ist das übergreifende Thema der 13 Beiträge aus einem Bielfelder Forschungsprojekt. Die Wahl der Gegenstandsbereiche, an denen Vertrauen als Element und Funktion sozialer Interaktion, öffentlicher oder privater, untersucht wird, ist disparat. Sie folgt keinem notwendigen Zusammenhang. Das gibt dem Band einen additiven Charakter. Andererseits rücken durch die relative Selbstständigkeit der Stoffbereiche Sektoren der Wirklichkeit vor Augen, die sonst eher im Verborgenen bleiben. Wer wüsste z.B. schon, unter welchen Bedingungen sich die Kommunikation der Gelehrten in der Frühen Neuzeit abspielte (F. Mauelshagen, S. 119-151); welche Rolle karitative Organisationen als Institution für den Aufbau von Vertrauensbeziehungen, speziell bei der großen Zahl der Zuwanderer, in der Metropole Berlin um 1900 spielte (B. Hitzer, S. 185-212); oder wie – sich veränderndes – Vertrauen in Experten die bundesdeutsche Diskussion um Atomkraft zwischen 1955 und 1980 beeinflusste (A.Weisker, S. 394-421).
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-3-104
Ja, Danke. Das gehört natürlich auch zum Thema.
Was mich aber interessiert ist der soziokulturelle Prozess der Vertrauensgewinnung in Menschenvermögen, ein Prozess, der ja höchst seltene und seltsame Ergebnisse zustande gebracht hat. Dieser Prozess der Vertrauensgewinnung erzeugte ja erst in seinem Verlauf das, worin dann Vertrauen gesetzt werden konnte. Vielleicht wäre dies eine Möglichkeit für einen Ansatzpunkt, wie man die soziale Evolution beschreiben und erklären könnte.
@Kusanowsky: Was mich aber interessiert ist der soziokulturelle Prozess der Vertrauensgewinnung in Menschenvermögen, ein Prozess, der ja höchst seltene und seltsame Ergebnisse zustande gebracht hat. Dieser Prozess der Vertrauensgewinnung erzeugte ja erst in seinem Verlauf da[s], worin dann Vertrauen gesetzt werden konnte.
Hier ist eine Lektüre von Blumenbergs „Genesis der kopernikanischen Welt“ sicherlich aufschlussreich und weiterführend:
Mit Blumenberg müsste man den Vertrauensgewinnungsprozess in Menschenvermögen als eine Figur der Selbstbehauptung interpretieren, und zwar der Selbstbehauptung gegen den unberechenbaren Gott einer zu kompliziert gewordenen Theologie. Die cartesianische Geste des c.e.s. als eine Art Gründungsfigur der Neuzeit ist (nach Blumenbergs „Legitimität der Neuzeit„) noch nicht die überhebliche Selbstgefälligkeit des modernen Subjekts, sondern zunächst eine Art Flucht nach vorn, eine Selbstbehauptung als Selbstverteidigung, eine Anmaßung von Ansprüchen als Zurückweisung von Zumutungen. Das darin eingeschriebene Begehren: Hoffnung auf eine Welt, die dadurch vertrauenswürdig wird, dass sie der Vernunft nicht zur zugänglich ist, sondern ihr sogar soviel Raum lässt, dass technisch begründete Gewissheiten die natürlich (oder göttlich) begründeten Gewissheiten übertrumpfen können – wie dies spätestens in Bacons Novum Organon deutlich wird.
@stromgeist
Kannst du was mit folgender Überlegung anfangen?
Wenn ich über die Genesis der kopernikanischen Welt (Hans Blumenberg), über die Entstehung der faustischen Kulturseele (Oswald Spengler) oder wie bei Luhmann über die Entstehung der funktional differenzierten Gesellschaft nachdenke, finde ich die Überlegung, dass man es mit der Entstehung eines Systemarchetyps zu tun hat, der wie eine Art nucleus anfangs undifferenziert oder wenig differenziert auftrat und der sich wie ein Parasit in die Strukturen einnistete und diese traumatisierte, und eine unheilbare Wunde hinterließ. Aus der erfolgreichen Bewältigung dieses Traumas, aus den Spuren der Vernarbung ist dann der Mythos hervor gegangen, der diesen Systemarchetyp immer wieder vorführte, nachvollzog und dadurch mehr und mehr differenzierte, entfaltete und schließlich trivialisierte (Kusanowsky).
Kann man etwas Vergleichbares bei Blumenberg finden? Bei Spengler glaube ich einen solchen Gedankengang gefunden zu haben.
@Dorotyna Spieka Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich die Überlegung richtig verstanden habe, aber wäre der „Systemarchetyp“ bei Blumenberg wohl der Typus des neuzeitlichen Subjekts, das den Grund seines Weltvertrauens in seinem eigenen Leistungsvermögen sucht. Das „Trauma“ wäre dann die Krise und Überwindung des mittelalterlichen Weltbildes und seines zunehmend unzumutbaren Gottesidee; die „Narbe“ der dagegen aufgebotene Rationalismus mit all seinen Folgeproblemen, die sich mit dem Prozess der „Säkularisierung“ verbinden, den Blumenberg aber prinzipiell erst einmal ‚gut‘ findet wie auch die moderne Technik, um sozusagen eine Gegenstrophe zum ‚Untergang des Abendlandes‘ anzustimmen. Blumenberg war kein Denker, der sich unmittelbar mit seiner Gegenwart auseinandergesetzt hat (dass das nicht geht, ist ja auch der Kern seiner Philosophie), sondern immer nur über die Umwege des Mythos, der Geschichte und ihrer Metaphern. Es wäre aber interessant zu erfahren, ob er unsere Zeit auch als eine neue Epochenschwelle (ähnlich der zwischen Mittelalter und Neuzeit) bewerten würde, in der sich ein Paradigmenwechsel dessen ereignet, was Du einen ‚Systemarchetyp‘ und Kusanowsky die Trivialisierung und letztlich auch das Ende der kritischen Subjektmodells nennt. Blumenbergs Philosophie lässt sich m.E. als ein Versuch lesen, auf dem Umweg einer anthropologischen Kulturgeschichte (des Abendlandes) in Erfahrung zu bringen, wie der Prozess der Selbstbehauptung nach dem Modus ‚Mythos‘, ‚Scholastik‘ und ‚Rationalismus‘ aussehen könnte (und innerhalb dessen untergründig auch immer schon ausgesehen hat, nämlich ‚metaphorisch‘). Interessant wäre auch, ob Luhmann Blumenbergs Arbeiten rezipiert hat (und umgekehrt), insbesondere in Bezug auf die Figur des Beobachters, die ja zentral im Schiffbruch mit Zuschauer verhandelt wird. In der Studie untersucht Blumenberg des Prozess des Verschwindens des sicheren Beobachterstandpunkts als konstitutives Moment der Ausbildung des historischen Selbst-Bewusstseins.