Kritik war ein Machtkonzept 1

von Kusanowsky

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Für die Ausbildung des modernen Zivilisationsmythos („Menschenwürde“) tippe ich auf einen sozialen Vertrauensbildungsprozess in Bezug auf ein Menschenvermögen, das sich nicht mehr auf das Apriori der absoluten Wahrheit eines übergeordneten und außerweltlich gefassten göttlichen Willens zu verlassen brauchte. Die Ausbildung des modernen Zivilisationsmythosgeschah, wie dies das transzendentalphilosophische Konzept vorsah, indem das Menschenvermögen (Wahrnehmung, Vernunft, Verstand, Gefühle, Triebe) nicht selbst als absolut und omnipotent aufgefasst wurde, sondern indem Selbstreferenz diejenige Operation darstellte, durch welche die Notwendigkeit zur Entparadoxierung des Sinnverstehens gleichermaßen zur Kontingenz wie zur Wahrheit seiner Ergebnisse beitrug: Wahrheit insofern, da Eindeutigkeiten möglich sind; Kontingenz insofern, da darauf kein letztendlicher Verlass ist. Darauf angepasste soziale Strukturen differenzieren gleichsam die Verlässlichkeit des Unzuverlässigen.
Und da Menschenvermögen der historische Ausganspunkt für diesen Vertrauensbildungsprozess war, wurde, sobald sich Regeln und Ordnungsmuster von Vertrauensstrukturen plausibel erhärteten, dieser Ausgangspunkt zur normgebenden Standardisierung von Erwartungen.
Das Ergebnis ist eine Welt, die sich als eine von Menschen gemachte Welt in Erfahrung bringt und aufgrund dieser Art der Empirie eine ganz andere Art von Empirie fast gar nicht mehr zulässt.

So war Kritik ihrem Herkommen nach ein Machtkonzept, das sich unter höchst schwierigen Bedingungen zuerst provokativ gegen die Tradition der alten Gesellschaft und dann rechtfertigend gegen sich selbst durchsetzte. Dieses Machtkonzept konnte provokativ deshalb entstehen, weil die Wahl der Selbstreferenz keine doppelt kontingente Akzeptanzbedingung darstellte. Die Fähigkeit zur Provokation ergab sich aus Selbstschikanierung der Wahrnehmung, aus einem Eigenwillen zur Konzentration und Sinnverstehensmöglichkeiten, aus einem Selbstantrieb zur Übernahme einer Argumentationslast, mit der zugleich zugleich die Verantwortung für das Scheitern übernommen wurde. Dies nenne ich den Ausgangspunkt für das Konzept der faustischen Genialität.
Die Notwendigkeit zur Rechtfertigung von Kritik gegen Kritik ergab sich schließlich aus den Resultaten dieser Provokation, nachdem das Konzept der faustischen Genialität sich reflexiv auf sich selbst bezog.

Ein schönes Beispiel für die provokative Wirkung dieses Machtkonzepts liefert Biographie von Galileo Galilei. (Ich beziehe mich hier auf die Biographie von James Reston: Galileo Galilei. Eine Biographie. München 1998).

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