Misstrauen macht inkompetent

von Kusanowsky

„Beim Ringen um Wahrheit darf der Künstler sich nicht schonen, bloß weil er ein Mensch ist.“ (Herkunft)

Eine solche Einsicht hätte von Platon, Augustinus oder auch noch von Luther stammen können. Die antike und mittelalterliche Tradition pflegte ein hartnäckiges Misstrauen gegen alles Menschenvermögen, da alles Menschenvermögen (Verstand, Vernunft, Gefühle) nicht ausreichte um die Tatsache der Wahrheitsfähigkeit erklären zu können. Wie ist es möglich von Wahrheit zu wissen, wenn Menschen aufgrund ihrer Unvollkommenheit, ihrer leiblichen Erpressbarkeit, ihrer Korrumpierbarkeit, Empfindlichkeit und Verführbarkeit die Wahrheit gar nicht aus sich selbst heraus gewinnen können? Wo sollte sie herkommen, wenn sie offensichtlich möglich ist? Ich vermute, dass die Menschen der alten Welt beständige Minderwertigkeitsempfindungen mit sich herum trugen. Sie durften sich nicht selbst erheben, ihnen war Mutlosigkeit und Vergebungsverlangen auferlegt. Zur Entschädigung war ihnen ein grandioser Zivilisationsstolz angeboten: die Unsterblichkeit der Seele – ein Angebot, das ohne die Angst und Verführbarkeit von Menschen gar nicht akzeptabel gewesen wäre.

Dieses von einer ganzen Kultur geprägte Vertrauen auf Gott und Misstrauen gegen alles Menschenvermögen nenne ich den apollinischen Vermeidungsirrtum, der ein letztes Mal noch von Martin Luther, in der Zeit der Reformation gerettet wurde, dies allerdings unter Bedingungen, die diesen Rettungsversuch als völlig aussichtslos erscheinen ließen, da erste Strukturdifferenzierungen einer neuen Gesellschaft sich schon angekündigt hatten. So waren Reformation und Renaissance eigentlich die ersten modernen Diskurse, die auf dem Umweg der Wiedererinnerung und Rettung eigentlich nur einen neuen Weg freigaben. Rettung und Wiedererinnerung waren gleichsam nur Legitimitation für eine Vergessensleistung der Kultur.

Diese neue, moderne Gesellschaft entwickelte ein Vertrauen in Menschvermögen, dies allerdings unter der Voraussetzung, dass nicht alles Menschenvermögen fähig ist, die Wahrheit zu erkennen. Die Lösung lautete, dass die Vernunft zur Selbstbezwingung fähig ist und alles andere, das nicht bezwingbar ist, liefert Wahrheiten allenfalls in Gefühls- und Glaubenfragen, welche allerdings höchst unbeständig seien und keine sichere Grundlage darstellen. Das nenne ich den transzendentalen Vermeidungsirrtum: Misstrauen in Menschenunvermögen.

Dieses Misstrauen in Menschenunvermögen scheint mir nun selbst an eine Kpazitätsgrenze zu kommen, weil spätestens mit dem Internet nun deutlich wird, dass Steigerung der Kritikfähigkeit nicht mehr gelingt, weil auch die Störfähigkeit nicht mehr weiter gesteigert werden kann. Kritik ist auf dem Wege der Internetkommunikation immer noch möglich, aber sie läuft ins Leere, wenn alle Beteiligten durch Bildschirmfesselung ihre Sanktionsrechte aufgeben. Das Internet wird deutlich machen, dass Menschenvermögen automatisiert und rationalisiert werden kann, aber nicht das Menschenunvermögen

Was fangen wir also mit diesem Zauberding an? Der aktuelle Stand der Dinge lautet immer noch: steigere deine Kritikfähigkeit. Aber je doller das getrieben wird umso aufdringlicher fällt diese Trollerei auf.

Meine Überlegung lautet deshalb: es wird Zeit auch noch Vertrauen in Menschenunvermögen zu gewinnen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine Forderung, die erfüllt werden müsste. Sondern: auch ihre Nichterfüllung wird es möglich machen, dass wir Vertrauen in Menschenunvermögen entwickeln können, weil es scheint, dass es zur Freiheit keine Alternative gibt.

Internetkommunikation scheint mir jedenfalls bis jetzt eine beinahe reibungslos funktionierende chaotische Irrtumskommunikation zu sein, die eine performative Selbstreflexivität zustande bringt, wodurch ein Vertrauen in Menschenunvermögen immer aufdringlicher wird.

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