Betrifft: die Forderung nach Allgemeinverständlichkeit #evergreen
von Kusanowsky
Die Forderung nach Allgemeinverständlichkeit darf legitimerweise nur von Jorunalisten, von Automaten oder von sog. freien und mündigen Bürgern (auf die Feinheit solcher Unterschiede kommt es jetzt nicht an) erhoben werden und darf nur an solche Personen des öffentlichen Lebens gerichtet werden, denen aus politischen Gründen das verfassungsmäßige Recht auf Betrug eingeräumt wird, gemeint sind damit Politker und Bankmanager.
Alle anderen werden für Betrug bestraft, sei es auf juristischem Wege oder auf dem Wege der Exkludierung durch Konkurrenz.
Für mich gilt: weder bin ich Politiker noch Bankmanger. Ich hafte also für das was ich verspreche, und nicht für das, was ich nicht verspreche. Wer eine mangelnde Allgemeinverständlichkeit meiner Sprache bemerkt sollte entsprechend auch bemerken, dass die bloße Tatsache meines Sprachgebrauchs noch gar kein Versprechen darstellt. Die Tatsache des Sprachgebrauchs ist noch nicht mit einem Versprechen über Verständlichkeit verknüpft. Jedenfalls wüsste ich realistisch gesehen nicht, wie eine solche Verbindlichkeit zustande kommen könnte.
Es sei denn, dass diejenigen, die das nicht bemerken, irgendwelchen illusorischen Utopien anhängen, die als Versprechen fungieren und die jeder ungeprüft und zwangsweise akzeptieren sollte. Wäre dies tatsächlich so, müssten wir also die Versprechungen irgendwelcher illusorischer Utopien ungeprüft akzeptieren, so wären wir alle irgendwie Journalisten, Automaten oder sog. freie und mündige Bürger und dürften die Forderung nach Allgemeinverständlichkeit stellen. Die große Utopie könnte lauten: die Welt sollte für alle, ja, sogar für alle auf gleiche Weise verständlich sein.
Aber: dann müsste diese Forderung jeder an jeden richten, und wer sollte dann noch Gelegenheit haben, sie zu erfüllen? Wir wären ja beinahe alle aufgrund dieser Unmöglichkeit von einer Erfüllungspflicht befreit, und dies obwohl eine solches Recht nur das Privileg von Politikern und Bankermanagern ist.
Und ferner, und viel schlimmer: wer, der etwas auf sich hält, will so tief sinken?
Und außerdem: man nenne mir eine Utopie, die so allgemeinverständlich formuliert wäre, dass sie jeder verstehen könnte.
Das macht natürlich keiner.
Ja nee, alles klar, weiste Bescheid.
Du erklärst Kritik gerne für gegenstandslos und kommst nicht damit klar, wenn Du kritisiert wirst – das ist der eigentliche Grund für Deinen eingebildeten Evergreen, nicht Deine Schreibweise.
„das ist der eigentliche Grund für Deinen eingebildeten Evergreen“ – na gut. Dann hat die Welt den eigentlichen, den wahren, den wirklichen, den dahinter steckenden Grund zur Kenntnis genommen. Deine Entlarvungskritik, die Aufdeckung dieses Missstandes ist perfekt gelungen. Und nun? Welche verbindlichen Konsequenzen hat das denn jetzt? Keine weiteren, jedenfalls keine verbindlichen. Du hast tüchtig und zuverlässig irgendetwas mit großer Gewissheit erkannt, durchschaut und der ganzen Welt frei zugänglich gemacht. Du hast dies getan ohne Erwarttung auf Gegenleistung, ohne Erwartung auf: Belohnung, Beförderung, Privilegierung, Anerkennung einer übergeordneten Kompetenz, Titel, Ehren, Auszeichnungen, Karriere, ja sogar ohne Erwartung auf Dankbarkeit.
Andersherum gefragt: deine Tüchtigkeit in allen Ehren, aber: wen interessiert verbindlich was ich schreibe? Und: wen interessiert verbindlich, was du über das schreibst was ich schreibe? Die Adresse des Interesses, des Engagements, dieser Tüchtigkeit ist anonym.
@Kusanowsky : Schön, dass Du so ruhig, sachlich und cool dem Kontrahenten gezeigt hast, dass er mit seiner kritischen Bemerkung ja schliesslich nichts weiter geleistet hat, als geradezu mit empirischer Härte zu zeigen, dass alles nun genauso ist, wie Du es ja zuvor beschrieben hast.
Einer Floskel muss ich allerdings mit (meinem) heissem Herzen widersprechen: MICH interessiert es immer brennend, was Du schreibst. Und das gerade auch deshalb, weil ich durchaus oft Kniebeugen machen muss, um die Grundlagen und die Stossrichtung Deiner jeweiligen Argumentationsketten zu begreifen. Aber ich will mich immer – auch wenn ich schweige, weil ich mal nur lese – an Deinen provokativen wie aber auch sehr sorgfältig durchdachten Texten reiben: zu meinem eigenen Nutzen ! Für mich hat sich diese Mühe immer und allemal gelohnt. Möglicherweise werden wir beide damit zwar nicht weltberühmt, aber ich bin sicher, darauf hast Du es ja auch gar nicht angelegt. Aber: ein Mann muss einfach öffentlich bekennen, was er denkt und was er tut. Ich halte es ja auch so. Ob die anderen dabei vom Pferd fallen oder uninteressiert auf ihren semantischen Gäulen weiter durch ihre Welten reiten: sei’s drum. Wir werden weiterhin sagen, was nach unserem Dafürhalten zur jeweiligen Sache gesagt werden muss und gesagt werden soll.
dieterbohrer
Die Adresse des Kommentar-Absenders spielt tatsächlich keine Rolle. Es ist ein anschlussfähiger, pointierter Kommentar.
Mich erinnert das an Karl Poppers Hegel-Kritik. Dazu fällt mir ein, dass ich selbst diese Sicht viele Jahre lang geteilt habe. In den letzten 10-20 Jahren erfährt Hegel aber zunehmend eine Rehabilitierung (z.B. seine Beiträge zur Mathematik).
Die Frage lautet also: Gibt es bei Systemtheoretikern eine intrinsische Notwendigkeit zur Abstraktion? Wenn man abstrakt=unverständlich setzt, dann ist auch ein Gödel unverständlich.
Eine Kompression vieler auf #differentia dargereichten Gedanken mag a posteriori möglich erscheinen. In der Entstehungsphase einer Theorie ist das eher schwierig. Und eigentlich leben wir in einer Zeit, in der es nicht mehr um Antworten, sondern um richtige Fragen geht. Und da findet man in den Blogposts hier so einige.
Lieber Thorsten, noch mal zurück zu dem Anfangskommentar:
„Du erklärst Kritik gerne für gegenstandslos und kommst nicht damit klar, wenn Du kritisiert wirst – das ist der eigentliche Grund für Deinen eingebildeten Evergreen, nicht Deine Schreibweise.“
Jetzt kann man erkennen, dass bereits die Freischaltung von Kommentaren eine kritische Operation ist, und zwar: jede Freischaltung eines jeden Kommentars, auch die Freischaltung dieses oben zitierten ersten Kommentars. Der Mitteilung nach lautet die Aussage, dass ich mit Kritik nicht klar käme, aber die Information der Freischaltung dieses Kommentars lässt diese Aussage für unzulässig erscheinen. Denn: bereits die Freischaltung ist eine kritische Operation. Die Freischaltung informiert über Zulässigkeit dieser Kritik. Aber wie soll man das erklären, wie kann man das kritisch zur Kenntnis bringen?
Völlig unverhofft, gleichsam zufällig meldet sich ein Troll unter deinem Namen bei mir und begehrt ebenfalls Freischaltung eines Kommentars. Und nachdem ich auch diesem Begehren statt gebe erkennst du, was ich dir vorher niemals mit Argumenten hätte deutlich machen können: die Freischaltung geschieht unkritisch, diese genauso wie jede andere. Diese unkritische, teilnahmslose, nicht eigennützige Handlung garantiert also die Kritikfähigkeit. Kritikfähigkeit wird dadurch gesteigert, dass unkritisch jede Art von Kritik zugelassen wird. Und mein Argument besagt: jede Art von Kritik ist zulässig, auch die Beleidigung, allein durch die Tatsache der Freischaltung.
Aber prompt erkennst du: in ersten Fall hattest du meine Freischaltungshandlung als legitim erachtet, weil sie deiner Kritik statt gab. Jetzt willst du meinen, dass meine Freischaltungshandlung, da sie wegen offensichtlicher und grundloser Beleidigungen gegen dich verwendet werden kann, nicht legitim ist und möchtest wünschen, ich soll doch ganz unkritisch diesen Kommentar nun löschen.
Was was jetzt? Kritisch bin ich dann, wenn ich dir zu Gefallen bin, und nicht, wenn ich es nicht bin? Dein Gefallen soll mir Auskunft geben über meine Kritikfähigkeit, wenn dein Gefallen wie sich erweist, hochgradig opportunistisch geschieht? Mal so, mal so. In allen Fällen sollte ich immer derjenige sein, der, wenn es zu Unnehmlichkeiten kommt, bequemerweise der Schuldige sein müsste. Weil deine Kritikfähigkeit wohl offensichtlich sakrosankt gegeben ist.
Mein Vorschlag würde lauten: ich lösche diese und alle anderen Kommentare, wenn du mir meine mangelnde Krtikfähigkeit vollständig widerspruchsfrei erklärst; wenn du mir also deine eigene Kritikfähigkeit beweist.
Was hältst du von diesem Vorschlag?
Das sehe ich auch so. Aber warum belästigen mich andere Leute mit der Forderung, mein Geschwalle ebenfalls zu kürzen? Ich hab zwar auch nichts zu sagen, aber das geht niemanden etwas an. Oder etwa doch? Nun gut. Es scheint irgendwen etwas anzugehen, aber dafür kann ich doch nichts.
Warum reg ich mich eigentlich darüber azuf? Die Frage soll mir auch mal jemand beantworten.
Du regst Dich darüber auf, weil Du entweder solche Lust beim Rumgeschwaller verspürst, daß die Forderung der Leute wie eine Forderung nach zölibatärem Leben bei Dir ankommt oder weil Du enttäuscht darüber bist, daß sich keiner die Mühe machen will, sich durch Dein Geschwaller durchzukämpfen und Du Dich dadurch unverstanden und ungeliebt fühlst.
Die Leute belästigen Dich, weil sie erstens glauben, daß sprachlich darstellbare Zusammenhänge wie eine wilde Formel wären, die man durch geschicktes Herumrechnen zu a = b + x einkürzen könnte und das solle man doch gefälligst vorher selbst machen. Zweitens können sie den in ihnen mehr oder weniger bewußt dräuenden Verdacht nicht ertragen, da könne jemand schlauer sein als sie, doch sie können es nicht überprüfen, weil sie nichts verstehen und sie verstehen nichts, weil sie vielleicht wirklich dumm sind. Dieser Verdacht wird dann auf den anderen projiziert, der in Wirklichkeit dumm sei und sich nur hinter Geschwaller versteckt, damit alle anderen denken, er sei schlau und die anderen dumm, weil sie nichts verstehen.
Also am Ende alles wieder nur ein Sch***vergleich?
https://twitter.com/kusanowsky/status/350919991257862144
Soziologisch gesehen geht es um Strukturen, i.e. Erwartungserwartungen. Aber das ist natürlich alles sehr kompliziert.