Kann man noch Irrtum kommunizieren?
von Kusanowsky
Ein many-to-many-Verbreitungsverfahren (Mailinglisten, Twitter, Blogs) lässt eine kommunikative Situation entstehen, die es unmöglich macht, jeder Art von Wahrheit eine soziale Relevanz zuzuordnen. Wahrheit lässt sich auf diesem Wege zwar thematisieren, aber weder lässt sie sich ontologisieren noch kommunikativ operationalisieren.
Damit ist nicht gemeint, dass die beteiligten Menschen jedes Verständnis für Wahrheit verlieren würden, und auch nicht, dass über Wahrheit nicht anschlussfähig kommuniziert werden könnte. Gemeint ist nur, dass wenn Wahrheit dennoch ermittelbar wäre, sie sich allenfalls nur solche Banalitäten beziehen kann, die für die Kommunikation gleichsam ein Mindestbedingung bereitstellen, die zu leugnen einen so hohen Aufwand erzeugen würde, dass die Kommunikation gar keine Chance hätte, solche Banalitäten dauerhaft prominent zu behandeln. So etwa die Wahrheit, dass ein geschriebener Text aus Worten besteht oder, dass Wörter aus Buchstaben bestehen. Das ist wahr, aber so banal, dass wer dies leugnen wollte, sich relativ schlechte Erfolgschancen einhandelt.
Aber alle relevanten Angelegenheiten, die durch ein solches many-to-many-Verbreitungsverfahren entstehen könnten, können nicht ausreichend auf Wahrheit überprüft werden: eine Gesamtmenge der Teilnehmer ist nicht feststellbar, eine Eindeutigkeit über Mehrfachbeteiligung ist nicht gegeben, auch nicht eine vollständige Kenntnis der Identität der Personen und das Verhältnis von Anonymität und Pseudonymität der eingeschriebenen Adressen. Und unter der Voraussetzung, dass Strukturen der esoterischen Exkludierung nicht garantiert sind, weil jeder jederzeit mitmachen, Adresse wechseln oder aufhören kann, zerfallen alle Themen in hochkontingente Sinnelemente, deren unterscheidbare Zuordnung auf den Unterschied von Information und Mitteilung sehr schwierig und darum unwahrscheinlich ist.
Kein Beitrag zur Forsetzung dieser Art von Kommunikation liefert eine Grundlage für Entscheidungen, die auf der Basis dieser Art von Kommunkation getroffen werden könnten. Entscheidbar ist für die Kommunikation nur die Fortsetzung der Kommunikation. Man könnte auch sagen, dass ein many-to-many-Verbreitungsverfahren alles zulässt, mit Ausnahme der Möglichkeit, dass eine Wahrheitsreferenz diese Art von Kommunikation limitieren könnte.
So wäre ein many-to-many-Verbreitungsverfahren gleichsam eine fast reine, enorm entropiesteigernde Irrtumskommunikation. Aber diese Überlegung ist genauso irreführend wie alles andere. Denn wovon unterscheidet man noch Irrtum, wenn Wahrheit wegfällt? Hieße das nicht auch, dass aller Irrtum wegfällt?
Ein großer Teil der Immunreaktionen, die durch Internetkommunikation gegen die Internetkommunikation verbreitet werden, scheint daraus zu resultieren, dass Ansprüche an Wahrheit einerseits immer noch gestellt werden, auch dann, wenn diese Ansprüche gar nicht mehr differenziert expliziert werden können, andererseits wird das Scheitern aller Wahrheitsfindung nicht selbst als eine stabile soziale Funktion gesehen, sondern als ein erfolgsvernichtender Misstand. Tatsächlich ist diese Betrachtungsweise selbst völlig irre, weil die Kommunikation nur deshalb sehr erfolgreich funktioniert, weil keine andere Entscheidung notwendig ist als nur die, dass die Kommunikation weiter geht.
Diese Immunreaktionen scheinen darum sehr viel Plausiblität zu erzeugen, weil nicht verstehbar werden kann, dass auch der Wegfall von Irrtum eine Möglichkeit dieser Art von Kommunikation ist. Und wenn Irrtum dennoch von Relevanz sein kann, dann würde sich die Frage stellen, wie Irrtum noch unterscheidbar wäre, wenn Wahrheit nicht mehr die andere Seite der Unterscheidung ist.
Die Überlegung könnte sein, dass die Irrtumskommunkation eines many-to-many-Verbreitungsverfahrens eine rein performative Irritabilität erzeugt.
@Kusanowsky : also mein Bauch sagt mir, Du bist im recht, Du hast die Sache, die ich selber auch gar nicht als eine Misere anschauen möchte, glasklar auf den Punkt gebracht: So ist es nun faktisch, meckern hilft nicht, weinen auch nicht, aber es hat ja auch niemand, der noch ganz wach und bei Trost ist, Wunden. Niemand ist verletzt, keiner soll sich gekränkt fühlen, alle dürfen weiter mitmachen. Wer Blödsinn schreibt, wird einfach nicht ernst genommen und wird mühelos als Kommunikationsballast mitgeschleift, für ihn keinen schöne Lage, aber das entscheidet er selber.
Die andern, das sind Luhmanns Ruderer in den Galeeren, von denen er so heiter und sachgewiss gesagt hat: In der Gesellschaft, also in der Kommunikation, also in der kommunikativen Gesellschaft oder – von mir aus – in der gesellschaftlichen Kommunikation, in diesem allemal lustigen und aufgewirbelten Meinungszirkus macht ein jeder auf eigene Gefahr seinen Handstand oder Kopfstand, wie es ihm beliebt. Wörtlich hat er bekanntlich zweischöne Sätze gesagt: 1) In der Kommunikation, also in der Gesellschaft, zähle ein jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren. Und 2) ALLES Gesagte könne eben allemal auch ganz anders gesagt werden. Und davon machen wir eben heiter Gebrauch. Ein Jeder Clown, ein jeder Könner, wird seine Bewunderer finden und seinen verdienten Fünf-Minuten-Beifall. Darauf aber kommt es ja gar nicht an. Entscheidend ist, das es einem jeden bewusst wird: wir leben noch, niemand ist eingeschlafen, wir alle schmieden mit Worten an den Waffen des Denkens für morgen. Nichts wird verloren gehen, alles kann zu der Zweit , wo und wann es gebraucht wird, mit ein paar Klicks aufgerufen und dann zeitgerecht und zeitgemäss operationalisiert werden. Das Denken ist nun für alle sichtbar in seiner historischen und demokratischen Phase der absoluten Selbstorganisation angekommen. HEUREKA ! Eine schöne Zeit ist angebrochen, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen “
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aks @rudolfanders aus Bad Schwalbach.
„Das ist wahr, aber so banal, dass wer dies leugnen wollte, sich relativ schlechte Erfolgschancen einhandelt.“
Nur so als Tipp: So kann man verschiedene Regelsätze in einem Spielfeld unterbringen und so feststellen, welche Strukturen in beiden Welten funktionieren. (s. Conway’s „Game of Life“)
Auf welchen Irrtum spielst du damit an?
@kusanowsky Du vermutest eine Irrtumswahrscheinlichkeit kleiner eins oder besser, Du gestattest in Deinen Betrachtungen Minimalwahrheiten. Wenn diese auch weiterhin (Internetkommunikation) funktionieren, hast Du ein Strukturelement differenziert, ohne dass Du Dich aus Deinem Regelsatz (Kusanowksysein) herausbewegen musstest. Oder ist das jetzt völliger Quatsch und ich sehe einen elementaren Fehler nicht?
hmmm … noch mal:
dieses many-to-many-Verbreitungsverfahren ist eine idiotensichere Maßnahme zur Herstellung von Irrtümern aller Art. Stelle dir eine Liste vor, in der 10 Adressen eingetragen sind. Eine davon ist deine und du weißt von dir, dass du keine weitere Adresse eingetragen hast. Wenn nun alle Adressen in einer Kommunikation auftauchen, so kannst du nicht wissen, ob Mehrfachbeteiligung geschieht und wie sie genutzt wird. Denken wir uns eine ganz krass-hypothetische Möglichkeit, dass du nur eine weitere Person beteilgt ist, welche allerdings neun verschiedene Adressen benutzt:
Ben schreibt: Mein Hund ist ein Allesfresser.
Adresse1: @ben Hunde sind doch keine Schweine!
Adresse5: @adresse1 Ben meint ja nicht Schweine, sondern Allesfresser. Meiner frisst sogar Platiktüten
Adresse2: @adresse5 Was meinst du mit Plastiküten?
Ben: @alle – das will jetzt mal klarstellen. Ich unterscheide generell zwischen Hunden und Allesfressern. Und meiner ist einer!
Adresse1: @ben Schweine sind aber auch Allesfresser!
Adresse4: @adresse1 Bist du ein Schwein?
Adresse1: @adresse4 Das ist eine Beleidigung.
Ben: @adresse1 Können wir das nicht sachlich ausdiskutieren?
adresse10: @ben Was meinst du mit Sachlichkeit?
adresse9: Vorsicht! Adresse1 ist ein Troll.
ben: den Verdacht hatte ich auch schon. Dann sind wir uns ja einig. Don’t feed the trolls.
adresse6: @ben jawohl, so ist das richtig.
usw …
Der arme Ben kann natürlich nicht überprüfen, wie viele verschiedene Personen mehrfach in dieser Liste eingetragen sind. Wenn er weiter so tüchtig diskutiert, kommt er bestimmt ins Nirwana. Nur die zweite Person könnte wissen, dass nur eine andere Person beteiligt ist, weil sie selbst neun Adressen eingetragen hat. Das würde sich aber sofort ändern, sobald weitere Adressen eingetragen werden. Eben das ist bei Twitter der Fall, aber auch in jeder anderen Mailingliste oder jedem Blog.
Daraus muss man den Schluss ziehen, dass kritische Diskussionen zu gar nichts führen, oder besser: die kritische Diskussion ist unter dieser Bedingung eine reine Trollkommunikation, die von allen Beteiligten betrieben wird, auch von denen, die die Vermeidungsparole „don’t feed the trolls“ für richtig halten.
Deshalb müsste man die Frage stellen, wie man die Intelligenz einer solchen Trollkommunikation steigern kann, wenn man es nicht lassen will. Und die Antwort könnte lauten: „Feed the trolls!“ – Setze die Kommunikation von Irrtum fort, denn das Arrangement ist auf vollständige Irrtümlichkeit angelegt. Und alles andere, das sich nicht als Irrtum erweist, ist zwar wahr, aber banal.
So frage ich mich, wie man auf Nichtbanales, das durch diese Art der Kommunikation unterscheidbar wird, reagieren kann. Alles Nichtbanale wäre irgendwie immer mit irgendwelchen Irrtümern behaftet und wäre als solches relevant. Aber was soll man dazu noch sagen, das ebenso nicht banal wäre?
Vielleicht sollte man das Twitter-Volk aus Sicht von Anthropologie und Linguistik mal exakt nach den Methoden beschreiben, wie man es bei einem neu entdeckten Urwaldvolk im Amazonas tun würde.
Beim Stöbern nach frühen linguistischen Konzepten bin ich auf Saussures Unterscheidung von Signifikat (Konzept, Inhalt) und Signifikant (reines Objekt) gestossen. Ein anthropologischer Beobachter käme m.E. zur Einsicht, dass eine der vorherrschenden Kommunikationsformen beim Twittervolk die Affirmation von Signifikant (aka retweeten) ist. (Strukturisomorph zur Ameisenintelligenz). Die Kategorie Wahrheit/Irrtum beträfe das in den Hintergrund tretende Signifikat. Was könnte das beim Twittervolk sein? Ich würde zum Beispiel postironische Aussagen dem Signifikat zurechnen – doch sind diese auch beobachtbar?
Literatur
Roland Barthes: Mythen des Alltags
Klicke, um auf Mythen_des_Alltags_excerpt1.pdf zuzugreifen
Ferdinand de Saussure: Arbitrary Social Values and the Linguistic Sign
Klicke, um auf ArbSocVal.pdf zuzugreifen
„Ich würde zum Beispiel postironische Aussagen dem Signifikat zurechnen – doch sind diese auch beobachtbar?“ – Schöner Hinweis. In diesem zusammenhang fällt mir dieser zurück liegende Artikel ein: Wahre Freiheit der Internetanarchie https://differentia.wordpress.com/2011/12/01/wahre-freiheit-der-internetanarchie/
Das (Internet als) Kommunikationsmedium sei ein Zellularraum zur Modellierung räumlich diskreter dynamischer Systeme. Innerhalb dieses Raumes existieren Felder bestimmter Regelsätze. Twitter stelle ein Feld in diesem Zellularraum dar. Kommunikanten segmentieren dieses Feld durch ihre kommunikativen Handlungen und modifizieren den dem Feld zugrundeliegenden Regelsatz. Kommunikative Handlungen werden hierbei als Casting von Objekten verstanden. [Einige typische Objekte lassen sich aufgrund eventuell vorhandener besonderer Eigenschaften in Klassen einteilen: sie verschwinden, bleiben unverändert, verändern sich periodisch (oszillieren), bewegen sich auf dem Spielfeld fort, wachsen unaufhörlich usw. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Conways_Spiel_des_Lebens#Die_Objekte).] Die Segmentierung bzw. die Modifikationen führen dazu, dass Objekte ihre (Klassen-)Eigenschaften verlieren oder verändern.
„Setze die Kommunikation von Irrtum fort, denn das Arrangement ist auf vollständige Irrtümlichkeit angelegt.“ Das Arrangement ist eben nicht auf vollständige Irrtümlichkeit angelegt, der Schluss aber dennoch richtig. Das „Arrangement“, ist darauf angelegt, Banales und Irrtum unter geänderten bzw. sich ändernden Bedingungen gleichermaßen fortzuführen. Banales und Irrtum können als Klassen angesehen werden, die im Sinne des Regelsatzes und den darauf aufbauenden Modifikationen mit höchster Wahrscheinlichkeit ihre Klasseneigenschaften behalten. Bleibt die Frage, „wie man auf Nichtbanales, das durch diese Art der Kommunikation unterscheidbar wird, reagieren kann“, [damit] „man die Intelligenz einer solchen Trollkommunikation steigern kann.“ [Dazu muss man natürlich davon ausgehen, dass es etwas Nichtbanales gibt, das sich kommunizieren lässt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Nichtbanalität Ergebnis eines kognitiven Selektionsprozesses ist.] Eine mögliche Antwort wäre die weitere künstliche Selektion des Nichtbanalen durch den interessierten Kommunikanten (in diesem Fall „man“) über die Proliferation in andere Felder des Zellularraumes.
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Du machst das ja bereits indem Du Inhalte von einem Feld (Blog, Twitter, G+, Kommentare usw.) in andere überführst. Als übergeordneter Beobachter, kannst Du mehr Erkenntnisse über das nichtbanale Objekt gewinnen, als wenn Du das nicht tätest. Btw: David Deutsch verwendet ein ähnliches Prinzip als Grundlage zu seinem Werk „Die Physik der Welterkenntnis“ in Bezug auf quantentheoretische Effekte aus der Perspektive eines angenommenen Multiversums. Da das eingangs dargestellte Szenario Turing-vollständig ist, wird diese Art der Betrachtung auch dort möglich, wie man an Deinem Beispiel sehen kann. Ob und wie effektiv das sein mag, steht auf einem anderen Blatt.
@BenZol Sehr luzide, das gibt zu denken. Der Aspekt Conway scheint mir auch empirisch zugänglich (z.B. Analyse der Dynamik von Clustern). In Bezug auf Facebook könnte ich mir da einen konkreten Algorithmus vorstellen (Schwellenwerte für Verbreitung von Gefällt-mir-Clicks).
„alle relevanten Angelegenheiten, die durch ein solches many-to-many-Verbreitungsverfahren entstehen könnten, können nicht ausreichend auf Wahrheit überprüft werden“
Lieber Rudi, ich hatte behauptet, dass du der Irrtumskommunikation unterliegst, und es kann sein, dass ich mich darin irre, weil die Irrtumskommunikation eigentlich jeden betrifft. Wenn das nicht stimmt und du nicht dem Irrtum unterliegst, dann irre ich mich und das erstaunt mich sehr.Wie ist mein Irrtum möglich?
Magst du mir das ausführlicher erläutern?
https://twitter.com/kusanowsky/status/407600861804630016