Erinnern und Vergessen
von Kusanowsky
Solom saith: There is no new thing upon the earth. So that as Plato had an imagination, that all knowledge was but remembrance; so Solomon giveth his sentence, that all novelty is but oblivion. (Salomon sagt: Es gibt nichts Neues auf der Erde. Und so wie Platon eine Eingebung hatte, daß alles Wissen nur Erinnerung sei; so gibt uns Salomon sein Urteil, daß alle Neuheit nur Vergessen ist.) Francis Bacon, Essays, LVIII.
Motto der Erzählung „Der Unsterbliche“ von Jorge Luis Borges, in: ders.: Das Aleph. Erzählungen. Werke in 20 Bänden, Band 6, hrsg. v. Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt/Main, 8. Aufl. 2009, S. 11.
„Der Heimweg der Seele zu sich selbst durch Erinnerung an sich selbst hatte bei ihr einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ein Wunder! Wo wohnt sie denn?“
„Die digitale Ablenkungsdichte ist so hoch geworden, dass selbst diejenigen unter uns Multi-Taskern, die sich bisher von jedem ADHS-Verdacht freizuhalten vermochten, immer öfter von dem bedrohlichen Lebensgefühl bestimmt werden, keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können. Es ist die Struktur des Internets selbst, die einer Logik der Fragmentierung folgt. Wird sie auch zu einer allgemeinen Denkstruktur werden? Projiziert man die jüngsten Entwicklungssprünge nur einige Jahre in die Zukunft, zeichnet sich tatsächlich das Entstehen von kulturellen Existenzen ab, denen die Fähigkeit, sich dauerhaft auf einen Text, eine Mathe-Aufgabe oder auch nur sich selbst zu konzentrieren, verloren gegangen sein könnte.“
http://m.tagesspiegel.de/meinung/im-dauerfeuer-der-digitalen-reize-das-zerstreute-ich/9453238.html
„Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für das Gedächtnis, sondern nur für die Erinnerung hast du ein Mittel erfunden. Und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. Denn indem sie nun vieles gehört haben ohne Unterricht, werden sie sich auch vielwissend zu sein dünken, obwohl sie doch unwissend größtenteils sind und schwer zu behandeln, nachdem sie dünkelweise geworden sind statt weise.“
Platon Phaidros, 274 c/ 275 a
http://www.noologie.de/infra09.htm#Heading130
Friedrich Nietzsche, aus: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben
Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frißt, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig. Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er seines Menschentums sich vor dem Tiere brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt – denn das will er allein, gleich dem Tiere weder überdrüssig noch unter Schmerzen leben, und will es doch vergebens, weil er es nicht will wie das Tier. Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen: das kommt daher, daß ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte – da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg: so daß der Mensch sich darob verwunderte.
Er wunderte sich aber auch über sich selbst, das Vergessen nicht lernen zu können und immerfort am Vergangenen zu hängen: mag er noch so weit, noch so schnell laufen, die Kette läuft mit. Es ist ein Wunder: der Augenblick, im Husch da, im Husch vorüber, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt doch noch als Gespenst wieder und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks. Fortwährend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort – und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schoß. Dann sagt der Mensch »ich erinnere mich« und beneidet das Tier, welches sofort vergißt und jeden Augenblick wirklich sterben, in Nebel und Nacht zurücksinken und auf immer verlöschen sieht. So lebt das Tier unhistorisch: denn es geht auf in der Gegenwart, wie eine Zahl, ohne daß ein wunderlicher Bruch übrigbleibt, es weiß sich nicht zu verstellen, verbirgt nichts und erscheint in jedem Momente ganz und gar als das, was es ist, kann also gar nicht anders sein als ehrlich.
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Unzeitgem%C3%A4%C3%9Fe+Betrachtungen/2.+Vom+Nutzen+und+Nachteil+der+Historie+f%C3%BCr+das+Leben