Die Irreflexivität des Banalen #oipd13 #spackeria
von Kusanowsky
Der “Open in Public Day” bringt nichts weiter als unseren Alltag an die Öffentlichkeit. Und ja, er ist langweilig und unspannend und sieht nicht immer vorteilhaft aus für uns.
Und provokant! Es entzündet sich an diesen einfachen Dingen sehr schnell Widerspruch, intolerante Reflexe, vermeintliche und echte sexistische Entgleisungen, Verurteilungen und Beschimpfungen. Menschen meinen sich in das Leben anderer Leute einmischen zu müssen, es bewerten, verurteilen, niedermachen. Und ja, ihdl hat recht, auch das hat der oipd13 gezeigt: das betrifft vor allem Frauen. Öffentlichkeit fördert die Intoleranz zu Tage, der unter der Oberfläche unserer getrennten Privatheiten schlummert…
(Meinungsäußerung von mspro zum „Open in Public Day“ vom 30.01.2013)
In der Kurzgeschichte von Edgar A. Poe „Der entwendete Brief“ wird die Suche nach einem Brief erzählt, von jedem jeder der Beteiligten weiß, wo er sich befindet; und trotzdem: trotz allen Fleißes, trotz aller raffinierten Suchmethoden kann er nicht gefunden werden. Der Brief ist verschwunden, obwohl der beauftragte Dektektiv genau weiß wer der Dieb ist und wo sich der Brief befindet.
Wie kann das sein? Die Geschichte erzählt einen unspektakulären, aber raffinierten Trick, um einen Brief verschwinden zu lassen. Der Dieb des Briefes, den er zu Erpressungszwecken verborgen halten will, weiß um die Tatsache, dass er ihn prinzipiell nicht verstecken kann, weil der beste Schnüffler des ganzen Landes mit den modernsten Mitteln kriminalistischer Ermittlungsmethoden ihn doch wieder finden und dem legitimen Inhaber zurück geben wird. Wie kann also der Dieb unter diesen Umständen dennoch das Geheimnis über ein Versteck bewahren, wenn er prinzipell keine Chance hat?
Der Dieb versetzt sich zur Lösung des Problems in die Situation des Detektivs. Dieser würde in allen Ecken, in jeder kleinsten Ritze, hinter jeder Tapete, unter jedem Boden schauen. Jede kleinste Spur, ein paar Krümel, ein Haar, ein Riß, eine Fuge, nichts, aber auch gar nichts würde der Aufmerksamkeit des Detektivs entgehen. Der Dieb weiß: der Detektiv hat den vollständigen Durchblick. Und er weiß, dass der Detektiv vom Dieb weiß, dass der Dieb eben dies vom Detektiv weiß.
Die Lösung lautet, dass der Dieb ein Risiko eingeht: er rechnet damit, dass der Detektiv damit rechnet, dass der Dieb den Brief versteckt habe und verhält sich dazu widersprüchlich, indem er den Brief gar nicht versteckt. Er lässt ihn offen herum liegen, damit rechnend, dass der Detektiv nicht damit rechnet, dass der Brief gar nicht versteckt ist. So passiert es, dass der Detektiv diesen Brief tatsächlich nicht findet, und dies, obwohl das realistisch gar nicht sein kann.
Die Geschichte erzält, wie auf dem Wege der Suche das Versteck entsteht. Die Suche, die Fahndung und Ermittlung, die Analyse, das Graben im Verborgenen erzeugt erst das Versteck. Das Versteck ist aber der öffentliche, ungehinderte und Anblick dieses Briefes und seine zugriffsfreie Präsentation, und aus diesem Grunde ist der Brief für den Detektiv nicht erreichbar.
Wenn man es vermeiden möchte, allzu theoretisch über die Probleme nachzudenken, auf die man sich mit dieser post-privacy-Ideologie einlässt, weil der Zeitdruck und die allgemeine Stressbelastung Geduld und kognitive Härte mindert, so dass man die ganzen Komplikationen nur nach einem Schema der Einfacheit beurteilen kann, so dürfte wenigstens das Nachdenken über diese Parabel von E. A. Poe zeigen, wie aussichtslos diese post-privacy-Ideologie ist. Sie behandelt nur ein alt bekanntes Beobachtungsschema ohne weiteren Erkenntnisgewinn.
Die Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit wird ja gar nicht dadurch aufgehoben, dass man „irgendwas“ für die öffentliche Visualisierung frei gibt. Statt dessen wird nur öffentlich etwas erkennbar, das niemals unerkannt, unbekannt, versteckt oder geheim war, nämlich: das es etwas Privates gibt. Wen kann diese Einsicht überraschen? Wer hätte noch nicht gewusst, dass es irgend etwas privat ist? Aber was immer privat ist, solange es nicht öffentlich einsehbar ist, ist es privat. Und ist es dies nicht, dann ist es nicht privat. Was immer ausgewählt, verbreitet und öffentlich gezeigt wird: weder ist Privates öffentlich noch das Öffentliche privat zugänglich, solange die Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit auf jeder Seite dieser Unterscheidung sozial relevant ist. Sowohl Öffentliches als auch Privates ereignet sich als eine soziale Realität, die diese Unterscheidung verwendet, so dass von keiner Seite aus eine paradoxiefreie Betrachtung darüber möglich ist, was auf der anderen Seite der Fall ist:
privat = privat/öffentlich oder: öffentlich = öffentlich/privat — auf jeder Seite ist es unmöglich, die Unterscheidung nicht auch anders zu behandeln.
So zeigt sich, dass diese #oipd13-Visualisierungsversuche nichts anderes sind, als öffentlich Öffentliches beobachtbar und öffentlich beurteilbar zu machen. Denn: was nicht veröffentlicht, was aussortiert wird, ist nichts Öffentliches und kann öffentlich nicht behandelt werden. Und selbst wenn man glauben wollte, man könnte alles veröffentlichen („Technik frisst Ersthirn“), dann bleibt immern noch die Selektion der Filterblase, die nicht alles einsortieren kann, weil man sonst gar nichts sehen könnte. So muss immer auch etwas aussortiert werden. Anders geht es nicht.
So ist dieser Spackeria-Spaß nur ein geistloses Spiel mit der eigenen Irreflexivität: wenn ich mich oder etwas anderes öffentlich zeige, von dem ich schon weiß, dass das Gezeigte in der Öffentlichkeit nach Maßgabe der Unterscheidung von öffentlich/privat beurteilt wird, dann kommt nur etwas höchst Gewöhnliches heraus, nämlich etwas, was niemals unbekannt, unerkannt oder geheim war und bleiben könnte: ich zeige öffentlich, was öffentlich zeigbar ist. Und solange das geschieht, ist es egal, was ich zeige: meine Wohnung, meinen Schreibtisch, meinen Bildschirm, meine primären oder sekundären Geschlechtsmerkmale. Was ist daran privat? Privat wäre das, was öffentlich nicht zeigbar ist, unabhängig davon, ob ich das will oder nicht. Aber das kann ich nicht zeigen, solange ich die Unterscheidung von privat/öffentlich irreflexiv in hinsichtlich ihrer Paradoxiehaltigkeit behandeln will.
Der Punkt, um den es bei Beobachtung geht und welches das Problem erst relevant ist ein anderer. Nämlich dann, wenn ich dieses oder jenes tue, zeige, sage oder schreibe und dies nicht in Hinsicht auf die Unterscheidung privat/öffentlich, sondern hinsichtlich irgendeiner anderen. Ein Problem entsteht erst dann, wenn ich woanders beobachtbar bin ohne, dass ich dies weiß; wenn also Spionage stattfindet. Erst jetzt können Persönlicheitsrechte, Schutzrechte irgendwelcher Art verletzt werden, nicht, wenn ich selbst auf Schutz verzichte. Und die Spackeria-Aktivsten wollen nun beweisen, dass man ein Immunsystem installieren könnte, indem man die Spionage und ihren denunziatorischen Charakter dadurch vermeidet, dass man ihr zuvor kommt. Aber dieses „Zuvorkommen“ ist keine Spionage, sondern nur eine lang bekannte und eingeübte Veröffentlichungspraxis. Man zeigt irgendwas. Aber damit ist noch kein Beweis für die Möglichkeit von Toleranz erbracht, sondern nur ein Beweis dafür, dass man „irgendwas“ veröffentlichen und dass man öffentlich über alles mögliche reden kann. Aber das ist gewiss keine wirklich interessante Neuigkeit.
Und trotzdem wird so getan, als ginge es um irgendwas Besonderes. Eigentlich wird nur „irgendwas“ veröffentlicht, das mit der Unterscheidung öffentlich/privat zuerst veröffentlicht und dann öffentlich beurteilt wird. Was soll das denn?
Da steckt doch was dahinter. Und was könnte das sein? Es könnte sich dabei um das Zustandekommen des in der Parabel von E.A. Poe erzählten Blinden Flecks handeln. Es wird nämlich durch diese Irreflexivität (etwas Bekanntes, Normales und Gewöhnliches sei nicht zugleich auch das Gegenteil) eine Reflexionsparadoxie versteckt, die nämlich auf das Gegenteil aufmerksam macht: dass nämlich etwas Bekanntes, Gewöhnliches, Normales, Banales auch in die Anführungszeichen des Gegenteils gesetzt werden kann und dies auch ohne, dass dies unbemerkt bleibt. Ja, im Gegenteil: alle wissen es: das Gezeigte ist alltäglich, banal, langweilig; wie die Praxis des Veröffentlichens ebenfalls. Oder ist das Veröffentlichen von Fotos, die irgendwas zeigen, in einem Blog irgendwas Besonderes? – Wohl nicht! Oder eben doch, man müsste nur wissen, was dahinter steckt. Aber es steckt ja nichts mehr dahinter! Stimmt das? Ist denn alles erkennbar? Das wohl auch nicht.
Aber womit hat man es dann noch zu tun, wenn nicht mit einer absonderlichen Form des Self-Trollings? Man weiß es eben nicht. Und dieses „Nichtwissen“ entsteht durch die Veröffentlichung von Veröffentlichtem.
Im Grunde hast Du ja recht und ich glaube, alle Beteiligten sind sich dessen bewusst. Ich finde das Experiment aber dennoch interessant. Zugegeben, imnteressanter als ich es erwartet habe: denn wie in dem Artikel gezeigt wird, gibt es doch Reaktionen, gibt es ja doch Reibungsflächen wo das erwartbar Private in die Öffentlichkeit kommt. Damit habe ich in der Form auch nicht gerechnet, aber es ist so.
Du hast eben nur theoretisch recht. Praktisch reicht es, eine Post-Privacy zu simulieren, um zumindest einen Vorgeschmack auf das zu bekommen, was Post-Privacy heißen könnte.
Was würdest du gegen den Einwand des Self-Trollings einwenden?
Nichts. Ich finde Self-Trolling ist eine sinnvolle Erkenntnismethode.
Was wird erkannt, das ohne diese Methode nicht erkennbar wäre?
Der erwartbaren Provokation (mspros „Reibungsfläche“), auf die die Spackeria mit ihren „Aktionen“ abzielt, liegt ein simpler Trick zugrunde: Es wird implizit versprochen, etwas Privates öffentlich zu machen, obwohl dem – wie du richtig beschreibts – gar nicht so ist. Damit ist das „Experiment“ dann auch nicht besser oder schlechter als beispielsweise ein „Dschungelcamp“ oder andere einfältige Unterhaltungssendungen. Insofern trifft es deine Überschrift ziemlich genau.
„Damit ist das “Experiment” dann auch nicht besser oder schlechter als beispielsweise ein “Dschungelcamp”
Das sehe ich anders. Das Experiment ist in Hinsicht auf die Selbstbeschreibung dümmer als ein Stück Brot. Sie veröffentlichen Fotos, von welchen sie selbst behaupten es seien authentische Dinge, Angelegenheiten oder Ereignisse abgebildet, die einen privaten Charakter hätten. Na sowas! Wer hat das schon mal gemacht? Welch ein Tabubruch! Welche eine Provokation! Man fasst es nicht! Man kann ja nicht einmal spotten, so dumm ist das.
Aber: wenn auch dumm, so wird dennoch etwas irritabel. Aber was kann das sein? Die Antwort auf diese Frage liegt außerhalb der Unterscheidung von privat/öffentlich. Denn diese Unterscheidung in diesem Kontext lässt nur verschiedene Meinungen zu, und auch die sind alles andere als merkwürdig oder selten, wurden schon tausendmal geäußert. Und man kann nicht vermuten, dass eben dies den Beteiligten selbst völlig unbekannt wäre. Und trotzdem funktionieren die Irritationen, die u.a. auch dazu führen, dass ich diesen Arikel schreibe und du diesen Kommentar und ich nun diesen Kommentar über deinen.
Was hier irritabel wird, nenne ich die „apokalyptische Funktion“ des Internets. Dabei handelt es sich ein Proto-Dispositiv der noch unbekannten Möglichen unter der Voraussetzung, dass niemand mehr gut sagen kann, was eigentlich noch bekannt ist, mit Ausnahme der Möglichkeit, dass erst jetzt bekannt wird, dass nicht nur jeder eine Meinung darüber äußern darf (Recht auf Meinung), sondern – anders als davor – jeder auch die Möglickeit dazu hat, also: das Internet ist die Möglichkeit aller möglichen Meinungen und damit auch die Möglichkeit aller möglichen Möglichkeiten.
Diese apoklyptische Funktion bedeutet, dass nun etwas offenbart, enthüllt, augedeckt oder auch aufgeklärt wird, das niemals versteckt, verborgen oder unerklärlich war. Erster Beweis für dieses Proto-Dispositiv ist seine Selbstanwendung: niemand hätte vor dem Internet verstehen können, was sich durch das Internet ändert. Nun, nachdem es das Internet gibt, kann man (neben anderen Dingen) auch herausfinden, dass sich nicht in jeder Hinsicht etwas ändert. Und eben das hätte vor dem Internet nicht verstehbar sein können, weil das Internet ja keiner kannte. Und das heißt: alles ändert sich auch dann, wenn sich nicht alles ändern kann. Eben dies verweist auf das Dispositiv, das solche Argumente möglich macht.
Dieses Proto-Dispositiv verweist auf die Performanz der Kommunikation und schließt ein, dass ihre Verkennung niemals unbemerkt blieb, aber erst jetzt die Irrtabilität unter andere Bedingungen stellt. Aber die sind nicht einfach gegeben, vorhanden, sondern müssen selbst beobachtbar gemacht werden. Und dieses Proto-Dispositiv behandelt darum auch die Frage: wie geht das?
Und dieses Postprivacy-Experiment ist in seiner Dummheit eigentlich nur ein Anfangsfindungversuch. Denn tatsächlich gilt: wer mit etwas anfängt ist ein Anfänger. Daher wirkt dieses Experiment so eigentümlich blöd und naiv. Klar ist es das, aber wie anders als naiv anfangen, wenn man noch nicht weiß wie es geht?
jetzt erst gelesen, großartig.
Nick Haflinger