Die Kostenlos-Kultur des Internets
von Kusanowsky
Jeder kennt diese nicht sehr ausgereifte, aber doch häufig vorgetragene Rede von der sogenannten Kostenlos-Kultur des Internets. Dieser Tweet zeigt wie unausgegoren, unbedacht diese Rede ist und er zeigt, dass es sich dabei tatsächlich nur um ein Lamento handelt, also: ein Klagelied. Beklagt wird nicht eigentlich die Kostenlos-Kultur, denn was wäre das zu Beklagende: dass das Leben etwas kosten müsse, damit man es genießen kann? Und wenn es kostenlos wäre, so könnte man nicht mehr glücklich leben? Wohl kaum. Und da das nicht gemeint sein kann, wird mit diesem Lamento wohl nur das eigene Unbehagen über das gesellschaftlich verbreitete Nichtwissen hinsichtlich eines Ziels dieser digitalen Innovation kultiviert.
Bisher hatte die Gesellschaft auf Veränderung so reagiert: kam eine neue Technologie auf, so reproduzierte und steigert sie damit nur ihre schon bekannten Differenzierungsform, bekannt in der Ökonomie unter dem Stichwort: schöpferische Zerstörung. Alle Innovation leistete bislang immer nur die Steigerung (auch bekannt unter dem Namen Fortschritt) dessen, was sich als das zu lösende Probleme erwies, nämlich: Mangelbeiseitigung durch Wachstum, wodurch genügend Probleme und Mängel erzeugt wurden, die für weitere Investitionen und damit für weiteres Wachtum sorgten. Das Prinzip der schöpferischen Zerstörung war von der Maxime geprägt, dass sich zwar die Verhältnisse ändern durften, aber nur unter der Voraussetzung, dass die Bedingungen (also die Form der sozialen Differenzierung) sich nicht änderten, die die Beobachtbarkeit dieser Verhältnisse garantierten. Alles Neue, das sich bislang zeigte, musste auf Bekanntes verweisen. (Innovationsparadoxie)
Die digitale Innovation scheint diesen Begriff der schöpferischen Zerstörung nun selbst zu zerstören. Und dass es sich um eine Innovation handelt, merkt man daran, dass man es jetzt mit etwas Unbekanntem zu tun bekommt. Das Neue erkennt man ja daran, dass man es nicht kennt und nicht erkennt.
Man könnte diese Paradoxie auch so formulieren: die Kostenlos-Kultur ist gar nicht kostenlos. Sie kostet das Wissen um die Bekanntheit und Vertrautheit mit der Welt (Anonymitätsparadoxie).
@Kusanowsky : manchmal wirst Du mir richtig unheimlich: Du hast eine Art, argumentativ recht zu behalten, die schlichtweg einschüchternd wirken kann. Sofort weiss ich, es ist eine an Ungezogenheit grenzende Taktlosigkeit, das so zu formulieren, denn genau genommen, müsste ich ja mit dem Finger auf mich zeigen uns eingestehen, dass mir all die jahrelange Beschäftigung mit dem differenzierenden Gedankengut dieses schon einmaligen Niklas Luhmann nicht dieselben Differenzierungsfähigkeiten und die Erinnerungskraft an die Konsequenzen seiner Theorie eingebracht haben haben, wie Du sie uns allen mit scheinbar leichter Hand demonstrierst. Dies ist also keine Kritik, sondern eine uneingeschränkte Respektbezeigung.
Was man vielleicht hier alles ableiten könnte, wenn man durch Unterscheiden gut zu Erkennen verstünde, dass schenke ich mir jetzt mal. Festhalten möchte ich aber – für mich selber – es ist immer wieder neu und damit vollkommen überraschend, zu sehen, was man zu sehen bekommt, wenn man sich von der sprachlich möglichen Unterscheidungsbereitschaft selber nicht einschränkt (Grundmaxime der Assoziologie) und sich diese Fähigkeit und Möglichkeit auch von anderen nicht einschränkend vorschreiben lässt.
Auch wenn es nun wie billiges Schulterklopfen aussieht – Du weisst aber, es kann und soll so nicht gemeint sein – mach bitte ungebremst und von allen semantisch schmalbrüstigen Meckerern unbeeindruckt so weiter. Voller schlichtem und anerkennendem Staunen:
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders aus Bad Schwalbach
Manchmal erstaune ich schlicht über mich selber! Danke für diese Erinnerung: selber längst vergessen. Beste Grüsse!