Die Relevanz der Irrelevanz #wikipedia @RaumZeitLabor
von Kusanowsky
Seit August 2012 wird bei Wikipedia eine dieser unbedeutenden Löschdiskussionen geführt. In diesem Fall geht es um die Frage, ob das RaumZeitLabor in Mannheim, ein Bildungsverein für Hacker, eine enzyklopädische Relevanz hat.
Bekanntermaßen kann man jede Frage, ob etwas zutreffend sei, mit Ja, Nein oder Vielleicht beantworten. Und sofern diese drei Antwortmöglichkeiten für beinahe jede so gestellte Frage gelten, kann man eigentlich gar nicht mehr erkennen, warum ausgerechnet diese Frage irgendeine besonderes Bedeutung hätte. Ein solche Frage selbst ist schon banal, so banal, dass man sich fragen muss, warum trotzdem wochenlang eine intensive Diskussion über die Frage geführt wird, ob dieser oder jener Verein enzyklopädisch relevant sei, wenn doch eben diese Frage ob ihres Mangels an eindeutiger Entscheidbarkeit selbst keine Relevanz hat. Warum eine solche unwichtige Diskussion über eine angeblich höchst unwichtige Angelegenheit?
Die Überlegung könnte sein: je länger eine Diskussion dauert, je widersprüchlicher die Gesamtlage erscheint, je mehr Entgegenungen auf Entgegnungen folgen, mehr je mehr Einwände gegen andere Einwände vorgebracht werden, je differenzierter eine Diskussion geführt, umso eher ergibt sich die Vermutung, dass der Gegenstand der Diskussion relevant ist. Gerade die Untentscheidbarkeit lässt auf Relevanz schließen. Die Relevanz des Gegenstandes ergibt sich aus der anhaltenden Diskussion. Denn wofür könnte es sich lohnen, sich fortgesetzt mit irrelevanten Angelegenheiten zu befassen? Eine Pragmatik würde das kaum zulassen.
Bei Wikipedia gelten aber andere Naturgesetze. Dort befassen sich die Diskussionsteilnehmer offensichtlich gründlich und fleißig mit höchst irrelevanten Angelegenheiten. Dort gilt entsprechend die umgekehrte Regel: Je einfacher, je schneller die Relevanz eines Gegenstandes einleuchtet, um so relevanter müsse er sein. Tatsächlich ist es aber so, dass, wenn die Relevanz seines Gegenstandes sofort einleuchtet, man es mit einer Banalität zu tun hat. So zeigt sich schließlich, dass Wikipedia eine großartige Sammlung höchst relevanter Banalitäten ist. Wobei diejenigen Themen, die am eifrigsten diskutiert und gelöscht werden, die eigentlich interessanten Angelegenheiten sind.
@Kusanowsky : es sieht tatsächlich so aus: alle Sätze, die allen sofort einleuchten, verpuffen sofort, weil sie keine weitere Anschlusskommunikation auslösen können, die sich die geringste Mühe machen würde, sie anzugreifen und in Frage zu stellen. Wird aber irgendwo irgend etwas behauptet, das – bildlich gesprochen – gerade einmal das argumentative Haupt aus dem undurchschaubaren Komplexitätssumpf der allgemeinen Kontingenz erheben konnte, dann erhebt die allgemeine unterhaltungsgeile Hydra des wohlfeilen Zweifels ihre schreckenserregenden Gegenbehauptungshäupter und der Meinungssturm bricht los.
Dabei wäre es in solchen Fällen viel ökonomischer, cool und gelassen sich zurückzulehnen und ernsthaft und sachbezogen eine Liste der Fakten anzulegen, die für diesen Streitfall unbestritten sind. Sofort würde man sehen und einsehen, dass man mit (bösen) Geistern ringt und mit (sprachlich) selbstgeschaffenen Dämonen. Noch immer sind wir in den meisten Fällen mit großem Aufwand und Getöse, in argumentatives Blech gehüllt, unterwegs wie ein unverdrossener und willentlich unbelehrbarer Don Quichote, der partout nicht auf seinen halbwegs vernünftigen, pragmatisch gekräftigten Sancho Pansa (des eigenen Bauchgefühls) hören will.
Völker hört nicht unvernünftig auf eure Vernunft, denn die ist nur eine kleine Taschenlampe, die in der noch immer riesengroßen Dunkelheit des Nichtgewussten nicht allzu weit leuchtet. Immer noch tut Aufklärung not, auch wenn es üblich geworden ist, sie irrational zu verleumden. Und noch immer bei aller dieser Methode innewohnenden unablegbaren Beschränkungen ist es erfahrungsgemäss besser, zunächst einmal tatsächlich selber zu denken, um wenigstens zu sehen, ob man mit den einfachsten und bewährtesten Mitteln die modernen Tricks der überintelligenten Scheinargumentationen nicht schlicht und mutig vermutend über den Haufen rennen kann, nämlich über gerade den Haufen des Unsinns, der heutzutage – gefördert vom großen Geld der im Dunkeln munkelnden Großinteressen – öffentlich, aber schwer durchschaubar, von allen gekauften Medien verbreitet wird und – leider – auch verbreitet werden kann. Dagegen hilft nur noch eines: mit allen Mitteln der schlichten Vernunft bis hin zu einer gepflegten Paranoia und einer artistischen Assoziologie als Blogger, als Twitterer entgegen zu wirken: Das ist nicht leicht, es ist eine doppelte Kunst: 1) eine der vernünftigen Selbstbeschränkung (weniger ist meist mehr), und 2) eine hochkreative kunstvolle und künstlerische Angelegenheit von neuen FORMEN in alten (rhetorischen) MEDIEN.
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aks @rudolfander aus Bad Schwalbach.
Relevanz ist in Bezug auf Wikipedia ein grosses Wort, denn Relevanz setzt Denken, Erkennen und Beurteilen voraus. Leider passt dein Begriff von ‚interessanten Angelegenheiten‘ auch nicht ganz. Hier macht sich wieder Heideggers inter esse bemerkbar: die Wikipedia-Autoren berichten aus ihrer persönlichen Situiertheit heraus. Also sind es Inhalte wie Pumuckl, Plastiktüte und Toilettenpapier, die dominieren. (Wikipedia listet Kunststofftüten aus 21 Ländern auf – das hilft mir natürlich bei der Suche nach einer neuen Mathematik).
Es trifft ja nicht nur das RaumZeitLabor. Es fehlt zum Beispiel ein Artikel über den Philosophen Hermann Wein. Für so einen Artikel würde ich sofort Informationen über Plastiktüten aus 10 Ländern hergeben.
[…] ins Leere, weil diese Unterschiede keineswegs klar erkennbar sind. Das heisst übrigens nicht, dass Relevanzunterschiede irrelevant wären, sondern nur, dass alles erst herausgefunden, betrachtet, beurteilt und auch erforscht […]
[…] Relevanz-Diskussionen bei Wikipedia haben etwas sehr Gespenstisches an sich. Irgendeiner schlägt auf mit einem Antrag […]