„Es geht nicht um dich!“ – Ist #Sexismus ein statistisches Problem? #aufschrei

von Kusanowsky

Als junge Frau hatte ich mich ein paar Jahre lang vom Feminismus entfernt. Denn: Ich war beruflich erfolgreich, ohne dass mein Geschlecht auch nur Thema war … Also sagte ich: Altersgenossinnen, stellt euch nicht so an. Wir haben so viel erreicht, der Rest ist Details. Seht her, es geht doch.
Es war eine … Feministin, die mich davon runterholte. Erst hörte sie sich diese meine Ausführungen gelassen und in allen Details an. Dann blickte sie mir fest ins Auge und sagte: “Es geht nicht um dich.” Und begann Zahlen und Fakten zu Frauenbenachteiligung aus der ganzen Welt zu nennen: Lohnunterschiede, die Verteilung von Macht nach Geschlechtern, Einschränkungen körperlicher Selbstkontrolle in kleiner und ungeheurer Dimension, Wahlrecht, Bildungschancen, religiösen Extremismus. Ihre abschließende Frage: “Details?”

Fundort hier: http://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2013/01/aufschrei-es-geht-nicht-um-mich.htm

Dieser kleine Erlebnisbericht offenbart die ganz Tragik des Problems ohne, dass es auf diese Weise verstehbar gemacht werden könnte. Denn die Mitteilung „es geht nicht um dich“ will in diesem Zusammenhang den Glauben an eine Individualitätsproblematik unter einen Vermeidungsvorbehalt stellen. Die persönlich ausgerichtete Mitteilung verweist auf die Information eines angeblichen Kollektivätsproblems. Es ginge bei dem hier zu betrachtenden Problem nicht um dich, um dich, um dich und selbstverständlich nicht um mich und auch nicht um den Absender dieser Mitteilung. Es gibt folglich keinen einzelnen Menschen, um den es geht.
Es geht, so die Belehrung, um die Ergebnisse einer Messung nach Datenerhebung und Vergleich dieser Daten mit anderen Daten, worunter das Geschlecht theoretisch zunächst nicht das einzige relevante Datum sein kann, weil andernfalls noch nicht verstehbar wäre, wie denn die Messergebnisse zu bewerten wären, wenn schon klar wäre, dass die Geschlechterdifferenz das maßgebliche Datum sei. Denn wäre dies so, ja, dann wären Messung und Vergleich völlig überflüssig, weil ja dann schon klar wäre was klar ist.

Da dies aber angeblich vor Messung und Vergleich noch gar nicht klar sein kann, so müsste im Prinzip das Ergebnis der Messung so verwirrend sein, dass man sich fragen müsste, wie das möglich ist, weshalb man nach einem maßgeblichen Beurteilungs- und Entscheidungsfaktor fragen muss. Wie anders wären die Ergebnisse zu sortieren und in Hinsicht auf Relevanz zu verzeichnen, wenn man nicht irgend ein Datum nähme, das Auskunft über den interpretatorischen Zusammenhang geben könnte? Dieses Datum kann aber wiederum nicht durch Abfrage, Zählung, Messung und Vergleich gewonnen werden, weil, wie schon erwähnt, dann wiederum nur eine verwirrende Vielzahl von Vergleichsmöglichkeiten erscheinen würde, die wiederum eines prominenten Interpretationswertes bedürften.

Aber woher nehmen? Welchen und warum?

Diese Frage ist eine Frage der Theorie, nicht der Kontingenz empirischer Komplexität, denn aus dieser ergibt sich nichts Relevantes von selbst. Die Entscheidung über die Wahl eines prominenten Interpretationwertes kann also nicht auf statistischen Ermittlungen beruhen, sondern müsste sich auf „irgendetwas“ beziehen, dessen Evidenz nur theoretisch einleuchten kann. Alles andere ist dann nicht eine Frage der Wahrheit statistischer Erhebungen, sondern eine Rechtfertigungsfrage für die theoretische Wahl eines maßgeblichen Interpretationswertes.

Und ist man an dieser Stelle angekommen, so ist man schon ermüdet und möchte von zuviel Theorie gar nichts wissen, weil allzu theoretisch darf es auch nicht sein. Also wird zur Rechtfertigung kurzer Prozess gemacht und gesagt: es ginge ums Geschlecht; womit nicht gesagt wird, es ging um die Differenz, sondern es ging um Frauen (oder: um Männer, wenn die Frage der Schuldzurechnung gestellt wird). Und wenn doch die Differenz gemeint wäre, dann könnte man die Daten auch anders differenzieren, weil auch andere Differenzen als relevant auffallen. Aber dann könnten auch andere Mess- und Vergleichsergebnisse heraus springen. Aber so funktioniert die Rechtfertigung für die Wahl eines prominenten Interpretationswertes nicht. Also muss was geschehen?

Der Diskurs muss sich auf die Rechtfertigung einer theoretischen Wahl konzentrieren, welche wiederum durch den Diskurs nicht ausreichend komplex diskutiert werden darf. Denn sonst könnte verfehlt werden, was durch den laufenden Diskurs mit Rechtfertigungsdringlichkeit versehen wird.

Es geht bei dem Problem also um ein Verbot: du sollst nur eine und nur eine bestimmte Differenz als maßgeblich erachten und keine andere. Und in dem Maße wie diese Wahl ideologisch sich verhärtet, entstehen Inkommunikablitäten, die es nicht mehr möglich machen, das zu beurteilende Problem auch ganz anders zu betrachten.

Entsprechend ist keine Lösung in Sicht. Es sei denn, die Beobachtungsweisen von Geschlechtlichkeit könnten sich dadurch ändern, dass die Verwirrungen ob einer Identitätszurechnung aufdringlicher werden als eine angebliche Wahrheit darüber.

Das Internet liefert diese Möglichkeit, aber diese werden noch nicht genutzt. Ein entsprechendes Dispositiv ist noch nicht ausreichend entwickelt.

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