#aufschrei – Eine Bemerkung zur kommunikativen Anonymität des Netzes
von Kusanowsky
Insbesondere Twitter (das gilt aber generell für alles, was sich unter dem Stichwort Web 2.0 bemerkbar macht) zeigt, was sich durch das Internet grundlegend ändert. Es entsteht eine kommunikative Interaktion zwischen Abwesenden, die für einander auch unbekannt bleiben können. Das geht, indem Menschen massenweise die Bereitschaft zeigen, sich durch einen Twitter-Account und durch following für Unbekannte ansprechbar zu machen. Da man nun nicht weiß, mit wem man es zu tun bekommt und die Informationsflut in der Timeline jedes Maß für angemessene Reduktion verlieren lässt, so ergibt sich eine Rezeptionssituation des beinahe vollständigen Informationsverlusts. Mit Ausnahme der wenigen Adressen, die man persönlich kennt, weiß man von der überwiegenden Mehrheit seiner Follower eigentlich fast nichts, da die Beschränkung auf 140 Zeichen pro Tweet und die spärlichen Profilangaben nur selten etwas Eindeutiges darüber zulassen, mit wem man es zu tun hat.
In diesem Zusammenhang ist dieser #aufschrei – hashtag ganz interessant. Auffällig wird das Problem der sexuellen Belästigung ja gerade deshalb, da zwischen den Geschlechtern aufgrund köpereigener Affektlagen je unterschiedliche Vorstellungen darüber zustande kommen, was unter sexueller Belästigung oder Flirten eigentlich zu verstehen ist. Gerade aufgrund dieser Unterschiedlichkeit ist das Problem relevant und kann durch Benennung, durch Differenzierung, durch Steigerung seiner sozialen Empirizität gar nicht aus der Welt geschafft werden, weil ja das Affektgeschehen, also die Körpereigenwilligkeit kommunikativ nicht erreichbar ist. So kann zwar eine solche hashtag-Wolke massenweise auf jeder einzelnen Timeline erscheinen, allein, am kommunizierten Problem selbst kann dadurch nichts geändert werden, weil das Problem eben nicht allein durch Kommunikaton bedingt ist, sondern auch durch Körpereigenwilligkeit bei beiden Geschlechtern.
Verfolgt man nun auf der Timeline wie diese hashtag- Wolke aufällt, so stellt man fest, dass, aufgrund der Inkommunikabilität einer Lösung, diese Aktion einen ganz anderen Charakter hat. Die Leute finden auf diese Weise nämlich leicht heraus wen man besser entfolgen oder blockieren sollte, also etwas, das sonst so einfach nicht beobachtbar wäre. Dies geschieht aufgrund der unvereinbaren Empfindlichkeiten, welche kommunzierbar zu machen per Twitter gerade aufgrund des überreduktiven Mitteilungscharakters sehr gut gelingt, weil sofort Affektstimulationen entstehen, die Abneigung oder Zuneigung zwischen Adressen wählbar machen, und dies, obwohl die Menschen sich gar nicht kennen, ja, sich gar nicht begegnen. Obwohl die Körper gar nicht aufeinander reagieren können, weil jeder der vor einem anderen Bildschirm sitzt, ergibt sich die Möglichkeit der Differenzierung.
Allerdings dürfte sich hier das gleiche Phänomen einstellen, das für Massenmedien schon immer beobachtbar war, dass nämlich im Zeitverlauf aufgrund eines ständigen Gedächtnisverlusts bald wieder ein Siutation der Uninformiertheit aller Beteiligten eintreten wird. Es sei denn, solche Empfindlichkeitstestungen passieren häufiger oder sogar ständig: Tierschutz, Religion, Kindererziehung und dergleichen. Erst dann könnte durch Twitter aufgrund dieser Kurzmitteilungsform eine Ordnung durch Vermeidung von Informationsverlust zustande kommen.
Die paradoxe Situation ist also, dass auf diese Weise innerhalb einer höchst unüberschaubaren Komplexität durch die Kurzmitteilungsform auf der Basis einer enormen Informationsreduktion ein Informationsverlust vermieden werden kann.
@Kusanowsky : Zum eigentlichen Thema will ich hier gar nichts sagen, weil es weder meinem persönlichen Lebensgefühl entspricht und ich auch empirisch nichts dazu beizutragen habe. Ich bin im Leben genau elf Frauen begegnet, in genau 65 Jahren, gerechnet vom dem Zeitpunkt an, als eine junge entschlossene Frau, ein Jahr älter als ich, mich liebevoll, einfühlsam und für mich mit überraschenden Gesten von der Last meiner jungmännlichen Unerfahrenheit befreite. Ich habe dann erst um sie geworben, wurde auch erhört und es dauerte lange, schöne gemeinsame vier Jahre. Heiraten durfte ich sie nicht, weil ihr strenger Vater, der ein Duzfreund meines Vaters war, es war sogar sein Schwager, mich – ganz unberechtigt – mit meinem leichtherzigen Vater verglich und der Eheschliessung entschlossen entgegen trat.
Ans süße Leben im Kontakt mit der Weiblichkeit fast schon gewohnt, musste ich mich also umschauen. Als schüchternes Naturell fiel mir das nicht leicht, zumal ich auch noch alles andere war als das, was die jungen Leute heute einen Aufreissertyp nennen. Ums kurz zu machen: die meisten der dann in mehr oder weniger größeren Abständen mir wohlwollend begegnenden Frauen haben fast ausnahmslos – um am Ende eines zufriedenen Lebens unbefangen ehrlich zu sein – stets immer eher mich verführt als ich sie, und das oft mit taktisch und strategisch durchaus sehr dynamischen Mitteln. Ich habe es dann immer dankbar geschehen lassen und brauche wohl nichts davon zu bereuen. Das nicht alles ewig dauern konnte, hat gewiss zahlreiche und von Fall zu Fall auch vollkommen verschiedene Gründe, aber irgendwelche Formen von Gewalt haben dabei niemals eine Rolle gespielt. Mit der letzten dieser zehn Damen bin ich nun seit 55 Jahren verheiratet, die Ehe ruht seit zwanzig Jahren und seit fünfzehn Jahren wohnen wir zwei in einer Fünfzimmerwohnung mit zwei Küchen und zwei Bädern, wobei das Spezifische daran ist, was aber den beiderseitigen Lebensfrieden garantiert, dass eine normale breite Strasse diese gemeinsame Wohnung schiedlich/friedlich zerschneidet, soll heissen: wir wohnen im selben Ort getrennt.
Warum habe ich das erzählt? Weil es mir gefallen hat, was @Kusanowsky über die Möglichkeiten und die Restriktionen persönlicher kommunikativer Begegnungen im Internet als Web 2.0 im allgemeinen und bei Twitter im besonderen ausgeführt hat. Der analytischen Seite seiner geschulten Beobachtungsweise und der daraus resultierenden Beschreibung habe ich nichts Einschränkendes hinzu zu fügen, will ich auch nicht. Nur zur Begegnung unter Unbekannten ganz allgemein möchte ich etwas sagen:
Es werden hierbei meist die gegebenen Einschränkungen hervorgehoben und ihnen ein negatives Kolorit beigegeben: Man kennt einander nicht, man kann einander nicht in die Augen sehen, kann sich bei dieser Face-to-Face-losen Art der Begegnung nicht an den Gesten oder dem gesamten Gesichtsausdruck orientieren und dergleichen. Das kennt jeder, und das hat auch ein jeder schon mal in dieser Art gelesen. Kenntnisse von Luhmanns funktionaler Systemtheorie allgemein oder seines Interaktionssystems braucht man dazu nicht. Man muss auch nicht Goffman gelesen haben. Man braucht nur eine persönliche Einstellung zu dieser gegebenen und nicht beeinflussbaren Sachlage.
Ich will mich auf Twitter beschränken und die Twittermaschine loben: Sie mag diesen oder jenen Mangel noch haben, über den man sich manches mal ärgert, oder der einen im Eifer des Twitterns auch verwirrt, weil nicht alles so läuft, wie es gerade soll, aber aus meiner Perspektive sehe ich diese Art, mit Menschen zu kommunizieren fast ausnahmslos positiv. Gut, man kennt den Einzelnen anfangs nicht. Ob sein Name echt oder anonym ist, spielt aus meiner Sicht doch gar keine Rolle. Die ersten Schritte beim Aufbau der Gruppe, der man zu folgen geneigt und bereit ist, sind selbstverständlich ein quasi gruppendynamisches Trial-and-Error-Spiel, bis man dann irgendwann seine halbwegs stabile und für die eigenen Wünsche und Erwartungen funktionierende Timeline sich zusammengebastelt hat. Dann aber läuft auch dieser Laden in halbwegs erwartbarer Weise. Gerade für die aktivsten auf solch einer Timeline gilt Vertrauen, und zwar bislang unenttäuschtes Vertrauen, das ist wie Reputation, darauf kann man sich dann verlassen. Wer diesen Test nicht besteht, der wird eben schrittweise an den Rand gedrängt, in die zweite Reihe verwiesen, der Tetweetmöglichkeit beraubt und – wenn alle Stricke reissen – sogar geblockt. Was dann übrig bleibt, dass wird bekanntlich bei Facebook „Freunde“ genannt. Bei Twitter würde ich eher von bewährten und geschätzten Kommunikationspartner sprechen, auch wenn einem hier die Luhmann’sche Differenzierung zwischen Information und Mitteilung nicht so leicht gelingen will zum weiterführenden Verstehen, wie man es im real life gewohnt ist. Meisten genügt mehrmals täglich ein schneller Blick auf die sich optisch darstellende TL und man weiss, anonym oder nicht, mit wem man es in diesem Moment zu tun hat und kann wählen und entscheiden: antworten, Stellung beziehen oder schweigend als lesender Beobachter verharren.
Die gelegentlichen geradezu apokalyptischen Äusserungen zum Netz 2.0, und das gilt aus meiner Sicht nicht nur für’s Twittern, sondern auch für das BLOGGEN, diese Perspektive kann und will ich nicht einnehmen. Ich will es sogar zuspitzen: Für mich ist Twitter sogar eine regelrechte eigene Sparte möglicher Literatur und Kunst, zumindest der Kunst der gepflegten (Kurz)Kommunikation. Und, die Empire zeigt es: Mit der Möglichkeit des numerierten Verkettens mehrerer aufeinander folgender Tweets hat sich sogar die Möglichkeit ergeben, herausgestellt und sogar kritisch bewährt: das ist eine moderne Art, kurze Erzählungen in kondensiertester Form zu generieren.
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders aus Bad Schwalbach.
„Obwohl die Körper gar nicht aufeinander reagieren können, weil jeder der vor einem anderen Bildschirm sitzt, ergibt sich die Möglichkeit der Differenzierung.“
Dass dies anders ist, hat Flusser bereits deutlich gesehen. Nicht erst der durch Cyber-Sexspielzeug affizierte Genitalzonen machen eine Körperreaktion möglich, die vorher unvorstellbar gewesen wäre. Sondern dass überhaupt schon Finger eine Tastatur auf den Reiz einer mit Augen wahrgenommenen Bildschirminformation hin betippen zeigt eben: Alles, was sich hier abspielt geht von sinnlich affizierten Körpern aus. Sinnlichkeit die durch Sinn in Bewegung gesetzt wird und interagiert.
Man sieht umgekehrt vielleicht, dass die klassische, so unproblematisch gedachte „Kommunkation unter einander bekannten Anwesenden“, die Unbekanntheit und den Bildschirm (die irruduzible Einsamkeit) immer schon vorausgesetzt hat.
„Die paradoxe Situation ist also, dass auf diese Weise innerhalb einer höchst unüberschaubaren Komplexität durch die Kurzmitteilungsform auf der Basis einer enormen Informationsreduktion ein Informationsverlust vermieden werden kann.“
Genau mit dieser paradoxen Situation muss unser Gehirn tagtäglich umgehen. Das Analogon zu Listen, Clustern und Hashtags bei Twitter sind die cortikalen Säulen der Großhirnrinde. Die Biokybernetik verwendet zur Beschreibung das Konzept der neuronalen Komplexität.
Das geht so:
Twitter oder Gehirn – als System betrachtet – weisen einen hohen Grad der Komplexität auf (mathematisch: Entropie). Die lokale Entropie in den Subsystemen wird – vor allem durch Synchronisation (!) – reduziert. Die Differenz zwischen der Entropie des Gesamtsystems und der Summe der Entropie der Subsysteme ist die neuronale Komplexität.
Mit dieser Interpretation kann man folgern, dass alle Aktionsformen auf Twitter (Retweeten, faven, antworten, auf Listen setzen etc.) zur Synchronisierung lokaler Cluster beitragen und Entropie reduzieren.
Solche Effekte können auch wissenschaftlich gemessen werden. Siehe hierzu mein (älteres) Blogpost auf Neurosociology:
Natürlich ist Wahrnehmung im Spiel, ohne Wahrnehmung geht es nicht. Und natürlich ist der an einem Bildschirm gefesselte Körper affektiv bewegt und reizbar. Darum geht es gar nicht. Ob Flirten oder sexuelle Belästigung, ob Geschlechtsverkehr oder Prügel, und auch die Eskalation davor, ob langsam, tastend oder rasant: all dies geschieht nicht ohne, dass Menschen für einander anwesend sind. Anwesend heißt nicht, dass ein voraussetzunglose Existenz-Realität gegeben sei, sondern heißt, dass sich im Vollzug der Kommuikation die Beteiligten sich gegenseitig als einander Wahrnehmende wahrnehmen, was deshalb gelingt, da sich beiderseits immer ein Zugriffs- oder auch Entzugsmöglichkeit anbietet. Gerade dadurch entsteht der Realitätseindruck der Anwesenheit und damit, sofern der Körper selbst gegenüber der Kommunikation eine Mitsprachemöglichkeit hat, entstehen Risiken durch Lust, Schmerz, Scham, Angst, Freud und dergleichen. Einerseits zeigt sich der Körper schutzbedürftig und anderseits muss er immer ostentativ eingesetzt werden, um Erwartungen zu strukturieren.
Die Bildschirmfesselung ändert die Beobachtungsverhältnisse. Erst erst kann einfacher und plausibler erkannt werden, dass die Unbekanntheit nicht nur für ein Gegenüber gilt, sondern auch hinsichtlich der Affektbewegungen des eigenen Körpers.
@kusanwosky
„Natürlich ist Wahrnehmung im Spiel, ohne Wahrnehmung geht es nicht. Und natürlich ist der an einem Bildschirm gefesselte Körper affektiv bewegt und reizbar.“
In freier Abwandlung eines bekanntes Luhman Zitats könnte man formulieren: Was wir von der Welt wahrnehmen, nehmen wir über Bildschirme wahr. Und nicht erst seitdem letztere anwesend sind. Denn:
„Anwesend heißt nicht, dass ein voraussetzunglose Existenz-Realität gegeben sei, “
Dennoch bildet, das was wir heute als technisches Dispositiv „Bildschirm“ reifizieren, verdinglichen, und damit externalisieren, die Bildschirmhaftigkeit von Wahrnehmung (auch schon bevor es externe Bildschirmgeräte gab) auf bestimmte Weise ab.
Und sie bilden darüber hinaus ab:
1) dass Anwesenheit als „voraussetzungslose Existenz-Realität“ schon immer abwesend gewesen ist.
2) dass „das Bekannte“ immer die große Unbekannte bleibt. Hegel:
„Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt. Es ist die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer, beim Erkennen etwas als bekannt vorauszusetzen und es sich ebenso gefallen zu lassen; mit allem Hin- und Herreden kommt solches Wissen, ohne zu wissen wie ihm geschieht, nicht von der Stelle.“
Eine Selbst- und Fremdtäuschung, ein Simulakrum oder Simulation also, das gleichwohl für Wahrnehmung unabdingbar ist. Husserl fasste die Simulativität unter den Begriff der „analogischen Appräsentation“:
http://www.textlog.de/husserl-fremderfahrung-analogische-apperzeption.html
3) dass die Afffektbewegung des eigenen Körpers, die Aneigenbarkeit und Selbstkontrolle des Körpers nicht garantiert, sondern immer gefährdet wird durch Wahrnehmung, weil sie, die Bildschirme, Inter-faces sind, die die Grenze zwischen Ab- und Einbildung, In- und Output verschwimmen lassen.
[…] PS: Klaus Kusanowsky hat übrigens ein paar interessante Gedanken zur “Welle” #Aufschrei auf Twitter niedergeschrieben: #aufschrei – Eine Bemerkung zur kommunikativen Anonymität des Netzes […]
Wenn man diesen #aufschrei-hashtag nur als eine gelungene Kommunikation duch Massenmedien ansehen wollte, dann kommt man damit nicht weiter, weil alle bekannten Beobachtungsschemata eigentlich nur noch einmal und genauso routiniert durchlaufen werden.
Viel interessanter ist vielleicht die Überlegung, dass es sich bei Twitter überhaupt um Trollkommunikation, um parasoziale Interaktion handelt. Twitter liefert ein Medium für Trollkomunkation und schafft auf der Basis seiner eigenen Operationen Beobachtungsstrukturen, die Einteilung bewirken: wen soll man entfolgen, wem folgen, wen will man näher kennen lernen, wen nicht, unter der Voraussetzung, dass sich alle für alle ungehindert ansprechbar machen?
Wenn jeder 140 Zeichen hat, um sich zu erklären, dann hat jeder auch nur 140 Zeichen um das nicht zu schaffen. Entsprechend müssen sich Empfindlichkeiten herausmendeln, die für einen „leib-seelischen“ Zusammenhang, also für „symbiotische Mechanismen“ hoch anstrengend einerseits zu reflektieren, aber andereseits leicht zu entscheiden sind.
Die Thematisieurng hoch empfindlicher Ideosynkrasien sind da der beste Weg. Er macht eine dionysische Wildheit der Beobachtung zugänglich, nämlich gerade weil zwischen den Körpern der Menschen durch Bildschirmfesselung und für die Dauer ihrer Währung ein unüberbrückbares Hindernis geschaffen ist. Die beobachtbare Widersprüchlichkeit der so sich zeigenden sozialen Umwelt wäre dann günstigstenfalls ein Zivilisationseffekt, der nicht darin besteht, dass Friede, Freude, Eierkuchen akzeptiert wird, sondern eben auch Ablehnung und Feindschschaft, und diese dann auch ohne Ausicht auf Gewalt, oder wenigstens gibt es vergrößterte Hindernisse, zur Gewalt zu greifen.
Verstehe Deine (probeweise?) Sichtweise von Twitter als Trollkommunikationsmedium. Das scheint für Dich ja aus der zwangsweise kondensierten/kastrierten/abstrahierten Mitteilungsform zu folgen. Ist ’n Argument.
Aber mal andersherum gefragt: Was wären die notwendigen Bedingungen, daß ein Medium kein Trollkommunikationsmedium ist? Bzw.: Was sind die Minimalvoraussetzungen, daß Nicht-Trollkommunikation möglich ist?
@latent.de
Das ist die Frage nach einer Unterscheidung, deine Frage betrifft also ein Beobachtungsproblem. Wie macht sich Trollkommunikation unterscheidbar?
Ich würde die Antwort wagen, dass ein geignetes Medium für eine entsprechende Unterscheidung eine „Apokalyptik“ bereit stellen muss, die selbst eine Form dieses Mediums – und keines anderen – ist und eine zugeordnete Unterscheidbarkeit herstellt, ohne diese aufgrund des selben Mediums garantieren zu können, weil das Medium vieles andere mehr zulässt, das in jeder Hinsicht genauso relevant sein könnte.
Apokalyptik? – Damit ist nur die Selbstoffenbarung des Mediums aufgrund der Unmöglichkeit seiner Selbstbeobachtbarkeit gemeint. Es braucht Formen. Es zeigt sich durch Formen als das, was es an sich und nur für sich möglich macht. Die Apokalyptik des Mediums ist wäre gleichsam die Lösung für das Hegelsche Selbstbeobachtungsproblem. Denn: „Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem und dadurch, daß es für ein Anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes“ http://ow.ly/mi9BU – gemeint hier ist die Anerkunng durch die Probleme des Meinungskampfes, der sich über das Medium vollzieht und darum Anerkennung durch Selbstanerkennung des Mediums schafft.
Wenn dies nun wie in diesem aktuellen Fall gelingt, dann ist entsprechend die Frage interessant, wie es denn anders hätte kommen können. Und die Antwort würde folglich lauten: gar nicht. Anders wäre es nicht gegangen. Wie denn sonst? Die Apokalyptik erzeugt die Evidenz des unmöglichen Rückgriffs auf Tatsachen ohne die Frage nach einem Rückgriff. Sie schafft Evidenzen, sie macht offenbar, was immer nur so, und nicht anders hätte offenbar werden können, wenn nicht die vergebliche Selbstbeobachtung des Mediums sich ereignet hätte. Es entsteht Realität.
Trollkommunikation ist darum nur die andere Seite derjenigen Unterscheidung, die sich selbst auflöst, wenn man sie ernst nimmt: Trollkommunikation unterscheidet sich eigentlich nur von sich selbst in nichts anderm als durch sich selbst. Die andere Seite der Unterscheidung kommt auf jeder Seite der Unterscheidung beliebig vor. Jederzeit und sooft das Medium es zulässt. Das macht die Trollkommunikation so doof, weil sie zur reinen Selbstreferenz tendiert. Und wenn soziale Operationen diesen Weg beschreiten, lassen sie sich auf ein Wagnis ein.
Und niemans weiß warum und wozu.