„Wahrheitsliebe“ – eine unverschämte Wahrheitslüge #wissenschaft #erotik
von Kusanowsky
Popper setzt das Wort „Objektivität“ ausdrücklich in Gänsefüßchen und betont: Wir können Objektivität nicht von den einzelnen Wissenschaftlern erwarten; die einzelnen Wissenschaftler sind irrational, besessen, sie sind, so möchte ich hinzufügen, in ihre Begriffe, Theorien, Modelle, Methoden, Ergebnisse verliebt, sie sind ihnen Ehepartner, Kinder und Geliebte zugleich: Popper zufolge ist der Ausdruck „Wahrheitsliebe“ keine Metapher, sondern wortwörtlich zu nehmen. Wir können Popper zufolge die Wissenschaftler ihres emotionalen Hintergrunds nicht berauben, sonst würden sie nicht mehr allzu produktiv sein (es erfordert schon ein gehöriges Maß an Besessenheit, so meine ich, um wie Marie Curie gegen jede Menge Widerstände in Kellerlöchern in Schlamm herumzuwühlen, monate-, ja jahrelang, um wissenschaftlich kühne Vermutungen zu belegen – sogar die Hochzeitsreise per Fahrrad soll sie als Störung der Laborarbeit angesehen haben). Darum werden wohl die heute von Hardlinern der Evaluation und ministeriellen Richtlinien gezüchteten neuen karriereglatten und anpassungsgeschmeidigen WissenschaftlerInnen, die nur mehr auf effizientes Erwirtschaften maximaler Journal-Impact-Faktor-Punkte und Drittmittel schielen, nur wenig echt Innovatives oder gar wissenschaftlich Revolutionäres hervorbringen, so fürchte nicht nur ich.
Gefunden in: Die Wissenschaftstheorie fordert Open Access von Gerhard Fröhlich (Telepolis 2009).
Es ist ist wohl zweifellos wahr, dass Wissenschaftler weder objektiv noch rational Wissenschaft betreiben oder sie nach solchen Kriterien beurteilen. Die Wahrheitsliebe, von der hier die Rede ist, hat eher den Charakter einer idiosynkratischen Besessenheit, eines Wahns, eines genauso eigenwilligen wie kompromisslosen Bestehens auf das, was damit gemeint ist. Also irgendetwas, das sich nur nach Maßgabe eben jener Eigenwilligkeit beurteilen lässt, von welcher hier ein Bekenntnis abgelegt wird.
Der ins Auge springende Unterschied ist wichtig: die wissenschaftlichen Wahrheitsliebhaber auf der einen Seite und die „karriereglatten und anpassungsgeschmeidigen WissenschaftlerInnen“ auf der anderen Seite: Auf jener Seite die Gebrechlichkeit aufgrund einer ehrlichen Liebesschwächung, auf dieser Seite die knallharten Verräter, die falschen Freunde der wahren Wissenschaft.
Das schöne an solchen Bekenntnissen ist, dass sie immer eine Einladung zur Regeländerung darstellen, in dem man die vorgeschlagene Unterscheidung nicht ob ihrer Unhaltbarkeit zurückweist, sondern ihre Haltbarkeit provokativ testet. Was spricht gegen die Annhame, dass diese „karriereglatten und anpassungsgeschmeidigen Wissenschaftler“ völlig irrtational angetrieben sind, keine objektiven Kriterien kennen, obsessiv ihre Karrieren betreiben, die wie wahnsinnig und geil nach Aufmerksamkeit dürsten, nach Erfolg? Und um diesen meßbar zu machen, jedes Mittel opportunistisch zur Rechtfertigung anführen: der Erfolgreiche hat Recht, bestimmt die Regeln und sagt, worauf es ankommt: auf die Liebe zum Erfolg. Die Folge wäre, dass sich die Wahrheitsliebhaber und die Erfolgsliebhaber aus dem Wege gehen können, weil ihre jeweiligen Begehrlichkeiten gänzlich verschiedene Erotika bevorzugen.
Die Regel könnte also lauten: das Irrationale, das Obsessive, das Wahnhafte, das Idiosynkratische, eine gleichsam idiotische Anhänglichkeit an der selbstverschuldeten Eigenwilligkeit, die dionysische Wildheit allen Erlebens wird fürderhin als Rechtfertigungsgrundlage verwendet.
Und dann würden Paradoxie und Paranoia eine ganz andere Bedeutung gewinnen.
Erfolglosigkeit kann ganz verschiedene Gründe haben.
Mal abgesehen davon, daß der Wälzer sogar über Karl Popper war: Wahrheit (der Poppers Liebe galt) gebiert sich oft aus Wahn; es braucht jedoch erst einen zweiten Beobachter, der seinerseits im Objektivitätswahn die Wahrheit zu erkennen als berechtigt angesehen wird.
Was das Verhältnis von Erotik und Wissenschaft anbelangt, würde ich auf das bereits untersuchte Verhältnis von Pathos und Logos verweisen.
Siehe dazu den Tagungsbericht „Ethos und Pathos in den Wissenschaften“ von Stefan Descher
http://www.jltonline.de/index.php/conferences/article/view/463/1147
Dort wird Wolfgang Detel mit der Aussage zitiert, dass „rhetorisches Pathos“ durchaus legitim sei. Detel benennt mit Reviel Netz auch einen Dionysos-Wissenschaftlter, der sich u.a. durch überzogene Rhetorik auszeichnet.
Immerhin zeigt die Tatsache, dass so eine Tagung stattgefunden hat, dass die Wissenschaft zumindest die Bereitschaft zur kritischen Reflexion zeigt.
@neurosophie Natürlich hat die Wissenschaft die Bereitschaft zur kritschen Reflexion. Sogar zur kritischen Selbstreflexion. Das ist ja gerade ihr Problem:
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/Kritik+der+reinen+Vernunft/II.+Transzendentale+Methodenlehre/4.+Hauptst%C3%BCck.+Die+Geschichte+der+reinen+Vernunft
„Der kritische Weg ist allein noch offen“ – heißt ja nur: wie ist Kritik (der Kritik) überhaupt möglich? Und woher kam die Mutlosigkeit zu deren Überwindung Kant selbst nachdrücklich aufgefordert hat (sapere aude!)? Die Mutlosigkeit unserer Wissenschaft ist ganz anders determiniert. Diese heute Mutlosigkeit ist der Verdruss ob des Erfolgs der Wissenschaft. Wie du mal sagtest: „Sie sind die Gefangenen ihres eigenen Erfolgs.“
Der Forscher, der sich ganz seiner Forschung hingibt und dafür auch persönliche Risiken eingeht, ist verwandt mit dem Künstler. Und damit ist auch klar: Der Energielevel des intrinsischen Motivs beweist nichts. Weder wird Kunst dadurch erwähnenswert, dass jemand darin aufgegangen ist (das tun nämlich die meisten Künstler), noch wird Forschung wahr, weil jemand nichts anderes im Sinn hatte. Was mich außerdem an dem Gedanken zweifeln lässt, das Obzessive zur Rechtfertigungsgrundlage zu machen, ist, dass in der Wissenschaft die Rolle des Einzelnen sich immer verdünnt. Das Team funktioniert jenseits von Charakter und extrinsischen Zielsetzungen.
Entscheidend ist – ehem – eher diese gewisse Smartness in Kombination mit Hartnäckigkeit. „Finally on the fifth thousand’s try i hit God …“ – Jack Andraka. 15 Jahre alt. Der die Diagnose des Bauchspeicheldrüsenkrebs fast allein anhand von Internetdaten revolutionierte. Die Idee kam ihm im Bio.-Unterricht. Sehr lustig: http://www.youtube.com/watch?v=r55a0FapF2M Weder obzessiv noch karrieregeil. Das sind letztlich diese unaufhaltsamen Ideen, deren Zeit gekommen ist. Irgend jemand kommt immer drauf. Mal einzeln, mal im Team. Mal zufällig und mal zielgerichtet.
Ich würde außerdem die Irrationalität des Handlungsantriebs von der Rationalität oder Dummheit des methodischen Handelns kategorisch trennen, also man muss beides separat voneinander diskutieren, bewerten, analysieren. Wenn man das eine wie das andere „irrational“ und „nicht objektiv“ nennt“, geht man, meine ich, einer selbstgeschaffenen Sprachverwirrung auf den Leim.
„geht man, meine ich, einer selbstgeschaffenen Sprachverwirrung auf den Leim.“ – genau geht es ja in diesem Blog. Blogschreiben dieser Art ist ein wissenschaftler Warentest um die Verwendungsfähigkeit von Leimmitteln in Erfahurng zu bringen.
Unter einer Paranoik verstehe ich das, was Heinrich Dubel unter einer Erratik versteht: „Die Erratik, wunderbare Wissenschaft des Rätselvollen, Verwirrenden, die Lehre von Abweichung, Irrtum und Verirrung, von Forschung, Fehler, Materialbruch, von dynamischer Neubewertung, von Zweifel, Falschheit, Lüge, Täuschung, Abweichung, Überschreitung in ihren jeweiligen Formen, die große fiktionenvergleichende Wissenschaft oder “Mutter aller Verschwörungstheorien”, wie sie einmal genannt wurde, hat eine hohe Zeit, bleibt jedoch eine grausame Geliebte.
http://www.erratik-institut.de/c_bedeutung/c_bedeutung.html
Der Sinn besteht nicht darin, den Katalog des positiven Wissens zu vermehren, sondern das Durcheinander in diesem Katalog durcheinander zu bringen.
Den Konsens als Ziel der Diskussion anzusehen, sei blanke Aggression.
Lyotard:
Das postmoderne Wissen „findet seinen Grund nicht in der Übereinstimmung der Experten, sondern in der Paralogie der Erfinder“. Paralogie bedeutet wörtlich übersetzt „Widervernünftigkeit“. Aussagen lassen sich nach Lyotard nicht dadurch legitimieren, dass sie einen Konsens ermöglichen. Damit widerspricht er Habermas. Den Konsens als Ziel der Diskussion anzusehen, sei blanke Aggression. Allein die grundsätzliche Heteromorphie der wissenskonstituierenden Aussagen und die Vielzahl von Lebensformen anzuerkennen führt zur Herausstellung der Nichtübereinstimmung als gemeinsames Wissen. Dies ermöglicht zugleich die Hervorbringung von bisher Unbekanntem, worüber im Diskurs geschwiegen, was noch nicht in Sprachform gebracht worden ist.
Jean-Francois Lyotard, Das postmoderne Wissen, 190.
Ich habe gestern Abend noh mit halb zuklappenden Augenlidern dies hier gelesen, von Sherwood Anderson die Vorwort-Geschichte zu „Winesburg Ohio“, erschinen 1919, was ich einmal spaßeshalber zitiere: „Im Bett hatte der Schriftsteller einen Traum, der kein Traum war. … begannen vor seinem Auge Figuren aufzutauchen. … eine lange Prozession aus Figuren … Es waren allesamt groteske Figuren. … Eine Stunde lang zog die groteske Prozession vor den Augen des Alten vorüber … fing an zu schreiben … Der Schriftsteller arbeitete eine Stunde lang an seinem Schreibtisch. Und irgendwann hatte er schließlich ein Buch geschrieben, das er ‚Das Buch vom Grotesken‘ nannte. … habe es einmal zu Gesicht bekommen und es hinterließ einen unauslöschlichen Eindruck bei mir. Das Buch hatte einen zentralen Gedanken, der sehr seltsam ist. … einfach ausgedrückt würde er in etwa so lauten: Dass es am Anfang, als die Welt jung war, eine Unmenge Gedanken, nirgends aber so etwas wie Wahrheit gab. Die Menschen machten die Wahrheiten selbst, und jede Wahrheit war ein Gemisch aus einer Unmenge vager Gedanken. … Der alte Mann hatte hunderte dieser Wahrheiten in seinem Buch aufgelistet … Da gab es die Wahrheit von der Unschuld und die Wahrheit von der Leidenschaft, … von Wohlstand und Armut, von Sparsamkeit und Verschwendung, von Aufmerksamkeit und Verlassen. … Und dann kamen die Leute daher. Jeder … schnappte sich eine dieser Wahrheiten, und einige, die besonders kräftig waren, schnappten sich gleich ein Dutzend. Es waren die Wahrheiten, die aus den Leuten groteske Figuren machten. … Es liegt auf der Hand, dass der alte Mann … Hunderte von Seiten über dieses Thema schreiben musste. Irgendwann nahm die Sache so viel Raum in seinem Denken ein, dass er schließlich Gefahr lief, selbst zu einer grotesken Gestalt zu werden.“
Was mich stutzen ließ, war die „Unmenge an Gedanken“, die überwältigende Prozession, die nie endet. Ich frage mich, ob dies der Kern der Moderne schlechthin sein könnte, die Unzahl der „Gedanken“, der möglichen und wirklichen „Wahrheiten“. Wenn ich mir einen Menschen, sagen wir einen Gelehrten von 1500 vorstelle, dann wird dem die Idee der „Unzahl der Gedanken“ gar nicht nachvollziehbar erschienen sein. Erst nach und nach ploppten hier und da die Ersten auf, die versuchten, das Unübersichtliche des Denkens zu fixieren, sagen wir die Tagebücher Pepys‘ oder die „Sudelbücher“ Lichtenbergs. Das ist aber nichts im Vergleich zu dem, was z.B. Anderson hier formuliert – die „Prozession“ („stream“ wäre ein anderes Wort dafür) der grotesken (bizarr, verzerrt, fantastisch, fratzenhaft) Gedanken in endloser Kette. Und heute sind wir dann bei der „Heteromorphie der wissenskonstituierenden Aussagen“, der „Erratik“, dem paranoiden Durcheinander-Ozean, dem großen Undundund. Neu ist dann nur gegenüber der Kleinstadt von Sherwood Anderson, dass sich die Verfallszeit der grotesken Figuren zigfach beschleunigt hat. Bei dem damals war der Schriftsteller ein „alter Mann“, der die Figuren quasi im Rückblick als Begleiter seines Lebens erkannte. Und kommen sie jetzt dauernd entgegen wie Fliegen, die nach einer Windschutzscheibe suchen. Aufplatzen, weg, neuer Gedanke – Trommelfeuer der erratischen Gedanken. Wenn sich Twitter z.B. selbst aktualisieren würde und man einigen tausend Quellen folgen würde, würde die Geschwindigkeit sichtbar. Schade, dass man das Durcheinander immer selbst reloaden muss.
Hier ein kleiner Fingerzeig wie angeblich die harte Wissenschaft funktioniert http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-55231886.html