Die Qualität der Quantität – Betrug und Schwindel in der #Wissenschaft #transparenz

von Kusanowsky

Viel ist gut, mehr ist besser, noch mehr macht den exzellenten Professor und die exzellente Professorin aus: Dieses Mantra prägt seit Jahrzehnten den Wissenschaftsbetrieb. Wer viel publiziert, kommt schneller vorwärts. Das hat zwar mit guter oder gar exzellenter Forschung nur wenig zu tun, doch die Abkehr vom Dogma der Quantität fällt trotzdem schwer. Armin Himmelrath benennt Probleme und zeigt Lösungsansätze auf.

Mit diesen Zeilen beginnt ein ausführlicher und gut recherchierter Artikel mit dem Titel „Die Masse macht’s“ bei Linksnet.de über die Probleme der Messbarkeit wissenschaftlicher Qualifikation. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Entwicklung im Wissenschaftsbetrieb und macht deutlich, wie leicht Quantifizierungskriterien anfällig sind für Schummelei, Täuschung, Trickserei und Betrug. Außerdem zeigt der Artikel auch, dass dieses Problem bei zuständigen Stellen sehr ernst genommen wird, insbesondere bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Am Ende des Artikels findet sich unter dem Zwischentitel „Gegenmaßnahmen der DFG“ folgende Textpassage:

Spät – und hoffentlich nicht zu spät – hat sich die DFG … dazu entschlossen, die Publikationsflut zumindest in ihrem Einflussbereich einzudämmen. Seit Juli 2010 gelten bei Anträgen an die größte deutsche Forschungsförderorganisation neue Regeln: Wo bisher seitenlange Publikationsverzeichnisse das Renommee der antragstellenden WissenschaftlerInnen belegen sollten, müssen sich die ForscherInnen zukünftig auf fünf Publikationen beschränken und sind so gezwungen, die aus ihrer Sicht für den jeweiligen Antrag wichtigsten Arbeiten zu benennen.

Man bemerkt die Aussichtslosigkeit. Sind fünf Publikationen die entscheidende Meßzahl für Qualität?

Warum kann man eigentlich nicht, wenn man schon Qualitätstandards nicht quantitativ messen will, dazu übergehen, Qualitätskriterien gänzlich von Quantifizierbarkeiten abzukoppeln? Das hieße, dass weder eine große noch eine kleine Menge Auskunft über Qualität geben kann. Aber was dann? …  Man bemerkt die Aussichtslosigkeit.

Ein ernst gemeinter Vorschlag, der, wenn schon nicht akzeptabel, so doch vielleicht für das Nachdenken darüber helfen könnte: Der Artikel macht deutlich, dass Quantifizierungskriterien anfällig sind für Betrug. Kann man etwas darüber aussagen, von welcher Qualität diese Betrügereien sind? Mindestens kann man sagen, dass sie immer häufiger vorkommen, was auch heißt, dass viel dafür spricht, dass Betrügereien relativ einfach und darum auch häufig möglich sind, aber deswegen noch gar nicht qualitativ ins Gewicht fallen. Denn wie man sieht, fallen manche Betrügereien eben doch auf. Und die Vermutung, dass nur die wenigsten Betrügereien auffallen, weil sie in der Intransparenz weitgehend versickern, lässt nur den Schluss zu, dass es sich dabei um Unwichtiges handeln muss. Denn dass Wichtiges eher unterdrückt werden könnte als Unwichtiges, ist nur einem Paranoiker plausibel zu machen.

Das müsste heißen, dass Betrügereien häufiger sind als man messen kann, aber eigentlich für die Wissenschaft gar kein Problem sind. Das behindert die Wissenschaft kein bißchen. Denn sie geht ja weiter.

Könnte man daraus nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass Betrügereien, wenn sie die Wissenschaft gar nicht blockieren, auch gar nicht vermeidungsnotwendig sind?
Was wäre, wenn man den open-source-Gedanken radikaler ansetzen würde, indem man die Gültigkeit des Wissens von der Bedeutung der Person trennt und folgendes überlegt: Gültiges Wissen ist Wissen, dass sich als anschlussfähig, als brauchbar, als technisch nützlich, als sozial fruchtbar, als problemlösend erweist, auch dann, wenn das Wissen nicht notwendigerweise von bestimmten Personen repräsentiert wird. Denn brauchbares Wissen wird ja nicht deshalb ungültig, weil jemand auffällt, der etwas weiß, das er von einem anderen weiß. Denn gerade das zeigt ja die Anschlussfähigkeit, die Brauchbarkeit des Wissens.

Das könnte z.B. heißen, dass die Beobachtung der meist plagiierten Texte dafür spricht, dass die Menge der Plagiatoren nur sehr unwahrscheinlicherweise im Irrtum über die Bedeutung dieser Texte sind, weshalb nichts gegen ihre Weiterplagiierung und ggf. nichts gegen ihre Veränderung spricht. Denn jede Veränderung muss sich als anschlussfähig erweisen. Betrug wird auf diese Weise wirksam ausgeschlossen.

Der Einwand, dass man dann aber niemanden so einfach mit Forschungsgeldern und Stellen bevorzugen könnte, stimmt natürlich. Aber das stimmt nur solange es keine akzeptablen Qualitätskriterien für Wissenschaftlichkeit gibt.

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