Ein kriechender Käfer #wissenschaft #soziologie #dgs

von Kusanowsky

Im Weblog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie findet sich ein bemerkenswerter Artikel von Jo Reichertz, der sich mit Vorbehalten und Einwänden gegen die Führung eines Weblogs befasst:

Die beschriebene, etwas sehr gedämpfte Freude am Bloggen hat wohl auch etwas damit zu tun, dass sich mir bislang der Sinn des Bloggens im allgemeinen … noch nicht wirklich erschlossen hat. Bislang schien das Bloggen mir (ganz allgemein) eine, wenn auch anspruchsvolle Art  der Zeitvergeudung zu sein.

Der Artikel fasst alle bekannten Einwände und Vorbehalte, die gegen das Bloggen als wissenschaftliche Praxis angeführt werden, zusammen:

  • Schnelligkeit und Kurzfristigkeit des Geschriebenen sei der Wissenschaft fremd
  • mangelnder systematischer Charakter der Artikel
  • mangelnde Durchdachtheit; unfertiger, provisorischer Charakter der Texte
  • persönlicher, individueller Bezug des Geschriebenen auf eine bestimmte Person, Subjektivität des Geschriebenen
  • es ginge hauptsächlich um Geschmacks- und Werurteile des Autors
  • zugespitzte oder übertriebene Positionen verleiteten zu Fehlurteilen

Bemerkenswert an diesem höchst subjektiven, lediglich wert- und  geschmacksurteilbezogenen Artikel mit zugespitzem Aussagezielpunkt ist, dass er genau die Merkmale aufweist, die gemäß der Selbstauskunft des Autors typisch seien für Blogs: der Autor lässt eigentlich nur idiosynkratisch, affektive Argumente gelten. Denn an keiner Stelle werden die Vorbehalte, die für die Ablehnung des Bloggens sprechen, durch den Artikel selbst vermieden. Der Artikel hat den Charakter einer ganz unwissenschaftlichen Disqualifizierung von Unwissenschaftlichkeit. Denn tatsächlich produziert das Bloggen nur eine selbstreferenzielle Performativität, welche gleichwohl für die Internetschreiberei unvermeidbar ist. (Streng genommen könnte man so etwas auch für die Produktion von Dokumenten behaupten. Aber dann wird es sehr schwer zu argumentieren, wie auf der Basis von Dokumenten die Vermeidung von Selbstreferenz plausibel werden kann. Andersherum wird es besser verständlich: die Produktion von Dokumenten macht die Selbstreferenzvermeidung plausibel, weshalb entsprechend Vorbehalte geäußert werden, sobald sich anders geartete Erfahrungsbedingungen zeigen.)

So ist es auch kein Wunder, dass all dies den Autor offenbar nicht davon überzeugen kann, dass Bloggen gänzlich abzustellen:

Für mich ist die Mitgestaltung des SozBlog in den nächsten Wochen Teil eines dreifachen Lernprozesses: Zum Ersten will ich meine bisherigen Schreib- und Lesegewohnheiten aussetzen und so etwas über die Eigenschaften und Möglichkeiten dieses Mediums am eigenen Leib erfahren.  (Hervorh. v. KK) Zum Zweiten möchte ich erleben, ob und wie man sich mit Kollegen und Kolleginnen mittels dieses Mediums austauschen kann und zum Dritten möchte ich Unterstützung bei der Klärung von Fragen erhalten, die mich seit einiger Zeit umtreiben und die vielleicht auch andere interessieren.

Man erkennt entprechend den selbstreferenziell-performativen Charakter, den Internetkommunikation aufdringlich macht. Gerade weil Jo Reichertz mit allen Vorbehalten Recht hat und sich zugleich zeigt, dass diese Vorbehalte eigentlich nur hinsichtlich ihrer Selbstbezüglichkeit relevant sind, ergibt sich, dass dies nicht ausreichen kann, um sich einem Lernprozess zu widersetzen. Warum auch? Wissenschaftliche Forschung ist ein Lernprozess, der ständig zwischen Selbst- und Fremdreferenz ossziliert.

So zeigt sich, dass diese Vorbehalte eigentlich nur die Rechtfertigung dafür bereit stellen, sich dem Unvermeidbaren doch nicht zu verschließen.

Dieser Artikel ist darum ein hübsches Kleinod, das es verdient, an einer prominenten Stelle eines Archivs für unwissenschaftliche Blog-Schreiberei abgelegt zu werden. Denn diese Argumente geben Auskunft über einen unvermeidbaren Lern- und Wissensfindungsprozess, der so faszinierend anzuschauen ist wie ein kriechender Käfer.

Siehe dazu auch Trivialität und Routine:

Mit großem Interesse  – wie man etwa einen seltenen Käfer beim Krabbeln beobachtet  – verfolge ich das Blog “W wie Wissenschaft“. Dabei handelt es sich um das Blog eines Professors für Soziologie, der auf diesem Wege den Studierenden die Regeln der Wissenschaft erklärt. Die Artikel enthalten eine unüberschaubare Komplexität an Regeln, Geboten und Verboten, deren Berücksichtigung und Einhaltung angeblich die Wissenschaftlichkeit von Texten garantiert. Liest man sich die Artikel durch und stellt man fest, wie lückenhaft und ausnahmeanfällig insbesondere die Zitierregeln der Wissenschaft dargestellt werden, so könnte man auf die Vermutung kommen, dass es nur eine Regel gibt, die immer gilt: dass nämlich keine Regel ausreicht, um die Regelhaftigkeit der Wissenschaft zu beschreiben …

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