Serendipität, Zufall und Notwendigkeit

von Kusanowsky

Am 28. Januar des Jahres 1754 richtete Horace Walpole, der 4. Earl of Orford, einen Brief an seinen entfernten Cousin Horace Mann. In diesem Brief beschrieb Walpole seine Erfahrung, unvermutet Dinge oder Sachverhalte zu entdecken, nach denen er zwar nicht explizit Ausschau hielt, deren Entdeckung ihm aber in einem äußerst passenden Moment widerfuhren. Walpole, der einen außerordentlich kreativen Umgang mit Sprache pflegte, prägte in diesem Brief den Begriff Serendipity, um eben jene persönlichen Erfahrungen treffend zu benennen:

„This discovery I made by a talisman, which Mr. Chute calls the sortes Walpoliannae by which I find everything I want, à pointe nommée [at the very moment], wherever I dip for it. This discovery, indeed, is almost of that kind which I call Serendipity, a very expressive word, which as I have nothing better to tell you, I shall endeavour to explain to you: you will understand it better by the derivation than by the definition. I once read a silly fairytale, called the three Princes of Serendip: as their Highness travelled, they were always making discoveries, by accidents and sagacity, of things which they were not in quest of: …“ (Merton, Barber 2004, S. 1f)

Zu Lebzeiten Walpoles und im Anschluss an dieses Schreiben gab es 79 Jahre lang keine weitere schriftliche Verwendung des Wortes, bis 1833 die Briefe Walpoles an Mann posthum veröffentlicht wurden. Aber die viktorianische Epoche war nicht dazu angetan, den Begriff eines Mannes aufzugreifen, den sie aufgrund seines zelebrierten Müßigganges und seiner sinnfreien Lebensgestaltung verachtete. Selbst als die Wissenschaften einen enormen Bedarf an neuen Wortschöpfungen entfalteten, um u.a. Phänomene treffend zu beschreiben, setzte sich Serendipity zunächst nicht durch. Zwar waren sich die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts der Rolle des Zufalls durchaus bewusst, aber es gab Vertreter ihres Standes, wie etwa o.g. William Whewell, die das Verdienst der Forscher durch die Anerkennung des Zufalls als entscheidenden Faktor bei wissenschaftlichen Entdeckungen geschmälert sahen. Zudem achteten einige Wissenschaftler bei den Wortneuschöpfungen peinlichst auf altphilologisch korrekte Herleitungen der Begriffe und ein blumiges Wort wie Serendipity hatte hier kaum ein Chance zu bestehen: es erschien schlichtweg nicht seriös genug. Um die Jahrhundertwende begann schließlich der Durchbruch des Begriffes:
Walpole war inzwischen als Freigeist und genialer Autor von Briefen rehabilitiert und namhafte Personen nahmen Serendipity unter ihre Fittiche und machten es somit salonfähig. Zunächst fand Serendipity über den Herausgeber und Autoren Wilfred Meynell Eingang in literarische Berufssparten, später in den 30er Jahren schaffte der Ausdruck den großen Sprung in die Welt von Wissenschaft und Forschung. Schlüsselfigur war hierbei Professor Walter B. Cannon von der Harvard Medical School. Cannon benutzte den Begriff nicht allein, um auf Phänomene der zufälligen Entdeckung hinzuweisen, sondern ebenso um eine ganze Wissenschaftsphilosophie auszudrücken. Im Rahmen dieses Sprunges von den literarischen Kreisen zur Naturwissenschaft erfuhr Serendipity eine entscheidende Bedeutungsänderung:
war zuvor die Entdeckung mit dem unerwarteten Fund, etwa eines Buches oder einer Information, abgeschlossen, so ist im Kontext von Wissenschaft und Forschung der unerwartete Fund nur der erste Schritt im Prozess des Entdeckens. Nachdem die Wissenschaft Serendipity als Fachausdruck für sich vereinnahmt hatte, verbreitete er sich weiter über angrenzende Gebiete wie den Wissenschaftsjournalismus, wurde zunehmend populärer und die Bandbreite seiner Bedeutungen erweiterte sich stetig. Dieser Prozess uferte so weit aus, dass der Begriff, der ehemals einen bestimmten Erfahrungskomplex prägnant beschrieb, heutzutage oftmals lediglich gleichbedeutend mit „Glück“ oder „Zufall“
verwendet wird.

Merton, R. K. & Barber, E. 2004: The Travels and Adventures of Serendipity: A Study in Sociological Semantics and the Sociology of Science. Princton: Princeton University Press

Auszug aus: Wachsames Torkeln. Von dem Arbeiten mit unscharfen Zielen und dem Erkennen des Funkelns am Wegesrand. http://raap-design.de/pdf/raap_wt.pdf

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