Die Paranoia – Der dunkle Schatten der Kritik

von Kusanowsky

„Gedanken sind die Schatten unserer Empfindungen – immer dunkler, leerer, einfacher als diese. “ Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 179.

Einen aufschlussreichen Artikel, der über die Paranoia der Kritik Auskunft gibt, findet man in dem Artikel On Bullshit – Zur Typologie des Verschwörungstheoretikers. Ausgehend von der Annahme, dass ein Kritiker immer schon wissen könnte, was richtig, was falsch, was wahr oder was unwahr ist, sofern verfahrensanalytisch eben diese Ausgangsposition akzeptiert wird, ohne die Differenzen dieser Postulate selbst einer Beurteilung ihrer Paradoxiehaltigkeit zu unterziehen, entfaltet der Artikel eine kleine, aber sehr beeindruckende Zusammenfassung dessen, wovon sich alle Kritik beobachtet weiß, nämlich von den dämonischen Auswüchsen ihrer eigenen Paradoxien, die ja darum umso aufdringlicher die Beobachtung bedrängen, da diese Paradoxien durch die Kritik selbst vermieden werden sollten und entsprechend, wenn sich zeigt, dass sie dennoch kommunikabel sind, ihren dämonischen Charakter offenbaren.

Hier ein paar Auszüge aus dem Artikel:

 … der Wahnsinn der Webgesellschaft zeigt uns ganz nachdrücklich, dass die demokratischen Strukturen des Webs nicht auf das Ziel der Aufklärung ausgerichtet sind, auch wenn die diversen Proponenten  der Blogosphäre dies gerne behaupten. Demokratisiert wurde durch das Web eben nicht die Vernunft, sondern vor allem die Distributionskompetenzen psychisch gestörter Individuen. […]

Die Demokratisierung der Information, die durch das Internet stattgefunden hat, hat nicht nur die Monopole der ehemaligen Mainstreammedien ausradiert, sondern vor allem dazu beigetragen jenen durch den Mainstream noch in Schach gehaltenen Wahnsinn paranoider Idiotien wie durch einen  Dammbruch mitten in die Gesellschaft hinein fluten zu lassen. […]

… die heute übliche Ideologie des Ressentiments (kommt) als Gestus des „Kritischen“ daher.  Mehr noch: Das Milieu der Gegenaufklärung bedient sich des gesamten Arsenals rhetorischer Versatzstücke, die „Aufklärung“ und „Kritik“ stets im Munde führen. […]

Gegenaufklärung ereignet sich durch Instrumentarien und Rhetorik der Aufklärung selbst, sie appelliert an Werte wie Fairness, fordert „Ausgewogenheit“ und betrachtet sich selbst als dissidente rebellische Kraft. Die Warnung von Adorno und Horkheimer, dass es Aufklärung selbst ist, die ihre eigene Zerstörung vorantreibt, erhält dadurch nochmals weiter beunruhigende Substanz. Die Produktion von Bullshit, der die Fundamente der wissenschaftlichen Methodologie angreift, erfolgt im Namen derselben, und wird von Leuten unterstützt, die immerzu von „Wahrheit“, „Freiheit“, „Kritik“ … reden.

Dass dieses Schreckensszenario unglaubwürdig ist, lässt sich mit kritischen Mitteln nicht mehr aufklären, weil diese Kritik selbst die Paranoia als blinden Fleck benutzt. Sie ist ihr „dunkler Schatten“, ihr treuer Begleiter, den sie niemals los wird.
Es reicht auch nicht aus, solche Schreckensszenarien mit Geringschätzung bedenken, weil jede Geringschätzungsbekundung auch nur kritischer Art ist und man ihren dämonischen Charakter auf diese Weise gar nicht los wird. Vielleicht wäre es besser, sich mit solchen Dämonien unerschrocken zu befassen, statt ihnen mit Angst zu begegnen. Voraussetzung wäre, dass man auch der paranoischen Beobachtung Vertrauen entgegen bringen kann, weil eine Paranoik sich ja immer von einer Kritik begleitet weiß, ihr also auf gleiche Weise niemals aus dem Wege gehen kann.

Zugegebenermaßen ist das nicht so einfach zu vermitteln.

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