Von Anfang bis Ende #Soziologie
von Kusanowsky
Mir scheint, dass – will ein soziologisch interessierter Beobachter die moderne Gesellschaft verstehen – man nicht daran vorbei kommt, dieses Video von Anfang bis Ende zu schauen. Und besser wäre es, man schaut es zwei oder drei mal an.
Eine Weigerung ist eigentlich gar nicht überzeugend. Medizinwissenschaftler müssen ja auch in Pathologie Leichen sezieren. Übermäßige Empfindlichkeiten helfen in der Wissenschaft nicht weiter.
Kommentare zu diesem Video schalte ich nur frei, wenn sie keine Geringschätzung enthalten. So etwas schickt sich angesichts der Problematik um die es hier geht nicht. Pietät, Zurückhaltung, Disziplin gehören eben auch dazu.
Die Bitch hat ja einen Knall.
Guten Tag.
Meine Güte. Nein, mehr als ein Mal kann ich das nicht anschauen. Geringschätzung wäre hier IMHO keine angemessene Attitüde.
Ich bin da einfach nur erschüttert. Darüber wie stark eingesponnen man in einem derart kleinen, eigenen Kosmos sein kann.
MfG
Burkhard Tomm-Bub, M.A.
„Ich bin da einfach nur erschüttert. Darüber wie stark eingesponnen man in einem derart kleinen, eigenen Kosmos sein kann.“
Mag sein, jeder lebt in einem anderen Elfenbeinturm und jeder in seinem eigenen.
Der Begriff Elfenbeinturm bezeichnet einen geistigen Ort der Abgeschiedenheit und Unberührtheit von der Welt.
Er hat seinen Ursprung als elfenbeinerner Turm im biblischen Hohen Lied (7, 5). In Luthers Bibelübersetzung heißt es: „Dein Hals ist wie ein Elffenbeinen thurm“. Dieses Gleichnis aus einem Liebesgedicht wird in der christlichen Tradition dann als Symbol edler Reinheit interpretiert. Daher wird in der Lauretanischen Litanei Maria in einer langen Reihe von symbolhaften Bezeichnungen auch mit „Du elfenbeinerner Turm“ angerufen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Elfenbeinturm
Das ist ein Strukturmerkmal der modernen Gesellschaft.
Kameras produzieren Exhibitionismus. Das Gesehenwerdenwollen ist ein Motiv, das hier besonders pur in Erscheinung tritt, das ansonsten alles andere als auf 15-jährige Mädchen mit großem Taschengeld beschränkt ist. Das 2.0-Web lebt davon. Der Wunsch danach, sich zu veröffentlichen, treibt aber z.B. auch die Hochkultur, die Romanschriftstellerei ganz besonders.
Der „Humanethologe“ Eibel-Eibesfeld hat mal gesagt: „Der Angesehenste ist, wer am meisten angesehen wird“. Ich denke, das ist nur zu wahr. So spielt es tatsächlich keine Rolle, für welchen Blödsinn man bekannt ist – entscheidend ist die Zahl der Klicks. Ab 1 Mio. Youtube-Klicks hat keiner mehr was zu husten, ab 10 Mio. kommt die Presse, ab 100 Mio. KLicks bist du prominent und kriegst Filmangebote, Auftrittsangebote, kannst du Merchandising machen. Ab 1 Mrd. Klicks bist du gloabler Superstar, bist reich, berühmt, angesehen, egal wie du dich dafür zum Idioten gemacht hast. Insofern ist das Mädchen nicht unpfiffig: Sie tritt in den Ring und sagt sich: Ich probier’s einfach mal mit dem Ruhm. Der exhibitionistische Antrieb ist bei ihr stark genug ausgeprägt, es hapert an Talent und Kreativität. Sozusagen die Verliererseite der Promikultur.
… sicherlich ist das ein „ein Strukturmerkmal der modernen Gesellschaft“.
Ich selbst bin davon absolut nicht unbetroffen. Aber Vielfalt und Inhalt (wenn auch manchmal komödiantisch „verpackt“) sind mir auch noch Begriffe.
Daher kann ich mich nur wiederholen. Die Stärke des Eingesponnenseins und die Winzigkeit dieses individuellen Kosmos lassen mich gruseln. Das mag keine ehrenwerte Gemütsbewegung sein, aber sie ist bei mir vorhanden.
MfG
BTB
Die is‘ doch super!
Ich will den Art-Deco-Lidschatten!
🙂
Was wir hier sehen ist ein perfekt geordnetes (und gut geschminktes) System, das sich seiner ökonomischen Verantwortung in einem auf die Gesellschaft erweiterten Kontext bewusst wird.
Prinzesin L.E.ia’s Hilferuf kommt sogar mit dem Elixir der Rettung! 😉
„Wer ist sie? Sie ist wunderschön!“ würde Luke Skywalker sagen und feststellen, dass die schöne Prinzessin aus dem Todesstern des Konsum-Imperiums befreit werden möchte… „The Medium is the Message.“ Die Pläne zur Vernichtung des Todessterns sind in der R2-Einheit gespeichert, die das Hologramm abspielt! Das Netz liefert uns Auswege aus der Welt von Profit und Konsum! Raus aus der Zelle der Isolation! Raus dem Trash-Compactor!
Wir können uns darüber echauffieren, was für’nen krassen (Lid-)Schatten die „Bitch“ hat…. aber darum geht’s nicht… da lernt man nichts d’raus…
Es geht doch im Grunde genommen darum, dass sie uns (wieder mal) darüber aufklärt, wie sehr wir im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Sozialisation zu blindem Konsumverhalten angetrieben werden. Bedürfnisse werden künstlich provoziert. Das Marketing einer profitorientierten Wirtschaft (hier die Kosmetikindustrie) zielt darauf ab an unsere Raffgier zu appellieren… „Kauf‘, sonst is‘ es weg!“
Wir kapitalstarken Mitteleuropäer haben schließlich in der Regel meistens mehr Zeugs und Sachen, als wir eigentlich brauchen… Weil die Menschen in der produzierenden Industrie und im Handel auf ein monetäres Einkommen zu Rechtfertigung ihrer Ansprüche auf die Erfüllung ihrer Wünsche und Bedürfnisse angewiesen sind und uns somit durch immer geschickteres Marketing zu einem Kaufvorgang motivieren *müssen*.
Das System der Märkte treibt sich selbst in die Irre…
Unser Wirtschaftssystem frisst sich selbst… Es frisst unsere Identität und es frisst die Welt leider mit auf, die uns tragen soll…
(Die Waren müssen bereits ihre Käufer kaufen, wie André Gorz es passend formuliert hat.)
Die kindische Kaiserin sitzt hier in ihrem Elfenbeinturm und fürchtet, dass das „Nichts“ ihre Welt verschlingt… dass Alles, was sie besitzt/ womit sie sich identifiziert und womit sie umgeht/ wodurch sie lebt… im Konsumwahn belanglos werden könnte… also schickt sie einen Hilferuf raus…
Sie will teilen.
Und dazu ist das Netz da!
Das Netz fordert uns auf solidarisch und sozial verantwortlich zu teilen, was wir haben und nicht unmittelbar selbst benötigen: „sharing“ & „commoning“… damit wir nach unseren echten Wünschen und Bedürfnissen zu leben… uns nicht mehr unsinnig Dinge anhäufen, die wir nicht brauchen oder benötigen, sondern zu kommunizieren, was wir sind und was wir haben!
Vom Haben zum Sein…
Wenn jemand das brauchen kann, was wir sind oder was wir haben, dann darf/ soll er/sie/es das bitte nehmen… Teilen wird zum Motiv der Begegnung und der sozialen Integration und Vernetzung. Wir gewinnen an Identität, wenn wir bereit sind zu teilen. (Als „Commoners“ haben wir einen viel direkteren/ unmittelbareren [komp?] Zugang zur Gesellschaft und schließlich in der Kommunikation mit Anderen auch zu uns selbst..!)
Der Aspekt der Selbstdarstellung zeigt das natürliche Bedürfnis existieren zu wollen…
Wir wollen unsere Welt vor dem „Nichts“ retten … (Wir wollen uns zumindest vor der Nicht-Existenz/ vor der Belanglosigkeit und Beliebigkeit retten können..!)
Wir können unsere Welt über die erweiterten Möglichkeiten der Kommunikation heute viel einfacher jenseits von Markt und Staat arrangieren als jemals in der Geschichte der Menschheit zuvor!
Das ist das, was mich ehrlich positiv stimmt: Wir erleben im Moment wirklich einen krassen Paradigmenwandel… vielleicht haben wir das Ende der Welt wirklich schon hinter uns! Endlich! 😉
@Burkhard Tomm-Bub
„dieses individuellen Kosmos lassen mich gruseln.“ Das mag sein, und vielen dürfte es nicht anders gehen. Anderherum betrachtet: Wenn ich sehe, wie auf mein Luhmann-Gesabbel reagiert wird, deucht mir eine Strukturähnlichkeit. Es geht hier um die Kommunikation von Idiosynkrasie.
Guten Tag Klaus Kusanowsky.
Eine sehr interessante Antwort, deren Form von Ironie und Metaphern ich nachvollziehen und verstehen kann.
Anders als bei den Luhmann – Texten, in der Tat.
Und teilen und verschenken sind für mich durchaus sehr positive Werte.
MfG
BTB
„Da sind Gebrauchtspuren. Wisst ihr was das ist? Das ist toll!“
Tolle Erkenntnis. Und das schreibe ich aus ganzem Herzen.
Was ihr (soweit ich das von hier aus feststellen kann) leider alle übersehen habt, ist die erratische Botschaft des Videos. Man kann sie mit Hilfe eines uralten Rituals sichtbar machen. Dazu muss aber erst ein Rätsel gelöst werden:
Es zeigt zwischen seinem Drehen der Zeiger den Zähnen das Wort. Und das Wort ist mannigfaltig und von fragwürdiger Beschaffenheit. Dennoch – hört mich an! Lernt denn der Weise nicht aus den Wellen, das Meer zu lesen? Lernt er nicht am Blick, des Menschen Herz erkennen? Weiß er nicht mit dem Blick in die Fülle um seine eigene Leere? Oh Ihr, die Ihr denkt, ihr dächtet! Von zwiebliger Natur seid Ihr und haltet Euch für Hagebutten. Zurück ins Beet! Ich will Euch Mores lehren, den Acker so zu schmähen!
Mir geht es genauso. Ich habe tatsächlich einen total unbenutzten Camping-Klo mit entsprechenden Chemikalien und vier Rollen Spezial-Toilettenpapier. Ich brauche das nicht. Und frag‘ mich bloß keiner, warum ich das gekauft habe! Hat jemand Interesse?
Mein Lieblingskommentar auf youtube zu diesem Video: „dein braunes t shirt gefällt mir soooooooooooooooooo gut. woher hast du das?“