Paranoia des Alltags: Enten beim Überqueren eines Highways
von Kusanowsky
Je alltäglicher unsere Erlebnisse sind, desto wohler fühlen wir uns; sie sind leichter zu klassifizieren und damit zu bekannten Tatsachen zu deklarieren. Alles was außerhalb der alltäglichen Erfahrung liegt, erzeugt Angst und wird als „abwegig“, „zufällig“, „übernatürlich“, verrückt bezeichnet, damit wir nicht zugeben müssen, dass wir es ganz einfach nicht verstehen.
Watzlawick Paul und John H. Weakland: Interaktion. München 1990 (1977), S. 229.
Die unerschütterbare Konsequenz des einmal eingeschlagenen Handelns, die dabei durchaus gezeigte Aufmerksamkeit auf die schier wahnsinnige Kontingenz dieser Lebenssituation und die dadurch erfahrene intrinsische „Belohnung“ durch den undurchschaubaren Zufall, wie sie diese Entenmutter zeigt in Verantwortung für soviel Brut, das hat meinen ganzen Respekt.
Was mich daran faszinierte ist, dass sich ständig eine neue Ordnung einspielt; keine Panik, kein kopfloses Durcheinander, kein Chaos sondern: Ordnung – Irritation – Unordnung – Irritation – Ordnung. Man könnte weinen.
@Kusanowsky : mal angenommen, ich wüsste gar nichts von Dir. Hier sind zwei kurze Zeugnisse zweier schriftlich fixierter Reaktionsweisen auf eine konkret dokumentierte animalische (Über)Lebenssituation. Vergleicht man nun diese beiden Stellung nehmenden und die gesehene Situation beurteilenden Texte: welch kategoriale Übereinstimmung UND Unterschiedenheit im kognitiven und emotionalen Feld. DAS ist der Mensch: eine unbeschreibbare Entität.
„der Mensch: eine unbeschreibbare Entität.“ Ja.
Angst ist eine unangenehme Erwartungshaltung, die nicht vor dem Gefürchteten selbst, wohl aber vor einem zu vermeidenen Ereignis schützen kann. Angstbereitschaft wäre entsprechend ein Systemzustand, in welchem die Psyche ihre Emotionspotenziale von allem, was ihr als wenig bedenklich erscheint, abgezogen hat, um sie jederzeit der Abwehr einer Angstsituation zur Verfügung stellen zu können. So verhindert Angstbereitschaft den allzu plötzlichen und traumatisch wirkenden Anstieg belastender Gefühle, denn sie besteht in der Erzeugung und Aufrechterhaltung eines relativ hohen emotionalen Niveaus schon vor dem eventuellen Eintritt der befürchteten Situation: Man erschrickt nicht vor dem, was man erwartet hat. Der Systemzustand allein bestimmt so, ob die Psyche mit einem Schrecken reagiert oder mit einer gefassteren Reaktion dank disponibler Angstbereitschaft.
In diesem Zusammenhang hatte Luhmann, die Verknpüfung seiner Theorie mit einer Theorie der Psyche erwägend argumentiert:
„Wir sprechen weder von Trieb noch von Angst. Die Anschlußstellen entsprechender Theorien über Grundlagen psychischer Phänomene würden hier liegen; aber jedes bestimmte Wort an dieser Stelle würde uns zu stark auf bestimmte Theorieentwicklungen festlegen. Wer hier Chancen sieht, kann sie immer noch einhängen.“
Luhmann, Niklas: Die Autopoiesis des Bewußtseins. In: A. Hahn & V. Kapp (Hrsg.): Selbstthematisierung und Selbstzeugnis: Bekenntnis und Geständnis (S. 25-95). Franfurt/M. 1987, S. 50.
Als ob er mit dieser Vorsicht vor irgendetwas Angst hatte oder auch vor nichts Angst machen wollte. „Wer hier Chancen sieht …“ als ob er selbst keine Chancen sehen würde oder wollte oder könnte – oder eben: er hatte Angst. (Soviel psychologistische Spekulation darf an dieser Stelle auch mal sein.)
@Kusanowsky : „“Soviel psychologistische Spekulation darf an dieser Stelle auch mal sein“, na denn:
So wie ich ihn denn einschätze, den von mir bewunderten Sprachmeister, Ironiker, Karrierestrategen, Schlitzohr durchschauter und exekutierter Verwaltungsroutinen, zielstrebigen Veröffentlichungsstrategen, der eine einmalige Situation (Adorno-Vertretung) geschickt zu nutzen verstand und der mit Bravour die öffentliche akademische Bühne betrat (Habermas.Debatte), so wäre ich geneigt zu sagen: Konsequent ist er seinen Weg gegangen, sich in einer sozial vorgefundenen Welt einen Namen zu machen, genau wissend, wo und wie er sich zu platzieren hätte: zwischen Hegel, als dem idealistischen Pol, und den Amerikanern wie Talcott Parsons, der globalisierten Weltsprache, als dem empirischen und pragmatistischen Pol, den soziologischen Ausgangsdenkern wie Durkheim, Tarde, Simmel, Weber, und – das wäre dann das für ihn Wichtigste und Bezeichendste – genau mitten drin bei allen neuzeitlichen Sonderdenkern, die möglichst keiner kannte und deren Denkfiguren so wunderbar anzupassen und anschlussfähig zu verwandeln waren wie zum Beispiel Maturana (Autopoiesis), Neodarwinisten (Evolutionstheorie), Shannon (kommunikatives Auswahltheorem), Fritz Heider (Medium/Form-Gedanke), und – nicht zuletzt – Georg Spencer Brown (Differenzierungskalkül mit dem fruchtbaren re-entry-Gedanken).
Dieser Wissenschaftsstratege hat mit einem klaren Blick auf Nietzsche gesehen: wer etwas Neues machen will, der muss alles schon vorhandene Alte genau kennen, sortieren und – soweit brauchbar – ins kommende und gewollte Neue zielstrebig und pragmatisch einbauen. Aber: er war auch ein großer Verschleierer, was er von seinen Entdeckungen nicht zeigen oder erwähnen wollte, das hat er auch konsequent und cool unterschlagen oder nur an den kuriosestsen Stellen in Fußnoten erwähnt oder gar nur angedeutet, das Klarmachen späteren Spitzfindigen überlassend. Nicht umsonst sind typische Luhmannworte die Termini „Invisibilisierung“ und „Plausibilisierung“. So entstand seine Legende der Bescheidenheit, und so wusste keiner in seiner Umgebung so ganz genau und kantenscharf, wie er mit ihm dran war. Den italienischen Linken hat er wohl – warum auch immer – auf die menschenfreundlichste Weise vertraut. Er sei kein Autor, hat er lauthals getönt, und damit passte er heute noch millimetergenau in die Piratenszene. Er war vielleicht nicht wirklich ängstlich, oft war er sogar naiv offen, (man denke an sein Verhalten in den südamerikanischen Favelas, treuherzig wie ein großes Kind), und dann wieder als Besucher der nordamerikanischen Rechtsschulen als ein unbestechlicher Bekenner juristischer Rechtswelttrixereien: er hätte bei jedem intelligenten Fürsten eine große Karriere gemacht.
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders