Die Infantilisierung der Wissenschaft
von Kusanowsky
Aufmerksam machen möchte ich auf die ersten drei bis fünf Minuten dieses Vorlesungsmitschnitts.
Ein Professor unterhält die Studenten mit Kasperletheater, wohl in der pädagogischen Absicht durch Clownerei Auflockerung zu bewirken, wobei der Zusammenhang zwischen dem harten Brot der Mathematik und der Aufführung infantiler Albernheiten an keiner Stelle plausibel wird. Man könnte das Kasperletheater als ein Zeichen des Niedergangs abqualifizieren. Der Eindruck der Infantilisierung ergibt sich ja dadurch, dass erwachsene Menschen sich wie kleine Kinder benehmen; und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Nachahmung kindlichen Verhaltens irgendwie lächerlich, peinlich und abseitig wirkt.
Trotz aller Neigung zur Abwertung und Disqualifizierung verweist diese kleine Episode auf einen Beobachtungspunkt, den man nicht so einfach beseite schieben kann. Warum konnte diese Infantilisierung nicht schon vor zwanzig, vor dreißig Jahren oder mehr betrieben werden? Warum kann das nunmehr schamlos geschehen? Möglicherweise liegen die Gründe dafür in einer Entwicklung begründet, die das Rechnen und Ausrechnen zunehmend Computern überlässt und Menschen lediglich dazu ausgebildet werden müssen, diese Computer zu bedienen. In dem Maße wie immer mehr entscheidende Vorgänge computergestützt ablaufen, brauchen Menschen ihren Stolz ob ihrer mathematisch-logischen Urteilsfähigkeit nicht mehr mit mit allzu großer Mühe aufrecht zu erhalten.
Diese Infantilisierung ist ein Zeichen der Schamlosigkeit, die sich einstellt, wenn soziale Prozesse immer aufdringlicher die Beobachtung zulässig machen, dass Menschen gar nicht Träger des Wissens sind. Wenn das so ist, so kann nunmehr auf entsprechendes Verhalten, das die Wahrheit des Gegenteils erfolgreich kommunizieren soll, verzichtet werden.
So spricht diese Infantilisierung von einem Zerfall von Vermeidungsstrukturen transzendentaler Subjektivität, ohne gleichwohl die transzendentale Subjektivität zu zerstören. Sie ist nur sozial trivialisiert und damit wirksam auf Dauer gestellt.
Die erfolgreiche Durchsetzung sozialer Strukturen zur Kenntlichmachung transzendentaler Subjektivität war immer damit verbunden alles, was dieser Ermöglichung entgegengesetzt war, auszugrenzen, beiseite zu schieben, gering zu schätzen: transzendentale Subjektivität, die ihre Wissensträgerschaft beweisen sollte, musste ernsthaft, skeptisch, kritisch, distanziert, affektgehemmt erscheinen, musste irgendeinen Habitus der intellektuellen Vornehmheit ausbilden.
Interessant zu sehen, dass dieses Vermeidungsverhalten gar nicht mehr verstanden wird. Das geschieht, weil es nicht mehr notwendig ist. Die Mathematik zerfällt nicht, wenn die mathematische bzw. die wissenschaftliche Urteilsfähigkeit von Menschen nicht mehr mit Strenge eingehalten und durchgesetzt werden muss.
Die Gesellschaft fängt an, den tranzendentalen Vermeidungsirrtum zu beobachten.
Die Khan Academy könnte ein ähnliches Beispiel sein, abhängig von der Zielgruppe, die man im Auge hat (die Khan Academy hat ja prinzipiell keine Altersbeschränkung, Vorlesung werden wohl vorwiegend von Studenten besucht). Infantilisierung wäre hier wohl etwas übertrieben, Zugänglichkeit als Kriterium qualitativ hochwertiger Lehre trifft es vielleicht eher.
http://www.khanacademy.org/
Ich stimme Deiner Analyse nicht ganz zu, sondern sehe es eher als ein Problem des Kapitalismus, der die Lust am Denken durch das Dressieren mittels Motivation ersetzt hat, aber ansonsten: Oh Himmel, ist *das* entsetzlich!
Ja, der Denker muss seine Disziplin verteidigen: Spekulieren, fantasieren, aber alles kritisch im Griff behalten. Der Kapialismus ist gegen dich! Und du, du bist der, der das versteht, der das durchschaut, der das bewältigt, der das alles ordentlich ordnen kann. Es wirken da Kräfte im Hintergrund, die im Vordergrund nur der aufgeklärte Kritiker erkennt. „Denke dir, Denker du wirst beherrscht“, flüstert es von hinten über die Schulter, „wehre dich, empöre dich, verteidige dich und deine gottverfluchte Unschuld. Du Denker, du Bewältiger, du Durchschauer und Belehrer! Wehre dich, belehre mich, wehre dich (fade off..), belehre mich, wehre dich (fade off).
Ähm… ganz ehrlich: übertreibt ihr nicht ein bisschen? Das sind 5 Minuten Einstieg in eine Vorlesung gewesen, in der es anschließend mit vollständiger Induktion zur Sache geht. Ich finde, ein bisschen Humor darf man auch in der Wissenschaft haben. Oder nicht?
Also ich bin in meinen bierernsten Mathe Vorlesungen immer nach ca. 10 Minuten eingeschlafen. Bei @dunkelmunkel wäre mir das sicherlich nicht passiert.
Warum darf Mathematik denn keinen Spaß machen, warum darf ein Mathematiker keinen Spaß machen? Dass ich das nicht verstehe liegt vermutlich an meiner naiven Infantilität…
@cspannagel
„übertreibt ihr nicht ein bisschen?“ Ihr? Wer ist „ihr“?
„Ich finde, ein bisschen Humor darf man auch in der Wissenschaft haben. Oder nicht?“ – Du hast den Text nicht verstanden. Lies ihn nochmal und gib den Text mit deinen eigenen Worten wieder. Versuche es.
Aus welcher Position ließe sich überhaupt von Infantilisierung reden?
Die Hochschule als solche hat offenbar nicht das geringste Problem mit dem im Video zur Schau gestellten Habitus. Jedenfalls sind mir weder von Seiten dieser Organisation noch von irgendeiner anderen Seite Einwände begegnet, dass das SO nicht ginge. Auch habe ich aus meiner eigenen Schul- und Studienzeit Beispiele im Kopf von Herangehensweisen, die in puncto Lockerheit dem Obigen in nichts nachstanden. Das ist 30 Jahre her.
Wäre also nicht eher die dem Text zugrundeliegende Normativität zu überdenken. Bzw. die normativ einer Realität unterstellte Norm („sowas musste immer beiseite gedrängt, unterdrückt, ausgegrenzt, gering geschätzt werden“), die sich die Praxis noch niemals gefügt hat?
Es ist doch immer das gleiche mit Texten dieser Art: Erst wird ein Popanz aufgebaut („sowas wäre früher niemals möglich gewesen!!!“), um ihn dann in einem zweiten Schlag zu zertrümmern.
Aber der Popanz existierte, wenn es ihn je gab, ohnehin immer schon nur als zertrümmerter.
Leider ist die Angelegenheit überhaupt nicht lustig. Wie bei Ozzy Osbourne gibt es auch hier versteckte Botschaften. Dazu muss man nur die automatisch generierten Untertitel aktivieren.
(So sollte man übrigens bei jedem blöden youtube-Video verfahren, denn die Addition von Unsinn plus Unsinn ergibt Sinn. Das ist pure paranoische Mathematik).
However: Die Untertitel an der entscheidenen Stelle lauten:
„Ich höre keinen Merkel und sie aus Born hätte ich gern als Mathe Professor Steinberg.“
Das ist die Schlüsselstelle. Politik mal beiseite bleibt der (versteckte) Verweis auf den Mathematik-Didakten Günter Steinberg. Steinberg stand für einen behavioristisch orientierten Lernbegriff. Danach soll „Lernen als Änderung der Verhaltenswahrscheinlichkeit gegenüber mathematischen Situationen“ verstanden werden. (siehe u.a. Steinberg, Günter: Strukturierungen bei der Planung von Mathematikunterricht. MU 1985, Heft 1, S. 75/881).
Wie von @Kusanowsky gesagt: Menschen sollen ja nur noch Computer bedienen. Der Behaviorismus ist eine Schule, die Menschen in eine Skinner-Box packt. Das ist das eigentlich Schaurige.
@Spektator Das Internet ist eine paranoische Trollmaschine. Die Internetkommunikation erzwingt, dass alle Beteiligten über alles, was per Internet kommuniziert wird, ganz schlecht informiert sind, weil jeder auf andere Weise über anderes informiert ist. Wie reagiert man darauf? Ich bin nicht mehr besser informiert als alle anderen und alle anderen nicht besser als ich. Also versuche ich so zu schreiben, dass diese Informationsdefizite gar nicht verdeckt, sondern aufgezeigt werden. Ich nehme ein Video als Einzelbeispiel für einen möglichen allgemeinen Erklärungszusammenhang, veröffentliche das und schaue, was anschließend geschieht. Ergebnis: jeder hat etwas anderes zu kritisieren. Alle verheddern sich in Kritik. Und alle suchen nun nach Rechtfertigungen dafür, dass sie sich auf Informationsdefizite einlassen, womit sie dafür sorgen, noch mehr Informationsdefizite zustande kommen. Das heißt: Das Internet ist eine paranoische Trollmaschine.
„Du hast den Text nicht verstanden.“ – Stimmt. Wenn du bereit bist, Texte zu schreiben, die man verstehen kann, dann bin ich auch bereit dazu, mich ernsthaft mit deiner Kritik auseinanderzusetzen. So nicht.
„Ich bin nicht mehr besser informiert als alle anderen und alle anderen nicht besser als ich.“
Und doch reklamierst Du mit dieser Einsicht (wie mit Deinem quod erat demonstrandum „Das Internet ist eine paranoische Trollmaschine“) für dich einen Erkenntnisvorsprung (wie auch nicht? Kann man sich Erkenntnis vorstellen, die sich nicht als Erweiterung begreift, die vorher nicht da war?), denn der obige Satz ist nichts anderes als die widersprüchliche Identität von Kreter-Paradox und sokratischer Formel („Ich weiß, dass ich nichts weiß“, das Urbild aller perfomativen Selbstwidersprüche).
Du bist insofern besser informiert, als Du über die Information verfügst ,nicht besser informiert zu sein als die Anderen (an denen das bislang, so die Unterstellung, vorüber gegangen sei. Oder: von ihnen unterdrückt und die Einsicht verhindert wird.)
„Also versuche so zu schreiben, dass diese Informationsdefizite gar nicht verdeckt, sondern aufgezeigt werden.“
Also Aufdeckung, Apokalyptik als deine pädagogische Lösung für Alle, so unterschiedlich sie sein mögen? Besteht der Trug einerseits nicht darin, zu glauben, man verfüge über die Souveränität die eigenen Defizite nicht nur zu erkennen und aufzudecken, sondern andererseits in dieser Methode auch ein Verfahren anderen propagieren zu können, das gerechtfertigter wäre als ein Anderes?
Wenn wirklich für Alle Verschiedenens gilt, warum sollte dann für alle das gleiche Verfahren anempfohlen werden? Ist nicht vielmehr die Pluralität der Herangehensweisen auch hier unhintergehbar?
Keiner ist besser informiert als die Anderen, deshab kann keiner mehr vorgeben, wie geschrieben werden müsse. Nicht mal Du. Oder?
@neurosophie „Die Untertitel an der entscheidenen Stelle lauten“ – ein ganz wunderbares „Überhören“ des Gesagten. So etwas bringt mehr und hilft eher weiter als dieses dämliche Kritisieren.
Von mathematischen Kenntnissen bin ich genau so weit entfernt wie von soziologischen Erkenntnissen. Eine leichte Ahnung habe ich nur von Tuten und Blasen. Und dennoch möchte ich hier kurz mitspielen. Ist dieser Wunsch kindisch?
Der Text ist vielleicht auf den ersten Blick nicht leicht verständlich, zeigt mir aber (wie z. B. auch die Seite „Zur Kontingenz soziologischer Aufklärung“ in diesem Blog) wie gern der Autor selber spielt, nämlich mit Worten, Gedanken und seiner Leserschaft: Werden Begriffe wie Wunder, Zauber oder Magie (nicht nur in der jetzigen Vorweihnachtszeit) nicht zuerst mit Kindern in Verbindung gebracht?
Sicher könnten Lob und Kritik zum Video allgemein verständlicher ausfallen als es im Beitrag anklingt. Andererseits sind Texte dieser Art auch geeignet, das eigene Denken anzuregen: Gab es vor zwanzig, dreißig Jahren wirklich noch keine Infantilisierung in den Lehrveranstaltungen? Würde ich mich je trauen, mit einem eigenen (Lehr-)Video an die Öffentlichkeit zu gehen? Reicht es für die Beurteilung einer Vorlesung aus, sich auf die ersten fünf Minuten zu konzentrieren? Bin ich kindisch? Warum (nicht)?
Ja, ich dacht mir auch schon immer, dass der Albert Einstein wohl infantil, war, wie der so die Zunge rausgebleckt hat – öffentlich! das muss man sich mal vorstellen. Vielleicht hatte der ja auch das Tourette-Syndrom und war gar nicht intelligent? 😉 Ich mache häufig die Erfahrung, dass diejenigen, die nicht die intelligentesten Intellektuellen sind, am meisten den Verfall der Ehrfurcht vor Wissenschaft und Intellktualität beklagen. Ehrfurcht und rigide Regelbezogenheit ist oft Ersatz für die die fehlende Souveränität mit Wissenschaft auch humorvoll und selbstironisch umzugehen. Und manchmal ist es halt so, dass jeder mal etwas ungeschickt ist – egal ob intellktuell oder nicht. Die einen sind es mal, wenn sie ein bisschen Spaß und Humor reinbringen wollen, die anderen, wenn sie eine Satire schreiben, die dann nicht als solche erkennbar ist. Und dann steht das öffentlich im Netz und man kann es trollen. Verstehen ist halt unwahrscheinlich und Missverständnisse sind das Übliche. Also Gnade bitte! Sonst können wir nicht mehr öffentlich reden und die Kultur der Scham legt sich wieder wie Blei auf unsere Kreativität.
@Kristina Lucius „Reicht es für die Beurteilung einer Vorlesung aus, sich auf die ersten fünf Minuten zu konzentrieren?“ Nein das reicht nicht. Ich habe keine Vorlesung beurteilt, sondern folgenden Beobachtungsstandpunkt eingenommen: „Trotz aller Neigung zur Abwertung und Disqualifizierung verweist diese kleine Episode auf einen Beobachtungspunkt, den man nicht so einfach beseite schieben kann.“
Versuchen wir es: beim ersten Anschauen dieses Videos war ich von diesen Hampeleien abgeschreckt, ich fand das abstoßend, dumm, infantil und gar nicht witzig. Dann erst fing ich an, darüber nachzudenken, warum mir dies überhaupt auffällt. Denn: nichts ist so einfach, nichts geht so schnell wie mit geringschätzender Meinung zu urteilen. Aber warum schien es mir, wenn auch mit Geringschätzung versehen, so bedeutend zu sein, dass mir meine eigene Geringschätzung auffiel? Darüber habe ich nachgedacht und meine Überlegungen in den Gesamtzusammenhang meiner gesamten Blogargumentation gestellt.
Natürlich weiß ich, dass nicht alle Leser mein Blog lesen, natürlich weiß ich, dass niemand sich erst einmal ausführlich darüber erkundigt, was ich so schreibe, wie das gemeint ist, wie man das einordnen, wie man das interpretieren könnte. Stattdessen ist mir klar gewesen, dass alle anderen nicht viel anders urteilen als ich: schnelle Meinung, schnelles Urteil, kurzer Prozess: Geringschätzung wir mitgeteilt und fertig.
Diese bezeichne ist als Trivialität transzendentaler Subjektivität, die ein Evolutionsergebnis der modernen Gesellschaft ist. Trivial heißt hier, dass alle modernen Menschen sich selbst jederzeit eine Genalität zurechnen und zum Ausdruck bringen dürfen. Eben dies geschieht alltäglich mit Internetkommunikation.
Nachtrag:
Das Ende der transzendentalen Subjektivität https://differentia.wordpress.com/2011/12/10/das-ende-der-transzendentalen-subjektivitat-1/
Beobachtung: der Autor (Klaus Kusanowksy) kommentiert ein Video, das mit „vollständige Induktion“ überschrieben ist. Im Video gibt es eine Vorrede, bei denen der Produzent des Videos einige persönliche Bemerkungen macht. Dabei kommt der Matheprofessor (C. Spannagel) auf die Muppetfigur „Graf Zahl“ (Count of Count) verweist. Die Veranstaltung ist Teil der Lehrerausbildung.
Kusanowsky formuliert einige Punkte, die ich hier als Thesen wiedergebe. Anschließend werde ich diese kommentieren.
These 1: Es findet eine Infantilisierung statt.
These 2: Die Infantilisierung ist eine Folge dessen, dass Computer vom Menschen die Rolle des Wissensträgers übernommen haben.
These 3: Es ist wünschenswert, dass es eine „transzendentale Subjekivität“ gibt, die durch einen Überlegenheitshabitus die Menschen scheidet in „wissende“ und „Unwissende“.
Meine Kommentare:
Zu These 1 meine Antithese 1: Lehrer müssen lernen wie man zwischen dem eigenen Fach und der Lebenswirklichkeit der Schüler Brücken schlägt.
Meine These 1a: Lernerfolg ist weniger eine Funktion der Intelligenz als der Relevanz.
Ausführung zu These 1a: In meiner eigenen Praxis als Mathe-Nachhilfelehrer ist mir immer aufgefallen, dass auch Schüler, die sich selbst als „mathematisch unbegabt“ wahrgenommen hatten, durchaus in der Lage waren Konzepte zu begreifen, wenn sie als relevant für ein Interessengebiet empfunden wurden. Dass diese Schüler sich in der Sondersituation 1 zu 1 befunden haben, und dadurch nicht ausweichen konnten ist sicher auch ein relevanter Fakt.
Meine These 1b: Überlegenheitshabitus eines Lehrers stellt selten Lehrerfolg sicher, führt aber zu einer Wahrnehmung seines Fachs als Fassade, wenn die Überlegenheit Sprünge bekommt.
Dazu brauche ich vermutlich für alle die je in einem Gymnasium waren keine Belege anführen.
Meine These 1c: „Wissenschaftssprache“ um ihrer selbst willen verhindert eher Lernerfolg als dass sie ihn befördert.
Auch hier denke ich, hat jeder erlebt, dass Schüler die richtigen Fachwörter roboterhaft benutzt haben, ohne zu verstehen, was sie sagen. In meiner Praxis der Ausbildung von Masterstudenten und Doktoranden fällt dies auch immer wieder auf.
Zusammenfassend wäre ich mit dem Begriff „Infantilisierung“ erst einmal sehr vorsichtig. Meines Erachtens ist es erheblich infantiler eine Überlegenheit darzustellen, als Dinge zunächst(!) sehr einfach darzustellen.
Zu These 2: Meine Antithese 2: Computer können gar nicht Träger des Wissens sein.
Wir sollten ganz klar zwischen „Wissen“ und „Information“ unterscheiden, so wie wir zwischen „Wissenserwerb“ und „Informationsverarbeitung“ unterscheiden sollten. Diesen Moralischen Imperativ stelle ich auf, weil ich glaube, dass Computer wunderbar rechnen können, aber nicht in der Lage sind oder sein werden, „Wissen“ zu entwickeln. (These 2a)Denn Wissen ist der Erkenntnis verwandt. Die Verknüpfung von Information im Hinblick auf eine Fragestellung, ein Computerkann aber keine Finalität entwickeln (These 2b).
Im Übrigen ist die von Kusanowsky aufgestellte Unterthese, dass es genüge Menschen zu Computerbedienern auszubilden offensichtlich falsch. Da bis heute menschliche Lehrer an der Schule unterrichten und menschliche Forscher die Grenzen unseres Wissens weiten.
Zu These 3: Mathematik ist unabhängig davon wer sie betreibt. Aber ich hätte gerne von Kusanowsky ein Beispiel, wo Software in der Lage ist einen Beweis über vollständige Induktion zu führen. Wie oben ausgeführt halte ich selbst ein „Priestertum“ oder gar „Hohepriestertum“ des Wissens für ein typisch menschliches Verhalten der Selbstwerterhöhung. Das hat mit Wissenschaftlichkeit nichts zu tun. „Infantilisierung“ kann ich im kritisierten Video nicht finden.
Vielen Dank für die verständlichen Erklärungen! Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, mir Deine Meinung zu „übersetzen“, und ich kann sie nun besser verstehen. Um sie zu teilen, fehlt mir wohl noch die entsprechende Erfahrung im Umgang mit dem Internet.
Ich würde Dir gerne auch meine Gedanken (z. B. über die ersten fünf Minuten des Videos) mitteilen, allerdings kann ich das im Augenblick nur in meiner einfachen Sprache. Deine Seiten im Blog, der Link im Nachtrag zu einem weiteren Artikel oder der Ursprungsbeitrag wirken jedoch auf mich, als sollten sich Laien gar nicht angesprochen fühlen oder hier kommentieren. Das finde ich schade, werde es aber in Zukunft respektieren.
@Christian Spannagel
Siehst du? Geht doch. Hast du den Artikel also doch verstanden. Man muss nur den Autor richtig zitieren, schon weiß man, was Sache ist.
Der hier vorgeschlagene Begriff von der transzendentalen Subjektivität klingt zwar bewusstseinsphilosophisch, zeichnet sich aber durch eine grundlegende soziologisch-kommunikationstheoretische Orientierung aus. Im Kern enthält er die These, dass Subjektivität nicht etwas ist, das substantiell der Kommunikation vorgängig ist, sondern in der Kommunikation vorausgesetzt werden kann. Subjektivität ist in der Tat nicht beobachtbar. Doch eine Beobachtung ohne die Annahme der Subjektivität macht wortwörtlich keinen Sinn, und genauso wenig eine Beobachtung von Handlungen ohne die Unterstellung der Subjektivität der Handelnden. Transzendentale Subjektivität bedeutet deswegen: Menschliche Kommunikation ist nicht denkbar ohne Subjektivität, doch geht die Subjektivität der Kommunikation nicht voraus – sie setzt sie nur voraus. Vom Ausgangspunkt der empirischen Soziologie, die beobachtet (und das, was sie beobachtet, durchaus als Kommunikation oder Objektivation bezeichnen kann) ist die Subjektivität transzendental – eine Bedingung der Möglichkeit für das Soziale.
hier gefunden: Hubert Knoblauch: Transzendentale Subjektivität. Überlegungen zu einer wissenssoziologischen Theorie des Subjekts. In: Phänomenologie und Soziologie. Positionen, Problemfelder, Analysen, hgg. von Jürgen Raab, Michaela Pfadenhauer, Peter Stegmaier, Jochen Dreher und Bernt Schnettler, Wiesbaden: VS-Verlag 2007.
http://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/685/ssoar-2008-knoblauch-transzendentale_subjektivitat.pdf?sequence=1
@cspannagel
Es geht hier nicht darum, unterhaltsame Formen der Pädagogik abzuqualifizieren.
In der Physik gibt es mit Richard Feynman ein Paradebeispiel für begeisternde Pädagogik. Übrigens wurde Feynmans Leben als Comicbuch veröffentlicht:
NUR: Wie konstitutiv sind die humoristischen Elemente in das pädagogische Konzept eingebunden? Wo wird unnötig trivialisiert und vom eigentlich zu lernenden abgelenkt?
Dazu gesellt sich eine kritische Diskussion um die Ausgestaltung der Lehre – die nicht nur von Soziologen geführt wird:
http://alt.ikvu.de/html/archiv/ikvu/kirchentag/werlhof.html
Beim Unterrichtsgegenstand Vollständige Induktion hätte ich die ersten Minuten genutzt, um über die Hintergründe und die Entstehung des Ansatzes zu sprechen. Da wäre Francis Bacon zu erwähnen (dazu kann man ja gerne XOXys mit Schinken-Käse-Geschmack verteilen). Die vollständige Induktion steht auch für den Siegeszug der Empiristik (mit allen scholastischen Wurzeln) gegen die Intuition. Für einen Vortrag an der Universität Heidelberg würde ich so einen Diskurs zwingend erwarten. Warum sollte das an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg nicht möglich sein? Wem das Talent gegeben ist, seine Studenten faszinieren zu können, der sollte diesen Zugang auch mit Inhalt füllen.
Spannagel ist ein extrovertierter und narzisstischer Selbstdarsteller, und es ist schlimm wie er als Professor seine Studenten begeistert. Graf Zahl mit transzendentaler Subjektivität zu kontern, ist ganz passend.
Ja, es ist schon schlimm, wie man als Professor seine Studenten begeistert.
@cspannagel
Niemand kann einen Selbsttest auf Humor- und Spaßfähigkeit autonom durchführen, weil Humor und Spaß allein kommunkativ in Erscheinung treten. Niemand kann sich selbst ein Attest in Sachen Humor und Spaßfähigkeit ausstellen. Wollte man dies allerdings versuchen, landet man schnell in der Humor- bzw. Spaß-Falle; es könnte sich zeigen, dass der Getestete – soviel Spaßfähgkeit er sich selbst auch immer zurechnen mag – als gänzlich humorlos auffällt, wenn er von einem anderen Spaßmacher beobachtet wird. Denn das Kennzeichen der Humorlosigkeit besteht in der ungeniertern Zurschaustellung von Kränkungsfähigkeit.
Wolltest du dagegen einwenden, dass du den Humor- und Spaßaspekt meines Blogartikels gar nicht identifizieren kannst, so würde mich das gar nicht wundern und dir das im Gegenteil zuerkennen. Das ging mir mit deiner Vorlesung auch so.
Wir sehen: Auch Spaßmacher, die mit Kasperlepuppen hantieren, müssen damit rechnen, selbst als Kasperele von einem anderen Spaßmacher beobachtet zu werden. Dass in dieser Hinsicht unvereinbare Geschmacksdifferenzen auffallen können, ist, was Spaß angeht, nicht das Problem, sondern die Lösung. Denn was sollte noch Spaß machen, wenn nicht die Beobachtung und Behandlung dieser Unvereinbarkeiten?
Internetkommunikation: Teste deine Kränkungsfähigkeit https://differentia.wordpress.com/2012/04/14/internetkommunikation-teste-deine-krankungsfahigkeit/
Sie tun mir sehr leid.
Ich finde ihre Ausführung nicht zutreffen, ich würde fast schon vermuten, dass sie nie eine Uni besucht haben, zumindesten keine Ahnung haben. Abgesehen davon haben sie wohl in den letzten 40 Jahren keine Vorlesungen besucht, weil dann hätten sie sehr viele lustige _und_ kompetente Vorlesungen erlebt, die ihnen beigebracht hätten, die Vorlesung wertzuschätzen.
Lästern kann jeder, wie auch mit Fachbegriffe jonglieren, die hier unangebracht sind.
In der Psychologie wäre so eine „pauschale Diagnostik“ nicht respektiert, geschweige akzeptiert, weil sie eher an fehlgeleitete Projektion erinnert.
Sind sie etwas wütend darüber, das Mathe auch Spaß machen kann?
Hätten sie gerne auch Süßigkeiten und eine eigene Vorlesung?
Ich wünsche mir von ihnen, dass sie lernen, dass was Spaß macht nicht gleich mit dem Wort „Infantil“ verwechseln. ( Infantilisierung eher: Infantilismus : bedeutet wenn ein Mensch auf die Entwicklungsstufe eines Kindes körperlich _und_ seelisch zurück fällt. // bzw. wenn Langzeitpatienten Kleinkind ähnliches Verhalten ausbilden// Menschen die einen sog. Baby-Fetisch haben, dass sie selber sexuelle Bedürfnisse als Baby ausleben// etc.pp )
Was sie meinen ist wenn Puerilismus.
Frau Leiche
In der Kulturwissenschaft verwendet Johan Huizinga den Begriff Puerilismus für von ihm als infantil eingeordnetes Verhalten Erwachsener in der Moderne. Hierzu zählt er das Bedürfnis nach banaler Zerstreuung, die Sucht nach Sensationen, die Lust an Massenschaustellungen, Unterstellung von bösen Absichten oder Motiven bei anderen und Unduldsamkeit gegen jede andere Meinung, maßloses Übertreiben von Lob und Tadel. (vgl. Huizinga, J.: Homo Ludens – Vom Ursprung der Kultur im Spiel, Hamburg, 20. Auflage 2006, S. 221 f).
der Christian ist ein lustiger Gesell und warum auch nicht?
Die Pointe lautet: „Was denn? 150 Mark!“ und bezieht sich auf die Gegenseitigkeit der Beobachtung, die – so erzählt der Sketch – spontan und unvorhersehbar eine Regel eingespielt hat. Die Regel besagt, dass beide Beteiligten etwas verheimlichen dürfen: Er will etwas von ihr, darf es so aber so nicht sagen; sie will nur spielen, bzw. forschen, darf es aber auch nicht sagen. Und im Verlauf der Geschichte wollen beide zugleich aufklären, was sie eigentlich wollen: sie will nur spielen (bzw. forschen), und er wollte etwas von ihr.
In beiden Fällen dieser Regel wird ein Missverständnis verständnisvoll von der Kommunikation beobachtbar gemacht.
Und wenn du @phwampfler nun meinst, dir sei „meine Pointe“ entgangen, dann liegt das nur daran, dass du über eine andere schon gelacht hast. (Bekanntermaßen kann nur ein Ostfriese drei mal über einen Witz lachen: das erste Mal, wenn er ihn hört, das zweite Mal, wenn er ihn weiter erzählt und das dritte Mal, wenn er ihn erklärt bekommt.) Alle anderen können, ist der Witz erst einmal verstanden, nicht noch einmal darüber lachen, können“ihre Pointe“ nicht so leicht durch eine andere ersetzen.
Dieser Christian Spannagel macht eigentlich etwas sehr Vernünftiges: Als Professor zeigt er die Bereitschaft, sich nicht der Beobachtung durch andere zu entziehen, indem als Lehrer oder Erzieher Lob und Tadel (Noten) vergibt und jeden Versuch der Sanktionierung der Studenten durch autoritäre Sanktionierung zu überbieten. Nein, vielmehr, er setzt sich für alle ungehindert der Beobachtung aus und damit macht er sich adressierbar, hier in Hinsicht auf die Spaßvorführung. Also könnte man testen, ob er auch solchen Spaß versteht, den er nicht selbst vorführt, indem man ihn auf die Lächerlichkeit dieser Vorführung hinweist. Er möchte Spaß machen, andere unterhalten, bildet sich etwas auf eine Spaßpädagogik ein, aber dass er sich selbst der Beobachtung und damit auch der Beobachtung von Lächerlichkeit aussetzt, das macht ihm plötzlich keinen Spaß. Vielmehr zeigt er sich gekränkt. Außerdem wird mir auch noch unterstellt, ich würde keinen Spaß verstehen! Woraus geht das hervor? Zumal die Kritisierenden jederzeit zugeben, dass sie meinen Text gar nicht komplett verstanden haben. Dass ich aber keinen Spaß verstünde, das sei offenbar! Tatsächlich findet nur jeder etwas anderes lustig.
Warum wurde mir nicht einfach unterstellt, ich wollte mit diesem Artikel nur Spaß machen? Meine Vermutung ist: das transzendentale Subjek ist soweit von der Beziehung zu seiner sozialen Determinierung entfernt, dass es sich auch noch einbildet, es gäbe ein vernünftiges, allgemeingültiges, ungeteiltes, korrektes, eindeutiges und verbindliches Maß für Spaßhaftigkeit, das für alle gelte und reagiert entsprechend, wenn es auf diese Illusion aufmerksam gemacht wird, mit Kränkung.
Tut mir leid. Der Spaß war auch auf meiner Seite. Es war total lustig zu sehen, wie trivial diese Subjektivität irritierbar und wie verlässlich ihre Kränkungsfähigkeit abrufbar ist. Das ist gemeint mit dem Satz:
„So spricht diese Infantilisierung von einem Zerfall von Vermeidungsstrukturen transzendentaler Subjektivität, ohne gleichwohl die transzendentale Subjektivität zu zerstören. Sie ist nur sozial trivialisiert und damit wirksam auf Dauer gestellt.“
„Wissenschaft muss hart sein! Wissenschaft ist kein Schlaraffenland, in dem etwas zufällt. Studenten müssen sich quälen, so wie Rekruten bei der Armee oder Füchse bei Studentenverbindungen. Nur die Würdigen dürfen das Wissen schauen. Eine Elite-Hochschule wird deshalb darauf achten, hohe Durchfallquoten zu erzielen, damit sie sicher sein kann, keine Weichluschen zu dulden.“
Gunter Dueck in „Didaktik für Profs und Mathetik für Studis!“
http://www.hochschulwesen.info/inhalte/hsw-2-2008.pdf#page=19
Überhaupt sollte jedem Studenten, der in einer Vorlesung lacht, sogleich der Fahrstuhl ins Prekariat angewiesen werden. Gott sei Dank arbeitet die Politik recht erfolgreich daran, das Lachen insgesamt abzuschaffen.
Das ist ein Missverständnis: Ich bin überhaupt nicht gekränkt. Im Gegenteil: Ich finde deinen Text sogar ziemlich lustig. Was du nicht wissen kannst: Ich habe ihn am Dienstag in meiner Vorlesung vorgelesen, und wir hatten jede Menge Spaß damit!.
@cspannagel
Unten angehängt eine kurze Betrachtung aus der FAZ, welche eine Tendenz thematisiert, die schon seit Jahrzehnten bemerkt wird: die Infantilisierung. Diese Tendenz wird immer wieder als Niedergangsymptom betrachtet und man kann sehr gut sehen, von wem: von solchen Organisationen, die mit der Durchsetzung der kritischen Disziplin entstanden sind und ohne welche sie ihrem Selbstauftrag gar nicht mehr nach kommen können. Dazu zählen vor allem Organisationen, die über Erziehung und Ausbildung entscheiden.
und
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/die-infantile-gesellschaft-aus-leuten-werden-kinder-11947625.html
Dazu auch:
http://www.hdm-stuttgart.de/ifak/medienwissenschaft/medienkritik_medienwirkung/medienkritik_in_der_2_haelfte_des_20_jahrhunderts/medienkritik_weinschenk
[…] Dezember erschien im Blog von @kusanowsky der Beitrag “Die Infantilisierung der Wissenschaft”. Auf das dortige Video von Christian Spannagel wurde ich kurze Zeit vorher per Facebook aufmerksam […]
In echt ist alles ganz anders. Weil es das aber nicht sein soll, darf man es gar nicht soweit kommen lassen. Diese Haltung ist die Haltung des Kriegers. Und das hier ist Walhalla.
„As I was walking among the fires of hell, delighted with the enjoyments of Genius; which to Angels look like torment and insanity, I collected some of their Proverbs; thinking that as the sayings used in a nation, mark its character, so the Proverbs of Hell, shew the nature in Infernal wisdom better than any description of buildings or garments,
When I came home: on the abyss of the five senses, where a flat sided steep frowns over the present world, I saw a mighty Devil folded in black clouds, hovering on the sides of the rock, with corroding fires he wrote the following sentence now percieved by the minds of men, & read by them on earth.
How do you know but ev’ry Bird that cuts the airy way,
Is an immense world of delight, clos’d by your senses five?“
und do weiter und so fort…..