Die Infantilisierung der Wissenschaft

von Kusanowsky

Aufmerksam machen möchte ich auf die ersten drei bis fünf Minuten dieses Vorlesungsmitschnitts.
Ein Professor unterhält die Studenten mit Kasperletheater, wohl in der pädagogischen Absicht durch Clownerei Auflockerung zu bewirken, wobei der Zusammenhang zwischen dem harten Brot der Mathematik und der Aufführung infantiler Albernheiten an keiner Stelle plausibel wird. Man könnte das Kasperletheater als ein Zeichen des Niedergangs abqualifizieren. Der Eindruck der Infantilisierung ergibt sich ja dadurch, dass erwachsene Menschen sich wie kleine Kinder benehmen; und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Nachahmung kindlichen Verhaltens irgendwie lächerlich, peinlich und abseitig wirkt.

Trotz aller Neigung zur Abwertung und Disqualifizierung verweist diese kleine Episode auf einen Beobachtungspunkt, den man nicht so einfach beseite schieben kann. Warum konnte diese Infantilisierung nicht schon vor zwanzig, vor dreißig Jahren oder mehr betrieben werden? Warum kann das nunmehr schamlos geschehen? Möglicherweise liegen die Gründe dafür in einer Entwicklung begründet, die das Rechnen und Ausrechnen zunehmend Computern überlässt und Menschen lediglich dazu ausgebildet werden müssen, diese Computer zu bedienen. In dem Maße wie immer mehr entscheidende Vorgänge computergestützt ablaufen, brauchen Menschen ihren Stolz ob ihrer mathematisch-logischen Urteilsfähigkeit nicht mehr mit mit allzu großer Mühe aufrecht zu erhalten.
Diese Infantilisierung ist ein Zeichen der Schamlosigkeit, die sich einstellt, wenn soziale Prozesse immer aufdringlicher die Beobachtung zulässig machen, dass Menschen gar nicht Träger des Wissens sind. Wenn das so ist, so kann nunmehr auf entsprechendes Verhalten, das die Wahrheit des Gegenteils erfolgreich kommunizieren soll, verzichtet werden.
So spricht diese Infantilisierung von einem Zerfall von Vermeidungsstrukturen transzendentaler Subjektivität, ohne gleichwohl die transzendentale Subjektivität zu zerstören. Sie ist nur sozial trivialisiert und damit wirksam auf Dauer gestellt.
Die erfolgreiche Durchsetzung sozialer Strukturen zur Kenntlichmachung transzendentaler Subjektivität war immer damit verbunden alles, was dieser Ermöglichung entgegengesetzt war, auszugrenzen, beiseite zu schieben, gering zu schätzen: transzendentale Subjektivität, die ihre Wissensträgerschaft beweisen sollte, musste ernsthaft, skeptisch, kritisch, distanziert, affektgehemmt erscheinen, musste irgendeinen Habitus der intellektuellen Vornehmheit ausbilden.

Interessant zu sehen, dass dieses Vermeidungsverhalten gar nicht mehr verstanden wird. Das geschieht, weil es nicht mehr notwendig ist. Die Mathematik zerfällt nicht, wenn die mathematische bzw. die wissenschaftliche Urteilsfähigkeit von Menschen nicht mehr mit Strenge eingehalten und durchgesetzt werden muss.
Die Gesellschaft fängt an, den tranzendentalen Vermeidungsirrtum zu beobachten.

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