Kommunikation zwischen Unbekannten
von Kusanowsky
Hier ein kenntnisreicher Text zum Thema Trollkommunikation, den zu lesen ich sehr empfehlen möchte:
„Trollkommunikation besetzt den Kreuzungspunkt zwischen den zwei Konfliktlinien Experten vs. Laien und Redefreiheit vs. Persönlichkeitsschutz. Sie macht auf die damit verbundenen Probleme aufmerksam. Die Lektion, die Trolle erteilen, liegt letztlich darin, dass sie auf die Unvollkommenheit der sozialen Adresse und die menschliche Verletzlichkeit – auch ohne physische Gewalt – hinweisen. Zur Lösung dieses Problems trägt Trollkommunikation aufgrund der Art und Weise wie das geschieht jedoch nichts bei. Stattdessen verschärft sie das Problem. Unter diesem Aspekt muss der aktuelle Trend einer positiven Umdeutung des Trollphänomens eher skeptisch betrachtet werden. Speziell wenn der Begriff des Trollens auch auf Kommunikationsweisen außerhalb des Internets Anwendung findet, wird man den Verdacht, nicht los, dass es darum zu geht schlechtes Benehmen zur Normalität zu erklären. Möglicherweise ist es sogar die Normalität. Das heißt aber nicht, dass man sich damit abfinden muss. Der Text sollte zumindest andeuten, dass man auch anders kritisieren kann. Im Anschluss daran stellt sich die Frage, ob man heute noch auf jeden blinden Fleck, den man vorgehalten bekommt, beleidigt reagieren sollte? Möglicherweise handelte es sich bei einer derartige Mitteilung gar nicht um einen Angriff auf das eigene Image. Vielleicht wäre es intelligenter von Beleidigungsbereitschaft auf Bereitschaft für Überraschungen umzustellen. Insofern kann es nicht darum gehen Trollen zur Normalität zu erklären, sondern die Sensibilität für die sozialpsychologischen Probleme zu erhöhen, die sich hinter Verhaltensweisen verstecken, die als Trollen bezeichnet werden. In diesem Lichte entpuppt sich der Begriff des Trollens selbst als eine Verlegenheitslösung für die Bezeichnung unbeholfenen Negierens und Kritisierens. Trollen zeigt wie es nicht geht und richtet dadurch die Aufmerksamkeit auf die Frage wie es gehen könnte? Beispiele für erfolgreiche Kommunikationsversuche gibt es genug. An ihnen wird sich möglicherweise zeigen, dass das Internet nicht das geeignete Mittel ist um mit unbekannten Personen erfolgreich zu kommunizieren.“
http://beobachter-der-moderne.blogspot.de/2012/12/kontingenz-kritik-und-das-internet-2.html
Beim Lesen dieses Textes ist mir der Gedanke gekommen, ob vielleicht die bekannte Luhmannsche Einteilung in drei Typen sozialer Systeme ergänzt werden müsste. Diese Einteilung besagt: 1. Interkationssysteme, 2. Organisationssysteme und 3. Funktionsysteme. Möglicherweise müsste ein 4. Systemtyp konzipiert werden, z.B. als parasoziale Systeme. Das wären Systeme, die parasoziale Interaktion zwischen Unbekannten und Abwesenden herstellen und diese auf Dauer stellen können, ohne selbst eine soziale Eigenrealität zu konstruieren.
Ein beeindruckender und soziologisch sehr kenntnisreicher Text. Am besten hat mir folgende Stelle gefallen:
„Auf der Sachebene auf den Troll einzugehen, würde wahrscheinlich weitere Spitzen zur Folge haben, denn der Troll verfährt nach demselben Prinzip wie die Polizei.“
Und am wenigsten hatte mich diese Formulierung überzeugt:
„Die sicherste Methode mit einem Troll umzugehen, besteht also darin ihn zu Ignorieren.“
Weil die bekannte Vermeidungsparole „don’t feed the troll“ schon wieder der nächste Fortsetzungsversuch ist, der schon allein deshalb für jeden Troll anschlussfähig ist, weil man niemand genau wissen kann, mit wie vielen Adressen ein Troll involviert ist. Und außerdem: niemand kann die Polizei ignorieren und das nicht allein deshalb, weil sie bewaffnet ist. Eine Polizei könnte sich mit Gewalt allein nicht dauerhaft durchsetzen, sie braucht sehr gute kommunikative Techniken der Verwicklungen von Verdächtigen in ihre Selbstwidersprüche. Genau das macht diese Trollkommunikation: Sie macht auf die transzendentale Selbstverdächtigung aufmerksam, ungeachtet dessen, ob ein Menschen das will oder nicht.
Es zeigt sich eigentlich, dass Internetkommunikation nicht nur Kommunikation zwischen Unbekannten herstellen kann, sondern – aufgrund der Kontingenzüberflutung – auch hinsichtlich der Sacherverhalte Unbekanntheit garantiert. Diese Garantie ergibt sich daraus, dass allein Differenzen die Kommunikation steuern und nicht etwa Einheit, Identität, Sachlichkeit, Konsens, guter Wille oder Vereinbarung. Es sind allein Differenzen, so banal die Gegenstände der Verhandlung auch immer erscheinen mögen, die Kommunikation herstellen und offensichtlich auch genügend Anlässe ermöglichen um sie fortsetzen zu wollen, bzw. zu können. Die Unbekanntheit bezieht sich darauf, dass Klärungen, Eindeutigkeiten, wenn zwar prinzipiell nicht unmöglich, so doch enorm unwahrscheinlich werden. Und mir scheint, dass gerade diese Unwarscheinlichkeit das Faszinosum darstellt, um mit Unbekannten über für einander unbekannte Angelegenheiten zu sprechen. Überflüssig hinzuzufügen, dass der Unterschied zwischen bekannt/unbekannt selbst
kontigent ist. Und auch dieser Sachverhalt, also die Kontingenz dieses Sachverhaltes, ist noch nicht einmal eindeutig.
Dieser Schlusssatz allerdings: „An ihnen wird sich möglicherweise zeigen, dass das Internet nicht das geeignete Mittel ist um mit unbekannten Personen erfolgreich zu kommunizieren“ ist eine völlig Verkennung der Möglichkeiten des Internets. Es ist das Gegenteil der Fall. Nur das Internet ermöglicht wie kein anderes Medium die Kommunikation zwischen Unbekannten. Und dass diese Zumutungen durch die Trollkommunikation nicht der letzte Stand der Dinge bleiben müssen, liegt daran, dass ja auch eine Internetpolizei involviert ist, nämlich: die Trolle selbst. Denn alle soziale Ordnung impliziert sich selbst, weil sie auf der Unterscheidung von Selbstorganisation und Organisation beruht, einer Unterscheidung, die auf beiden Seiten ihrer selbst wiederholt werden kann, die alle ihre Beobachter in sich selbst einschließt und in der deshalb Unruhestifter, Störer und Ordnungshüter oder Polizisten nicht zuverlässig auseinander zu halten sind.
Kurz: die Kommunikation zwischen Unbekannten erzwingt eine radiale Versachlichung der Kommunikation. Ansätze dafür finden sich z.B. in der viralen Ironie, die ja nur besagt, dass nicht nur alles auch ganz anders gemeint sein könnte, sondern auch, dass alles ganz genauso und nicht anders verstehbar ist. Die radikale Sachlichkeit besteht darin, auf eine Treffsicherheit des Urteils zu verzichten und sich auf nicht-überzeugte Verständigung zu verlegen. Ich nenne das: Paranoik. Dabei handelt es sich nicht um ein Konzept, sondern um eine Übung im Sinne Peter Sloterdijks: „Du musst dein Leben ändern“ und darin der Begriff „Übungssysteme“.
„Das wären soziale Systeme, die Kommunikation zwischen Unbekannten herstellen und diese auf Dauer stellen können.“
Entzückend. DAS ist Neuland. A priori keine Definition von Entropie und Information. In meinen Worten: Dieser vierte Systemtyp hätte sich mit den Gestationsbedingungen von Information zu beschäftigen. Synchronisation a priori fremder Zeichensätze – da sind wir im etymologischen Wohnzimmer der Paranoia. Mir ist bisher keine Literatur bekannt, die das aufgreift.
Eine originär neue Frage, born @ #differentia.
„mit den Gestationsbedingungen von Information zu beschäftigen“ Das Wort „Gestationsbedingungen“ kenne ich nicht. Was heißt das? Heißt das so viel wie die Ermittlungen von immer schon vorausgesetzten Voraussetzungen für bereits angefallene Schlussfolgerungen?
@Kusanowsky
Den Begriff habe ich aus der Medizin assoziiert (Gestationsalter eines Fötus).
Deine Überlegungen in meinen Worten: Das Alphabet (Zeichensatz) eines Systems ist selbst als Output eines Selbstorganisationsprozesses zu denken.
Also: Bei dem von Dir avisierten vierten Systemtheorietyp: Wenn der Zeichensatz der Voraussetzungen nicht identisch ist mit dem Zeichensatz der Schlussfolgerung, mit welchem Zeichensatz beschreiben wir die Evolution von Zeichensatz?
Dazu braucht es einen Gödel der Systemtheorie.
Die Lösung von von Foerster: Entropie-Erhöhung. Der von Dir als als Paranoik bezeichnete Prozess könnte ein „Spielen“ mit dem Zeichensatz sein; Auflehnen gegen Verfügung, bis es sich neu fügt. In dieser Übergangsphase kann ein Troll den Sinn seines Handelns („das Durcheinander durcheinander bringen“) nicht rational kommunizieren.
So in etwa habe ich mir das gedacht.
@neurosophie: „Wenn der Zeichensatz der Voraussetzungen nicht identisch ist mit dem Zeichensatz der Schlussfolgerung, mit welchem Zeichensatz beschreiben wir die Evolution von Zeichensatz? Dazu braucht es einen Gödel der Systemtheorie.“
Du bist auf den Ansatz der Autopoiesis gestoßen:
Autopoietische Systeme sind operativ geschlossene Systeme, die sich in einer ’basalen Zirkularität’ selbst reproduzieren, indem sie in einer bestimmten Einheit (die Einheit einer Unterscheidung) die Elemente, aus denen sie bestehen, in einem Produktionsnetzwerk wiederum mit Hilfe der Elemente herstellen, aus denen sie bestehen (Maturana, S. 58). Einfacher formuliert: ein autopoietisches System reproduziert die Elemente, aus denen es besteht, mit Hilfe der Elemente, aus denen es besteht. (Willke, S. 43)
Maturana, Humberto R.: Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig 1982.
Willke, Helmut: Systemtheorie. Stuttgart, New York 1991.
Nachtrag:
Zirkuläre Prozesse haben die Fähigkeit, sich für ihre Entwicklung nicht zuerst an Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen zu orientieren, sondern zuerst an Differenzen. Solche Systeme sind dabei nicht nur in ihrem Verhältnis zur Umwelt zirkulär, sondern auch ihn ihrem Verhältnis zu sich selber. Die Zirkularität wird bei zunehmender Komplexität enger und führt zur Rekursivität und Selbstreferenz. Eine enger werdende Zirkularität macht die rekursiven Eigenschaften komplexer Systeme sichtbar, nämlich dass die Operationen des Systems direkt auf die eigenen Operationen wirken, die Operationen werden zu Beobachtungen des Systems.
Noch weiter verstärkt führt die Rekursion zur Selbstreferenz, das bedeutet, dass jedes Systemverhalten überhaupt erst durch den Bezug zu sich selbst entstehen kann.
Die stärkste Form der Selbstreferenz ist die Autopoiesis, welche besagt, dass das System nicht nur sein Verhalten, sondern überhaupt seine Funktionsvoraussetzungen durch sich selbst, scon auf der Basis seiner laufenden Operationen erzeugt.
Siehe dazu auch Zirkularität und Selbstreferenz
„Du bist auf den Ansatz der Autopoiesis gestoßen.“
Den Ansatz kenne ich natürlich – ich meine hier aber den ganz konkreten Informationsbegriff und die Entstehung von Zeichensätzen. Vor einigen Jahren habe ich ein neuronales System generiert, das einen eigenen Zeichensatz (synfire chains) generiert:
http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs004220050553?LI=true
Dashalb denke ich, dass diese vierte Systemtheorie das Konzept der neuronalen Komplexität aufgreifen sollte.
Diesen Zusammenhang verstehe ich nicht. Magst du ihn mir erklären?
Ui, da sollte ich etwas ausholen.
1. In „Schlüsselwerke der Systemtheorie“ hat Dirk Baecker mit „Die Umwelt als Element des Systems : über W. Ross Ashby ‚Designs for a Brain: The Origion of Adaptive Behavior‘ (1952)“ den Einfluss der Biokybernetik dargestellt.
Unabhängig davon, wie substantiell dieser interdisziplinäre Austausch ist – Systemtheorie und Biokybernetik tauschen zumindest Metaphern aus.
2.Die Neurosemantik ist die Wissenschaft über den Untersuchungsgegenstand: Selbstorganisierte Enstehung von Zeichensätzen. Sie ist in der Mitte zwischen Biokybernetik und Systemtheorie zu verorten.
3. Literatur- und Medienwissenschaftler wie Jochen Hörisch bedienen sich des Entropie-Begriffs, um rote Fäden zu ziehen. Allerdings ein Entropie-Begriff aus dem 19. Jahrhundert (Hauptsätze der Thermodynamik), der neuere Entwicklungen nicht berücksichtigt.
4. Mit der neuronalen Komplexität liegt ein recht neues Instrument vor, das von der Systemtheorie noch nicht konzeptionelle rezipiert wurde. Doch so mächtig das Kalkül aus mathematischer Sicht auch ist: Es bleibt verhaftet im empirischen Phänomenraum der Neurophysiologie (Beobachtung von Aktivitätsmustern).
5. Mit George Spencer-Brown kann die Systemtheorie zumindest einen Ansatz zur Formalisierung nachweisen. Einerseits phänomenolgisch reich, andererseits ohne Andockpunkte zur Biokybernetik.
Meine Idee auf den Punkt gebracht: Wie auch immer die von Dir geforderte vierte Systemtheorie aussehen mag – sie sollte meines Erachtens eine Brücke zwischen (4) und (5) enthalten.