Scholastische Anhänger der Luhmannschen #Systemtheorie … #soziologie

von Kusanowsky

Scholastische Anhänger der Luhmannschen Systemtheorie kann man daran erkennen, dass sie seit zwanzig Jahren missionierend übers Land ziehen und eine neue und ziemlich beeindruckende Lehre verkünden, die besagt, dass die Gesellschaft nicht aus Menschen besteht, sondern aus Kommunikationen. Wenn man dieser Lehre noch etwas hinzufügen könnte und es nicht dabei belassen wollte, alle in dieser Hinsicht angeführten Argumente noch einmal zu wiederholen, zu zitieren, neu zu gliedern oder Mashups aller bislang bekannten Luhmann-Bücher zu verbreiten, so könnte man sich, ausgehend von einem Grundsatz der Systemtheorie, welcher besagt, dass die Umwelt eines Systems niemals über sich selbst irritiert ist, darüber irritieren, wie es einer Gesellschaft gelungen ist, genau das Gegenteil dieser Lehre glaubwürdig zu machen, ja, das Gegenteil sogar für die letzte aller Wahrheiten auszugeben: angeblich besteht die Gesellschaft aus Menschen, am Anfang und am Ende eines jeden Erkenntnis-, Urteilsbildungs-, Handlungs- und Wissensverbreitungsprozesses stünden Menschen, die als erkennende und urteilende Subjekte sich selbst und ihre soziale Umwelt beobachten, beschreiben und diese aufgrund ihres, ihnen innewohnenden Humanvermögens gestalten.

Wie gesagt: welcher gewissenhafte Systemtheoretiker wollte sich ernsthaft die Mühe machen, ein altes scholastisches Argument hervorzukramen, das besagt, dass der Gegenstand der Urteilsbildung (hier: Gesellschaft) in dieser Hinsicht über sich selbst im Irrtum sei? Und selbst wenn sich dazu jemand berufen fühlte, so bleibt immer noch die Frage übrig, wie dieser Irrtum möglich war, wie dieser Irrtum entstehen konnte. Und dann landet man bei der Überlegung, dass die Erklärung für oder gegen diese oder jene Behauptung nichts mit dem Unterschied von Wahrheit und Irrtum zu tun hat, sondern, dass eine solche Erklärung es mit sich selbst zu tun bekommt: es muss eine  Erklärung für diese Erklärung gefunden werden und sie muss folglich den Unterschied von Wahrheit und Irrtum als indifferent behandeln, weil dieser Unterschied nur fremdreferenzielle Relevanz hat; für sich selbst ist eine Erklärung der Erklärung weder wahr noch irrtümlich, und dann auch weder wissenschaftlich noch unwissenschaftlich.

Das heißt auch, dass die Wissenschaftlichkeit dieser Erklärung, wenn nicht eindeutig widerlegt, so doch mehrdeutig und damit auch fraglich ist und fraglich gestellt bleiben darf. Eine anschlussfähige Erklärung muss nicht notwendigerweise der Bedingung unterliegen, dass sie wissenschaftlich sei oder wissenschaftlich zu sein hätte. Es sei denn wiederum, man entschlüpft dieser Problemstelle und rettet sich mit der nächsten Annahme, dass Wissenschaft nichts mit der Kommunikation von Wahrheit und Irrtum zu schaffen habe. Dann hat Wissenschaft aber auch nichts mit Bürokratie zu schaffen, denn noch keiner hat zweifelsfrei erkennen können, dass bürokratische Entscheidungen eindeutig wissenschaftlich sind. Das hängt damit zusammen, dass die moderne Wissenschaft keine Letztbegründungen formulieren kann und entsprechend nur dazu geeignet ist, bürokratische Entscheidungen zu rechtfertigen, nicht diese letztendlich theoretisch zu determinieren. Wissenschaft, will sie sich als solche erweisen, müsste also auch ohne Bürokratie funktionieren. Will eine Wissenschaft die Prüfkriterien der Haltbarkeit ihrer Erklärungen radikalisieren, dann braucht sie weder bürokratische Instanzen noch einen eigenen Wissenschaftsstolz. Vorbehalte, die Würde der Wissenschaft betreffend, sind dann unhaltbares Beiwerk und machen nur auf die Gebrechlichkeit eines solches Stolzes aufmerksam.

Wenn man also, wie viele Anhänger der Luhmannschen Theorie, ein radikales Erkenntnisprogramm präferiert, dann spricht nichts gegen den Radikalisierungsschritt, auch noch die Wissenschaftlichkeit der eigenen Theorie als Alleinvoraussetzung fallen zu lassen, also auch die Möglichkeit ihre Nichtwissenschaftlichkeit mit zu berücksichtigen. Anschlussfähig müssten dann auch solche Beiträge zur Erkenntnis sein, die kein wissenschaftlich-bürokratisches Prüf- und Kontrollverfahren durchlaufen haben. Soweit ich das überblicken kann wäre kein mir bekannter Systemtheoretiker dazu bereit, kein akademisch arrivierter und auch keiner, der sich auf diesen Weg machen will. Die ersten wollen dies nicht, weil sie ihre wissenschaftliche Reputation zu verteidigen haben, die zweiten nicht, weil sie eine solche noch gewinnen möchten. Wenn man erkenntnismäßig nicht weiter kommt, so scheint es allemal günstiger zu sein, sich auf das zu verlassen, was genügend Schutz bietet, um sich der eigenen Erkenntnisnot zu entziehen.
Daher meine Bezeichnung „Scholastik“. Die systemtheoretische Scholastik (aka „Bielefelder Schule“) nutzt die staatlich gewährte Bürokratie als Schutzmauer um sich dem Scheitern ihrer Rechtfertigungen zu entziehen und um jeden Versuch, dies in der Wissenschaft dennoch plausibel zu machen, auf den Hindernisparcour eben dieser Bürokratie zu verweisen. So ergibt sich, dass, wer an der Bürokratie scheitert, auch an der Wissenschaft letztlich scheitern muss. Gleichwohl glaubt niemand an die letzte Wahrheit dieser Aussage, aber etwas anderes ist auch nicht attraktiv.

(wird bald wie möglich fortgesetzt.)

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